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Angelina Jolie: Eine ganz persönliche Mission

Seit sechs Jahren reist die Schauspielerin als Botschafterin der Vereinten Nationen in die Krisengebiete der Welt. Um auf das Elend der Sudan-Flüchtlinge aufmerksam zu machen, besuchte sie im Februar das Lager Oure-Cassoni im Tschad.

Von Christine Kruttschnitt

Ein verstörter Junge, barfuß, an einem Pfosten festgebunden. Zusammengekauerte Frauen, die von ihren Vergewaltigungen erzählen. Zelte, aufgeschürft von Sandstürmen, Tausende und Abertausende Flüchtlinge, die darin leben. Jeder weiß zu berichten von Vertreibung und Tod, Flucht, Hunger, Kälte, von schreienden, kranken Kindern, verbrannten Häusern, vom großen Nichts, das jetzt ihre Heimat ist. "Immer wieder werde ich gefragt, wie ich fertig werde mit dem, was ich dort sehe", sagt Angelina Jolie, die Ende Februar das Flüchtlingslager Oure-Cassoni in einem Wüstenstreifen nahe der sudanesischen Grenze im Tschad bereiste. "Ich verstehe das nicht. Ich sehe es doch nur! Ich muss nicht dort leben."

Als sie diese Zeilen vergangene Woche per E-Mail dem stern schickte, war die Vielfliegerin schon längst nicht mehr in Afrika. Wie die ganze Welt mit genüsslichem Interesse zur Kenntnis nahm, hatte Angelina Jolie aus einem südvietnamesischen Waisenhaus einen dreijährigen Jungen abgeholt. Der Name des Kleinen - Pax Thien - wurde ebenso flächendeckend publiziert wie der Abschied vom Waisenhaus an der Seite der zukünftigen Mama, dito deren gesamter vietnamesischer Wortschatz ("khong sao dau"), als Pax vor Aufregung in Tränen ausbrach. "Kein Problem", tröstete Angelina Jolie den Jungen. Ein Problem hingegen, befand sie später, seien die Massen an Fotografen und Reportern gewesen, die vor der Tür auf die Schauspielerin warteten und ihren dunklen Minivan durch die ganze Ho-Chi-Minh-Stadt verfolgt hatten.

Keine Kindheit, keine Hoffnung für die Kinder im Flüchtlingslager

Pax heißt Frieden, und das Kind wird, Paparazzi hin, Promi-Wahnsinn her, höchstwahrscheinlich in ebensolchem aufwachsen. Finanziell gesichert, von einer liebenden Familie umgeben. In Malibu vielleicht, wo die berühmte Mutter mit dem berühmten Lebensgefährten Brad Pitt ein Anwesen am Strand bezogen hat; oder in New Orleans, wo die beiden im Januar ein Haus kauften und wo Jolie von den Schulen so begeistert war, weit weg vom Star-Gaga-Dasein in Hollywood. Kein Zweifel, Pax - der schon als Baby im Waisenhaus landete - hat eine rosige Zukunft vor sich. Der namenlose, angepflockte Junge aus dem Flüchtlingslager in Oure-Cassoni hingegen, den Jolie noch vor wenigen Tagen im Arm hielt, "hat keine Kindheit, keine Hoffnung. Er ist sieben Jahre alt und kann nicht sprechen", schreibt sie. "Er ist traumatisiert von dem, was er in Darfur erlebt hat. Er braucht therapeutische Hilfe, aber so etwas ist Luxus. Es ist schwer genug, für die Menschen dort Essen und ein Dach über dem Kopf zu besorgen. Ich habe mit Freuden gehört, dass die USA Sanktionen gegen den Sudan androhen. Hoffentlich werden andere Länder nachziehen."

So, und jetzt mal ganz tief durchatmen. Darfur? Sudan? Sanktionen?! All jene, die bei Angelina Jolie bislang an Lara-Croft-Busen und Schlagzeilen zum Thema Männerfresserei (Stichwort: Jennifer Aniston) dachten und die 31-Jährige vorwiegend für die erotischste Lippe der Nordhalbkugel halten: All jene sollten spätestens jetzt, beim Anblick dieser Bilder, erkennen, dass der Star seine Aufgabe als Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR wirklich, wirklich ernst nimmt. Mehr als 30 Camps hat Jolie in den vergangenen Jahren besucht, zuletzt ebenjenes im Tschad, das Sudanesen aus der umkämpften Darfur-Region beherbergt. Und sie weiß genau: Wenn sie auch nur ein Quäntchen der Aufmerksamkeit, die ihr Kinoruhm und mehr noch ihr Privatleben auf sich ziehen, umlenken kann auf das Schicksal vertriebener Kinder und zerstörter Familien, dann erfüllt diese ganze Paparazzi-Celebrity-Hysterie wenigstens einen Zweck; einen besseren, als Filme zu bewerben oder Klatschblätter zu füllen. Jolie ist aufgewachsen als Kind von Schauspielern - ihr Vater ist der Oscar-Preisträger Jon Voight -, Starrummel ließ sie schon immer kalt.

