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TV-Kritik zu "Promi-WWM": Mailbox statt Merkel

Hatten wir wirklich geglaubt, die Kanzlerin würde bei Jauch den Telefonjoker machen? Hatten wir. Und guckten dann ganz schön dumm in die Röhre. Aber es gab ja noch Waldi Hartmann.

Von Simone Deckner

Ein Politiker, ein Trainer mit Vergangenheit, zwei prollige Neureiche und ein Sportmoderator, der noch eine Rechnung offen hat. Beim Prominenten-Special von "Wer wird Millionär?" versprach die Gästeliste einen durchaus kurzweiligen Abend. Wir haben uns die prominenten Gäste in Einzelwertungen vorgeknöpft – ist ja bald WM.

Waldi Hartmann, Note 3-

Wir erinnern uns: Bei der letzten Ausgabe von "Promi-WWM" hatte der Sportmoderator einen Blackout als Telefonjoker, behauptete: "Deutschland war nie Weltmeister im eigenen Land". Den WM-Sieg der Deutschen 1974 hatte Waldi irgendwie vergessen. Der Spott kannte kaum Grenzen. Jauch walzt die bösesten Schlagzeilen noch einmal genüsslich aus ("Größte TV-Blamage aller Zeiten").

"Ja, ich habe mich hier zum Vollhorst gemacht", sagt Waldi. Und macht sich dann weiter zum … Horst. Er gibt detaillierte Einblicke in seinen Toilettenpapierverbrauch ("Ich habe eine gute Verdauung"). Er gibt detaillierte Einblicke in seinen Ginsengkonsum ("Das Zeug stopfe ich mir jetzt haufenweise hinein"). Er gibt einfach zu viel detaillierte Einblicke in alles Mögliche. Und ist dabei – hö hö – auch gern mal anzüglich. Aber was soll man schon erwarten von einem erwachsenen Mann, der sich wie einen Rauhaardackel rufen lässt?

Immerhin: Bei der Fußballfrage pariert Waldi dieses Mal. Sein größtes Plus und eine echte Überraschung: Er hat Harald Schmidt als Telefonjoker. Jauch: "Der Harald Schmidt?" Waldi: "Ja, klar." Der Harald Schmidt ist zudem bestens aufgelegt. Scherzt, er habe gerade "viel Zeit für leichte Gartenarbeit". Schmidt hat derzeit keine eigene Sendung. Er erinnert sich an die Zeit, in der er selbst bei Jauch saß. Damals zockte er. Das hätten ihm viele damals übel genommen, der Spenden für die Kinder wegen. "Wobei ist ja Quatsch, Kinder können ja arbeiten." Ach, Harald, komm doch bitte bald zurück!

Christoph Daum, Note 4

Just an dem Tag, an dem Uli Hoeneß ins Gefängnis muss, sitzt der ehemalige Delinquent Christoph Daum rehabilitiert bei Jauch. Hoeneß hatte die Koksaffäre einst 2000 angestoßen. Sollte Daum Genugtuung spüren, man merkt es ihm nicht an. Er ähnelt beängstigend seiner eigenen Wachsfigur. Bei Twitter ist man sich sicher: Daums Frisör kokst immer noch.

Selbst die einfachen Fragen beantwortet Daum mit der ernsten Miene eines Bestatters. Mal bemüht er sein "fotografisches Gedächtnis" um Verkehrsschilder zu "visualisieren". Mal doziert er: "Ich würde mich dem heuristischen Empfinden der Mehrheit anschließen. "Doch so sehr der einst so emotionale Daum auch mit Fremdwörtern um sich wirft, beim "uvularen Frikativ" steigt er aus. Die Sprachwissenschaftsstudenten zuhause auf ihren Klippan-Sofas hingegen kichern wissend.

Die Geissens, Note 2 (Carmen), Note 4 (Robert)

Gerade noch entdeckte Carmen Geiss bei "Let’s Dance" Muskeln an ihrem Körper, von deren Existenz sie jahrelang nichts wusste. Und tanzte sich auf Platz 3. Beim Geist der Geissens sind hingegen Zweifel angebracht. Bauernschläue traut man dem neureichen Reality-TV-Paar zu. Doch wie viel wissen Menschen, deren Hobby Geld ausgeben ist?

Die Antwort: Sie weiß mehr als er. Viel mehr. Während Robäääärt vorrangig peinliche Neureichensprüche absondert ("Gibt es keine Drei-Cent-Münzen? Ich weiß so was nicht, ich zahle immer mit Kreditkarte"), überrascht die zugegeben immer noch sehr laute Gattin mit einer soliden Bandbreite an Allgemeinwissen. Besonders, wenn man sie direkt neben ihrem Mann sieht. Schnitt, Robert: "Kurt Cobain? Wer ist datt denn? Den Vogel kenn ich nicht". Jauch hat arge Mühen, zwischen den keifenden Streithähnen zu Wort zu kommen. Am Schluss entscheidet aber immer Carmen – so blöd kann Robert also doch nicht sein.

Wolfgang Bosbach, Note 2 (Ersatz: Angela Merkel, nicht eingewechselt)

Beurteile nie den Charakter eines Mannes nach seinem changierenden Disco-Jackett! Wolfgang Bosbach, CDU, will damit Lockerheit signalisieren. Die bringt er tatsächlich mit. Im Vergleich zum steifen Christoph Daum wirkt Bosbach wie ein frisch geschlüpfter Springinsfeld. "Mit guter Menschenkenntnis können sie in der Politik keine Karriere machen", sagt er irgendwann. Selbstironie bei Politikern? Sachen gibt’s.

Außerdem ist er spontan gewillt, die Bundeskanzlerin Angela Merkel als Telefon-Joker zu nerven. Weil Jauch eine Frage gestellt hat, bei der DDR-Fachwissen gefragt ist. Doch statt Angela meldet sich die Mailbox. Zwei Mal versucht es Bosbach ("Sie freut sich immer, wenn sie von mir hört."), erfolglos. Beim darauffolgenden lustigen Scrollen nach potentiellen Ossis in Bosbachs Telefonbuch gewinnt Maybrit Illner. Die ist zwar keine Politikerin, aber durch ihre ZDF-Talkshow mit der Gattung vertraut. Illner nimmt immerhin ab. Nur um dann die Zeit damit zu verplempern, laut über die Frage zu lachen, deren Antwort sie nicht kennt.

Dank Jauch wissen wir nun aber doch, dass bestimmte Waschmaschinen aus der DDR mehr konnten als 30 Grad Buntwäsche. Nämlich Obst einkochen. War doch nicht alles schlecht damals. Bloß drüben bei Twitter wird wieder gejammert: Menno, keine Merkel, mimimi. Dabei hatten das doch alle geschrieben. Ja, so ist das, wenn man als Digital Native noch immer auf die uralten Tricks der Medien reinfällt.