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Brooke Shields: Mutter ohne Mutterglück

Nach der Geburt ihrer heute zweijährigen Tochter stürzte Brooke Shields in die größte Krise ihres Lebens. postnatale Depression lautete die Diagnose - in einem Buch erzählt die Schauspielerin nun, wie das ist: eine Frau zu sein, die ihr Kind nicht lieben kann.

Kugelbäuchlein über schmalen Hüften? Fehlanzeige. Statt dessen Klumpfüße und Pickel. Bereits die Schwangerschaft verlief bei Brooke Shields wenig Hollywood-like - und so ganz anders als bei den Vorzeigemüttern Julia Roberts, Heidi Klum, Gwyneth Paltrow und Madonna. Auch von der Euphorie, die Schwangere kurz vor der Geburt angeblich beseelen soll, war sie weit entfernt: "Ich musste immer an die Szene aus ,Alien" denken - die Brust reißt auf, und eine Kreatur springt heraus."

Doch der wahre Horrorfilm, den sich noch kein Regisseur zu drehen getraut hat, beginnt für Shields erst nach der Geburt: Sie kann mit ihrem Neugeborenen nichts anfangen. Die Tochter, auf die sie sich so gefreut, auf die sie jahrelang sehnlichst gewartet hat, ist gesund auf der Welt. Aber nun?

In ihrem Buch "Down Came the Rain", vor kurzem in den USA erschienen, beschreibt die Schauspielerin, was hinter ihrem vermeintlichen Mutterglück steckte: die kräftezehrende Tortur künstlicher Befruchtungen, eine Kaiserschnittoperation, die sie fast umgebracht hätte - und schließlich die ersten Monate mit ihrem Baby. Kein geliebtes Wesen, sondern ein Fremdkörper. Brooke Shields durchlitt die Unbegreiflichkeit postnataler Depression.

Die 40-Jährige mit den buschigen Augenbrauen, die man hier vor allem aus dem Film "Die blaue Lagune" kennt, hatte sehr früh lernen müssen, ihr Leben öffentlich zu machen: Sie war gerade elf Monate jung, da ließ ihre Mutter sie als Werbeträger für Windeln und Zahnpasta posieren, später wurde sie als Typ Lolita vermarktet. Heute ist sie vor allem als Musicalstar unterwegs, arbeitet für Fernsehproduktionen und steht bei Benefizveranstaltungen auch schon mal als Miss Piggy auf der Bühne.

Shields, die mit ihrem Privatleben noch nie zimperlich war, spart auch in ihrem Buch nicht mit Details. "Ich weiß jetzt genau, wie ihr Uterus aussieht", konstatierte eine aufgekratzte Oprah Winfrey in ihrer TV-Talkshow: "Er wurde rausgeholt, auf den Tisch gelegt und anschließend wieder in den Körper gesteckt!" Brooke Shields saß ihr gegenüber und erzählte nicht minder aufgeregt von dem Kaiserschnitt. Wie ein "ans Kreuz genagelter Fisch" habe sie sich gefühlt. Trotzdem: "Down Came the Rain" ist mehr als die Verzweiflungstat einer B-Prominenten. Das Buch ist eine Absage an den Mythos vom naturgegebenen Mutterglück.

Ihr Baby: ein neuer Mensch, aus ihrem Körper zwar, aber doch seltsam fremd. Keine Spur dieser mysteriösen Mutter-Kind-Verbindung, von der immer alle geredet hatten. Sie hat ein schlechtes Gewissen, fühlt sich schuldig. Beäugt eifersüchtig ihren Ehemann, den Drehbuchautor Chris Henchy, der in seiner neuen Rolle als Vater aufgeht, während sie zerschlagen und immer noch blutend das Bett hütet.

"Das Baby liegt friedlich an der Brust der Mutter, deren Haar sich sanft über die Schultern wellt" - so hatte sich Brooke Shields ihr neues Dasein vorgestellt. Mutter, Vater, Kind - eine perfekte Idylle. Doch nichts davon traf auf sie zu. Ganz egal, wie lange sie ihrem Baby in die Augen sah: Es blieb ein fremdes Wesen. Schon bald konnte sie es nicht mehr ertragen, mit ihrer Tochter allein zu sein.

Es ist nur die Erschöpfung.

