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Wacken Open Air: Vier Tage Lärm und ein Echo aus Bier

Wacken wie es singt und kracht: Seit Donnerstag ist das Örtchen in Schleswig-Holstein der Sehnsuchtsort aller Heavy-Metal-Fans. Der stern hat das Open Air kurz vor Eröffnung besucht.

Von Christian Ewers (Text) und Kristoffer Finn (Fotos)

Lagebesprechung im Klassenzimmer der Grundschule Wacken, Untergeschoss, erste Tür rechts. Holger Hübner sitzt am Kopfende des Tisches. Ein schwerer, schwitzender Mann, der noch wuchtiger wirkt, weil das hier eine Kinderwelt ist, gebaut für kleine Menschen. Buntstifte und Bastelzeug liegen herum, an der Tafel hängt eine bunte Girlande, "Herzlichen Glückwunsch" .
Hübner ist heute gar nicht zum Feiern zumute. Es gebe da ein Problem, sagt Jörg Michael, der links am Tisch hockt. "Holger, was machen wir mit The BossHoss? Die spielen nach Mitternacht, aber das halten die nicht durch bis dahin. Dann sind die voll wie die Haubitzen. Und dann geht nichts mehr."
Schwierig, sagt Hübner.
Ja, schwierig, sagt Michael.
Hübner grummelt vor sich hin, er klingt wie ein Schiffsdiesel im ersten Gang. "Okay", sagt er schließlich, "versuch mal, dass The BossHoss so spät wie möglich anreisen. Mit dem Zug bis Hamburg, dann Shuttle. Je später die hier sind, desto weniger können sie saufen."

Wer eine Frage hat, geht zu Holger

Sitzung beendet. Jörg Michael, der Künstlerbetreuer, geht nach draußen, aber da kommt schon der nächste Mitarbeiter, der etwas mit Hübner besprechen will. Holger Hübner, 49, ist wahrscheinlich der einzige Festivalchef der Welt, der ständig für jeden erreichbar ist und von allen geduzt wird. Wer eine Frage hat, geht zu Holger in den Keller. Hübner ist immer da, von hier unten managt er das weltweit größte Heavy-Metal-Festival, das Wacken Open Air. 75.000 Besucher, 120 Bands, 1100 Toiletten, 600 Tonnen Müll.
Seit diesem Donnerstag ist es wieder so weit - die 110 Meter breite Hauptbühne ist Schauplatz eines Gitarrenkrieges, wie es ihn nur hier in Wacken gibt, im Südwesten Schleswig-Holsteins: Wütende Riffs, befeuert von knüppelnden Drum-Beats und dröhnenden Bässen, jaulend und infernalisch laut - da ist nichts, was die Schallwellen aufhalten könnte. Alles wird ungefiltert hinausgeblasen in die Weidelandschaft zwischen Nord-Ostsee-Kanal und A 23. Vier Tage Lärm und kein Echo. Seit 26 Jahren veranstalten Hübner und sein Partner Thomas Jensen, 49, das Festival. In diesem Jahr haben sie einen Rekord aufgestellt: Binnen zwölf Stunden waren alle 75.000 Tickets verkauft, Stückpreis 170 Euro. So schnell wie noch nie.


Wacken ist der Sehnsuchtsort aller Schwermetaller; eine Gemeinde mit 1900 Einwohnern, 70 Kilometer von Hamburg entfernt, Kirche, Tankstelle, Volksbank, Sparkasse. Wacken hat nur deshalb diesen Ruhm erlangt, weil Hübner und Jensen es geschafft haben, das ganze Dorf hinter dem Festival zu versammeln. "Welcome MetalHeads!", solche Fahnen wehen jetzt in den Vorgärten. Nicht viele Orte sonst auf der Welt, wo Männer mit langen Haaren, Totenkopf-Tattoos und Dosenbier in der Hand so herzlich begrüßt werden.

Als das Festival kurz vor dem Ende war

Und das war auch in Wacken nicht immer der Fall. Axel Kunkel, Bürgermeister seit 16 Jahren, kann sich noch gut an Zeiten erinnern, als die Stimmung zu kippen drohte im Dorf. Ende der 90er Jahre, CDU-Mitglied Kunkel war gerade im Amt, gab es Gemeinderäte, die das Open Air verbieten lassen wollten. Die Böhsen Onkelz hatten in Wacken gespielt - und ihre Fans das Dorf überrannt. Vollgemüllte Straßen, Urinlachen auf den Bürgersteigen, Staus bis hoch zur Autobahnauffahrt. "Wir waren am Limit", sagt Kunkel, "aber für mich war immer klar: Es muss weitergehen mit dem Festival. Das macht uns besonders, das ist unsere Zukunft."

