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Walter Moers: Süskind des Nordens

Halb Deutschland lacht über "Das kleine Arschloch" und den "Bonker". Deren Schöpfer aber, der Comiczeichner Walter Moers, ist ein Phantom, der sich der Öffentlichkeit konsequent entzieht und dessen Gesicht kaum jemand kennt.

Von Jochen Siemens

Spurensuche? Schwierig. Wonach suchen in Hamburg-Eppendorf? Nach einem Mann, der sich vielleicht in seinen Helden verewigt hat? Dann müsste man nach einem kleinen Wutz mit riesiger dicker Nase forschen, der beim Bäcker übersehen wird und deshalb mit der Stimme einer Kettensäge unanständige Sachen sagt. Nein, kreischt. Dann müsste man fragen: "Kennen Sie einen, der sich wie das kleine Arschloch aufführt?" Allein das Wort "Arschloch" verbietet sich in Hamburg-Eppendorf. Hier ist teures Blondland, jetzt im Herbst Barbour-Country, Mütter mit Bugaboo-Kinderwagen und Latte Macchiato, große Autos. Hier wohnt er. Walter Moers. Einer der erfolgreichsten deutschen Zeichner, Autor, Kinderbuch-Verfasser, Drehbuchschreiber, Bestsellerlisten-Stammgast, Kinokassen-Bringer. Hier wohnt er, und kaum einer weiß, wer er ist.

Hier leben auch erfolglosere Menschen als Walter Moers, Hellmuth Karasek zum Beispiel. Oder Ulrich Wickert, dem man beim Käsekaufen zuschauen kann, wobei der ganze Laden "Hallo, Herr Wickert" sagt. Daneben stehen dann andere Menschen, und einer davon könnte immer Walter Moers sein. Oder? Hhmmm, sagen die ganz wenigen, die Moers kennen, der Walter geht eigentlich kaum noch aus dem Haus. Er, der Erfinder des "Kleinen Arschlochs", der Vater von "Käpt'n Blaubär", der Zeichner von "Adolf, die Nazi-Sau", der Verfasser der Zamonien-Romane und Schöpfer der urkomischen Hitler-Satire "Der Bonker", lebt hier wie ein Phantom, wie ein Patrick Süskind des Nordens. Es gibt nur mehr als zehn Jahre alte Fotos, keine Lesungen, keine Interviews. Fragen beantwortet Moers nur selten und dann nur über E-Mail. Immerhin, man weiß die Straße, eine dieser Hamburger Alleen mit alten Häusern und riesigen Wohnungen. Man muss auf der Suche nach Moers nach oben schauen, denn er lebt mit seiner Frau in einer Dachwohnung, er hasst es, sagen die Freunde, Fußschritte über sich zu hören. Und wenn Moers arbeitet, und das macht er fast immer, sollen auch die Besucher bitte leise schleichen. In der Wohnung hat er auch eine Sauna und ganz sicher einen Fernseher und einen DVD-Spieler, denn "wenn ich ihm Proben des Films auf DVD geschickt habe, kam am nächsten Tag zuverlässig eine Antwort. Per E-Mail natürlich", sagt Michael Schaack, Produzent und Regisseur des neuen Moers-Films "Das kleine Arschloch und der alte Sack", Start diese Woche.

Michael Schaack kennt Moers schon lange, und er kann sich an Zeiten erinnern, "als der Walter auch mal ins Studio kam, das war beim ersten Kleinen-Arschloch-Film. Aber diesmal kam er nicht mehr." Schaack erzählt das lachend, wie überhaupt alle, die Moers kennen, ein wenig schmunzeln und "der Walter ist eben so" sagen, wenn sie erzählen. Für die Produktion vom "Arschloch"-Film war die Abwesenheit des Schöpfers kein Problem, das Drehbuch ("etwa 1000 Seiten präzise Skizzen mit Dialoganweisungen, sah aus wie ein sehr dickes Telefonbuch") kam per Kurier, und alle paar Tage ging eine DVD an Moers, die der mit freundlichen und feinsinnigen Anweisungen kommentierte. "Alles, was der Walter anders haben wollte, ergab Sinn", sagt Schaack. Ob der Moers ein Misanthrop, ein Menschenscheuling sei? Nein, sagt Schaack, "der Walter will nur seine Ruhe."

Mit aller Gelassenheit erzählt auch David Groenewold, Film-Investor aus Berlin, von seiner Begegnung mit Moers. "Ich wusste ja, dass er die Öffentlichkeit nicht so mag. Also habe ich einen langen Brief an seinen Verlag geschrieben, dann haben wir ein paar Wochen indirekt über E-Mail Kontakt gehabt, dann hat er mir selbst eine Mail geschrieben, und dann haben wir uns getroffen." Groenewold sagt, er sei tief beeindruckt gewesen von Moers' Witz, Fantasie und Tiefgründigkeit, "überhaupt kein Sonderling ist er, so ein Quatsch. Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Menschen, die so kreativ wie Walter sind". Mit Groenewold hat Moers dann den Videoclip "Der Bonker" produziert, den bereits legendären, satirischen Untergangs-Song aus dem Führerbunker mit einem nackten Adolf in der Badewanne, der von einem Chor aufgefordert wird: "Adolf, du alte Nazi-Sau. Kapitulier doch endlich."

