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Manfred Krug: Ich vermisse mich auch ein bisschen

Einer der Großen des deutschen Fernsehens wird 70: Manfred Krug über seine Karriere in Ost und West, sein Rentnerdasein - und seinen schlimmsten Fehler.

Von Ulrike von Bülow und Alexander Kühn

Ein Interview? Ja, sagte Manfred Krug, aber am liebsten so: "Was hielten Sie davon, wenn Sie mir morgens ein Fragenpäckchen faxten, und abends schickte ich Ihnen die Antworten? Dann könnte ich zu Hause im Warmen alles getreulich beantworten." Und wenn uns was fehlen würde, es Nachfragen gäbe: bitte melden. Und so ging es hin und her, per Fax und am Telefon. Nachdem wir ihm die Fragen per Post geschickt hatten - mit einer Beigabe:

Zigarre, Herr Krug?

Da sage ich nicht Nein. Aber ich sehe gerade, Sie haben da eine von der falschen Insel ...

... die kommt aus der Dominikanischen Republik und soll sehr köstlich sein.

Das sagen Zigarrenverkäufer immer, wenn ein Laie reinkommt. Der liebe Gott hat aber unter den Inseln für das Gedeihen meines Lieblingstabaks Kuba ausgewählt. Er konnte nicht wissen, dass dort mal Sozialismus herrschen wird. Da werd ich lieber eine Quintero von mir nehmen.

Am 8. Februar werden Sie 70. Wird groß gefeiert?

Angemessen, das heißt bescheiden. Zu Hause, mit alten Freunden. Alt müssen sie schon sein, denn ein wachsender Teil der Jugend fällt aus pisatechnischen Gründen für profitable Gespräche aus. Fragen Sie mich lieber mit 90 noch mal. Der große Schauspieler Erwin Geschonneck ist im Dezember 100 geworden. Da muss man in einer jugendlichen Runde feiern, aber nicht aus Lust, sondern weil die Altersgenossen knapp geworden sind.

Im Januar 2001 waren Sie zum letzten Mal im "Tatort" zu sehen - Ihr Abschied vom Bildschirm. Wie oft hat es Sie seither gejuckt, noch mal eine Rolle anzunehmen? Ganz ehrlich?

Wenn ich jetzt nicht ehrlich sein sollte, wann sollte ich es dann je gewesen sein? Nicht ein einziges Mal hat es mich gejuckt. Wenn Sie damals dabei gewesen wären, um zu sehen, wie schwer die Geburt jedes einzelnen "Tatort"-Drehbuchs war, wie viele Leute hier um den Tisch gesessen haben, wie viele Tage und Nächte sie dort grübelten, nur um die Drehbücher zu ändern; wie viele Feinde ich mir unter Autoren, Regisseuren, Redakteuren machte, weil ich jedes zweite Buch abgelehnt habe - dann würden Sie ganz leicht verstehen, warum ich sage: Es hat mich nicht gejuckt.

Haben Sender oder Produzenten versucht, Sie zu einem Comeback zu bewegen?

Kaum. Ich habe mich lieb und dankbar vom Publikum verabschiedet. Ich wollte wirklich Rentner werden. Schon weil die meisten Kollegen gerade das nicht wollen. Rentner - was für 'n ekliges Wort. Ein anständiger Schauspieler will auf der Bühne sterben. Vorhang fällt, Intendant kommt raus: "Er ist mitten in der Szene von uns gegangenÉ", Leute stehen auf, zücken ihre Tücher, schluchzen, verlassen gesenkten Hauptes den Ort. Das ist ein richtiges Schauspielerende. Aber RentnerÉ Ein Comeback kann nur den erfreuen, der back kommen will. Ich hatte als Schauspieler eine bewegte und schöne Zeit, ich wollte nicht mit ansehen, wie ich meines geliebten Berufs überdrüssig und müde werde, wie ich die Texte nicht mehr schaffe, wie ich das Filmteam durch Stottern und Hängen vom Feierabend abhalte. Nicht jeder hat das "Langes Leben bei klarem Verstand"-Gen wie Johannes Heesters.

