HOME

Tobias Regner: Ein Mann gibt alles!

Er wird gefeiert, egal, wo er auftaucht. Und er taucht jetzt überall auf. Seit seinem Sieg bei der RTL-Show "DSDS" hetzt Tobias Regner von Termin zu Termin. Stets pünktlich, immer freundlich und oft leicht überfordert.

Von Alexander Kühn

Es ist Palmsonntag, der Sonntag vor Ostern, an dem die Christen des Herrn Jesus gedenken und seines umjubelten Einzugs auf dem Esel in Jerusalem. Auf dem Marktplatz von Teisendorf, nahe Berchtesgaden, haben sich Tausende Menschen versammelt, junge wie alte; über Lautsprecher frohlockt ein Moderator: "Er kommt heute Abend zurück in seine Heimat, wo seine Wurzeln sind!"

Um 19.32 Uhr erscheint vor dem Rathaus ein Bus, ein offener Doppeldecker, obendrauf steht er, Tobias Regner, den sie alle Tobi nennen, das Volk kreischt, er winkt und brüllt in ein Mikrofon: "Servus!" Jubel. "Dass ihr extra wegen mir hier herkommen seid!" Gesteigerter Jubel. "Da bin i in d' Schule gangen, da drüben! Es ist der Hammer!"

"Mir fehlen die Worte."

Das Rathaus ist mit Sparkassen-Luftballons geschmückt und mit einem Transparent "Teisendorf grüßt seinen Superstar Tobias". Der Bürgermeister, der sich ebenfalls auf den Doppeldecker geschwungen hat, spricht warme Worte an diesem "bedeutenden Tag", überreicht einen Gutschein zur Pflanzung eines Superstar-Baums, von wegen Wurzeln in der Heimat, und Tobias Regner sagt: "Mir fehlen die Worte." Nachdem er dem Bürgermeister mit einem Bier zugeprostet hat, ereilt ihn doch noch eine Eingebung, und er ruft vom Bus herab: "Zicke-zacke, zicke-zacke, hoi hoi hoi!"

Ein bisschen betrübt ist an diesem Palmsonntag allein Christian Wieninger, Chef der örtlichen Brauerei und Mitveranstalter des Tobi-Homecoming-Events. Wieninger hatte bereits seine weißblauen Firmenfahnen gehisst, da kam ein Anruf von Regners Management, der Agentur "19 Entertainment" in Hamburg: So gehe das nicht! RTL berichte bundesweit von der Veranstaltung - da könne doch der Herr Wieninger den Tobias nicht für seine Werbezwecke missbrauchen. Wieninger hängte seine Fahnen wieder ab.

Jeder Schritt ist genau geplant

Das ist das Erste, was man im Umgang mit Tobias Regner lernen muss: dass seit dem 18. März, als RTL den 23-Jährigen zu Deutschlands neuem Superstar ausrief, jeder seiner Schritte genau geplant ist. Wer mit ihm Werbung machen will, muss einen Vertrag abschließen. Ob er vor einem Auftritt in der Maske fotografiert werden kann, fragt man bitte nicht ihn, sondern seine Managerin. Auch Vater Regner wird zurückgepfiffen, wenn er einen Fotoreporter eingeladen hat, seinen Sohn zu Hause in Teisendorf abzulichten.

An der Tür zum Superstarsein, so scheint es, muss eine Garderobe stehen, an der Tobias Regner und seine Familie das Recht auf die Gestaltung ihres Lebens zu großen Teilen abgegeben haben. Zugriff darauf haben jene, die das Geschäft besser kennen als er - und großes Interesse haben an seinem Vorankommen.

Einen Stundenplan für den Popstar

Da ist die Plattenfirma Sony BMG, bei der gerade sein Album erschienen ist, eines, mit dem er gut leben kann, weil er immerhin drei von ihm komponierte Stücke untergebracht hat - das für seinen Geschmack aber gern rockiger hätte ausfallen können. Dann ist da die Konzertagentur World Concerts, die seine Auftritte plant, auch die Deutschlandtour, zu der er am 27. Mai aufbricht, gemeinsam mit dem zweitplatzierten Superstar Mike Leon Grosch. Schließlich ist da noch die Künstleragentur "19". Die gehört zum Imperium des Simon Fuller, der "Pop Idol" erfunden hat, das Original von "Deutschland sucht den Superstar", genannt "DSDS" - und der in die Verträge der Kandidaten reinschreiben ließ, dass "19" eine Option auf das Management aller zehn Finalisten hat.