"Der Bonker" wurde zu einem der meistgesehenen Clips auf dem Filmportal "You Tube" im Internet. Seit einigen Wochen gibt es "Der Bonker" auch in einer englischen und einer französischen Fassung, was die Komik noch mal erhöht, denn soviel man weiß, konnte Hitler kein Englisch. "Walter hat es geschafft, Hitler durch Satire kleinzumachen", sagt Groenewold.

Fragt man Moers selbst per E-Mail, ob Kinder nicht meinen könnten, Hitler sei dieser drollige Nackte aus dem Video, schreibt er: "Die Verbrechen Hitlers waren zu monströs, um derart in Vergessenheit zu geraten oder zu glauben, Hitler sei nur eine Comicfigur gewesen. Schon zu Walt Disneys Zeiten sind Donald-Duck-Filme für Kinder mit Hitler als Witzfigur gedreht worden. Das hat an seiner historischen Dimension nichts geändert."

Groenewold spricht von der grassierenden "Prominenten-Kakophonie", wenn er die Einsiedelei seines Partners Moers verteidigt. Und man mag ihm folgen. In einer Gesellschaft, in der alles und nichts ein Gesicht hat, in der jeder Große und Kleine vor die Kamera drängt, irritiert ein Vollverweigerer wie Walter Moers. Kann es denn wirklich sein, dass sich einer nicht mit "Ich zeichne mein Arschloch am liebsten mit Stabilo-Stiften" oder so in den Markt hurt oder nicht etwas zu den Mohammed-Karikaturen zu tönen hat? Ja, das kann sein. Basta.

"Walter ist ungern ein spontaner Mensch, er will nachdenken, bevor er etwas sagt", erklärt Regisseur Schaack. Gut vermarktbar, sagen sie bei Moers' Verlag dazu achselzuckend, sei natürlich nur ein Autor, der sich im Fernsehen herumreichen lässt und sich mit Frau am Frühstückstisch in "Gala" oder "Bunte" fotografieren lässt. Eben das genaue Gegenteil des blitzlichtscheuen Workaholics Moers, "aber jeder weiß, dass Walter mehr durch sein Werk sprechen möchte, als in irgendeinem Talkshow-Sessel zu sitzen", wie Groenewold sagt.

Und der Erfolg gibt ihm Recht.

Aber dennoch, bei allem Respekt, wie sieht er denn nun heute aus? Steht er vielleicht wirklich in Eppendorf an der Käsetheke, und niemand erkennt ihn? Wahrscheinlich. Die Fakten also: Moers, geboren in Mönchengladbach, ist 49, mittelgroß und hat eher eine spitze als eine dicke Nase. Seine Erscheinung reduziert er auf das Nötigste, er trägt Jeans und Turnschuhe und oft eine Baseballkappe. Er spricht leise und bedächtig und schaut dabei gerne nach unten. Er lebt mit seiner Frau Elvira schon mindestens 15 Jahre zusammen, 1992 zogen sie nach Hamburg. Moers hat die Schule vor dem Abitur abgebrochen und danach viele Jobs ausprobiert, bis sie ihn beim "Sandmännchen" ein paar Geschichten zeichnen ließen. Die ersten "Arschloch"-Geschichten hat fast jeder deutsche Verlag empört abgelehnt. Nur ein Verleger, Vito von Eichborn, griff zu, "mir gefielen die Geschichten, ich hab sofort einen Vertrag mit ihm gemacht". Als sie den verhandelten, zeigte Moers ihm einen Brief von der "Titanic"-Redaktion. Moers solle doch bitte weiter zeichnen üben - und sich später noch einmal melden. Hat er gemacht. Später ernährten seine Werke das Frankfurter Magazin in der Humorkrise.

Für "Das kleine Arschloch und der alte Sack" werden sich nun wieder lange Schlangen von feixenden Jungs und kichernden Mädchen an die Kassen stellen. Das kleine Arschloch ist ihr Ventil der politischen Unkorrektheit. Wenn der Wutz mit der dicken Nase ein fleckiges Bild hochhält und sagt, das sei ein Porträt seines ersten Samenergusses, lachen sie den Sperrmüll ihrer Pubertät heraus. Und während sie sich amüsieren, bleibt die Dachwohnung da in Hamburg-Eppendorf dunkel. Moers ist auf dem Weg in die USA; Florida, sagen die Freunde. Er will dem Rummel um den Film gründlich entfliehen.

Man fragt sich bloß, warum. Walter Moers könnte sich jeden Tag im Kino seinen Film ansehen, erkennen würde ihn niemand.

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