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Jahrtausende im Verborgenen: Mit Höhlenforschern unterwegs an Orte, die noch nie jemand betreten hat

Die Zeit der großen Entdecker ist nicht vorbei. Unsere Reporterin ist Höhlenforschern tief unter die Erde gefolgt –  an unbekannte, unberührte Orte, die jahrtausendelang im Verborgenen lagen.

Von Nele Justus

Unterschied zwischen Höhlenprofi und Amateur? Der Profi trägt überm Neo einen Schutzanzug, unsere Autorin Nele Justus (hinten) nicht.

Unterschied zwischen Höhlenprofi und Amateur? Der Profi trägt überm Neo einen Schutzanzug, unsere Autorin Nele Justus (hinten) nicht.

Schon nach den ersten Metern lehrt mich die Höhle Demut. Dort verlangt sie selbst übergroßen Egos den nötigen Respekt ab und zwingt einen auf alle viere. Gebückt krieche ich unter einer tief herabhängenden Steindecke durch neun Grad kaltes Wasser, bis ich mich wieder aufrichten kann. Von da an umschließt uns vollkommene Dunkelheit. Nur die Lichtkegel der Stirnlampen beleuchten die kargen Felswände der Falkensteiner Höhle, einer der größten wilden Höhlen Deutschlands, gelegen in der Schwäbischen Alb.

Den Höhlenforschern ist die Falki, wie sie sie nennen, so vertraut wie mir der Weg zum Klo in meiner Wohnung. Sie wissen selbst im Dunkeln, wo sie ihre Füße setzen müssen und wo unter dem Wasser der Elsach, des Bachs, der sich durch die Höhle zieht, rutschige Felsen lauern. "Wie häufig bist du hier gewesen?", frage ich Udo Wieczorek, 48, einen der ehrenamtlichen Forscher, mit denen ich heute unterwegs bin. "Keine Ahnung. Bei 50 habe ich aufgehört zu zählen", sagt er mir. "Das war vor zehn Jahren."

2000 Meter durch die Unterwelt bis zum Neuland

Drei Stunden klettern wir über Felsbrocken, die so schwer sind wie Kleinwagen und so rutschig wie Schmierseife. Wir waten durch brusttiefes Wasser. Tauchen durch einen Siphon, einen wasserdurchfluteten Gang. "Halt dich immer mit einer Hand am Seil fest. Nach fünf kräftigen Zügen bist du durch", gibt mir Udo mit auf den Weg, bevor ich noch ein letztes Mal tief einatme. Scheiße, ist das kalt! Auf der anderen Seite warten mannshohe Tropfsteine, die von der Decke hängen, in den Fels gewaschene Becken, kleine Wasserfälle und weiß glänzende, filigrane Sinterkaskaden. "So habe ich meine Heimat noch nie gesehen", denke ich. Ziemlich fantastisch.

Expedition Neuland: In den Tiefen einer Höhle in der Schwäbischen Alb
Das Tor in die Finsternis: der Eingang zur Falkensteiner Höhle in der Schwäbischen Alb.

Das Tor in die Finsternis: der Eingang zur Falkensteiner Höhle in der Schwäbischen Alb.

Etwa 2000 Meter müssen wir durch die Unterwelt, um den Eingang zum Neuland zu erreichen. Neuland. Wo gibt es das heute noch? Die Welt ist fast lückenlos vermessen, kartografiert bis ins kleinste Detail. Aber hier, unter der Erde, findet man sie noch: weiße Flecken. Unbekannte, unberührte Orte, die jahrtausendelang im Verborgenen lagen. Und wir sind unterwegs zu einem, den das Höhlenforscher-Team erst vor ein paar Wochen entdeckt hat.

