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"Tatjana & Foffi": Die wahre Telenovela

Es war einmal ein Aschenputtel, das träumte davon, eines Tages Prinzessin zu werden. Und tatsächlich: Ein Prinz kam und hielt um ihre Hand an. Doch bis zur Hochzeit ist es noch ein dornenreicher Weg. Und wir sind live dabei.

Von Karin Spitra

Emanzipation hin oder her: Seit Jahrhunderten werden kleine Mädchen vom offenbar unausrottbaren Wunsch getrieben, eines Tages Prinzessin zu sein. Aber bitte schön mit allem, was dazu gehört: Mit einem jungen, schönen Prinzen, einem repräsentativen Schloss, jubelnden Untertanen und einem sorgenfreien Leben in Saus und Braus. Wahrscheinlich hatte auch die kleine Tanja Gick aus Unterfranken ähnliche Träume. Was Tanja von vielen anderen kleinen Mädchen unterschied: Sie setzte ihre Träume Stück für Stück in die Realität um.

So rückte sie zumindest 1996 dem Leben in Saus und Braus näher, als sie den zwar wesentlich älteren, aber auch wesentlich reicheren Schönheits-Chirurgen Dr. Franz Gsell aus Nürnberg ehelichte. Aus Tanja wurde Tatjana - und die beste Kundin ihres Mannes. Dann kam jener Januar 2002, in der ihr Mann zu Tode kam, und der sie zur Erbin und "Busenwitwe" machte. Seitdem stürzen sich die Gazetten auf die stets gern Posierende - das mit den jubelnden Untertanen ist also auch abgehakt. Bleibt die Sache mit dem Prinzen. Und jetzt, endlich, scheint auch das unter Dach und Fach.

Der bisher nicht sonderlich in Erscheinung getretene Ferfried Prinz von Hohenzollern will der Ex-Kosmetikerin zum royalen Namenswechsel verhelfen: Aus Tanja Gick, verwitwete Gsell, wird Tatjana Prinzessin von Hohenzollern. Wenn alles gut geht. Denn "Foffi", wie er von ihr - hoffentlich zärtlich - genannt wird, ist noch verheiratet. Mit Prinzessin Maja, die einfach nicht die Stelle für "Sweetie", wie sie von ihm genannt wird, frei machen will.

Wochenlanger Aristo-Drill

Doch das ist das kleinste Problem von Sweetie. Denn an der Seite des Prinzen muss sie mehr können als sich drei Mal täglich umziehen und Küsschen geben: Sie muss repräsentieren (Wo eigentlich, fragt man sich kurz?), sich ordentlich benehmen (Also nicht mehr "geil" sagen) und generell eine Wertedebatte auf zwei Beinen sein. Dass sie das alles noch nicht ist, kann man seit gefühlten zehn Jahren in den Illustrierten und Klatsch-TV-Sendungen der Republik beobachten. Wie sich das in einem mehrwöchigen Crash-Kurs ändert, nur auf RTL 2 (vier Mal montags um 20.15 Uhr).

Dieser hauptsächlich für seine Reality-Soaps berühmte Sender begleitet die Prinzessin-Werdung aufopferungsvoll mit der Kamera. Und lässt Sweetie dabei von diversen Experten coachen: Wichtigste Reiseleiterin Richtung Aristokratie ist Nadine Meyden. Ihre Aufgabe: aus Tatjana eine Dame zu machen. In der Wahl der Mittel ist der Sender nicht zimperlich: Erstmal wird Sweetie heimlich bei einem Business-Lunch beobachtet.

Das Kleid fällt durch

Und - Überraschung - die Benimm-Mamsell hat viel zu meckern: Ellenbogen auf dem Tisch? Geht gar nicht! Hände unter dem Tisch? Dito! Den Teller des Gedecks verschoben? Pfui! Das Weinglas mit beiden Händen gegriffen? Doppel-Pfui! Während des Essens mit dem Handy telefoniert? Unfassbar! Es sei einmal dahingestellt, ob das Zielpublikum von RTL II überhaupt so einen Fauxpas als solchen erkennen würde. Die arme Möchtegern-Prinzessin wird später vor ihrem Zukünftigen gnadenlos auf jeden dieser Fehler hingewiesen.