Also setzte sich Kunkel mit Hübner nach dem nächsten Open Air ins Auto und fuhr alle Straßen im Dorf ab. Wenn sie Müll sahen, orderte Hübner per Handy die Reinigungskolonne. Heute wird der Ort täglich mehrfach durchgefegt; Kunkel sagt, am Sonntag nach Festivalschluss sei "Wacken der sauberste Flecken in Deutschland. Da liegt kein Kronkorken auf dem Boden."


Mittlerweile sind die Wackener routiniert darin, Zigtausende Gäste aus aller Welt zu empfangen. Die Geschichte von den Milchbauern, die mit großen Augen auf die zotteligen Metal-Fans schauen, stimmt schon lange nicht mehr. Im Gegenteil. Für viele Dorfbewohner ist das Open Air ein gutes Geschäft. Sie verkaufen Bier und Bratwürstchen auf der Hauptstraße, und die Landwirte verpachten 240 Hektar Wiesen an die Festivalorganisatoren. Das entspricht der Größe von etwa 350 Fußballfeldern. Dort campen die Fans.

... man meint Detlev Buck zu hören

Thomas Jensen ist in Wacken aufgewachsen, Holger Hübner kommt aus einem Nachbardorf. Beide sprechen noch immer die Sprache der Leute, und bei Hübner bedeutet dies, dass er versucht, mit möglichst wenig Worten auszukommen. "Wir tun büschen was für Wacken und die Region und halten die Klappe", brummt er, und man meint Detlev Buck zu hören, den großen norddeutschen Nuschler.
Im Kindergarten erzählen sie, dass sie jedes Jahr einen Zuschuss zum Sommerfest erhalten von Hübner und Jensen. Die Pfadfinder haben neue Zelte bekommen, der Fußballverein TSV Wacken, Kreisklasse A, ein paar Sätze Hosen und Trikots, das Freibad Liegen und Strandkörbe.
Wobei das Freibad ohne die Metal-Fans kaum überleben könnte. 70 Prozent des gesamten Jahresumsatzes entfallen auf das Festivalwochenende; der Eintritt wird extra um 50 Cent auf drei Euro erhöht.
Das Wacken Open Air, das 1990 mit 500 Besuchern in einer Kiesgrube begann, ist die wichtigste Einnahmequelle des Dorfes. Etwa 900.000 Euro Gewerbesteuern kassiert die Gemeinde jährlich; geschätzt knapp die Hälfte zahlt die ICS Festival Service GmbH von Hübner und Jensen.
Den wichtigsten Job in diesen Tagen erledigt aber nicht die Firma ICS, sondern Markus Olma vom belgischen Unternehmen Stageco. Olma, 40, leitet den Aufbau der Bühnen in Wacken; 99 Monteure, vorwiegend aus Sachsen, schrauben an dem Stahlkonstrukt mit dem gewaltigen Bullenschädel in der Mitte. 65 Sattelschlepper haben Material angeliefert, die Einzelteile wiegen bis zu zwölf Tonnen.


Olma hält seine Leute geschickt auf Trab. Er lobt kleine Preise aus für Baufortschritte. "Wenn ihr das heute noch fertigkriegt, gibt’s eine grüne Flasche", ruft Olma einer Gruppe zu. "Grüne Flasche" ist das Codewort für irischen Whiskey, der dann abends im Hotel getrunken wird.
Rund 250 Tage im Jahr sind Olma und sein Team unterwegs. Vor Wacken waren sie in Bukarest und haben für Robbie Williams gebaut; nächste Woche geht es nach Ungarn zum Sziget-Festival, später dann zu Bon Jovi nach Abu Dhabi. Wacken ist Olmas größte Baustelle in diesem Sommer. Für ihn eine Fingerübung, behauptet er: "Wir spielen hier Lego für Erwachsene."

Durchatmen in der Kapelle

In der Nähe der Hauptbühne steht ein kleines Zelt mit Aufschrift "Spiritual Guidance". Petra Judith Schneider, 48, ist die Pastorin der Evangelischen Gemeinde in Wacken und gehört zum Seelsorgerteam auf dem Festival. In dem weißen Zelt geht es oft gar nicht um Gott und die Welt - viele Headbanger wollen einfach mal durchatmen. Vier Tage in der Gitarrenhölle kosten Kraft.
Petra Judith Schneider ist im Laufe der Jahre selbst Fan deftiger Musik geworden. Zum Gespräch im Pfarrhaus hat sie einen Kapuzenpulli der britischen Band Saxon angezogen; kürzlich war sie bei AC/DC in Gelsenkirchen. "Ich mag dieses Milieu", sagt sie, "ich habe selten so viel Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe erlebt wie in der Metal-Szene. Die sehen manchmal finster aus, aber das ist ein großer, verschworener Haufen."

