Domino Harvey Leben und Sterben in L. A.


Tochter aus gutem Hause, Model, Kopfgeldjägerin, am Ende ein einsamer Tod in der Badewanne. Kein Wunder, dass Hollywood das Leben von Domino Harvey verfilmt hat.

Tochter aus gutem Hause, Model, Kopfgeldjägerin, am Ende ein einsamer Tod in der Badewanne. Kein Wunder, dass Hollywood das Leben von Domino Harvey verfilmt hat

He, alter Scheißkerl", sagte sie, als sein Anrufbeantworter ansprang, "gehen wir ein Bier trinken?" Mickey Rourke konnte nicht antworten. Der Schauspieler lag im Krankenhaus, sein Blinddarm war herausgenommen worden. Als er wieder nach Hause kam, rief er bei ihr an. "He, alte Schlampe, klar gehen wir einen saufen, sag nur, wann."

Rourke verzieht sein zerbeultes Gesicht zu einem Grinsen. "Wir haben immer so miteinander geredet. Als ich sie das erste Mal sah, hatte sie ihren Scheißpitbull dabei, ihr Schädel war fast kahl rasiert, und ständig geflucht hat sie mit ihrem komischen englischen Akzent. Wir konnten uns sofort gut leiden. Als sie an diesem Abend nicht zurückrief, dachte ich, ich hätte mich verwählt. War sonst gar nicht ihre Art."

An diesem Abend

war Domino Harvey schon tot. Die 35-jährige Britin wurde in der Nacht des 27. Juni in ihrer Badewanne entdeckt. Herzversagen, stellten die Ärzte im Cedars-Sinai-Hospital von Los Angeles kurz darauf fest. Im Blut von Domino Harvey befanden sich tödliche Mengen des heroinähnlichen Schmerzmittels Fetanyl. Mickey Rourke, der sich ihr Freund nennt, schweigt für ein paar Augenblicke. Dann kneift er sich wieder dieses Grinsen ab, das aussieht, als täte es weh, und sagt trocken: "Verdammt, ich kann nicht sagen, dass ich überrascht war."

Niemand, der Domino Harvey

kannte, wird erstaunt sein über das so banale wie brutale Ende, das ihr kurzes Leben nahm. Geboren in einem der vornehmsten Viertel Londons, stürzte sich die Tochter eines Schauspielers und eines "Vogue"-Models in die dreckigsten Ecken von Los Angeles. Vier Jahre lang arbeitete sie als "Bounty Hunter", - Kopfgeldjäger, die auf Kaution entlassene Untersuchungshäftlinge wieder einfangen, wenn die sich aus dem Staub machen, statt zum Prozess zu erscheinen. Mit ihrem Gewehr "Betsy" und einer 9-Millimeter-Pistole bewaffnet, durchforstete sie die Straßen von South Central L. A. nach untergetauchten Drogendealern und Vergewaltigern.

Als Teenie war sie ein Model wie ihre Mutter. Später außerdem Feuerwehrfrau und Discjockey und Designerin, sie hat in Nachtclubs gearbeitet und sammelte Samurai-Schwerter, liebte ihre Waffen und ihren Pitbull und ihre Drogen. "Domino wollte nicht ein ganz normaler Mensch sein", sagte nach ihrem Tod ihr Onkel der britischen Presse, "sondern eine Legende." Eine Biografie wie von einem durchgeknallten Hollywoodschreiber erdacht - verwunderlich eigentlich, dass die Filmindustrie erst jetzt die Geschichte von Domino Harvey aufgegriffen hat. Der fertige Film ist am vergangenen Wochenende in den USA angelaufen und soll noch in diesem Jahr in die deutschen Kinos kommen.

