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Städtereise nach Freiburg: Liebeserklärung an Deutschlands größte Kleinstadt

Nur auf der Karte ist die Stadt mit ihrem Bächle und Gässle eine Randerscheinung. Perfekt positioniert zwischen Schwarzwald und Oberrhein, ist sie ein Zentrum für Ausflüge in liebliche Landschaften.

Von Dieter Schweiger

Das Bild von dem Bauern, der auf ein Atomkraftwerk pinkelt, ist lange übermalt. Von der Decke flutet Licht aus Lampen "made in Italy". Sogar ein Krawattenträger steht ab und zu an der Kasse. Gerade hat man die Frauenbuchecke aufgelöst, weil feministische Kundinnen rar geworden sind.

Eine ganz normale Buchhandlung ist das "Jos Fritz" aber immer noch nicht. Genauso wenig, wie Heinz Auweder ein ganz normaler Buchhändler ist. Der schmale Grauschopf ist 63 und der Veteran im achtköpfigen Kollektiv des legendären linken Ladens in Freiburg. Er war schon dabei, als in den späten Siebzigern Häuserkämpfe und Proteste gegen das AKW in Whyl die Stadt erschütterten. "20.000 Demonstranten gegen 4000 Polizisten, Molotow-Cocktails gegen Wasserwerfer" - und das "Jos Fritz", die Kommandozentrale, in der Flugblätter gedruckt wurden.

Hier erinnert man sich auch noch gut an die "Scherbennacht" von 1981, in der Vermummte durch Freiburgs Einkaufsstraßen stapften, um gegen die Räumung eines alternativen Jugendzentrums zu demonstrieren, wobei auch einige Schaufenster splitterten. Der nach einem Bauernrebellen aus dem 15. Jahrhundert benannte Buchladen hat all das überlebt - nur sich selbst nicht: Noch immer lässt Heinz Auweder ungern eine Gelegenheit zum Aufbegehren aus. Zum Papstbesuch vor zwei Jahren verkaufte er T-Shirts, bedruckt mit einem kondomüberzogenen Münster. Nach wie vor bekommt man bei ihm Bücher wie "Vabanque - Bankraub. Theorie. Praxis. Geschichte", Titel aus einer anderen Zeit.

Die bewunderte "Green City"

Auch wenn solche Werke nicht zur bevorzugten Lektüre meiner alten Bekannten zählen: Besucher - hauptsächlich Hamburger, die auch zehn Jahre nach meinem Umzug nach Freiburg nicht nur meinetwegen kommen - schicke ich gern in diesen Laden, der für die Entwicklung der Stadt so symbolträchtig ist.

Heute regiert ein grüner Oberbürgermeister, Dieter Salomon, im zwölften Dienstjahr. Heute kommen Delegationen aus China, um den autofreien Stadtteil Vauban zu besichtigen. Der SC Freiburg war der erste Bundesligaverein mit Solarzellen auf dem Stadiondach, und auf dem Vier-Sterne-Hotel "Victoria" drehen sich vier Windräder.

Aus einem Kiosk am alten Messplatz haben zwei Jungs den "Biosk" gemacht, mit Öko-Kaffee to go aus kompostierbaren Bechern. Wer weiß, ob aus der konservativen Bischofs- und Universitätsstadt je die bewunderte "Green City" geworden wäre, hätten die rebellischen Geister um das "Jos Fritz" Freiburg vor 40 Jahren nicht einmal ordentlich durchgeschüttelt.

Neun Uhr morgens, Herrenstraße, Ecke Schustergasse

Im "Strass-Café" läuft der erste Espresso durch die silbrige Faema-Maschine. Eine E 61, erklärt Martin Craven in seinem Howard-Carpendale-Deutsch, das E steht für Eclipse, die Sonnenfinsternis im Jahr 1961, in dem sie erstmals gebaut wurde. Der Lebemann aus Nordengland kam vor langer Zeit wegen einer Frau nach Freiburg. Aus der Liebe wurde nichts. Aus einem Antiquitätenladen auch nicht. Im dritten Anlauf eröffnete Martin das "Strass-Café", in dem es neben Käsekuchen auch amerikanischen Modeschmuck der Dreißiger- bis Sechzigerjahre gibt.

Inzwischen ist es mein Lieblingscafé. Dabei hatte ich um die Altstadt lange einen Bogen gemacht. Als Hamburger an das "Tor zur Welt" gewöhnt, kam mir das Viertel zwischen Martins- und Schwabentor mit seinen Bächle, Gässle und Türmle anfangs eher wie eine Falltür ins Mittelalter vor.

Bei einem Besuch im "Strass" kann ich Freiburger Lebensart studieren: Wenn ein stadtbekannter Kabarettist gegen "Ciabattabrotfresser" wettert und die blondierte Nobelhotelierin wegen einer Federboa-Brosche in Ekstase gerät, wenn eine Esoterikerin vom Schamanen-Wochenende berichtet, ohne dass der Kirchenmann, der auf einen Kaffee vom Erzbischöflichen Ordinariat gekommen ist, vom Glauben abfällt, dann wird mir vorgeführt, was das heißt: leben und leben lassen. Auch den historischen Rest der Altstadt mag ich inzwischen. Vielleicht, weil ich selbst Provinzler geworden bin. Vielleicht auch, weil ich lieber durch eine mit Kopfstein gepflasterte Gasse laufe als durch Häuserschluchten.

Gutedeltrauben und Geißhirtlebirnen

Ich schlendere die Salzstraße hoch, die schönste der Stadt: Mit ihren Gusslaternen, geschmiedeten Ladenschildern und klassizistisch strengen Palais strahlt sie jene Grandezza aus, die einst die besten Freiburger Familien und nach 1806 auch die badischen Großherzöge bewog, hier zu residieren. Vom Oberlindenbrunnen schlage ich einen Bogen durch die Konviktstraße. Zwar ist mir die Gasse im alten Handwerkerviertel etwas zu sehr Edelmeile für Leute, die sich ein Leben ohne Fleur de sel und Kai-Kochmesser nicht mehr vorstellen können. Aber an ihrem Ende erwartet mich das Uhrenatelier Feigl - würdevoll wie eine englische Standuhr. Dorothea Feigl bietet nicht nur schöne Zeitmesser kleiner Manufakturen an; auch meine eigensinnige "Longines" bringt sie immer wieder zum Ticken.

Auf dem Münstermarkt hole ich mir Appetit. Allein der Anblick übervoller Stände mit Gutedeltrauben, Goldparmänen und Geißhirtlebirnen gibt mir das Gefühl, in einem Schlaraffenländle zu leben. Zum Schluss bestelle ich am Rathausplatz einen Schwarzwaldbecher im "Lazzarin", dessen Besitzer einer Gelato-Dynastie aus den Dolomiten entstammen. Noch am Heiligabend 2012 saß ich auf dem Rathausplatz, nachdem ich die letzten Geschenke gefunden hatte: bei 19 Grad in der Sonne. Kein Wunder, dass Freiburger den Wetterbericht mit der gleichen Selbstzufriedenheit lesen wie Bayern-Fans die Bundesligatabelle.