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Meinung

Bürgerliche AfD?: Was die MDR-Moderatorin sagte, war maximal unglücklich, aber kein Grund zum Ausflippen

Eine MDR-Moderatorin hat in der ARD-Wahlsendung zu den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg maximal unglückliche Aussagen getroffen. Sie dafür nun aber an den Pranger zu stellen, geht zu weit.

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Die ARD-Wahlsendung am Sonntagabend dauerte 111 Minuten, also etwas weniger als zwei Stunden. In dieser kurzen Zeit führte MDR-Moderatorin Wiebke Binder live durch die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg. Sie ...

  • ... interviewte in der Sendung insgesamt acht Spitzenpolitiker, darunter Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer. 
  • ... führte das erste Gespräch mit Katja Kipping (Die Linke), Alice Weidel (AfD) und Marco Wanderwitz (CDU) – nur sieben Minuten nach der ersten offiziellen Wahlprognose.
  • ... spielte ARD-Zahlenzar Jörg Schönborn unentwegt die Bälle zu, auch nach der x-ten neuen Wahlprognose.
  • ... analysierte vorab in einer Live-Schalte mit Tina Hassel, der Chefin des ARD-Hauptstadtstudios, den Urnengang. 
  • ... leitete zu Wahlkampfpartys der Parteien, Reportern und ihren Interviewpartnern über.


Und natürlich moderierte sie den Wahlabend in der ARD. Dennoch wird Binder nach der 111-minütigen Sendung in manchen Medien zur "eindeutigen Wahlverliererin" erklärt und ihr eine "tiefe Verunsicherung gegenüber" der AfD attestiert.

In der Tat traf die MDR-Moderatorin, Jahrgang 1980, an dem Abend einige maximal unglückliche Aussagen, die politisch wie journalistisch mindestens fragwürdig sind. So bezeichnete sie etwa ein mögliches Bündnis aus CDU aus AfD in Sachsen als "bürgerliche Koalition" oder ließ sich Jörg Urban, dem dortigen AfD-Spitzenkandidaten, fast in den Block diktieren, dass die ARD natürlich auch "Positives" über die Rechtspopulisten zu berichten habe. "Positives, auf jeden Fall!"

Wiebke Binders Formulierungen waren unglücklich

"Das geht auf gar keinen Fall", sagt der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil dazu. Er hat Recht. Binder hat – aus Versehen, wie ein Sprecher des MDR gegenüber dem stern beteuert – mit ihren Aussagen die Erzählung der AfD übernommen. Das sollte Journalisten, die sich der Objektivität und Unabhängigkeit verpflichtet fühlen und dafür stehen wollen und sollen, nicht passieren. Journalisten, die sich demokratischen Grundwerten verpflichtet fühlen, sollten einer rechtspopulistischen Partei auch nicht nach dem Mund reden.

Was man aber nicht vergessen darf: Die Moderatorin wähnte sich in einem Stresstest, der 111 Minuten andauerte. Bei dem 2,4 Millionen Zuschauer zugesehen haben. Bei dem mindestens die politische Zukunft in Sachsen und in Brandenburg verhandelt wurde. Und bei dem so viele Politikerinnen und Politiker unterschiedlichster Parteien zu Wort kommen sollten, damit auch wirklich alle die Ergebnisse aus ihrer Sicht einordnen können – auch dieses Angebot gehört zu einer objektiven Berichterstattung.

Der Sender verweist in einer Erklärung zu Recht auf den Druck einer Live-Sendung. Allein Wiebke Binder hat am Sonntag mit acht Politikern Gespräche geführt, oft mit mehreren gleichzeitig. Dabei hat sie Fehler gemacht, wie klein oder groß die Fehler waren, darüber lässt sich streiten. Man sollte die Fehler aber nicht zur Generalkritik an ihrer Person aufbauschen. Journalisten machen Fehler, genauso wie Maurer, Ärzte und Politiker. Weil sie Menschen sind. 

Quelle: ARD Mediathek (Landtagswahl Sachsen und Brandenburg)