Während Meyden kommentiert: "Nicht nur für ein königliches Dinner, selbst wenn sie bei meiner Familie zu Hause wäre, müsste sie noch einiges tun" stellt sich der Zuschauer unvermittelt die Frage: Welches königliche Dinner denn? Hat die Ex-Busenwitwe denn allen Ernstes Chancen, bei der Queen auf dem Sofa zu sitzen? Die bisherigen Reaktionen des deutschen Hochadels lassen ahnen: nein. Während Meyden kommentiert: "Also die erste Reaktion ist, das Kleid fällt durch", ist man eigentlich angenehm überrascht, wie hochgeschlossen die Gsell gewandet ist. Aber bei Prinzens hat man's nicht so mit den bloßen Schultern.

Ein Gemälde für Foffi

Und so wird die Aristo-Aspirantin ständig vorgeführt: Beim Frühstückmachen, beim Friseur, beim Testen eines Maserati, kurz beim Alltagsleben mit ihrem Foffi - ständig wird die Grenze zur Peinlichkeit von beiden Seiten angetestet. Während sie "Foffilein, ich habe ganz toll Frühstück gemacht," piepst, bleibt nur ein unerträgliches Kleinmädchen-Gehabe in Erinnerung. Und das ist beabsichtigt. Denn Foffi scheint's ja zu freuen.

Während die Benimm-Trainerin heuchlerisch von "einem schlechten Image" spricht und davon, in welche Richtung sich Sweetie orientieren sollte, theatert das TV-Team die Bald-Prinzessin in eine Oben-ohne-Situation, die genau dies Image zementiert. Denn während Zeremonienmeister und Hochzeitsplaner Henry de Winter mit dem Prinzen über der Gästeliste schwitzt, räkelt sich la Gsell weitgehend unbekleidet in einem Maleratelier. Foffi hat schließlich Geburtstag, und was könnte ihn mehr freuen, als ein Fast-Akt seines Sweetie? Eben! Doch ein wenig lernfähig ist sie ja, die Bald-Prinzessin: ein blanker Busen auf dem Bild? Undenkbar, denn "dann tobt Foffi."

"Könnte auch im Stripclub stehen"

Wenn sie ihrem Foffi nach dem Zahnarztbesuch ein Süppchen kocht, dann wird gleich klar gestellt, dass es aus der Tüte kommt. Als wäre es in den meisten deutschen Küchen anders. Wahrscheinlich erkennen sich sogar überraschend viele Menschen in den alltäglichen Paarsituationen wieder: Sie verlegt ständig Autoschlüssel und kann nicht parken. Er fährt gern schnelle Autos und liebt seinen Hund. Zu normal für ein Turbo-Promi-Party-Adels-Märchen.

Um wenigstens einen Hauch von Kritik und Distanz zu simulieren, lässt der Sender dann abgehalfterte C- und D-Promis Statements über die beiden Heiratswilligen abgeben. Das "Partyluder" Djamila Rowe attestiert dem Busenluder Gsell "eine problematische Haut" und mangelndes Selbstbewusstsein. "Partymacher" Michael Ammer, mittlerweile pleite, findet Tatjana "könnte auch in einem Striplokal stehen", warum sollte sie also nicht auch Prinzessin sein? Ex-Big-Brother und Ex-Freitag-Nacht-News-Moderatorin Ruth Moschner lässt nicht einmal das Luder-Attribut gelten, "weil sie gleich alle Männer heiratet" und der "Immer-noch-Playboy" Rolf Eden phantasiert etwas von "sie verleiht Berlin Glanz" zusammen.

Ein fast normales Paar

Dabei haben die Kommentatoren und Tatjana eigentlich etwas gemeinsam: Sie sind alle vulgär. Nach Theodor Adorno ist das das "Einverstanden sein mit der eigenen Erniedrigung." Und was sonst ist die vierteilige Sendung? Doch nur eine etwas auf krawallig-hip gestrickte Geschichte, so alt, wie die Menschen selbst: Ein 66-Jähriger hat das Glück, eine resche 34(?)-Jährige für sich zu gewinnen. Und lässt sich von ihr betüddeln. Und das vor laufender Kamera. Wahrscheinlich für Geld. Sicher fürs Ego. Und ganz sicher aus freiem Willen.

Und das gibt es in einer Woche: Tatjana und ihre Benimm-Lehrerin geraten aneinander, bei der Selbstverteidigung hilft ein Schirm und die Suche nach der passenden Hochzeitslocation ist auch nicht so einfach.