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Dita Von Teese: Vamp & Schneewittchen

Ihr Job: sich ausziehen. Ihr Geheimnis: nicht zu viel zeigen. Ihr Erfolg: gigantisch. Dita Von Teese, baldige Ex-Gattin des Gruselrockers Marilyn Manson, ist der globale Superstar der Erotik. In New York traf der stern eine Frau, deren Karriere ihr selbst ein Rätsel ist.

Von Hannes Ross und Michael Streck

Gleich passiert, wonach alle gieren: Eine Frau wird halb nackt in ein übergroßes Martiniglas steigen. Seit vier Stunden warten sie darauf, im kleinen Happy Valley Club in New York, rempeln sich an, drängeln, stehen sich gegenseitig auf den Füßen - nur um einen Blick auf diese Frau zu werfen.

Die Mädchen im Publikum haben sich herausgeputzt und wollen aussehen wie sie: pechschwarze Haare, die wie schwarz lackierte Playmobilfrisuren am Kopf kleben, knallrote Lippen, Pumps mit bürgersteighohen Absätzen, einige haben sich in Korsetts gezwängt. Die Jungs tragen Fracks, blutrote Fingernägel und hohe Zylinder mit weißer Krempe. Das sieht nicht nach einem Diskobesuch im Jahre 2006 aus, sondern wie eine Szene aus "Moulin Rouge", dem Musical-Film mit Nicole Kidman, der das frivole 19. Jahrhundert in Paris aufleben lässt.

Sie spielt mit Sex ohne es zu tun

Sie alle warten auf: Dita Von Teese, die 33-jährige Kunststripperin, Aktionskünstlerin und Noch-Ehefrau des Rockstars Marilyn Manson. Die Frau, der das internationale Showbusiness zu Füßen liegt, genau dort also, wo sie ihre dunkelrot lackierten Zehen kreisen lässt. Die Frau, die mit Sex spielt - ohne es zu tun. Das US-Magazin "Vanity Fair" machte sie schon zur "burlesken Superheldin", die Londoner "Times" feiert sie als "Frau des Augenblicks".

Dann, endlich. Kurz vor eins betritt Dita Von Teese die kleine Bühne aus glänzendem Metall: Ihre Füße stecken in roten High Heels, sie trägt rote Strapse und einen roten Seidenslip, und über ihre Brustwarzen hat sie - wir sind hier in Amerika! - silberne Streifen geklebt. Ihre Haut ist blass, ihre Haare sind pechschwarz, blutrot die Lippen. Sie läuft im Kreis wie ein Nummernmädchen beim Boxkampf in der Pause. In der Mitte steht das etwa ein Meter große Martiniglas aus Plastik. Langsam hebt sie die Beine, erst links, dann rechts, und steigt hinein. Lasziv lässt sie einen Schwamm in Form einer Olive über ihre Kurven gleiten. Das reicht. Das Publikum kreischt, als wäre es Zeuge einer akrobatischen Weltsensation. Nach acht Minuten ist alles vorbei.

Von Teese führt die Burleske ins dritte Jahrtausend

Diese Dita Von Teese hat etwas erschaffen, wonach sich offenbar viele Menschen lange sehnten: Sie ist die moderne erotische Kunstfigur, die Männerfantasien beflügelt, aber auch Frauen anmacht. Sie funktioniert auf dem Titel vom "Playboy" genauso wie auf dem der "Vogue". Die Kerle laden sich ihre Bilder als Bildschirmschoner runter, die Frauen imitieren ihren Stil.

Das ist ein Phänomen, weil Von Teese nichts Neues bietet. Sie verkauft etwas sehr Altes als etwas sehr Neues: die Burleske, jene Mischung aus Varieté, Show, Musical und Strip, die Anfang des 20. Jahrhunderts in den Amüsiervierteln der europäischen Metropolen erblühte. Dita Von Teese führt die Burleske ins dritte Jahrtausend - und löst damit weltweite Begeisterung aus. "Es gibt wenige Menschen, deren Stil nicht ignoriert werden kann. Sie führen, und wir folgen ihnen. Dita gehört zu ihnen", schmalzte kürzlich die amerikanische "Vogue".