Wie gestaltet Manfred Krug sein Rentnerdasein?

Lecker essen, ohne Wecker schlafen, Freunde treffen, Damen treffen, die im Verhältnis zu Männern immer mehr werden, rumschlaubergern, die Enkel treffen, mit Ärzten gutstellen, hier und da öffentlich was vorlesen oder singen, Benefize dosieren, Nachrichten gucken, Flohmarkt gucken und so weiter.

Sie sind seit 1963 mit Ihrer Frau Ottilie verheiratet. Das Geheimnis Ihrer Ehe beschrieben Sie einmal so: "Intelligenz und Toleranz, und zwar aufseiten meiner Frau." Wo wären Sie ohne sie?

Wahrscheinlich hätte ich eine andere mit ähnlichen Eigenschaften gesucht, denn allein wegen der Gefahr, bei jeder Trennung das Vermögen halbieren zu müssen, würde ich mich nur ungern scheiden lassen. Ob ich je eine andere gefunden hätte, weiß Gott allein. Übrigens: Journalisten tun sich schwer, eine ironische Bemerkung, die man irgendwann gemacht hat, so zu zitieren, dass der Witz erhalten bleibt. Da können auch Sie sich noch steigern.

Ihre Frau, sagten Sie auch, sei früher genervt gewesen, "weil ich so selten zu Hause war". Wie steht es um ihre Nerven, seit sie ihren Mann immer zu Hause hat?

Jetzt freut sie sich. Ihre Nerven werden immer besser, weil meine immer besser werden. Wir sind beide nie scharf auf besonderen Luxus gewesen, aber einen Luxus gönnen wir uns: Wir wohnen großzügig genug, dass wir einander leicht und ohne jeden Vorwand aus dem Wege gehen können.

Sie beide haben getrennte Fernseher. Was schauen Sie auf Ihrem?

Ich zappe, sie guckt Krimis. Ich zappe leise, sie guckt wegen der schlechten Stimmbildung vieler Schauspieler recht laut. Wenn sie keine Krimis guckt, gucken wir zusammen. Wir haben auch getrennte Betten und nutzen diesen Vorteil durchaus nicht immer.

Was haben Sie gegen Krimis?

Meine Einblicke in die Entstehung von TV-Krimis waren so gründlich, dass ich einfach die Lust auf das Genre verloren habe. Obwohl der "Tatort" noch immer die beliebteste Krimi-Reihe Deutschlands ist, beneide ich keinen "Tatort"-Kommissar, weil ich weiß, dass die meisten von ihnen leiden.

Worunter?

Unter dem Mangel an plausiblen Drehbüchern. Mangelnde Logik fällt nirgends so unangenehm auf wie im Krimi.

Gefällt Ihnen wenigstens Robert Atzorn, Ihr Nachfolger beim Hamburger "Tatort"?

Der macht, was alle "Tatort"-Kommissare machen, nämlich seine Sache so gut er kann, aber ich lass mich hängen, wenn der nicht auch leidet. Ansonsten wollen wir doch den letzten TV-Kritikern, die es in der Provinz noch gibt, nicht die Arbeit wegnehmen. Gell?

Wo bleiben Sie beim Zappen hängen?

Nachts bei Phoenix: "Völkerwanderung", "Ägypten", antike Geschichte und so weiter; auf Arte und 3sat sehe ich Spielfilme, vor allem französische und englische, in denen nur wenige Autos explodieren und so weiter; beim WDR bleibe ich hängen, NDR, Bayern und so weiter; manchmal auch bei "Wer wird Millionär?" und "TV Total".

Sie kokettieren ...

... ich kokettiere nicht ...

... gern damit, dass Sie sich stets selbst gespielt haben. Vermissen Sie im Fernsehen Typen und Originale?

