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Katherine Heigl: Amerikas neues Sweetheart

Stellenanzeige aus Hollywood: "Benötigen für romantische Komödien dringend eine Schauspielerin, die liebenswert, hübsch und bodenständig zugleich ist, um die Nachfolge von Julia Roberts anzutreten." Jetzt ist der Job vergeben.

Von Christine Kruttschnitt

Der Unfall passierte keine 15 Meter vor der Haustür. Auf regennassem Laub verlor die junge Fahrerin die Kontrolle über ihren Pick-up- Truck, der Wagen kam ins Schleudern, und Jason Heigl stürzte von der offenen Ladefläche auf die Straße. Seine Familie war beim Einkaufen. Als sie nach Hause kam, rief ein Freund an - "oh, es tut mir so leid". So erfuhren Jasons Eltern und seine drei Geschwister von dem Unglück. Nach einer Woche, während der er nicht mehr zu Bewusstsein kam, erlag er seinen Verletzungen, 15 Jahre alt.

Katherine Heigl war sieben, als ihr Bruder für tot erklärt wurde, und sie erinnert sich noch genau an das überwältigende Gefühl, betrogen worden zu sein - nie hatte sie damit gerechnet, dass alles ein so schlimmes Ende nehmen würde. Und als die Eltern sich damit einverstanden erklärten, dass Jasons Herz und Nieren gespendet wurden, "habe ich mich schrecklich aufgeregt - wenn sie ihm seine Organe wegnehmen, würde er nie zurückkommen".

Mehr als 20 Jahre liegt dies nun zurück. Mehr als zehn Jahre ist es her, dass Katherine ihre krebskranke Mutter zur Chemotherapie begleitete. Der Geruch von Klinikfluren verursachte ihr danach Übelkeit, bei Krankenhausserien wie "ER" schaltete sie sofort um. So gesehen hat es schon eine gewisse Ironie, dass Katherine Heigl dem Fernsehpublikum nun vorwiegend als Ärztin im Mulldrama "Grey's Anatomy" bekannt ist.

Der Jungstar pokerte die Gage hoch

Die TV-Serie hat sie berühmt gemacht. Sie spielt die emotional unausgewuchtete "Izzie", die sich erst in einen todkranken Patienten und dann in einen verheirateten Kollegen verliebt; die Rolle bescherte ihr nicht nur den höchsten amerikanischen Fernsehpreis, den "Emmy", sondern auch viel Selbstbewusstsein - der Jungstar pokerte die Gage von unerheblich hoch auf rund 200.000 Dollar pro Folge.

Ironisch auch, weil diese Izzie nicht gerade ein Glückspilz ist - und Katherine Heigl sich nach den dramatischen Ereignissen in ihrem Leben fest vorgenommen hat, "nur glückliche Menschen zu spielen". Ein verständlicher und doch in Hollywood ungewöhnlicher Entschluss - wo jede schöne Aktrice den Ehrgeiz entwickelt, mindestens einmal ein Monster darzustellen oder eine Alkoholikerin.

Nicht so Frau Heigl (der Nachname ist deutschen Vorfahren zu verdanken). "Ich bewundere Kate Winslet", sagt sie, "aber ich könnte nie wie sie diese ganzen tragischen Rollen bewältigen. Und in Filme wie ‚Babel‘ muss man mich regelrecht reinprügeln. Ich brauche mir nichts anzusehen, was mich drei Tage lang deprimiert. Ich weiß auch so, was für Probleme es gibt in der Welt."

Ihr Vorsatz: nur glückliche Menschen spielen

Ihren Spruch über "Babel" hat sie später ein wenig entschärft; ja, doch, das sei schon ein ganz, ganz großartiger Film. Katherine muss das öfter. Entschärfen. Sich bremsen. Denn im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen, deren Wesen glatt und pflegeleicht scheinen wie Polyesterhemden, ist Katherine Heigl berühmt dafür, dass sie sagt, was sie denkt. Journalisten geraten in Verzückung, wenn sie die 29-jährige Ostküstenschönheit in Natura und im O-Ton vor sich haben. So schön, so bodenständig, so offen - und so schön dreckig die Lache.