Kaum zwölf Stunden nach dem Auftritt stöckelt eine Frau mit einem dunkel-braunen Rollkoffer durch die Lobby des Berkshire-Hotels in Manhattan. Sie trägt ein schwarzes Kostüm, schwarze Nylonstrümpfe, schwarze Sonnenbrille. Die Nacht war lang, Dita Von Teese ist müde. Sie hat jetzt nichts mehr von einem Vamp oder einer Femme fatale. Schneewittchen auf der Flucht.

Einst hieß sie Heather Sweet

Von Teese plumpst in ein Sofa, bestellt grünen Tee, nestelt verlegen an Zuckertütchen herum und erzählt mit dünner Stimme ihre Geschichte. Von ihrer Jugend in Rochester, Michigan, als sie noch Heather Sweet hieß und schon als Teenager diese Passion für alte Musicalfilme aus den 30er und 40er Jahren entwickelte: "Ich liebte einfach die Art und Weise, wie die Frauen sich kleideten, ich liebte diesen Glamour, die aufwendigen Kostüme, und ich kann mich an keine Ära der Filmgeschichte erinnern, die so unterhaltsam und lebendig war. Ich wollte so sein wie diese Frauen."

Und also beschloss Heather Sweet, ihr bisheriges Leben hinter sich zu lassen und in eine neue Rolle zu schlüpfen. "Ich wollte mich neu erschaffen", sagt sie. Ein neuer Name ist schnell gefunden - zusammengesetzt aus Einträgen im Telefonbuch: Dita Von Teese. Fortan färbt sie sich die blonden Haare pechschwarz und lackiert die Fingernägel blutrot.

Ihr Vater hält die Unterwäsche für ein Sex-Instrument

Während ihre Klassenkameraden sich in Diskotheken herumtreiben, versinkt sie in der Vergangenheit, stöbert in Läden nach Klamotten, beginnt Dessous und Korsetts zu sammeln. Sie lässt sich fotografieren, stellt Bilder ihres Vorbilds Bettie Page nach, des ersten berühmten amerikanischen Pin-up-Girls. Und: Sie tritt in Strip-Clubs auf, "alles war damals ein großes Experiment für mich".

Sie arbeitet in einem Laden für Damen-Dessous, ihr Vater hält die Unterwäsche für ein Sex-Instrument. Mit 17 wirft er sie aus dem Haus, "weil er glaubte, ich wolle nur Männer verführen". Es vergingen viele Jahre , bis der Vater die Tochter und ihren ausgefallenen Job endlich akzeptierte; erst als der "Playboy" Dita auf die Titelseite hob, verstand er, dass es nicht um Verführen ging, sondern um Vermögen.

Manson lief wie ein Hund hinter ihr her

Und um Karriere. Diese Dita Von Teese ist nämlich vor allem eins: ein Vermarktungsgenie in eigener Sache. Bereits 1992 beginnt sie, Nacktfotos von sich auf ihrer Internetseite zu verkaufen. Inzwischen stehen auf ihrer Site mehr als 10000 Bilder, deren Vertrieb jährlich etwa zwei Millionen Dollar einbringt. Ein Bildband mit biografischen Notizen und vielen Nacktbildern, "Burlesque and the Art of the Teese", ist soeben in den USA und in England erschienen. Die Aufnahmen vom Hochzeitswalzer mit dem Gruselrocker Marilyn Manson erschienen exklusiv in der "Vogue".

Die Schöne und das Biest begegnen sich zum ersten Mal auf einer Fetisch-Party in Los Angeles, "auf der er ständig hinter mir herlief wie ein Hund". Sie flirten ein wenig, tauschen Telefonnummern, und ein paar Tage später spricht Manson auf ihren Anrufbeantworter. Er stottert, er sagt nicht einmal seinen Namen, er fragt lediglich, ob Dita nicht in seinem neuen Video mitspielen möchte. "Ich habe nicht erkannt, wer das war. Erst beim Dreh wurde mir klar: Du bist im Video von Marilyn Manson!"

Die beiden werden ein Paar, und sie wird berühmt. Dita Von Teese lächelt von nun an immer öfter auf den roten Teppichen der internationalen Verleihungen von Preisen wie den MTV-Awards oder den Oscars.

