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Buchrezension

"Das Parlament": "Das Klischee ist ja immer, es sind macht- und geldhungrige Menschen, die in die Politik gehen"

Im Auftrag des Bundestages hat der Comic-Künstler Simon Schwartz Biografien deutscher Parlamentarier gezeichnet und geschrieben. Wenige seiner 45 "Helden" sind Figuren aus dem Rampenlicht, manche ließen ihr Leben für ihre Überzeugungen, eins aber eint sie alle: der Glaube an eine parlamentarische Demokratie.

Franziska Kessel

Franziska Kessel (1906–1934) war mit 26 Jahren die jüngste Abgeordnete im Reichstag. Von 1932 bis 1933 vertrat sie die KPD für ihren Wahlkreis Hessen-Frankfurt. Im November 1933 wurde sie zu drei Jahren Zuchthaus wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" verurteilt und dort grausam gefoltert. 1934 ließ sie im Gefängnis ihr Leben für ihre Überzeugungen.

Welche Relevanz Personen und Persönlichkeiten für ein Parlament haben, hat der Illustrator Simon Schwartz, 36, in seinem Buch "Das Parlament – 45 Leben für die Demokratie" dargestellt. Schwartz war 2017 vom Kunstbeirat des Deutschen Bundestages damit beauftragt worden, das Leben und Wirken deutscher Parlamentarier nachzuzeichnen, die in den rund 150 Jahren zwischen dem ersten demokratisch gewählten deutschen Parlament 1848 und der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 Wegbereiter waren und Deutschland entscheidend geprägt haben. Die Portraits werden bis Ende August im Reichstag ausgestellt und sind als Buch erschienen. Der stern hat Simon Schwartz zum Interview getroffen.

Buch-Cover

"Das Parlament – 45 Leben für die Demokratie" von Simon Schwartz, Avant-Verlag, 22 Euro, hier bestellbar

Der Untertitel Ihres Buches lautet "45 Leben für die Demokratie". Warum 45 und warum genau diese Biografien?
Die Menge hat sich daraus ergeben, dass der erste Auftrag 20 Biografien waren, 1848 bis 1933 und der zweite 1933 bis 1990, ebenfalls 20. Dann kam die Entscheidung, man möchte auch Vertreter der ersten und einzigen frei gewählten Volkskammer in das Projekt mit aufnehmen. Der Auftrag lautete, Biografien von Parlamentariern zu machen. In meiner Arbeit interessieren mich eigentlich immer eher Personen, die an der Seitenlinie der Geschichte waren. Insofern war klar, dass es für mich nicht reizvoll ist, Adenauer oder Herbert Wehner zu portraitieren. Ich wollte Abgeordnete finden, die eher unbekannt sind. Wer sind denn eigentlich diese Leute, die im Parlament neben den Promis sitzen? Was machen die eigentlich? Was treibt die Menschen dazu, in ein Parlament zu gehen? Was treibt Deutsche dazu, in ein deutsches Parlament zu gehen?

Friedrich Siegmund Jucho

Friedrich Siegmund Jucho (1805–1884) bildet den Auftakt der 45 Parlamentarier, die Simon Schwartz in seinem Buch "Das Parlament" vorstellt. Bei den Wahlen 1848 und wurde er als Abgeordneter in die Deutsche Nationalversammlung entsandt. Nach dem Ende des Paulskirchenparlaments geriet er in Konflikt mit dem Deutschen Bund. Er verwahrte das Archiv der Nationalversammlung mit dem Original der Verfassungsurkunde, es wurde ihm 1852 mit Gewalt abgenommen, doch die Verfassungsurkunde hatte er in Sicherheit gebracht. Nach England, in das "Mutterland der modernen Demokratie", wie Schwartz spöttelt.

Wie hat es sich angefühlt, von so hoher Stelle für eine Graphic Novel ausgewählt zu werden?
Es ist natürlich für mich eine große Ehre als Künstler, aber es geht noch ein bisschen darüber hinaus. Man muss dazu sagen, dass 1926 das Gesetz gegen Schmutz und Schund verabschiedet wurde, was sich gezielt gegen grafische Literatur, ergo Comics, gerichtet hat. Und dieses Gesetz ist in unterschiedlicher Art und Weise in Ost und West wieder bestätigt worden. In der BRD im Jugendschutz, in der DDR gab es sogar konkret die Formulierung "schuldig ist schließlich jeder, der Comics besitzt, verbreitet oder nicht einziehen lässt". Insofern ist es auch ein Ritterschlag für die Kunstform Comic in Deutschland. Deutschland macht da eine Entwicklung in Siebenmeilenstiefeln, die andere Länder schon lange gemacht haben.