Das ehemalige Model - sie warb schon als Kind für Cornflakes und spielte als Teenie einmal Gerard Depardieus Tochter - wird euphorisch als Hollywoods nächstes "großes Ding" ausgerufen. Sie wird mit der jungen Kathleen Turner verglichen und als würdige Nachfolgerin von Julia Roberts und Meg Ryan auf dem Thron von Amerikas Sweetheart genannt. Das US-Hochglanzblatt "Vanity Fair" widmete ihr gerade eine Titelgeschichte, in der sie sich als nostalgische Glamour-Göttin in Posen wie Marilyn Monroe präsentiert. Im Begleittext tat sie den Spruch, dass sie ihren Kinoerfolg "Beim ersten Mal" recht sexistisch fand, und musste prompt wieder ein wenig entschärfen (ja, doch, das sei schon eine ganz, ganz dolle Komödie; man hörte förmlich das Augenrollen mit).

Seit "Beim ersten Mal" gilt Katherine nicht nur als Inkarnation einer Männerfantasie (Traumfrau verliebt sich in gehemmtes, bekifftes, Zoten reißendes, arbeitsscheues Dickerchen - ist nur Kino, Jungs, ist nur Kino!), sondern auch als Verkörperung ganz reeller wirtschaftlicher Interessen: Denn seit Julia, Meg und Sandra Bullock keine romantischen Komödien mehr drehen - oder sie kaum jemand mehr in der Rolle der turbulent verliebten Heldin sehen will -, versucht die Filmindustrie verzweifelt, einen neuen Allerweltsliebling zu installieren. Eine Süße, die handfest und smart ist, dabei bodenständig und warmherzig. Eine, in der man sich wiedererkennt und die gleichzeitig die Sehnsucht weckt, so zu sein wie sie. Kurz, eine Art perfekter Sturm in Frauengestalt; so was gelingt nur alle paar Jahre.

Nach "27 Dresses" fühlt man sich wie geliert

Und weil die Branche denkt, das gelänge nun mit Katherine, kann "Hollywoods heißeste Blondine" sechs Millionen Dollar Gage verlangen. In ihrer neuen Romanze "27 Dresses" spielt sie einen Single, der beständig als Brautjungfer gefordert ist, aber nie selbst die Frage aller Fragen hört; aus unerfindlichen Gründen ist kein kiffendes Dickerchen zur Hand. Die Möchtegern-Braut verliebt sich daher in den Bräutigam ihrer Schwester, findet aber am Ende das Glück mit ... ach, ist doch egal, Hauptsache, glücklich. "27 Dresses" ist so süß, man fühlt sich wie geliert, wenn das Licht angeht. Aber Heigl zieht sich nicht nur die 27 Kleider über, sondern den ganzen Film und tanzt mit ihm davon.

Für Hollywood-Verhältnisse ist sie eine große Frau. Und ihre Maße sind realistisch - soll heißen, auch wenn sie neuerdings mit einem Personal Trainer Leibesübungen betreibt, erinnert sie nicht an ein Röntgenbild. Paparazzi folgen ihr nicht wie Hyänen, weil sie an öffentlichen Plätzen nie ohne Unterwäsche und in Lokalen nie mit der Weinflasche am Schlund erwischt wird. Sie raucht zwar, größtes Laster, doch in Interviews schafft sie es spielend, mindestens zweimal artig die Mutter zu erwähnen.

Die ist nämlich ihre Managerin. Katherine war 17, als die Eltern sich scheiden ließen und bei Nancy Heigl Brustkrebs diagnostiziert wurde. Ein paar Jahre später zogen die beiden von Connecticut nach Los Angeles, und die ehemalige Hausfrau Nancy hielt ihrer "Katie" Studiomanager, Anwälte und Agenten vom Hals. Ohne ihre Mutter, sagte Katherine in ihrer "Emmy"- Dankesrede, würde gar nichts laufen.

Hochzeit in Utah

Nach Jasons tragischem Tod hatte die Familie zum Glauben der Mormonen gefunden. Katherine sagt, sie gehe schon seit etlichen Jahren nicht mehr in die Kirche. Aber als sie sich vergangenes Jahr mit dem Musiker Josh Kelley verlobte, stand fest: zusammenziehen erst nach der Hochzeit.

Im Dezember heiratete das Paar im Skiort Park City im Mormonenstaat Utah. Dort, in den Bergen, plant Katherine das gemeinsame Heim, ihr älterer Bruder John beaufsichtigt die Bauarbeiten. Der Sex, verkündete sie gewohnt frank in ersten Interviews als Mrs Kelley, sei viel besser als vorher. Sie strahlt. Sie platzt fast vor Vergnügen. Sie lacht ihr Bardamenlachen und redet von vielen Kindern und davon, dass ihr das ganze Leben jetzt irgendwie leichter vorkomme.

Aber ja. Besser noch, als einen glücklichen Menschen zu spielen, ist es natürlich, einer zu sein.

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