Ich war vielleicht eines. Und ich vermisse mich auch ein bisschen, hahaha! Nur die allerbesten Schauspieler können sich ganz in jemand anderen verwandeln und dabei dennoch absolut glaubwürdig sein. Mir fiel die Erzeugung von Glaubwürdigkeit immer dann leichter, wenn ich das Jeweilige so spielte, wie ich tatsächlich selber war. Ich habe, so gut es ging, versucht, mir diese simple Methode bei Künstlern wie Gabin, Tracy, Mastroianni, Cooper, Jannings und so weiter abzugucken. Diese Schauspieler, könnte man mäkeln, waren alle zu bequem, sich richtig saftig zu verwandeln.

Waren sie das?

Nein, sie wollten es nicht. Es schien ihnen für den Tonfilm nicht zweckmäßig. Aber Sie wissen längst, was ich meine, dass jeder gute Filmschauspieler ein Original sein sollte, sonst kann das Schlimmste passieren, nämlich dass die Leute ihn nicht lieb haben.

Das deutsche Kino arbeitete in jüngster Zeit die DDR-Vergangenheit ab. Auf lustig melancholische Art in "Good bye, Lenin!", eher beklemmend in "Das Leben der Anderen". Schauen Sie sich so was an - oder haben Sie abgeschlossen mit dem Osten?

Wer "den Osten" eines Tages als bedrohlich empfinden musste wie ich, der wird mit ihm nie abgeschlossen haben. Wenn ich von verlässlichen Freunden erfahre, dass ein Film gut ist, gucke ich ihn an, egal, ob er im Osten oder im Westen spielt. Die beiden genannten Filme habe ich bis jetzt mit größtem Genuss je dreimal gesehen.

Wie erklären Sie Ihren Enkeln oder Ihrer elfjährigen Tochter, was die DDR war?

Darüber rede ich am liebsten nur dann, wenn die Kinder danach fragen. Ich habe meinen Vater nie gefragt, was die Weimarer Republik oder das Kaiserreich war, und weiß heute trotzdem einiges davon. Meine Kinder, auch das kleine, haben freiwillig ihres Vaters Buch "Abgehauen" gelesen ...

... in dem Sie die Zeit von Ihrem Ausreise- antrag im April 1977 bis zur Übersiedelung in den Westen zwei Monate später dokumentieren.

Das ist für Wissensdurstige der beste Schluck aus der DDR-Pulle, den es gibt. Anders ist es mit der Nazizeit. Darüber rede ich schon mal ungefragt, und dann deutlich, mit warnendem Ton.

In der DDR waren Sie ein gefeierter Filmstar gewesen - in der Bundesrepublik fingen Sie wieder von vorn an. War es ein Antrieb, der Partei und der Stasi und allen, von denen Sie drüben schikaniert worden waren, zu zeigen: Ich schaff das hier im Westen?

Allerdings. Aber es gab auch Leute, die mich nicht schikaniert, sondern ernsthaft geglaubt haben, ich hätte durch mein Weggehen die Arbeiterklasse verraten. Und es gab Leute, für die ich der DDR-Einäugige unter den DDR-Blinden war, einer, für den es im Westen keine Chance gab. Das alles war durchaus Ansporn für mich. Und manche Leute habe ich durch Erfolg im Westen wohl auch ermutigt, ihren Aus- reiseantrag in der DDR nicht zurückzuziehen. Doch der West-Erfolg fiel mir nicht in den Schoß. Hier lauerten Produzenten unangenehmer Art, Kleinkapitalisten, die mich ausbeuten wollten. Es war hart, wegen eines miesen Honorars ein Fernsehspiel zurückzugeben. Das stimmte die Herren missgünstig. Eine Zeit lang wollte ich den Beruf wechseln.

Vom Schauspieler zum ...?

... Trödler, vielleicht mit Aufstieg zum Raritätenhändler.

