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Standesdünkel: Wer fremd freit, wird abgestraft

Der deutsche Adel achtet streng auf ebenbürtige Ehepartner. Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen ging vor Gericht, da er als unstandesgemäß verheiratet vom Erbe ausgeschlossen wurde.

Ob Horst Köhler nun Bundespräsident wird oder doch statt seiner Gesine Schwan, darüber entscheidet nicht das Familienbuch der Kandidaten, sondern ihr Parteibuch. "Für die Bestimmung des Staatsoberhauptes haben Ehe- und Familientraditionen von adeligen Familien heute keine Bedeutung mehr", urteilte das Bundesverfassungsgericht vor zwei Monaten. Die Karlsruher entschieden damit keinesfalls einen Streit um Kaisers Bart, es ging vielmehr um das Erbe des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II. von Preußen.

Angerufen hatte das höchste deutsche Gericht Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, ein Urenkel Kaiser Wilhelms. Sein Vater Louis Ferdinand hatte ihn als ältesten Sohn beim Erben übergangen, weil er "in einer nicht hausverfassungsmäßigen Ehe" lebte. Der Prinz hatte 1967 eine Bürgerliche geheiratet. Die Mesalliance verstieß grob gegen die strengen Hausgesetze. Als ebenbürtig gelten den vor 85 Jahren abgedankten Preußen nur Töchter aus regierenden oder standesherrlichen Häusern. Und evangelisch müssen die Bräute auch noch sein.

"Auswahl ist außerordentlich gering"

Zwar hatte Friedrich Wilhelms Großvater, Kronprinz Wilhelm, schon 1943 geunkt, "dass die Auswahl unter den ebenbürtigen Damen protestantischen Glaubens außerordentlich gering ist". Aber Louis Ferdinand bestand auf standesgemäßer Heirat der Söhne. Eine Liste mit ihm genehmen Kandidatinnen sollte die Preußenprinzen bei der Stange halten.

Doch Louis Ferdinands älteste Söhne pfiffen auf Vatis Vorschläge. Zunächst ehelichte der Jüngere, Michael, eine katholische Dame. Dann gab Friedrich Wilhelm der religionslosen Waltraud Freydag das Jawort. Beide Prinzen verzichteten "für sich und ihre evtl. Deszendenz auf die etwaigen Thronrechte", so das Handbuch des Adels kühl.

Enkel wurde Thronanwärter

Zum Anwärter auf den imaginären Thron und stattlichen Besitz erkor Louis Ferdinand seinen Enkel Georg Friedrich, weil dessen Vater hausgesetzestreu die Gräfin Donata zu Castell-Rüdenhausen geheiratet und für männlichen Nachwuchs gesorgt hatte, bevor er nach einem Wehrunfall verschied.

Die Kabale im Kaiserhaus ist kein Einzelfall. Im deutschen Adel, der rechtlich nur noch aus Namensbestandteilen von rund 100 000 Bundesbürgern besteht, beharrt man streng auf Inzucht. Wer fremd freit, wird abgestraft. So verlor Erbprinz Karl Emich aus dem Hause Leiningen 1991 das Erbe, weil er ohne Genehmigung seines Vaters die Juristin Gabriele Thyssen geheiratet hatte.

Päpstlicher als der Papst

Obwohl - oder vielleicht gerade weil - Deutschlands Könige, Herzöge, Fürsten, Grafen und Barone 1918 ihre Standesprivilegien verloren, sind sie, was die Tradition angeht, päpstlicher als der Papst. 132 Bände umfasst das "Genealogische Handbuch des Adels", kurz "Gotha". Dem deutschen Adligen dient es als unentbehrlicher Ratgeber bei der Gattenwahl, "da nur wenige, meist unbedeutende Familien bisher ihre Genealogien nicht eingereicht haben", wie Freiherr v. Fritsch-Seerhausen hochnäselt.

Die europäischen Königshäuser sehen das alles längst nicht mehr so eng. Als tatsächlich regierende oder wenigstens repräsentierende Fürsten bestimmen sie aus eigener Machtvollkommenheit, wer standesgemäß ist und wer nicht. "Als König Carl XVI. Gustaf von Schweden 1976 Fräulein Silvia Sommerlath heiratete, war eine Zustimmung nicht erforderlich", schreibt Graf Lennart Bernadotte in seinen Memoiren, "die war sozusagen schon in die Beziehung eingebracht worden."

Werner Schmitz / print