Das geht vorbei. Du brauchst nur etwas Zeit, dich ans Muttersein zu gewöhnen - jeder im Freundes- und Familienkreis suchte nach einer anderen Erklärung für das, was nicht sein durfte, und sich doch nicht länger leugnen ließ: Brooke Shields war eine Mutter, die ihr Baby nicht liebte. Sie hasste es auch nicht. Sie wollte nur nichts mit ihm zu tun haben. "Ich hatte nicht das Bedürfnis, sie auf den Arm zu nehmen, wie ich es früher bei anderen Babys hatte", beschreibt Shields ihren Zustand zwischen Schock und Apathie. "Mein Baby saß auf meinem Schoß, und ich sah es im Geist durch die Luft fliegen und gegen eine Wand krachen. Ich wusste zwar, dass ich ihm nie etwas antun würde - aber ich hatte dieses Bild im Kopf."

Entgegen aller Hoffnung war Brooke Shields' Emotionslosigkeit keine kurzfristige hormonell bedingte Störung. Die Schuldgefühle wichen endloser Trauer und Selbsthass. Ihre Schwierigkeiten, überhaupt schwanger zu werden, ergaben plötzlich nur noch einen Sinn: Es war ein Zeichen. Sie hätte niemals Mutter werden sollen. Postnatale Depression? Das mag auf andere Frauen zutreffen - sie selbst liebte ihr Baby nur nicht, weil es ihren Körper unförmig gemacht und sie aus dem Berufsleben herausgerissen hatte.

Ihr Ehemann konnte die Situation kaum ertragen und flüchtete in die Arbeit - auch das nahm Brooke Shields ihrem Baby übel. Und sich selbst. Öffentliche Auftritte als strahlende Mutter konnte sie nur mit Antidepressiva bewältigen. Sie fühlte sich nutzlos und unfähig: Alle anderen Mütter sind glücklich und kommen mit ihren Kindern zurecht. Nur sie nicht.

Medikamente, Psychotherapie - Brooke Shields versucht nicht, ihren Weg durch die postnatale Depression zu beschönigen. Erst allmählich begriff sie, dass sie keine Psycho-Macke hatte, sondern sich mit ihren Idealvorstellungen von der perfekten Mutter völlig überforderte: Kind und Beruf unter einen Hut zu bringen, gut gelaunt und ausgeglichen zu sein und dabei auch noch möglichst gut auszusehen. "Als das Kind auf der Welt war, haben Chris und ich fast automatisch die traditionellen Geschlechterrollen angenommen", schreibt Shields. "Es schien einfach normal, dass er wieder arbeiten ging, während ich mit dem Baby zu Hause saß. Wir haben es nie hinterfragt, dass Chris sein altes Leben wieder aufnahm, als ob sich nichts geändert hätte. Ich hingegen musste einen Weg finden, meine Arbeit um das Baby herumzunavigieren."

Inzwischen hat die 40-jährige

Schauspielerin ihre Probleme überwunden: Sie ist glücklich mit ihrer Tochter, und ihre Ehe hat den Turbulenzen standgehalten. Rückblickend sieht sie jedoch nicht nur persönliche Gründe als Auslöser für ihre Krankheit, sondern vor allem gesellschaftliche: Das eigene Leben zugunsten des Babys aufgeben zu müssen und sich dabei zu verlieren ist eine Angst, die viele Frauen teilen. Für Shields liegt sie in einer Arbeitswelt begründet, in der Frauen mit Kindern immer noch als nur halb zurechnungsfähige Störfaktoren angesehen werden - eine Unterstellung, mit der Väter nicht konfrontiert werden. Auch deshalb hat Shields ihre Geschichte veröffentlicht.

In den USA sorgte das Buch erwartungsgemäß für Schlagzeilen - und das nicht nur, weil eine Schauspielerin plötzlich über die Elastizität ihrer Gebärmutter schreibt. Als guter Scientologe kritisierte vor allem Tom Cruise Shields' Bekenntnisse: Psychiatrie sei eine Pseudowissenschaft, und Ängste könne man auch mit Vitaminen in den Griff bekommen, sagte er dem Fernsehsender NBC. Shields konterte in einem offenen Brief in der "New York Times": Das Beste an Cruise' "Geschwafel" sei, dass eine ernsthafte Krankheit nun hoffentlich die notwendige Aufmerksamkeit bekomme. Dafür will Shields sich auch in Zukunft weiter einsetzen. Einen sinnvolleren Auftritt als den im Miss-Piggy-Kostüm hat sie damit allemal.

Andrea Ritter / print