Alles genau zur richtigen Zeit. Denn Sex und selbst Pornografie sind Ende der 90er Jahre nicht mehr tabu. Porno ist gesellschaftsfähig geworden und gilt fast als schick. Seit Paris Hilton ihre privaten Orgien im Hotelzimmer auf DVD vermarktet und zur besten Sendezeit bei "Sex and the City" über Analverkehr getratscht wird, ist Sex nicht mehr anrüchig, nicht mehr aufregend, nur noch mediale Routine. Nackt heißt nicht mehr zwangsläufig sexy.

Und so findet Dita Von Teese ihre Nische. Zwischen all den prominenten Exhibitionisten bietet sie das Kontrastprogramm zur sexuellen Übersättigung. "Ich bin kein Mädchen, das sich auf einer Party betrunken den Pullover hochreißt", sagt sie. Und meint damit: In der Kontrolle, im gezielten Spiel, in der Andeutung liegt die neue sexuelle Macht. "Die Menschen haben vielleicht Sehnsucht nach ein bisschen Theater in ihrem Leben, Burleske könnte die Antwort darauf sein", sagt Von Teese.

Zuweilen aber wundert sie sich, was die Leute plötzlich in ihr sehen und sehen wollen, denn seit 15 Jahren macht sie doch immer dasselbe: Sie zieht sich aus, sie lässt sich fotografieren und verdient damit eine Menge Geld. Der Unterschied ist nun, dass sie nicht mehr vor besoffenen Proleten in Strip-Clubs auftreten muss, nicht mehr Softpornos drehen muss, sondern auf Partys vor Elton John und Robbie Williams strippt. Sie schlürft grünen Tee und schüttelt den Kopf, die Welt muss verrückt geworden sein!

Ihr Leben soll eine einzige Orgie sein

Die berühmtesten Fotografen wie Ellen von Unwerth oder Steven Klein reißen sich um sie, sie hat Millionen Fans, "mich amüsiert das fast. Früher war ich berühmt dafür, Klamotten auszuziehen, und nun bin ich berühmt dafür, sie bei Modeproduktionen anzubehalten".

Es wird nunmehr unentwegt über sie geschrieben. Viel Unfug, viel über Sex. Nichts aber befeuert die Fantasie der Schreiber und Leser so sehr wie ihre Ehe mit Manson, dem Enfant terrible, dem Sammler von Nazi-Memorabilien, der sich nach dem Massenmörder Charles Manson benannt hat. So soll ihr Leben eine einzige Orgie sein mit Rollenspielen daheim in Kalifornien. Und Sex morgens, Sex mittags, Sex abends, Sex immer.

Das ist natürlich Quatsch. In der Praxis, sagt sie, sei ihr Zusammenleben ein verdammt banales, bestimmt von seiner Musik und ihrer Arbeit. Sie gehen kaum aus, manchmal kocht sie Abendessen. Bei Mansons geht es zu wie bei den Millers nebenan. Doch nach knapp einem Jahr kommt das überraschende Aus. Von Teese reicht in Los Angeles die Scheidung ein, im Antrag gibt sie "unüberbrückbare Differenzen" als Trennungsgrund an. Eben wie bei Millers nebenan. Einige Tage später berichtet die "New York Post", dass Von Teese in den Weihnachtstagen aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen sei - ihr Mann habe den Auszug nicht einmal bemerkt.

Sie lacht. Es ist ein müdes Lachen, die Nacht war lang, und in einem Plattenladen am New Yorker Times Square warten schon ihre Fans in langen Schlangen. Dita Von Teese wird dort Bücher signieren und lächeln, lächeln, lächeln. Sie ist eine Geschäftsfrau, und sie hat wahrlich am eigenen Leib erfahren, wie schnell diese Branche manchmal aus einer namenlosen Stripperin einen Superstar macht: in null Komma nichts. Das ist bei allem Erfolg auch Warnung - der Zeitgeist kommt und geht. Das weiß Heather Sweet, und sie sagt: "Ich nehme alles mit."

Dann steht sie auf und verabschiedet sich. Schneewittchen stöckelt zum nächsten Termin.

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