"Wir waren auf einer Trainingstour", erzählt Markus Schüssler, 40, ein agiler Typ mit dicken  Bizepsen, während wir eine Pause machen. Kurz, um nicht auszukühlen. Neun Grad sind es das ganze Jahr über in der Falkensteiner Höhle. Die klam­men Hände wärmen wir an einer Tasse heißen Kaffees, den Markus auf einem Gelkocher zubereitet hat. "Ich bin in diesen kleinen Seitenarm rein, dort war ich schon seit Jahren nicht mehr drin. Und auf einmal war da dieser Luftzug. Er kam aus einem schmalen Spalt an der Decke, wo der Lehm durch die Trockenheit der letzten Monate herabgesackt war." Ein Luftzug. Das heißt, dahinter muss etwas sein. Ein Gang. Oder ein weiterer Raum der Höhle. Allein beim Gedanken daran stieg sein Puls auf 180, erzählt er. "Arndt, das musst du dir ansehen!", schrie er seinem Trainingspartner zu. Vier Tage später kamen sie wieder – mit zwei weiteren Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Höhle & Karst Grabenstetten, dem Höhlenverein, der die Falki erforscht, um den Eingang zum Neuland freizulegen.

Buddeln, bis die Arme schlapp machen

Dort, wo der Luftzug war, fingen sie an, die Lehmbänke zur Seite zu schieben. Erst mit ihren Gummistiefeln, die sie mit voller Kraft in die Wand stemmten. Dann machten sie mit den bloßen Händen weiter. Lehm ist ein Teufelszeug, zäh und widerspenstig. Man muss ihn fest packen, sonst lässt die Höhle ihn nicht los. Vier Stunden buddelten sie wie die Verrückten. Der Schweiß lief ihnen übers Gesicht, die Finger verkrampften sich. Dann waren sie durch. "Das war auf einmal so, als würde einem ein Föhn volle Pulle ins Gesicht blasen", erzählt Markus.

234 Meter Neuland haben sie seitdem freigelegt, bei dieser und der Folgetour. Alles bereits genauestens vermessen. So viel Neuland hat es in der Falkensteiner Höhle seit 40 Jahren nicht mehr gegeben. "Aber ich bin mir sicher, da geht noch mehr", sagt Markus. Schon seit Langem vermuten die Forscher, dass es irgendwo eine Verbindung zur Nachbarhöhle geben muss, zum Elsachbröller. Vielleicht haben sie den Anfang jetzt gefunden? "Ganz am Ende war  diese eine Stelle, wo man wieder einen Lufthauch spüren konnte. Da sind wir letztes Mal nicht weitergekommen. Bumseng war das."

"Panik kann man sich nicht erlauben"

Höhlenforscher untertreiben ständig. Wenn sie also "bumseng" sagen, dann fühlt sich das in etwa so entspannt an, als wäre man in einen Schraubstock gespannt. "Wenn du anfängst, dein Herz pochen zu hören, weißt du, noch fünf Minuten, dann muss ich umdrehen", sagt Udo. "Panik kann man sich nicht erlauben. Das Adrenalin pumpt den Körper auf. Dann ist’s vorbei."

Ob ich klaustrophobisch sei, wollte Markus von mir wissen, als wir das erste Mal telefonierten. "Nö", flötete ich da noch ganz locker. Als ich aber jetzt vor dem Durchschlupf ins Neuland stehe, frage ich mich, ob ich meine Antwort vielleicht revidieren sollte. Vor mir liegt ein schmales Drecksloch. Da muss ich also durch. "Ist schon viel breiter geworden seit dem ersten Mal", sagt Markus. Er meint das aufmunternd. Na dann.

Nur zehn Menschen haben diesen Raum jemals betreten

Auf dem Rücken liegend, Kopf voran, einen Arm nach oben ausgestreckt, den anderen nach unten, arbeite ich mich fluchend durch, bis zur anderen Seite. Chemin au Mousse au Chocolat haben die Höhlenforscher diese Passage genannt, weil man hinterher so aussieht, als hätte man in dem Schokodessert ein Bad genommen. Ich rubbele die Stirnlampe sauber, so gut es geht, und dann sehe ich sie: Versteinerte Muscheln, die auf dem braunen Sediment liegen, und Fossilien von Kalmaren, die lang und spitz wie ein Bleistift aus den Wänden ragen. Überreste des Jurameers, das vor 200 Millionen Jahren große Teile Europas bedeckte.

