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Interview

CEO des Fashion Councils Germany: Scott Lipinski: "Ich wünsche mir mehr Wertschätzung für die Modeindustrie"

Seit 2014 gibt es den Fashion Council Germany – als eines der letzten Länder Europas hat Deutschland diese Interessenvertretung gegründet. CEO Scott Lipinski erklärt im Interview mit dem stern, was das Ziel des Vereins ist und wie ein Treffen mit Angela Merkel verlief. 

Scott Lipinski ist der CEO des Fashion Councils Germany

Scott Lipinski ist der CEO des Fashion Councils Germany

Herr Lipinski, was genau ist denn der Fashion Council Germany?

Der Fashion Council Germany ist eine Interessensvertretung. In anderen Ländern gibt es ähnliche Organisationen schon seit Jahrzehnten bis hin sogar der französische Council seit 1868. Wir sind ein Verein, eine Interessensvertretung, die Mode aus Deutschland im In- und Ausland fördern und etablieren möchte. Wir möchten zeigen, dass Deutschland nicht nur eine Automobilindustrie besitzt, sondern auch in der Mode viel Gutes bieten kann.

Wir betreiben politische Lobby-Arbeit, heißt, dass wir uns auf Bundes- und Landesebene mit öffentlichen Einrichtungen um Förderung, Unterstützung und Anerkennung bemühen. Wir fördern aber auch Talente. Oftmals mangelt es Talenten daran, dass sie kein Netzwerk haben; dass sie bei Themen wie Markenrecht oder Finanzierung Hilfe benötigen. Da bieten wir in verschiedenen Programmen und Seminaren Möglichkeiten der Unterstützung. Mal sind es geschlossene Förderprogramme, bei denen in einer Jury Talente ausgewählt werden. Mal sind es öffentliche Projekte, wie Seminare, zu denen man sich einschreiben und daran teilnehmen kann.

Sie sagen, es gibt viel Gutes aus Deutschland in Sachen Mode. Was denn genau?

Ich finde, es wird immer erwartet, dass wir eine bestimmte Schublade mit einer Antwort öffnen. So wie man sagt: "Frankreich hat Couture, was haben wir denn in Deutschland?" Ich finde, Deutschland zeichnet sich insbesondere durch seine Vielfalt aus. Es fängt damit an, dass wir im Thema Nachhaltigkeit und moderne Fasern sehr stark sind. Das belegen auch Statistiken über angemeldete Patente. Wir haben viele kreative Talente. Da denke ich an Labels wie Horror Vacui, an Rianna + Nina, an William Fan, an Ottolinger und viele andere.

Wir haben aber auch große Player. Da denke ich etwa an Adidas: Eine Marke, die führend ist, was neue Technologie, Markenauftritt und Größe betrifft. Wir haben noch viele weitere starke Unternehmen, die vom deutschen Modemarkt nicht wegzudenken sind, wie z.B. Marc O'Polo, Katag, Closed, Drykorn. Und deshalb fällt es mir schwer zu sagen, ich mache jetzt eine Schublade auf, die die Franzosen zum Beispiel öffnen. Das haben wir einfach nicht. Wir haben mehrere Schubladen, nutzen sie nur in der Kommunikation nicht gut genug.

Deutschland wurde, in Bezug auf Mode, natürlich immer mit Karl Lagerfeld in Verbindung gebracht. Der Verlust wiegt jetzt wahrscheinlich auch schwer.

Ich würde ganz gern den Deutschland-Bezug streichen. Karl Lagerfeld war ein Genie, dessen Verlust nicht nur Deutschland betrifft, sondern die komplette Modewelt. Ich fand es toll, dass er sich immer zu Deutschland bekannt hat. Der Verlust in der Modewelt ist immens. Das betrifft aber wie gesagt nicht nur Deutschland.

Was mir aber die Augen geöffnet hat, als er verstorben ist: Zur gleichen Zeit ist der Schweizer Schauspieler Bruno Ganz verstorben – ein toller, großer Schauspieler. Unser Bundespräsident kondoliert und hebt die herausragenden Leistungen seiner Schauspielkunst hervor.  Das ist ein Zeichen der Wertschätzung. Aber: Welche öffentliche Instanz hat eine Kondolenz veröffentlicht, als Karl Lagerfeld verstorben ist? Mir ist nichts bekannt. Die Modeindustrie genießt diese Wertschätzung nicht. Wir schauen immer nur auf andere Bereiche der Kreativwirtschaft. Aber die Mode kommt ganz zum Schluss.

Auch die deutsche Fashion Week steht immer nur unter Beschuss.