Wie sind Sie bei der Gestaltung der Seiten vorgegangen?
Eine komplette Biografie auf einer Seite zu erzählen, ist ein bisschen vermessen. Man kann nur reduzieren und wie Film-Stills Spotlights setzen. Der Text ist ja recht nüchtern gehalten, aber man kann durch die Grafik eine emotionale Erzählebene schaffen und so viele zusätzliche Informationen einbauen.

Neben 33 Männern und 11 Frauen portraitieren Sie auch ein Phantom.
Jakob Maria Mierscheid tauchte das erste Mal 1979 in den Akten des Bundestages auf und ist eigentlich eine Erfindung von mehreren SPD-Abgeordneten. Er äußert oft Dinge, die nicht mit der Fraktionsmeinung zusammengehen, ich glaube, er ist so eine Art Ventil für die SPD. Mierscheid kann auch mal Dinge sagen, die die Partei sonst nicht sagen würde, er ist wie eine Till-Eulenspiegel-Figur. Er hat zum Beispiel eine Abhandlung über Ruderboote geschrieben. Ich finde auch interessant, dass immer wieder andere Parteien sagen, nein, er wäre jetzt zu ihnen übergetreten, was dann von der SPD sofort dementiert wird. Bei der Eröffnung der Ausstellung sprach mich Wolfgang Schäuble darauf an, dass ja auch Mierscheid portraitiert sei und dass er da mal wieder nachhaken müsse, dass der mal wieder öfter im Bundestag erscheine. Mierscheid wird irgendwie auch ernstgenommen und ich glaube, die SPD zahlt für jeden Tag, den er nicht anwesend ist, Strafe. Seit 1979. Norbert Lammert hat ihm öffentlich zum 80. Geburtstag im Bundestag gratuliert, aber auch da hat er sich entschuldigen lassen. Ich glaube, er soll den Geist Carlo Schmids (1896–1979), der ja auch recht humorvoll gewesen sein soll, weitertragen.

Jakob Maria Mierscheid

Jakob Maria Mierscheid ist der einzige noch lebende Abgeordnete der 45 von Simon Schwartz portraitierten Parlamentarier – denn er ist ein Phantom. Als Parteimitglied der SPD wurde er 1979 Mitglied des Deutschen Bundestages, fehlt jedoch permanent bei den Sitzungen. Der Bundestag hat eine Selbstbeschreibung Mierscheids veröffentlicht, in der es unter anderem heißt: "Ich bin weder eine Erfindung, noch ein Patent, ich bin die Lösung." Der fiktive Politiker ist auch als Blogger sowie bei Twitter und Facebook aktiv.


Das Parlament ist also gar nicht so, wie man es sich vorstellt?
Das Klischee ist ja immer, es sind macht- und geldhungrige Menschen, die in die Politik gehen. Wenn man sich damit beschäftigt, zeigt sich aber doch ein anderes Bild. Bemerkenswert ist, dass alle einen völlig unterschiedlichen sozialen Background haben, im Gegensatz zu Frankreich, England und den USA. Dort musst du auf der richtigen Uni gewesen sein, dann kommst du garantiert in ein Parlament. Das ist in Deutschland nicht so, Otto Wels war Tapezierer. Joschka Fischer war Taxifahrer. Aber was sie alle eint, trotz ihrer unterschiedlichen politischen Positionen, ist der Glaube an eine parlamentarische Demokratie. Das klingt wie ein Postkartenspruch, aber das ist nicht selbstverständlich in Deutschland. Und es ist nicht selbstverständlich, dass wir seit 1949 eine parlamentarische Demokratie in Deutschland haben. Das zeigt sich auch an diesen Biografien und an den gescheiterten Parlamenten oder einem Scheinparlament wie der Volkskammer.

Wenn Sie jemandem einen Tipp für die Europawahl geben müssten, wie sollte er sie angehen?
Pro-Europäisch mit Empathie und Humanismus.

Die Ausstellung "Das Parlament – 45 Leben für die Demokratie" kann noch bis zum 31. August 2019 in der Abgeordnetenlobby des Reichstagsgebäudes in Berlin besichtigt werden.

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