30 Seelen beim Sonntagsgottesdienst

In diesem Jahr öffnet Schneider ihre Kirche wieder für eine "Metal Church". Es spielt die Deutschrock-Band Haudegen aus Berlin. Das Kirchenschiff wird voll sein, 350 Menschen werden sich in die Bänke drücken. Zu einem normalen Sonntagsgottesdienst kommen etwa 30 Seelen.
Als die Metal-Fans im vergangenen Jahr auf die Band Eric Fish & Friends in der Kirche warteten, sei etwas Wunderbares passiert, sagt Schneider: "Jemand hat 'Danke für diesen guten Morgen' angestimmt, und alle haben mitgesungen. Es war ergreifend. Kirche kann so lebendig sein."
Thomas Jensen würde gern mal eine "Metal Church" besuchen. Klappt aber nicht. Zu viel zu tun, sagt er. Von den meisten Konzerten bekommt er nur die ersten zwei, drei Lieder mit, dann muss er wieder hinter die Bühne. Hübner kümmert sich ums Dorf und ums Gelände, Jensen um die Musiker. So haben sie sich das aufgeteilt.

1,5 Millionen für Metallica? Nö!

Jensen macht die Verträge mit den Bands; er war selbst mal Bassist in der Metal-Combo Skyline und besitzt gute Kontakte in die Szene. Aber die helfen immer weniger. "Es hat ein irres Wettbieten um die Top-Bands eingesetzt", sagt Jensen, "es gibt viele Festivals und nur wenige große Namen. Das treibt die Preise."
Die Gagen seien in den vergangenen Jahren um bis zu 30 Prozent gestiegen; das sei nur schwer refinanzierbar, wenn man die Ticketpreise nicht kräftig anheben wolle.
Jensen geht einen eigenen Weg. Bands wie Metallica und AC/DC hat er abgeschrieben. Die verlangten gigantische Gagen, 1,5 Millionen Euro und mehr. Zahlt er nicht. Aber eine Liga tiefer, da kann er mithalten. Slayer, Judas Priest, Motörhead, solche Bands umwirbt und umgarnt Jensen.


Wacken ist vielleicht das Festival mit dem größten Herz für Musiker. Jensen und die Kollegen in der Artist Production machen jedenfalls eine Menge Marotten mit.
Als die norwegische Black-Metal-Band Gorgoroth 50 Schafsköpfe für ihre Bühnendekoration bestellte, holte Künstlerbetreuer Jörg Michael diese aus dem Hamburger Schlachthof und entsorgte sie später unter Aufsicht des Veterinäramtes. Für eine schwedische Band hievten sie vier Schrottautos mit einem Spezialkran auf die Bühne, und ein sehr spezieller Gast ist auch immer Lemmy Kilmister, der Sänger und Bassist von Motörhead.
Kilmister, 69, reist zu jedem Auftritt mit eigenem Spielcasino an. In einem Container sind zwei einarmige Banditen fest installiert; einen dritten, mit Geld befüllten Automaten muss der jeweilige Konzertveranstalter stellen. Kilmister sitzt dann stundenlang vor den Maschinen, trinkt Whiskey-Cola und wartet, bis drei doppelte Kirschen im Display aufleuchten.

75 Meter mit der S-Klasse 

Kilmister verlässt seine Höhle nur ungern. Als er ein Interview im 75 Meter entfernten Pressezelt geben sollte, ließ er sich in einer S-Klasse hinfahren.
Auch in diesem Jahr müssen Jörg Michael und sein Team wieder zahlreiche Sonderwünsche erfüllen. "Die amerikanischen Bands stehen oft auf Diätzeugs", sagt Michael, "Low-fat-Chips, Low-carb-Bier, Zero-sugar-Kekse. Muss ich alles bei Händlern bestellen, die aus den USA importieren."
Ein hungriger Künstler ist ein schlecht gelaunter Künstler, das hat Michael gelernt, und deshalb stecken sie in Wacken viel Kraft und Mühe ins Catering. Gourmetköche sind rund um die Uhr zu Diensten; von Premium Black Angus Steaks aus Argentinien bis zu veganen Menüs können sie alles liefern. Und ständig gibt es frisches Sushi, das Pausenbrot der Metal-Bands.

... wenn bloß die Band nicht wären ....

Es sind stressige Tage, und manche Mitarbeiter aus Jörg Michaels Team sagen, Wacken könnte das beste Festival der Welt sein - wenn bloß die Bands nicht wären.
Aber es geht immer weiter, ohne Pause. Am Sonntagabend nach dem Festivalende setzen sich Thomas Jensen und Holger Hübner im Keller der Grundschule zusammen, sie werden kurz reden über Wacken 2015 und lang über Wacken 2016.
Es steht noch nicht genau fest, welche Bands spielen werden im nächsten Jahr. Macht nichts. Wacken ist Wacken. Montagnacht, um null Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, beginnt der Vorverkauf.



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