Nur zehn Menschen haben diesen Raum jemals betreten. Ich bin die Elfte. "So in etwa muss sich Neil Armstrong gefühlt haben, als er seinen Fuß auf den Mond setzte", denke ich. Nur ist mein Schritt vielleicht nicht ganz so bedeutend für die Menschheit. Ehrfürchtig drehe ich mich um meine Achse, setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Bloß nichts berühren, nichts zerstören, was dieser Ort so lange beschützt hat. "Nimm nichts mit, trag nichts hinein, mach nichts kaputt, schlag nichts tot", lauten die vier Regeln der Höhlenbefahrung. Nirgends ergeben sie mehr Sinn als hier.

Wir sind heute zu neunt im Neuland unterwegs. Jetzt teilen wir uns auf. Udo filmt und fotografiert, um alles zu dokumentieren. Arndt, Katharina und Yannick, alle Anfang 20, wollen sehen, ob sie nicht doch noch weiterkommen. Höhlenbefahren ist ein Teamsport, nichts für Einzelgänger. Jeder achtet auf den anderen, man teilt die Verantwortung genauso wie Ruhm und Ehre einer Neuentdeckung.

Auf ihrem Weg legen die drei auf unterschiedlichen Höhen Tischtennisbälle aus, damit sie im kommenden Jahr sehen können, wie hoch das Wasser in den neuen Höhlenteilen gestiegen ist. Die Gänge und Räume sind eng. Bei Starkregen könnten sie fluten. Dann gäbe es kein Entkommen mehr. Deswegen installieren Tewje und Jürgen am Eingang zum Neuland ein Stahltor. Als Schutz für normale Höhlentouristen, die oft weder die Höhle noch ihre eigenen Kräfte richtig einschätzen können. Markus ist unser Guide. Mit ihm werden wir weiterziehen, wenn möglich bis zum Ende.

Zu breite Schultern, zu dicker Bauch – und man bleibt stecken

Wenn ich dachte, bisher sei der Weg anstrengend gewesen, lag ich falsch. Der harte Part kommt jetzt. Ab hier geht’s nur kriechend weiter. Wir robben über spitze Steine, die Risse in den Neo schneiden. Wenn ich den Kopf nur einen Zentimeter zu hoch hebe, knallt mein Helm gegen die Decke. Die Schleifsäcke, in denen wir Wasser, Essen, Wärmedecken und -packs sowie Taschenlampen für den Notfall transportieren, schieben wir mühsam vor uns her. Mit zu breiten Schultern oder zu dickem Bauch bleibt man in diesem Gang stecken. "Das ist doch irre", denke ich. Und gleichzeitig fluten Endorphine mein Hirn wie nach einem sehr langen Lauf. Qual und Glück liegen hier nah beieinander.

Ein Raum, der nächste Gang. Es wird enger und immer enger. Wie Messer ragen spitze Felsen in den Tunnel rein. Da beginnt das Gedankenkarussell. Was, wenn ich stecken bleibe? Ich bin zwei Kilometer tief in der Höhle. Wie lange reichen meine Kräfte noch? Schaffe ich den Weg zurück, wenn wir weitergehen? Wer müde ist, macht Fehler. Ein falscher Tritt endet hier mit mehr als nur einem Kratzer. Jetzt nicht überpacen. Nicht nur weitermachen, weil das Ego nicht aufgeben will. Weil der Drang, noch mehr zu entdecken, zu groß ist. "Markus, für mich ist hier Schluss", sage ich. Wir drehen um.

Wieder draußen aus der Höhle – oder Hölle, wie manche sagen

Wenn du aus der Höhle raus bist – oder aus der Hölle, wie manche sagen –, fühlst du dich wie ein geprügelter Hund. Zerschunden, die Knie, Arme, Hüfte übersät von blauen Flecken, vollkommen fertig und zu nichts mehr zu gebrauchen. Trotzdem denkt man: "Ich hab’s geschafft! Wie geil ist das denn?" "Für die erste Tour habt ihr euch ganz passabel angestellt", sagt Markus zum Fotografen und mir. Dann fragt er: "Na, was machen wir als Nächstes?"

"Ich halte es wie auf deinem T-Shirt", gebe ich zurück. Dort steht: "Life is simple – eat, sleep, cave". Also erst mal essen, sehr lange schlafen – und dann sehen wir weiter.

Diese Geschichte stammt aus der achten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.

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