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Nina Hoss: Die Anti-Diva

Eigentlich müsste eine Schauspielerin, die so erfolgreich ist, ziemlich abgehoben sein. Aber Nina Hoss macht allürenfrei und ohne Brimborium einfach einen guten Job. Ihr Geheimnis? Liegt irgendwo zwischen Augenbraue und Oberlippe.

Von Oliver Fuchs

Treffpunkt Bühneneingang, 21 Uhr, hatte es geheißen. Um 20 Uhr 59 und 59 Sekunden fliegt die Tür auf, und Nina Hoss stürzt heraus, streckt einem auf der Treppe schon die Hand entgegen, und ehe man "Hallo" sagen oder "Hoppla" denken kann, ist sie da. Fester Händedruck, gusseisern geradezu. "Tschuldigung, ich hab noch den Zweiten Weltkrieg unter den Fingernägeln."

Wow. Verdammt guter erster Satz. So fangen Spionagethriller an, alles Weitere ergibt sich dann, Geiselnahme, Verfolgungsjagd, Romanze zwischen Besatzungsoffizier und schöner Widerstandskämpferin. Hoss trägt eine zerknitterte Papiertüte unterm Arm, aus der ein Kleid hervorquillt und anderer Frauen-Krimskrams, was man halt so braucht als Doppelagentin. Wir gehen hinüber zu ihrem Auto, einem silbernen VW Polo, sie wuchtet die Tüte in den Kofferraum, wo Flaschen und Malerzeug herumkugeln, Sauerei, wie sieht es hier denn schon wieder aus, schmeißt den Motor an und braust los, als gelte es, den russischen Geheimdienst abzuschütteln. Irgendwie hat man sich die Frau zarter besaitet vorgestellt. Aber das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich junge, blonde Schauspielerinnen grundsätzlich nur als Hascherl vorstellen kann. Auch wenn es sich, wie im vorliegenden Fall, um eine hochdekorierte deutsche Schauspielerin der Gegenwart handelt. Für ihre Darstellung der "Medea" am Deutschen Theater in Berlin wurde sie Anfang des Jahres mit dem Gertrud-Eysoldt-Ring ausgezeichnet (den auch schon Gert Voss, Edith Clever und Sepp Bierbichler tragen), und kurz danach bekommt sie bei der Berlinale den Silbernen Bären für ihre Rolle als "Yella" in Christian Petzolds Mystery- Wirtschaftsthriller.

"Hä, nicht verdient? Aber sicher hab ich den verdient!"

Als im Berlinale-Palast ihr Name ausgerufen wird, zoomt die Kamera auf ihr Gesicht, sie kräuselt die Oberlippe, zieht die linke Augenbraue hoch, der berühmte Hoss-Ausdruck, der hier fundamentales Erstaunen, beinahe Entsetzen signalisiert. Am Ende ihrer Dankesrede sagt sie, dass sie es schon interessieren würde, warum sie diesen Preis bekommen habe. Der Polo heizt mit Karacho von Berlin- Mitte Richtung Prenzlauer Berg. In den Kurven scheppert es von hinten, klappern Pinsel und Spachteln gegen Glas. Frau Hoss, Sie haben also das Gefühl, den Silbernen Bären nicht verdient zu haben? Sie nimmt den Blick vom Steuer, fixiert den Beifahrer, Oberlippe gekräuselt, Augenbraue hoch, und jetzt ist das ein Ausdruck der Empörung. "Hä, nicht verdient? Aber sicher hab ich den verdient!" Themawechsel. Interviews mit jungen blonden Schauspielerinnen sind ja, vom Nachrufeschreiben mal abgesehen, die undankbarste journalistische Tätigkeit. Das liegt daran, dass sie verlässlich den immergleichen Quark heraustexten: Total versenkt habe man sich in die Rolle, bis an die Grenzen sei man gegangen, körperlich und psychisch sowieso, nah an den Abgrund und so weiter. Nina Hoss sagt, während sie eine fast rote Ampel überfährt: "Schauspielerei ist echt Maloche." Und: "Jeder andere Beruf ist genauso besonders." Was für eine lässig pragmatische Berufsauffassung! "Ich kümmer mich halt um die Figur", auch so ein Satz, der hängen bleibt.

