VG-Wort Pixel

Debatte um US-Outfits für Olympia Stoffgewordener Patriotismus


Sie sehen aus wie Navy-Soldaten, sind aber die US-Athleten für die Olympischen Spiele - eingekleidet in Ralph Lauren. Darüber, dass die Outfits in China gefertigt wurden, tobt in den USA eine Debatte.
Von Katharina Miklis

Der Blick geht zielgerichtet nach vorn. Die rechte Hand umfasst entschlossen den Fahnenstab, an dem die US-Flagge flattert. Die aktuellen Werbebilder von Ralph Lauren, der US-Vorzeigemarke schlechthin, könnten auch einer Kampagne der US-Navy entsprungen sein. Schwimmer Ryan Lochte trägt das offizielle Outfit der US-Sportler für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London. Es ist aus dem Hause der US-Traditionsmarke Ralph Lauren: Ein dunkelblaues, schmalgeschnittenes Sakko mit goldenen Knöpfen, den berühmten Polospieler auf dem Herzen, schnittige weiße Hosen, Ostküsten-Schick, stoffgewordener Patriotismus. Und ganz Amerika ist in heller Aufregung.

Nicht etwa wegen der französisch inspirierten Baskenmützen. Sondern weil die Outfits in den amerikanischen Farben, die der amerikanische Designer für die amerikanischen Sportler entworfen hat, damit sie der ganzen Welt den amerikanischen Way of Life präsentieren vor allem eins sind: nicht amerikanisch. Sie sind "Made in China".

Mehr Patriotismus als auf der aktuellen Ralph-Lauren-Kampagne für Olympia geht eigentlich nicht und doch kommt es auf das kleine Detail im Kragen an - auf das chinesische Etikett. Darüber tobt in den USA seit Tagen eine Diskussion. Trotz Wahlkampf sind Demokraten und Republikaner dieser Tage in patriotischer Empörung vereint und kritisieren, dass in Zeiten von hoher Arbeitslosigkeit die Produktion der Repräsentativ-Garderobe, die die Sportler bei der Eröffnungs- und Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele tragen, nach Asien ausgelagert wurde. Es sei ein Milliardengeschäft, das der US-Wirtschaft dadurch entgehe und von dem nun die wirtschaftlichen Rivalen in Asien profitieren. Und das in einer Zeit, in der die amerikanische Textilindustrie nicht gerade boomt. Per Gesetz wollen US-Politiker aus Obamas Reihen gar festlegen, dass in Zukunft die Produktion der Olympia-Kleidung in amerikanischen Fabriken geschieht. Und Harry Reid, Chef der Demokraten im Senat, sah nur eine Lösung: Alle Outfits "auf einen großen Haufen werfen und verbrennen und noch einmal ganz von vorn anfangen". Doch dafür ist es anderthalb Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in London zu spät.

In Zukunft wird wieder in den USA genäht

Der Bekleidungskonzern Ralph Lauren, der zum dritten Mal in Folge die US-Olympia-Mannschaft einkleidet, ist einsichtig und bangt um das Image. Verbrennen will man die günstig produzierten Blazer und Hosen aus dem Reich der Mitte aber nicht. In Zukunft soll die Teamkleidung jedoch nicht nur in den USA entworfen sondern auch hergestellt werden. Die Kleidung für die Winterspiele 2014 in Sotschi wird die Inschrift "Made in the USA" tragen - das bestätigte der Konzern am Wochenende und hofft damit die Wogen zu glätten.

Dass sich Mode und Politik vor den Spielen derart in die Klamotten kriegen ist einzigartig. Dabei sind die USA bei Weitem nicht das einzige Land, das seine Olympioniken in fremdproduzierten Outfits nach London schickt. Während die italienischen Athleten mit in Italien hergestellten Anzügen von Armani und Prada auflaufen werden, sollen Länder wie Kanada und Australien die Nadel ebenfalls bereits an China abgegeben haben. An den Stoffen der britischen Sportler - entworfen von Stella McCartney - sollen indonesische Billiglohnkräfte gearbeitet haben. In Deutschland sind Willy Bogner und Adidas verantwortlich für die Prestige-Klamotten. Wo diese jedoch hergestellt werden, spielt für den Deutschen Olympischen Sportbund keine Rolle. "Auch im Sport befinden wir uns in einem globalen Wettbewerb, weshalb wir in der Produktion der Kleidung im Ausland kein Problem sehen," sagt ein DOSB-Sprecher. Und auch die amerikanischen Sportler, deren iPads schließlich auch in Taiwan hergestellt werden, sehen es nicht so eng mit der Herkunft ihrer Klamotten. "Wir leben in einer globalen Welt", sagte US-Beachvolleyballer Todd Rogers der Onlineausgabe von "USA Today". Seiner Meinung nach gebe es Wichtigeres als die Frage, wo Ralph Lauren seine Klamotten herstellen lasse.

"Bornierte nationalistische Haltung"

Auch in Peking hat sich mittlerweile die Politik in die Diskussion eingeschaltet. Die Aufregung in den USA schade dem Olympischen Geist, der darauf abziele, Sport und Politik zu trennen, hieß es am Montag in einem Kommentar der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Von einer "bornierten nationalistischen Haltung" und "einer Darbietung von Ignoranz" stand in dem Kommentar geschrieben.

Scheinheiligkeit oder berechtigte Sorgen der US-Wirtschaft? "Wir sind mitverantwortlich für das Image Amerikas, das wir der Welt zeigen", sagte Ralph-Lauren-Spross David vor einigen Wochen in einem Interview, lange bevor die modische Debatte entfacht war. Aber das Image Amerikas, wie es die Modeindustrie gerne sehen würde, ist mittlerweile nur noch ein amerikanischer Albtraum: 98 Prozent der in den USA verkauften Kleidungsstücke sollen derzeit in Übersee produziert werden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker