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Was macht eigentlich ...: ... Greta Wehner?

Sie war Sekretärin und Chauffeurin, Haushälterin und Köchin - und seine Stieftochter. 1983 heiratete sie den SPD-Politiker Herbert Wehner und pflegte ihn bis zu seinem Tod 1990

Sie sind 1996 von Bonn nach Dresden gezogen. Warum?

Gleich ab Sommer 1990 und in den Jahren danach bin ich oft in Herberts Heimat gereist. Dabei habe ich gespürt, dass ich - nicht nur bei den Sozialdemokraten - willkommen war. Freundschaften sind entstanden. Als dann die Sachsen das Herbert- Wehner-Bildungswerk gegründet haben, bin ich hergezogen. Herbert hätte das auch gemacht, um zu helfen, die Demokratie hier besser auf den Weg zu bringen.

Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?

Ganz normal. Wie ein 83-jähriger Mensch mit entsprechenden gesundheitlichen Beschwerden eben lebt. Ich lese viel, habe Kontakt zu Freunden, mache Besorgungen und bemühe mich, täglich einen Spaziergang zu machen.

Sie fahren noch Auto?

Ja, beispielsweise zum Einkaufen. Noch geht das, und darüber bin ich froh.

Ist das nicht gefährlich - auch für die anderen Verkehrsteilnehmer?

Als ich aufgehört habe, dienstlich zu fahren, hatte ich über eine Million Fahrkilometer notiert. Wer so viel Auto gefahren ist wie ich, hat eine ganz andere Chance, das Verkehrsgeschehen zu beurteilen als jemand, der gerade seinen Führerschein gemacht hat oder nie regelmäßig fährt.

Vermissen Sie Ihr Haus in Bonn?

Nein, ich habe hier eine schöne Wohnung - und so gut wie alle Sachen, Bücher, Bilder und Möbel mitgebracht. Wenn Hans-Jochen Vogel zu Besuch kommt, freut er sich. Er sitzt räumlich am Wohnzimmertisch, wie er mit Herbert gesessen hat, wenn er zu uns kam.

Was genau machen das Herbert-Wehner-Bildungswerk und die Herbert-und- Greta-Wehner-Stiftung ?

Das Bildungswerk macht Seminare, welche die Leute ermutigen und befähigen sollen, "die Dinge zu regeln, die alle angehen" - wie Herbert Wehner das Wort Politik erklärt hat. Die Stiftung habe ich vor bald fünf Jahren gegründet. Sie hilft dem Bildungswerk und soll es eines Tages in einem eigenen Haus unterbringen.

Ist politische Bildung in Sachsen besonders nötig?

Na, politische Bildung ist überall nötig. Natürlich auch in Sachsen, wo die Rechtsextremen im Landtag sitzen, die Parteien schwach sind und die Wahlbeteiligung niedrig ist.

Sie sind seit über 60 Jahren in der SPD. Gehen Sie noch zu Versammlungen?

Ja, wenn es meine Gesundheit erlaubt, gehe ich zu den Parteitagen, wenn sie in Dresden sind. Aber nicht wie früher von Anfang bis Ende. An Diskussionen kann ich mich nicht mehr beteiligen, weil ich zu schlecht höre.

Woran liegt es, dass die Sozialdemokratie gerade in ihrem Mutterland Sachsen so ein kümmerliches Dasein pflegt?

Na ja, immerhin sind wir an der Regierung und stellen in Leipzig und Chemnitz den Oberbürgermeister. Aber in der Bevölkerung, da sind wir schwach. Das ist die Folge davon, dass die Sozialdemokratie in der Nazi- Zeit und in der DDR brutal beiseitegedrängt und unterdrückt worden ist. Nach 1989 wurden auch Fehler gemacht, aber heute sollten sich alle an die eigene Nase fassen. Rund 4600 Sozialdemokraten in Sachsen, das sind einfach zu wenige. Die Leute sollten nicht über die Politik jammern, sondern selbst etwas tun, Verantwortung übernehmen. Sich politisch-demokratisch zu betätigen muss selbstverständlich sein.

Was, glauben Sie, würde Herbert Wehner in diesen Tagen zu Kurt Beck sagen?

Was Herbert sagen würde, kann ich nicht entscheiden. Das wäre eine Anmaßung. Ich meine: Er würde sich solidarisch verhalten und nicht über Personen reden, sondern über politische Inhalte.

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