Um in Stimmung zu kommen, hört sie Musik. Für jede Rolle gibt es eine Playlist auf ihrem iPod. Bei "Medea" erwies sich „Killing In The Name“ von Rage Against The Machine als hilfreich. Und wo wir gerade von Maloche sprechen: Nina Hoss ist wahrscheinlich die am härtesten arbeitende Frau in der ganzen Branche. Im Kino ist sie zurzeit in "Yella" zu sehen, als schlafwandlerisch todessüchtige Rätselfrau, irgendwie weggetreten und gleichzeitig voll da, und in "Hannah" als kapriziöse Fotolaborantin, die glaubt, dass ihr Leben genauso vorhersehbar sein muss wie die Wirkung der Chemikalien im Entwicklerbad. Außerdem spielt sie gerade in Berlin am Deutschen Theater die "Medea", die Rosalinde in der "Fledermaus", und - eben zum 150. Mal! - die Gräfin Orsina in "Emilia Galotti". Ganz davon zu schweigen, dass es in ihrer neuen Wohnung beträchtlichen Renovierungsbedarf gibt. Tapezieren, Putzausbessern, Parkettschleifen, solche Sachen. Da legt die Frau, die - in reflexhafter Gleichsetzung mit ihren Rollen - oft als "geheimnisvoll" und "verletzlich" beschrieben wird, gern selbst Hand an. Das Schwarze unter ihren Fingernägeln hat sich jedoch nicht beim Heimwerken angesammelt, sondern bei den Dreharbeiten zu "Anonyma". Berlin 1945, die Rote Armee marschiert ein, Trüm- mer, Tote, Vergewaltigungen. Drei Monate Dreharbeiten, ziemliche Maloche.

Sie kümmert sich um ihre Figur, sie macht ihren Job, das genügt

Es gibt eine schöne kleine Szene in "Hannah", die sozusagen typisch Hoss ist. Die kontrollsüchtige Hannah hat gerade mit ihrem Freund geschlafen, in seinem Wohnzimmer, es war seliger, glücklich machender Sex, aber jetzt zieht sie sich an und will gehen. "Ich würd so gern mal neben dir aufwachen", sagt er traurig. Darauf sie: "Ich kann nicht schlafen, wenn neben mir geatmet wird." Pause. "Dann atme ich nicht." Hannah kräuselt die Oberlippe, zieht die linke Augenbraue hoch und lächelt. Eine winzige Geste, zärtlich und kalt, zögerlich und entschlossen, ein kurzer Blick, der mehr sagt als das ganze Psycho- Brimborium, das andere Schauspieler aufbieten. Nicht jede Rolle, sagt Nina Hoss, erfordere einen Heulkrampf. Hoss ist zum Glück keine Virtuosin, nichts an ihrem Spiel ist übertrieben originell oder trickreich. Sie kümmert sich um ihre Figur, sie macht ihren Job, das genügt. Natürlich schläft Hannah am Ende allein. Am Anfang von "Yella" befreit sie sich aus einem Auto, das in einen Fluss gestürzt ist, sie schleppt sich ans Ufer und sinkt entkräftet zu Boden. Während Yella da liegt, sieht man ihr leeres Gesicht in Großaufnahme.

Dann steht sie auf und läuft los, läuft immer weiter, läuft wie durch einen Traum und ist doch hellwach, unbeirrbar. Auch Nina Hoss hat, so scheint es, eine Art inneres Navigationsgerät, das sie vor Irrwegen und Fehlentscheidungen bewahrt. Sie wird entdeckt von Bernd Eichinger, der sie gleich das "Mädchen Rosemarie" spielen lässt, 1996 war das, sie fängt ganz oben an, lacht von allen Illustrierten-Titelbildern, und eigentlich hätte sie noch eine Weile komfortabel auf dem Eichinger- Eventmovie-Ticket weiterfahren können. Doch sie bringt lieber die Schauspielschule zu Ende und spielt dann am Theater die "Minna von Barnhelm". Koks-Partys und Fotosessions in der Karibik, das hätte irgendwie auch nicht zu Nina Hoss gepasst, die 1975 in Stuttgart geboren wurde, als Kind der Theaterintendantin Heidemarie Hoss. Ihr Vater ist Gründungsmitglied der Grünen und nimmt sie mit zu den ersten Parteitagen, dort spielt sie unterm Tisch mit ihren Puppen, während Papa mit Rudi Dutschke diskutiert.