"19" besorgte seinem neuen Schützling einen Anwalt und einen Steuerberater, schließlich ist er jetzt Geschäftsmann. Als Managerin stellte die Agentur ihm Andrea vorm Walde zur Seite, Hennalocken, herber Charme, leicht hektisch. Ihrem Superstar ist sie Gouvernante, Amme und große Schwester zugleich. Jede Woche drückt sie ihm einen "Schedule" in die Hand, eine Art Stundenplan. Sie sagt ihm, wo er als Nächstes hinmuss, und ermahnt zum Weitergehen, wenn er durch ausgiebiges Autogrammeschreiben wieder den Zeitplan über den Haufen wirft.

Ob er ein Bier trinken darf?

Regner fragt sie, ob er das helle T-Shirt anziehen soll oder das dunkle. Und ob er vor dem Auftritt bei Stefan Raab noch ein Bier trinken darf, "eins geht, oder?". Er absolviert alle Termine mit gleich bleibender Freundlichkeit und beneidenswerter Gelassenheit, beantwortet auch die dümmsten Journalistenfragen mit großem Ernst, und wenn er dann doch mal etwas selbst entscheiden darf, zum Beispiel, ob er zwischen Soundcheck und Konzert noch mal ins Hotel möchte, wirkt er überfordert.

"Ich mache brav, was das Management sagt", erklärt er in einer halbwegs ruhigen Minute zwischen einem Espresso und dem nächsten Auftritt - "was ich aber gar nicht schlimm finde. Irgendwie bin ich ja momentan so was wie ein Produkt".

Es ist Ostersonntag, der Radiosender Energy hat zu einem Festival in die Münchner Tonhalle eingeladen. Die Sugababes treten auf, Massive Töne, auch Nevio, Vierter bei "DSDS", der zuletzt mit dem Songwriter von Eros Ramazzotti einige Lieder geschrieben hat. Und Tobias Regner. Aufgeregte Teenies fotografieren ihn mit dem Handy, ein Team von Viva dreht mit und wird von stern TV gefilmt, was wiederum ein schönes Bild abgibt für einen mitreisenden Fotografen. Ach, und die Eltern Regner sind auch da, aber für sie hat Tobias an diesem Tag kaum Zeit.

Selbst die Eltern müssen Autogramme geben

Zumindest die RTL-Zuschauer kennen Margret und Johannes Regner, 50 und 58, beide Lehrer, weil sie bei den "DSDS"-Shows immer im Publikum saßen. Die beiden sind das Gegenteil der sprichwörtlich gewordenen Eislaufeltern: unaufgeregt, zurückhaltend. Inzwischen müssen sie selbst Autogramme geben. Johannes Regner sagt, er hoffe, dass sich der ganze Trubel nicht negativ auf die Psyche seines Sohnes auswirkt. Ansonsten bewundere er den Tobi dafür, wie schlagfertig der die ganzen Interviews meistere.

Eine Gruppe junger Menschen wird in die Garderobe hereinbugsiert, sie haben irgendwo ein Treffen mit ihrem Superstar gewonnen. Eine Eva, 24, drückt ihm einen Ring in die Hand. "Ich hab meine Telefonnummer eingravieren lassen", sagt sie. "Wenn du mit mir nach Las Vegas reisen möchtest, ruf einfach an." Die Managerin rollt mitleidig mit den Augen, Tobias sagt: "Da bin ich jetzt leicht überfordert." Und man sieht ihm an, wie er in seinem Gehirn die Frage hin- und herwälzt: Was mache ich hier eigentlich?

Profit!

Deutschland hat den Superhamster. Von telefonbewehrten Teenies auserwählt aus dem großen RTL-"DSDS"-Streichelzoo, strampelt er sich ab in seinem Laufrad, auf dem groß "Profit!" steht; nicht um weiterzukommen oder höher hinaus, denn mehr als Nummer eins der Single- und der Albumcharts geht nicht, sondern um das Rad am Laufen zu halten - und damit den ganzen Betrieb.