Dem englischen Regisseur Tony Scott ("Top Gun") war vor zwölf Jahren ein Foto in der Zeitung aufgefallen: Eine junge Frau Anfang zwanzig richtet den Gewehrlauf auf einen zu ihren Füßen liegenden Mann - Domino Harvey nimmt einen Kautionsflüchtling fest. "Sie führte sich auf wie James Bond, aber schon auf diesem Bild konnte man ihr eine gewisse Schwermut anmerken", sagt Scott. "Ein verrücktes, trauriges kleines Ding." Der heute 61-Jährige traf Domino Harvey zu mehreren Gesprächen, die er aufzeichnete und später seinem Drehbuchautor übergab. Und mehr noch, es begann eine langjährige Freundschaft zwischen dem Filmemacher und dem Mädchen, das er als seine "verlorene Tochter" bezeichnet.

"Eine Zeitlang hing sie

jeden Tag bei mir im Büro rum, manchmal sah ich sie monatelang nicht", sagt Scott, ein kleiner, drahtiger Mann mit weicher Stimme und dem Händedruck eines Bergsteigers. "Sie war ein Heroin-Junkie, aber größer noch war ihre Sucht nach Adrenalin, nach Aufregung und Gefahr. ,Domino, wie stellst du dir dein Leben vor?"", fragte ich. Sie lachte und warf eine Münze in die Luft. Kopf, du lebst, Zahl, du stirbst." Scott schüttelt lächelnd den Kopf. "Das war ihr Motto. Ich hab ihr manchmal Anwälte vermittelt oder eine Entziehungskur bezahlt, aber ich konnte ihr nichts vorschreiben. Was man ihr verbieten wollte, hat sie erst recht getan."

Rebellisch, so wurde Domino schon als Kind beschrieben. Eine Einzelgängerin, die von vier teuren Schulen flog, weil sie mit Jungs raufte und sich mit Lehrern anlegte. "Wenn ich eine Puppe bekam, riss ich ihr den Kopf ab", sagte Domino vor zehn Jahren in einem ihrer seltenen Interviews. Ihre Mutter Paulene Stone, die als Model in den Londoner Swinging Sixties berühmt wurde und mit Tony Scotts älterem Bruder Ridley Werbefilme drehte, erinnert sich, dass Domino nach dem Tod ihres Vaters völlig verstört war, "sie wollte seine Filme nicht mehr sehen und hat mich nie mehr nach ihm gefragt".

Laurence Harvey ("The Manchurian Candidate") war in den Sechzigern ein Star - ein gut aussehender, heimlich bisexueller Lebemann, der aus Großbritanniens hochnäsigster Oberschicht zu stammen schien, aber ein litauischer Immigrant war, der den Dandy spielte. Als seine Tochter, die er nach einem Bond-Girl benannt hatte, vier Jahre alt war, starb er an Magenkrebs. Paulene wollte weiterhin ein Leben als Lady führen, vermählte sich einige Jahre später mit dem Gründer der "Hard Rock Cafés" und ging nach Beverly Hills.

Domino, angewidert vom Luxusleben, blieb in London und zog ins Viertel Notting Hill. Sie schmiss die Schule, verkaufte selbst entworfene T-Shirts auf dem Kensington Market und jobbte als Model. Gut ging es ihr dabei nicht: "Ich war unglücklich, weil ich versuchte, eine ganz andere zu sein. Mein Leben kam mir so sinnlos vor."

Es ist die Klage eines vermögenden, verlorenen Mädchens, das durch den Tod des Vaters aus der Bahn geworfen war. Und das mit Dämonen kämpfte, die es zu verjagen hoffte, indem es sich mit neuen, mächtigeren einließ. Heroin gab Domino betäubende Kicks und war Teil dieser dunklen, abgründigen Welt, von der sie sich magisch angezogen fühlte. Von einem Freund als schüchtern und unsicher beschrieben, katapultierte sie sich mit einer Abenteuerlust in ihre Ausbruchsfantasien, die an Irrsinn grenzten. Wenn nicht Heroin, so musste Adrenalin durch ihre Adern strömen, musste ihr Herz immer lauter und heftiger schlagen als zuvor, sei es im Rausch, sei es aus Angst.