Ja, es wird immer verglichen. Warum haben wir nicht die großen Couture-Schauen wie in Paris? Es wird aber nicht gesagt, dass wir eine der größten Modemessen mit der Premium Exhibition haben, dass wir die Neonyt und Panorama, und, und, und, haben. Das wird nicht betrachtet. Anita Tillmann, für mich einer der kreativsten Businessköpfe Deutschlands, hat schon vor Jahren eine Fashiontech-Konferenz ins Leben gerufen. Die Neonyt hat eine Fashionsustain-Konferenz ins Leben gerufen. Alles Formate mit hoch aktuellen und wegweisenden Inhalten. In unseren Nachbarländern wird gerade das zur Chefsache gemacht. Dass sich sogar ein Macron dem Thema annimmt. Deutschland hat sich dem Thema aber längst angenommen. Das wird aber nicht oft genug nach außen kommuniziert. Man muss unsere Assets positiv ins Rollen bringen. Ich kann jetzt zum Beispiel positiv sagen: "Vielen Dank, Frau Merkel, dass Sie sich im Kanzleramt der Mode-Industrie angenommen und uns in Empfang genommen haben." Das ist ein wichtiges Zeichen der Anerkennung.

In anderen Ländern passiert das aber viel intensiver: Es werden Veranstaltungen für die Akteure der Modeindustrie abgehalten, in Großbritannien hat die Ehefrau des damaligen Premierministers alle wichtigen Akteure der Fashion Week zu einem saisonalen Auftakt-Empfang eingeladen. Bislang haben alle Nachfolge-Regierungen dies beibehalten. Ein klares Zeichen deren Wertschätzung.  

Es mangelt auch an Standortmarketing. Es ist nicht nur die Aufgabe von Privatunternehmen einen Standort für die Branche zu bewerben und promoten, sondern auch von der Politik. Wir sind sehr eng mit anderen Councils im Austausch, u.a. einem der belgischen Fashion Councils. Dieser wird komplett staatlich gefördert, weil er als Aufgabe hat, ihr Kultur- und Wirtschaftsgut zu unterstützen: und zwar die Mode. Das Gleiche auch in Dänemark. Da hieß es bei der Fashion Week: "Wir sind von der Regierung beauftragt, das Kultur- und Wirtschaftsgut Mode im In- und Ausland zu fördern." Das finde ich beachtlich!

Das ist in Deutschland überhaupt nicht so?

Doch, auch bei uns, gerade in Berlin, passiert viel. Das will ich gar nicht abstreiten. Aber die Frage ist: Wo stehen wir heute und wo sollten wir morgen stehen? Und ich habe den Eindruck, dass uns Nachbarländer durch Behauptungskompetenz ein bisschen den Rang ablaufen. Wir haben tolle Ressourcen und Technologien, diese sollten wir als Markenzeichen, bzw. Standortvorteil auch einsetzen.

Ist es denn vom Fashion Council Germany ein Wunsch oder ein konkreter Plan, auch mal komplett von der Regierung gefördert zu werden?

Uns gibt es jetzt vier Jahre. Es gibt nur einen Fashion Council in Europa, der nach uns gegründet wurde: der rumänische. Alle anderen sind etabliert. In der kurzen Zeit, die es uns gibt, haben wir bereits großes Vertrauen genießen dürfen. Unter anderem von der Stadt Berlin, die unsere Förderprogramme unterstützt hat. Nur um einige andere Beispiele zu nennen: Wir waren in der Residenz des deutschen Botschafters in Frankreich, waren in London und Stockholm in der Residenz und haben dort Netzwerkveranstaltungen für unsere Branche partnerschaftlich mit der dortigen organisiert. Das sind alles Projekte, die auch von der Politik unterstützt wurden. Wir bekommen also Unterstützung. Es ist aber natürlich ein kontinuierlicher Prozess, in dem wir Vertrauen gewinnen und vorankommen müssen, um mit den anderen Fashion Councils in Europa mithalten zu können. Man sieht da auch eine Notwendigkeit. Mehr geht immer.

Sie haben eben angesprochen, dass Sie Angela Merkel getroffen haben. Wie war denn das?

Das war im vergangenen Jahr. Wir hatten zusammen mit Dorothee Bär einen Empfang im Kanzleramt. Die Bundeskanzlerin hat Interesse gezeigt, daran teilzunehmen. Sie war wissbegierig: Was machen die europäischen Nachbarn für ihre jeweilige Modeindustrie? Was könnte Deutschland anders tun, mehr tun? Wir sind da im weiteren Dialog. Da ist ein Stein ins Rollen gekommen und er hat jetzt Geschwindigkeit aufgenommen. Wir wollen ja schließlich eine Förderung der deutschen Modeindustrie vorantreiben, nicht des Fashion Councils als Organisation. Aber allein, dass die Bundeskanzlerin Interesse gezeigt hat, hat andere Türen geöffnet. Wir sind auf einem guten Weg.

Wie kann man sich denn auch als Bürger am Fashion Council Germany beteiligen?

Als Bürger weniger, aber als Modeunternehmen, Designer, Einzelhändler oder anderer Akteur in der Modeindustrie kann man Mitglied werden. Es obliegt dann dem Mitglied sein Engagement mitzugestalten. Ob man unsere Netzwerkveranstaltungen nutzt, zum Beispiel unsere Firesidechats in Hamburg, München, Berlin oder andere Angebote bleibt dem Mitglied überlassen. Jedes neue Mitglied erhöht unsere Stimme. Aber auch Partner, die ihre Expertise einbringen, sind immer herzlich willkommen und gewünscht. Je mehr Mitglieder, desto mehr Gehör finden wir.