Sony BMG erhält den Löwenanteil am Erlös seiner Platten, RTL bekommt etwas ab und der Künstler auch; "19" verdient an fast allem, was er tut, an jedem verkauften Tobi-T-Shirt und jeder Kaffeetasse mit seinem Gesicht neben dem Henkel. Wie viel? Das weiß Tobias Regner gar nicht so genau, das müsse er noch mal nachlesen, sagt er - "aber ja, gute Frage, da sollte ich mich auch mal drum kümmern, das stimmt schon".

Nur: wann denn?

Er eilt von Fernsehshow zu Radiosender zu Liveauftritt. Wird in einer Stretchlimousine mit zwei kleinen Mädchen durch Berlin kutschiert, die beim Kindersender Nick ein Treffen mit ihm gewonnen haben; sitzt wenig später im Viva-Studio auf einem Hocker und muss mit den Handflächen den Takt von "We will rock you" schlagen und dabei Fragen beantworten von der Sorte "Wie heißt die Hauptstadt von Italien?". Zuletzt hat "Bild" ihm sogar eine Superfrau gesucht: Junge Damen konnten sich dafür bewerben, mit dreien ging er essen, eine von ihnen musste er am Ende toll finden. "Bild", er und das Management hatten mehrere Geschichten diskutiert, und von allen dummen war diese noch die harmloseste.

Ganz zufällig war Tobias Regner, frisch diplomierter Kommunikationsdesigner, gerade von der Freundin verlassen, im vergangenen Jahr in die ganze Nummer mit dem Superstar reingerutscht. Der Michi, sein kleiner Bruder, wollte sich bei "DSDS" bewerben, aus Jux, um den Bohlen zu veräppeln - was ihm dann doch zu viel Aufwand war; sein älterer Bruder Ben hatte die gleiche Idee, aber mit ernster Absicht - verpennte jedoch den Termin. Der Einzige, der eine Bewerbung abschickte, war Tobias. Ausgerechnet er, Sänger in diversen regional bekannten Bands, der eigentlich auf Metallica steht.

Irgendwann fand er sich wieder unter den letzten Zehn. Wurde geachtet, weil er ja auch ein Guter ist, aber nie als Favorit gehandelt. Bis er "Purple Rain" sang, den Prince-Schmachtfetzen, und sich eine Gänsehaut über Millionen Fernsehzuschauer legte. Dann flog Nevio raus, der schöne Halbitaliener; dann Vanessa, die hübsche Halbamerikanerin; ins Finale kamen Mike Leon, der smarte Halbkoreaner - und Tobias, der Vollbayer mit dem Wildwuchs im Gesicht. "I still burn" heißt das Lied, das ihm den Sieg brachte - nicht für ihn geschrieben, wie RTL zunächst behauptete, aber immerhin aus einer Internet-Datenbank eigens für ihn ausgesucht. Dass es nach allen Regeln der englischen Grammatik "I'm still burning" heißen müsste, verhinderte nicht, dass der Song die Spitze der Charts erklomm.

Natürlich fragt Regner sich, wie lange er noch brennen wird - und die Fans für ihn. Wie schnell er in der Bedeutungslosigkeit eines Alexander Klaws oder einer Elli Erl verschwindet, den Siegern der ersten beiden Staffeln. Natürlich weiß er, dass die kreischenden Teenies sich nicht mehr für ihn interessieren werden, wenn RTL im kommenden Jahr die vierte Staffel "DSDS" aufrollt. Und man kann nicht behaupten, dass der Gedanke ihn in Depressionen stürzen würde.

Er wird dann halt wieder öfter selbst fahren, statt sich im dicken Benz zum Flughafen chauffieren zu lassen. Wird wieder schönen Rock machen, "meine eigene Mucke, mit Hammerriffs". Und wird eben ein paar Platten weniger verkaufen als im turbulenten Frühjahr 2006. "Solange ich bei Sony BMG unter Vertrag bin", sagt er, "muss ich kommerziell denken." So lange wird er alles tun, um seiner Rolle als Superstar gerecht zu werden. "Der Tobi", sagt sein Vater, "ist ein Menschenfreund. Er macht es gern allen recht."

print