Als sie mit knapp 20 ihrer Mutter nach Amerika folgte, schickte die sie erst mal auf Entzug. Domino holte sich Schwielen bei der Arbeit auf einer Ranch, später fing sie bei der Feuerwehr an. Eines Tages fiel ihr eine Anzeige in die Hände: "Wie werde ich Bounty Hunter?" 300 Dollar kostete der zweiwöchige Kurs in Los Angeles, gehalten wurde er von einem Vietnamveteranen. In Tony Scotts Film spielt Mickey Rourke diesen Mentor und Kollegen von Domino Harvey - als schwer bewaffnetes Alphatier, dem der Weg in die Unterwelt so leicht fällt wie der vom Tresen an die Pissrinne.

Im wahren Leben war der Kautionsjäger Ed Martinez von 1993 an vier Jahre lang mit Domino unterwegs. Bei rund 50 Verhaftungen war sie dabei, meistens Dealer und armselige Junkies. Lohn der lebensgefährlichen Arbeit: zehn Prozent der Kaution. "In ihrem besten Jahr", sagt Tony Scott, "hat sie vielleicht 35 000 Dollar verdient."

Aber Domino war nicht am Geld interessiert. Sie erschuf sich das Image der harten Kämpferin. Sagte: Es gebe nichts Besseres, als eine Tür einzutreten, ohne zu wissen, was einen dahinter erwartet. Tönte: "Es tut einfach gut, diese Schleimscheißer hinter Gitter zu bringen."

Tatsache ist, dass sie bei ihren Fischzügen leicht an Drogen herankam - die wahre Bezahlung der "Bounty Hunter". Was auf dem Tisch lag - Waffen, Stoff, Geld -, schoben die Kopfgeldjäger ein.

Eine Zeitlang wohnte sie bei ihrer Mutter, allerdings nicht in deren Villa, sondern über der Garage - Paulene wollte die Waffen nicht im Haus. 1997 war Domino nur noch ein Klappergestell. Nach einem letzten Entzug belegte sie Computerkurse und jobbte als DJ. Paulene kaufte ihr ein Häuschen in Hollywood, aber Domino kam nicht zur Ruhe. 2003 wurde sie mit der Labordroge "Meth" erwischt. Im Mai 2005 folgte die schwerste Anklage: Sie soll Mitglied in einem Drogenring in Mississippi gewesen sein. Für schuldig befunden, hätte sie mit bis zu zehn Jahren Gefängnis rechnen müssen.

Gegen eine Kaution von einer Million Dollar durfte sie nach Hause. Trotz des drohenden Prozesses, der angesetzt war auf Juli dieses Jahres, schien sie optimistisch, drogenfrei. "Sie sah blendend aus, als sie uns am Set besuchte", sagt Tony Scott. "Gesund." Im Film hat sie sogar einen Miniauftritt: Sie schaut direkt in die Kamera, eine große blonde Frau mit raspelkurzen Haaren und befreitem Lächeln. Wahrscheinlich hätte sie "Domino" gemocht: Denn Scott glorifiziert seine Ersatztochter, gespielt von Keira Knightley, darin als mutige Mistbiene, die schärfer ist auf Action als Arnold in seinen besten Tagen. Ihr Leben mit den schweren Jungs ist ganz Aufregung und Spektakel, sexy und hektisch. Keine Spur von der Drogensucht, am Schluss geht's dalli zurück in Mamas Pool.

Paulene Stone glaubt, dass ihre Tochter in jener Montagnacht das Schmerzmittel genommen hat, weil sie nicht einschlafen konnte. Dass ihr Tod ein Unfall war. Sie hat noch Dominos Stimme auf ihrem Anrufbeantworter. "Alles wird gut", sagt ihre Tochter da. "Mach dir um mich keine Sorgen." Es war der letzte Tag ihres Lebens.

Christine Kruttschnitt print

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