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Was macht eigentlich...: Tom Koenigs

Der Bankierssohn arbeitete bei Opel und lernte in der Betriebsgruppe "Revolutionärer Kampf" Joschka Fischer kennen. Bekannt wurde er als Stadtkämmerer von Frankfurt

Zur Person:

Tom Koenigs, 60, mit Assistentin Juana Sales in seinem Büro bei der UN-Mission in Guatemala. Seine Frau und die Kinder leben in Deutschland. Schon in den 70er Jahren unternahm der Neffe des Präsidenten der Frankfurter Börse ausgiebige Reisen durch Südamerika, sympathisierte mit Widerstandsgruppen. Koenigs studierte Betriebswirtschaft, arbeitete u.a. als Schweißer und Taxifahrer, bevor er zu den Grünen ging und politische Karriere machte. Ende der 80er führte er das Büro von Joschka Fischer, damals hessischer Umweltminister.

Das Interview mit Tom Koenigs führte Markus Grill

Herr Koenigs, 1973 haben Sie Ihr Erbe dem Führer der nordvietnamesischen Kommunisten gespendet. Tut Ihnen das im Nachhinein leid?

Gott im Himmel! Das interessiert doch keinen mehr. In fünf Jahren werde ich pensioniert, vielleicht fällt mir zu dem Thema mal noch was ein, wenn ich meine Memoiren schreibe. Lassen Sie uns lieber über Erbschaftssteuer reden.

Mich interessiert aber mehr dieses Erbe, das Sie damals gespendet haben.

Haben Sie die 68er Zeiten erlebt? Vermutlich nicht. Damals hat man nicht über Geld gesprochen, Privateigentum war unwichtig. Wir haben uns für unterdrückte Völker eingesetzt, gegen Armut gekämpft und die Imperialmacht USA, alles Themen, die heute noch aktuell sind.

Was ist aus dem Vermögen geworden, das Sie den Kommunisten spendeten?

Was für Fragen stellen Sie mir da! Keine Ahnung, ich bin nie in Vietnam gewesen.

Bereuen Sie Aktionen, die Sie mit 20 gemacht haben?

Wir haben uns damals mit ganzem Herzen für die Freiheit von Vietnam eingesetzt, das ist mir wichtig, nicht das gespendete Erbe. Also, mir tut nichts leid.

Sie sind seit dieser Zeit mit Joschka Fischer befreundet. Heute ist er Außenminister, Sie arbeiten für die Vereinten Nationen in Guatemala. Wundern Sie sich manchmal selbst über seinen und Ihren Lebensweg?

Wahrscheinlich hätte ich vor 30 Jahren über solche Karrieren gelacht. Bürgerliche Regierungen und Parteien haben wir damals infrage gestellt, wir haben uns mit dem Faschismus befasst, mit imperialistischen Kriegen und den Machtstrukturen in Familie und Gesellschaft.

Damals waren Sie in totaler Opposition zum Establishment, heute sind Sie mittendrin.

Die Gesellschaft hat sich in einer Weise verändert, wie wir das nie vermutet hätten. Nur ein Beispiel: Damals war es eine revolutionäre Tat, in eine Wohngemeinschaft zu ziehen. In der Kommune 1 wurde alles diskutiert, bis in die letzten Lebensgewohnheiten, auch die sexuellen. Das können Sie sich gar nicht mehr vorstellen. Heute ist Deutschland viel toleranter, weltoffener. Unser Interesse an Politik hat sich aber nicht verändert, damals waren wir auf der Straße, heute diskutieren wir in den UN über Guatemala.

Was genau tun Sie dort in Guatemala?

Die UN schicken in bestimmte Länder Missionen mit einem Auftrag. Im Kosovo, wo ich zuvor war, ging es darum, eine Verwaltung aufzubauen, hier sollen wir die Menschenrechte überwachen. Guatemala wurde von einen 36-jährigen Bürgerkrieg aufgerieben, in dem 200 000 Menschen ums Leben kamen. Seit 1996 gibt es einen Friedensprozess, den wir beobachten. Wir schreiben Berichte, organisieren Entwicklungshilfe, schlichten Konflikte. Aber der Rechtsstaat funktioniert noch nicht, man lebt gefährlich. Es gibt extreme Armut und unanständig hohen Reichtum.

Die Mission endet dieses Jahr. Kommen Sie dann zurück nach Deutschland?

Das weiß ich noch nicht, vielleicht engagiere ich mich in einer weiteren Mission. Ich bin jetzt 60, denke aber noch nicht an Pensionierung.

Vielleicht wird ja bald in Berlin das Amt des Finanzministers frei. Wär das was?

Ich habe damals in Wiesbaden sehr gut mit Herrn Eichel zusammengearbeitet und glaube nicht, dass er amtsmüde ist. Außerdem ist das in der Koalition ein Parteiticket, der Finanzminister ein Job für einen SPDler.

Verfolgen Sie noch die deutsche Politik?

Ja, übers Internet. Leider bekomme ich da aber nicht den Lokalteil der "Frank-furter Rundschau", den vermisse ich doch sehr.

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