Im Osten waren Sie auch als Sänger sehr beliebt, im Westen waren Ihre Platten dann wenig begehrt. Waren Ihre Gesänge mit Charles Brauer im "Tatort" Ihre späte Rache am ignoranten West-Publikum?

Rache am Publikum? Was geht Ihnen durch den Kopf? Wir waren das einzige "Tatort"-Duo, das die Morde nicht ganz so wichtig nahm, dafür aber entzückend trällerte. Ein Geschenk ans Publikum. Die "Tatort"-CD hat sich immerhin 150 000- mal verkauft, was für zwei ältere Herren nicht übel war in dem Meer von CDs. Das West-Publikum war nicht ignorant. Es kannte mich nicht, und es kannte meine Art Unterhaltungsmusik nicht. Da kam plötzlich ein Kahlkopf jenseits der 40 und sang ein Zeug, das man im Westen noch nicht gehört hatte und das nicht ganz so sahnig zu konsumieren war wie "Beiß nicht gleich in jeden Apfel" ...

... ein Liedchen von Wencke Myhre.

Das Ost-Publikum war mit mir gemeinsam jung gewesen und ist mit mir gealtert. Wir erlebten einen gegenseitigen musikalischen Erziehungsprozess, der 1957 begonnen hatte, in dem es Jazz-Elemente, Chanson-Texte und raffinierte Arrangements und Melodien von Günther Fischer gab. Meine erste West-Platte, arrangiert von Peter Herbolzheimer, kriegte vor 30 Jahren auf Anhieb die "Goldene Europa", freilich nicht vom West-Publikum, sondern von Musikfachjournalisten, die es damals noch gab.

Bald nach Ihrer Übersiedelung in den Westen drehten Sie die Fernfahrer-Serie "Auf Achse" und reisten dafür von Kontinent zu Kontinent. Ein Kulturschock?

Nein, eine Wohltat. Ich konnte dasjenige nachholen, wovon mich die DDR ausgesperrt hatte: die Welt anschauen. Was für ein Privileg! Es war harte Arbeit, und doch war es das größte Bildungsunternehmen meines Lebens, das viele Jahre dauerte.

Wo war's am schönsten?

In der Atacama-Wüste im Norden Chiles. Man sagt, es sei die trockenste Wüste der Welt, dort habe es seit der Zeit der Conquistadoren ...

... der spanischen Eroberer im 16. und 17. Jahrhundert ...

... nicht geregnet. Und mehr noch: Die über 1000 Jahre alten indianischen Mumien in ihrem Sandgrab sind durch keinen Tropfen Wasser verdorben worden, man kann sie in den Oasen besichtigen, deren schönste San Pedro de Atacama ist. Wer mit sich selbst gut klarkommt, der sollte dort hinfahren, sich nachts auf dem sandigen Friedhof von San Pedro auf den Rücken legen und den Himmel betrachten, durch den unsere Erde fliegt. Davon kann man süchtig werden, und man vergisst es nie im Leben.

Sie waren der Trucker Franz Meersdonk, Sie waren Kommissar Stoever, Sie waren der Anwalt Liebling aus Kreuzberg - in welcher Rolle sahen Sie sich am liebsten?

Das ist wegen der verschiedenen Zuschauergruppen kaum zu vergleichen. Ich wusste es aber zu schätzen, wenn ich mich nicht um die Bücher zu kümmern brauchte. In dieser Hinsicht war "Auf Achse" das mit Abstand härteste Brot. Die meisten Drehbücher waren unter aller Sau. Es gab keinen Feierabend, an dem die Regisseure nicht gemeinsam mit mir an den Büchern arbeiten mussten. Die große Ausnahme unter den Autoren war Jurek Becker, bei dessen "Liebling Kreuzberg" alles stimmte. Die Geschichten waren gut und die Dialoge geistreich. Bei diesen Büchern konnte ich mich regelrecht ausruhen, und in der Rolle fühlte ich mich auch am wohlsten.

