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Rekord von Queen Elizabeth II. Was bleibt von einer Königin, die Bahnstrecken eröffnet?


Rekord! Heute wird Queen Elizabeth II. ihre Ur-Urgroßmutter Victoria überholen. Grund zu feiern? Iwo. Elisabeth eröffnet lieber eine Bahnstrecke. Doch was bleibt von ihrer Regentschaft? Nichts, behauptet ein Historiker.

Geschafft! Heute erreicht die Queen ihren ganz persönlichen Meilenstein. Ein Datum, das zu erleben vermutlich ihren Sportsgeist geweckt hat. Sie überholt ihre Ur-Urgroßmutter Victoria als am längsten regierender britischer Souverän. Deren Rekord lag bisher bei 63 Jahren, 216 Tagen und 23 Minuten. Am 9. September in den späten Abendstunden ist es soweit. Elisabeth II. kommt an Victorias Stelle ins Guinness Buch der Rekorde.

Macht der Job ihr eigentlich noch Spaß nach all den Jahren? Wohl schon, einen Hinweis darauf gibt immerhin das Kissen, das in ihrem privaten Wohnzimmer auf Schloss Balmoral in ihrem Lieblingssessel liegt: "It's good to be Queen" lautet die Aufschrift, also scheinbar alles gut mit ihrer Motivation.

Enkel Prinz William sagt, die 89-Jährige ist ein großes Vorbild für ihn und viele in seiner Generation. Sie verkörpere die klassischen Werte Familie, Wohltätigkeit und Pflichtgefühl, sie stehe für Toleranz, Vergebung und Versöhnung wie kaum ein anderes Staatsoberhaupt weltweit. Und das schon so lange, dass die meisten Menschen in Großbritannien und in aller Welt sich eigentlich niemand anderen an ihrem Platz vorstellen können. Kein Wunder, jeder Brite unter 60 kennt kein anderes Staatsoberhaupt als sie, bezahlt sein Leben lang mit Geldscheinen und -münzen, auf denen ihr Konterfei zu sehen ist und wirft seine Post in rote Briefkästen, auf denen ihr Wappen prangt.

Was bleibt von einer Königin, die Bahnstrecken eröffnet?

Doch wenn eines fernen Tages das Siegel "Elizabeth Regina" durch "Charles Rex" ersetzt wird, was bleibt dann vom "zweiten elisabethanischen Zeitalter"? Queen Victoria, nach der in der Tat eine historische Periode benannt wurde, herrschte noch im wahrsten Sinne des Wortes als Königin und Kaiserin nicht nur über ein Königreich, sondern über ein ganzes Empire. Sie stand über allem, war unantastbar uns verweigerte nach dem Tod ihres geliebten Mannes Prinz Albert die Regierungsgeschäfte jahrelang ganz.

Attitüden, die sich die heutige Queen niemals erlauben könnte. Regierung und Öffentlichkeit beobachten genau, ob die Monarchin und ihre Familie genug arbeiten für ihr Geld und ob sie sich aus dem politischen Tagesgeschäft heraushalten, wie es verfassungsmäßig vorgesehen ist. Elisabeth hat das Recht, von ihren Premierministern (bisher inklusive David Cameron zwölf an der Zahl) gehört zu werden, ihnen zu raten und sie zu warnen. Konkretere politische Forderungen zu stellen, liegt jedoch nicht in ihrer Macht.

Was also bleibt von einer Queen, die lediglich als Sprachrohr einer demokratisch gewählten Regierung fungiert? Der britische Historiker David Starkey hat kürzlich verlauten lassen, seiner Ansicht nach hätte die Queen in 63 Jahren nichts gesagt oder getan, an das sich später einmal irgendjemand erinnern würde. Queen Elizabeth II. eine historisch bedeutungslose Marionette? Wohl kaum.

Die eiserne Queen

Die britische Königin spielt als Symbol- und Identifikationsfigur seit Jahrzehnten eine sehr wichtige stabilisierende Rolle spielt in der britischen Gesellschaft. Sie lebt vor, dass es noch Standhaftigkeit, Pflichtbewusstsein und Bescheidenheit gibt. Sie fährt zwar immer noch in der goldenen Karosse zur Parlamentseröffnung, aber wenn sie übers Wochenende nach Windsor reist, nutzt sie Ihren Seniorenpass, um in einem ganz normalen Vorortzug preiswert und umweltschonend ans Ziel zu kommen.

An diese vorbildhafte Lebensart, sich zu jedem Anlass zuverlässig "adequate" (angemessen) zu verhalten, wird man sich mit Bewunderung erinnern. Umso mehr, als Nachfolger Charles da etwas anders tickt. Sie hat schon vor langer Zeit begriffen, dass es als Staatsoberhaupt in der heutigen Zeit, in der sich alles schneller wandelt, als man recht erfassen kann, nicht ihre Mission ist, tatsächlich über ihr Volk zu herrschen, indem sie politischen Einfluss ausübt, sondern durch Standhaftigkeit in allen Lebenslagen ihren krisengeschüttelten Untertanen Halt zu vermitteln, und die Hoffnung, auch diese schwere Lebensphase wieder gut zu überstehen, wenn man sich nur nicht gehen lässt.

"Keep calm and carry on" war eigentlich ein Propaganda-Slogan, den die britische Regierung während des Zweiten Weltkriegs ausgeben hatte. Aber ein bisschen ist es über die Jahre wohl auch das geheime Motto der Queen gewesen: als drei ihrer vier Kinder sich nacheinander skandalträchtig scheiden ließen, Schloss Windsor beinahe abbrannte und nach dem plötzlichen Tod von Prinzessin Diana die Monarchie ernstlich in Gefahr geriet.

Und wie begeht die neue Rekordhalterin ihr Jubiläum? Tagsüber gibt es „business as usual“ in Schottland. Auch heute wird sie wieder ihr rotes Köfferchen mit der Tageskorrespondenz öffnen und erledigen, was zu erledigen ist. Danach wird Elisabeth die neue Bahnstrecke der Borders Railway eröffnen und die 31 Meilen zwischen Edinburgh und Tweedbanks in der Grafschaft Midlothian per Dampflok zurücklegen. Glamour? Pomp? Party? Fehlanzeige.

Von dem Rekord ihrer Monarchin werden die Briten nicht viel mitbekommen. Zwar gibt es in der Londoner St. Paul's Cathedral einen Gedenkgottesdienst und überall im Land besondere Würdigungen wie Salutschüsse oder die Leuchtschrift "Long may she reign" am Funkturm der British Telecom in London, doch auf Feuerwerk oder gar einen Feiertag müssen ihre Untertanen verzichten.

Erst am Abend wird es dann gemütlich in Aberdeenshire: diverse Familienmitglieder, unter Ihnen William und Kate versammeln sich in Balmoral zu einem Familiendinner, um auf den besonderen Anlass anzustoßen und vielleicht für die royale Patriarchin den passenden Toast auszubringen: "Keep calm and reign on!"


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