Schön, aber nicht einschüchternd schön

Sie sei ziemlich unneurotisch, hat Nina Hoss mal gesagt. Das will man jetzt natürlich genauer wissen, das heißt, eigentlich will man sich vom Gegenteil überzeugen. Denn wenn jemand sagt, er sei unneurotisch, schrillen ja sofort sämtliche Alarmglocken. Hoss parkt ihr Auto im Berliner Bötzowviertel, einem Reservat für mitteljunge Ex-Hipster in Medienberufen, und schlägt vor, bei ihrem Lieblingsitaliener "Brot und Rosen" eine Kleinigkeit zu essen. Moment mal, "Brot und Rosen", war das nicht mal ein Schlachtruf streikender Arbeiterfrauen? Hoss bestellt ein als "Zucchinicarpaccio" ausgewiesenes dürres Arrangement aus Grünzeug und Pinienkernen, dazu Weißwein. Wie sie da sitzt und die Zucchini umschichtet, das ist ein Schauspiel für sich. Erst jetzt im Kerzenschein bemerkt man, wie verdammt schön sie ist. Schön, aber nicht einschüchternd schön, wie in vielen ihrer Filme. "Yella" ist, nach "Toter Mann" und "Wolfsburg", der dritte Film, den Hoss mit dem Regisseur Christian Petzold gedreht hat, der ihr wohl auf produktive Art verfallen ist. Eine symbiotische Beziehung, wie damals bei Marcello Mastroianni und Federico Fellini. Bei Petzold hat Hoss stets mittelständische Existenzen gespielt, die im Niemandsland der Provinz darum ringen, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Bundesdeutscher Mainstream.

Ihr Leben ist ähnlich unglamourös, keine Allüren, keine Verhaltensauffälligkeiten, nicht mal eine Affäre mit Bernd Eichinger. Hoss ist alles andere als eine Diva, und gleichzeitig ist sie die einzige deutsche Schauspielerin, die genug Format hat, um in der internationalen Diven-Liga mitzuspielen. Bei Claude Chabrol zum Beispiel, wie ihr Vorbild Romy Schneider, oder gleich in Hollywood. Aber bei diesem Stichwort schaut sie einen fragend an. Hä, Hollywood? Hoss sagt oft und gern hä. Frustrierend: Den ganzen Abend fahndet man nach einem Indiz für eine kleine Neurose, aber man findet nichts. "Ich verehre Romy Schneider, aber so leben wie sie will ich nicht", sagt Hoss. "Wenn das der Preis ist, um so gut spielen zu können, dann ..." Sie schaut auf die Uhr. Es ist spät geworden. Nein, keinen Wein mehr, danke. Sie muss früh raus. Das ist sie sich schuldig, als Malocherin.

Neue Filme mit Nina Hoss

Yella, eine junge Ostdeutsche, sucht ihr Glück im Westen und findet eine Welt aus Zahlen, Glas und Stahl. Ein Risikokapitalmanager wird erst ihr Businesspartner und dann ihr Geliebter. Regisseur Christian Petzold erschließt ein Milieu, das bisher kaum als film-, geschweige denn thrillertauglich erachtet wurde, und gewinnt ihm einige Momente beklemmender Spannung ab. Zur turbokapitalistischen Studie kommt noch eine Hokuspokus- Geisterstory dazu, die leider nicht ganz so überzeugend ist.

Hannah

hat einen Job, ein Kind und einen Partner - aber kein Leben. Sie steht sich selbst im Weg mit ihrer Zwangsschüchternheit. Das ist stellenweise rührend und lustig, aber nicht abendfüllend. Stehen wir uns nicht alle irgendwie selbst im Weg, wenigstens ein bisschen?

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