Der kannte Sie ja auch ziemlich gut - Jurek Becker war bis zu seinem Tod 1997 Ihr bester Freund. Was verband Sie beide?

Er war so jung wie ich, als wir uns kennen- lernten, 18 Jahre. Wir hatten damals die Kraft der Jugend, einander alle Fehler zu verzeihen. Das war das eine. Das andere war, dass wir uns sehr gut verstanden. Wir lachten über dieselben Witze, sahen dieselben Filme, lasen dieselben Bücher. Idealerweise waren unsere Geschmäcker nur bei Freundinnen total diametral. Gott sei Dank.

Becker und Sie schrieben sich stets Postkarten, die Sie gesammelt haben. Lesen Sie uns eine vor, die Ihnen liebste vielleicht?

Davon gibt es viele. Diese ist besonders komisch:
Saarbrücken, 9.11.1992
Lieber Manfred,
neulich habe ich allen Mut zusammengenommen und bin Deinem Rat gefolgt. Eine hübsche Frau hielt mir ein Buch zum Signieren hin und bat, ich sollte schreiben - Für Anna. Ich habe hingeschrieben: Für Anna - Jurek Becker, Pullmann-Hotel, Zi. 416. Um es kurz zu machen: aus der Sache ist nichts geworden. Du mußt mir das nochmal genauer erklären ...

Sie haben einmal gesagt: "Freundschaft schloss ich in jungen Jahren, da ließ ich andere Leute noch an mich heran." Warum fiel es Ihnen später schwer, Nähe zuzulassen?

Je älter ich geworden war, desto schneller fand ich heraus, wessen Nähe man lieber nicht zulassen sollte. Das ist nützlich in einer Zeit, die voll von falschen Freunden ist. Ich glaube, eine dosierte Zurückhaltung bewahrt mich vor verbrecherischen Kaffeefahrten ebenso wie vor Trickbetrügern, fingierten Losgewinnen und anderen freundschaftlichen Annäherungen aller Art, vor denen der Staat zu wenig schützt. Nähe zuzulassen fällt mir nicht schwer. Müssen nur die richtigen Leute sein. Im Tierreich wären sie eher Schafe, Pferde, Meerschweinchen - und nicht Löwen, Haifische, Tasmanische Teufel.

Haben Sie denn viele Freunde?

Eh, Mann, warum so intim? Würden Sie mich etwa bedauern, wenn ich die Frage verneinen würde? Das fehlte mir gerade noch. Wie viele Freunde haben Sie denn? Raus damit, dann sage ich Ihnen, ob ich mehr habe.

Richtig gute? Drei, vier. Nun Sie.

Unter Schauspielern zum Beispiel eine Handvoll, und das ist eine Menge. Charles Brauer, Tilo Prückner und Christoph Hofrichter und zwei, drei andere gute Menschen. Ansonsten sind Schauspieler Leute, die sich kosen und knutschen, sobald eine Kamera läuft, und dann ist wieder jeder dem andern sein Deibel. Freundschaft ist mir am liebsten, wenn ich keinen Nutzen aus ihr ziehen muss. Dann ist sie ein wahrer Herzensluxus und allemal wichtig genug. Sogar die Ehe, wenn überhaupt, sollte in erster Linie aus Freundschaft geschlossen werden. Darf ich Ihnen dazu meine Lieblingsstelle aus Brechts "Keuner-Geschichten" zitieren?

Bitte.

"Es ist ein weitverbreiteter Unfug, dass die Liebe über die Freundschaft gestellt wird und außerdem als etwas völlig anderes betrachtet. Die Liebe ist aber nur so viel wert, als sie Freundschaft enthält, aus der allein sie sich immer wiederherstellen kann. Mit der Liebe der üblichen Art wird man nur abgespeist, wenn es zur Freundschaft nicht reicht."