Jolie: "Die haben vermutlich gedacht, ich sei ein bisschen durchgeknallt"

Vor sechs Jahren marschierte sie ins Hauptquartier des UNHCR in Washington und fragte, was sie tun könne. Sie hatte über die Arbeit der Organisation gelesen und war plötzlich wild entschlossen zu helfen. "Die haben vermutlich gedacht, ich sei ein bisschen durchgeknallt." Genau das war ja ihr Image: die Rebellin, das wilde Mädchen; eine grandiose Schönheit mit wasserblauen Augen und diesem unglaublichen Mund, aus dem Anekdoten über die Liebe zu Messern und den Hang zu Selbstverletzungen perlten. Ihr wohlgeformter Körper diente Tätowiermeistern in aller Welt als Nadelkissen, und unvergessen blieb jener Kuss, den sie ihrem Bruder nach ihrem Oscar-Gewinn anno 2000 auf den Mund drückte - so sollten Männer nicht von ihren Schwestern geküsst werden. Kurz darauf heiratete sie einen neurotischen Schauspielerkollegen und trug dessen Blut an einem Kettchen um den Hals. Kaum hatten die beiden einen Jungen aus Kambodscha adoptiert, war es schon wieder aus. 2005 zerschnitt sie wie ein Tortenmesser die Ehe des süßesten aller Hollywoodpärchen, Brad Pitt und Jennifer Aniston, und machte die lange verleugnete Beziehung zu Pitt erst offiziell, als ihr Schwangerschaftsbauch hinter keiner Handtasche der Welt mehr zu verstecken war. Neben der im Mai einjährigen Tochter Shiloh wird Neuzugang Pax sich außerdem mit dem großen Bruder Maddox, 5, und der aus Äthiopien adoptierten Zahara, 2, anfreunden müssen.

"Ich weiß", sagte Jolie damals in Washington, "dass Sie einiges von mir gehört haben. Ich will Ihnen keine negative Aufmerksamkeit bescheren. Helfen Sie mir, ich zahle meine Flüge selbst." Ohne Begleitung, ohne Kameras reiste sie in UNHCR-Lager in Afrika, Pakistan, Kambodscha. Anfangs hatte sie Angst, nur im Weg zu stehen. Sie half den Mitarbeitern, die Wagen zu beladen. Sie war schüchtern, zu schüchtern für Kameras. "Ich dachte, wenn ich mich auf den Boden setze und mit diesen Frauen rede und das wird fotografiert, ist das Gespräch irgendwie entwertet." Heute zahlt sie ihre Flüge immer noch selbst, reist immer noch ohne Gefolge. Aber mit Fotografen. Ihre Erkenntnis: "Ich kann diese Menschen und die Orte ja gar nicht richtig beschreiben. Es ist am besten, man lässt die Leute für sich selbst sprechen - durch die Kameras. Und wenn ich ein bisschen Aufmerksamkeit für sie schaffe, weil ich bekannt bin, umso besser. Am Ende achtet man nicht mehr auf mich, sondern auf sie."

Nur eine PR-Masche?

Was sagt sie Kritikern, die Stars auf ihren Gutmensch-Touren in die Dritte Welt Elendstourismus vorwerfen? Die gut fotografierte Hilfsaktionen für PR in eigener Sache halten? "Ich weiß nicht, ob irgendeiner, der das sagt, in den letzten sechs Jahren mehr als 30 Lager besucht und Zeit mit den Menschen dort verbracht hat", antwortet Angelina Jolie achselzuckend. Sie wird hellhörig, wenn die Helfer sie kritisieren. Oder die Flüchtlinge. Aber all jene, die "einfach so aus dem Bauch heraus meinen, dass Künstler nichts mit Politik zu tun haben sollten", kann sie nicht ernst nehmen.

Über eine frühere Reise in den Tschad schrieb sie ein Tagebuch, das auf der Webseite des UNHCR veröffentlicht ist. Sie schildert darin in spröden Worten den unglamourösen Trip eines vermeintlichen Glamour-Girls, das zum Frühstück mit den Helfern Brot vom Vortag mampft und immer wieder Kindern begegnet, die ihr "Hawadjia" zurufen, Weiße. "Wenn ich sie zu lange ansehe, fange ich an zu weinen", schreibt sie.

Deutlich ist zu merken, wie das wilde Mädchen sich mehr und mehr in ein Star-Power-Paket verwandelt. Mit neuerdings mütterlicher Reife spricht "Hollywoods Hottest Mama" auf Wirtschaftsgipfeln und sitzt mit ausländischen Regierungschefs auf dem Sofa. Die umtriebige Person versorgt außerdem ihre kleinen Kinder, fliegt kleine Flugzeuge und wuppt irgendwo auch noch eine ganz und gar nicht kleine Hollywood-Karriere, die ihr immerhin rund 15 Millionen Dollar pro Film einbringt (ein Drittel ihres Einkommens spendet sie dem UNHCR). So hat sie gerade die Lebensgeschichte des in Pakistan ermordeten Journalisten Daniel Pearl abgedreht. Jetzt aber, verkündete sie am Wochenende, sei erstmal Schluss. Pax müsse sich eingewöhnen, er braucht seine Mutter. Angelina Jolie kann nicht jedem Kind helfen. Aber sie fängt schon mal gut an.

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