Als junger Mann haben Sie sich Zettel gemacht, auf denen stand: "Ich muss lernen, nicht immer alles besser zu wissen." Was aber oft nichts genützt habe, wie Sie mal erzählten. Sind Sie mit den Jahren milder geworden?

Ich weiß nicht, ob man das "milder" nennen kann, wenn jemand aufhört, alles besser zu wissen. Denn er weiß ja noch immer alles besser, hat nur aus Anpassungsgründen gelernt, darüber zu schweigen. Solche Zettel habe ich mir nicht als junger Mann, sondern im Alter von 13 Jahren gemacht, was auf die Fähigkeit zur Selbsterziehung hindeutet.

Ein wenig Selbstkritik zum runden Geburtstag? Was bereuen Sie? Gibt es jemanden, bei dem Sie sich entschuldigen möchten?

Wenn ich es ehrlich meinte, würde das wohl ein Buch werden. Zu viel für ein kurzweiliges Interview ... Immerhin, ein Anfang ist gemacht. Ich entschuldige mich aus tiefstem Herzen bei allen Mitmenschen, die eine von mir empfohlene Aktie gekauft haben und enttäuscht worden sind. Keine Entschuldigung bei den Zockern, die das Spiel kennen. Nur bei denen, die nicht klüger waren als ich selbst.

Sie meinen Ihre Werbespots: Als die Telekom an die Börse ging, ermunterten Sie Kleinanleger, in T-Aktien zu investieren; die Aktie brachte ihren Besitzern einigen Verlust. War das Ihr größter beruflicher Fehler?

Ja. Eben weil er die Käufer zu Schaden gebracht hat. Das Mindeste, was man sagen muss: Er hat ihnen nicht den Gewinn gebracht, den sie nach ihrem Einsatz erwarten durften. Das gilt auch für mich, der ich aus Überzeugung ebenfalls diese Aktien kaufte. Ich war aus dem Osten gekommen, wo kein Mensch von Marienborn bis Wladiwostok je eine Aktie kaufen konnte. Ich hätte mich hinter meiner kapitalistischen Unbedarftheit verstecken können.

Aber?

Trotzdem wollte ich mich nicht blamieren, sondern den Leumund behalten, eine ehrliche Haut zu sein. Deshalb fragte ich bei jeder Begegnung mit den zuständigen Herren: "Wie ist die Lage? Kann ich guten Gewissens eure Ware empfehlen?" Was kann ein Schauspieler sonst tun? Auch wer Rasierklingen anpreist oder Klopapier oder Lakritz - er muss die Hersteller nach der Qualität ihrer Ware fragen. Sicher sein kann er nie. Er kann nicht eben mal Metallurgie, Chemie oder Ernährungswissenschaft studieren. Wenn er niemandem traut, bleibt nur eins: Er muss von der Werbung die Finger lassen.

Haben Sie Ihre Telekom-Aktien noch?

Ja. Alle. Ich betrachte es als eine Art Selbstbestrafung. Es sind bis heute die einzigen Aktien, die ich selbst gekauft habe.

2003 erschienen Ihre Memoiren "Mein schönes Leben", die beim Eintritt in die Schauspielschule enden. Damals kündigten Sie eine Fortsetzung an. Wie weit sind Sie damit?

Die Präzision der Erinnerungen lässt nach, je älter man wird. Und viele von den Menschen leben noch, die sich wiedererkennen und klagen könnten. Man muss schrecklich aufpassen. Ich bin dabei, Ereignisse zu sammeln und zu datieren. Wenn ich mit dem Aufschreiben fertig bin und feststelle, dass alles langweilig ist, dann werde ich den ganzen Schinken nicht veröffentlichen, sondern den Kindern vermachen, auch dem kleinen.

Herr Krug, eins noch: Woher haben Sie eigentlich die Narbe auf Ihrer Stirn?

Das war ein bisschen Eisen. Es passierte in der Zeit, als ich Stahlschmelzer in Brandenburg war. Das Eisen war flüssig.

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