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Fliegeruhren: Der Jeep am Handgelenk

Fliegeruhren umgibt ein Hauch von Abenteuer. Selbst wenn ihre Träger nur rasant im Fahrstuhl aufsteigen. Die Uhrenmacher von heute aber gehen echte Wagnisse ein - wie ihre Vorväter.

Von Peter Sandmeyer

Manche datieren die Geburtsstunde des Mythos auf das Jahr 1906, als der Brasilianer Santos-Dumont in Frankreich die ersten Flugversuche mit einem Motorflugzeug unternahm. Anschließend beklagte er sich bei seinem Freund Louis Cartier über die umständliche Handhabung seiner Taschenuhr beim Fliegen. Der Pariser Juwelier und Uhrmacher sorgte für Abhilfe, indem er eine Uhr erfand, die man um das Handgelenk binden konnte. Der Mechanik dieser Uhr konnte allerdings schon ein mittelkräftiger Abschlag auf dem Golfplatz den Garaus machen.

Deswegen meinen andere, dass der Mythos erst am 18. September 1919 geboren wurde, als sich der offene Dreidecker des amerikanischen Piloten Roland Rohlfs in den Himmel schraubte, höher und höher. Es dröhnte und rüttelte, ratterte und krachte, der Motor drehte auf höchsten Touren, es wurde mit jedem Meter Höhe frostiger, die Temperatur sank schließlich auf minus 44 Grad Celsius - der Rekordflug, der erstmals die magische Zehntausend-Meter-Marke überwand, war eine exorbitante Strapaze. Doch Maschine und Mensch hielten ihr stand. Und: die Uhr am Handgelenk des Piloten.

Das Fabrikat ist leider nicht überliefert. Aber spätestens diese erste Bewährung eines Zeitmessers unter extremen Belastungen war der Beginn eines lang anhaltenden Siegeszuges. Ebenso stürmisch, wie sich die neue Technik der Luftfahrt entwickelte, wuchs jetzt der Bedarf an Zeitmessern, die auch bei heftigsten Vibrationen, Stößen und Temperaturschwankungen absolut zuverlässig und präzise waren. Denn die Bestimmung von Kurs, Treibstoffverbrauch, Flugzeit und Reichweite hing vor allem von der Verlässlichkeit der Uhr ab. Ungenauigkeit konnte das Leben kosten.

Prominenter Wegbereiter

Der unbekannte Postflieger Charles Lindbergh wagte 1927 den ersten Nonstop-Alleinflug von New York nach Paris, 33 Stunden und 32 Minuten in einer achteinhalb Meter langen Maschine mit Sternmotor, durch den man nicht nach vorn gucken konnte; nur mit einem Periskop konnte die "Spirit of St. Louis" gestartet und gelandet werden. 100.000 Menschen erwarteten auf dem Flugfeld von Le Bourget die Ankunft des heldenhaften Aeronautikers und jubelten ihm zu. Und kaum hatte er Jubelfeiern und Konfettiparade hinter sich, da meldete sich bei ihm der Schweizer Uhrenhersteller Longines, die älteste eingetragene Uhrenmarke der Welt, und überzeugte ihn, seine Erfahrungen in die Konzeption einer neuen Armbanduhr einzubringen. Die "Stundenwinkeluhr" entstand, mit deren Hilfe man bei der Längengradbestimmung die Stundenwinkel von Greenwich direkt von der Uhr ablesen konnte. 1932 kam das Erfolgsmodell unter dem Namen "Lindbergh" auf den Markt. Eine Longines-Uhr benutzte dann auch die erste weibliche Rekordfliegerin Amelia Earhart auf ihrem legendären Lufttrip von Neufundland nach Irland.

Für die Instrumentenbauer der Zeit waren Fliegeruhren Herausforderungen und Prestigeobjekte. Ihre Mechanik musste stoß- und rüttelfest sein, ihr Gang genau und ihr Zifferblatt bei Dunkelheit ebenso gut ablesbar wie bei gleißendem Sonnenlicht. Die Lösungen, die Glashütte, Lange und Söhne, Tutima, Longines, IWC und andere entwickelten, waren mechanische Meisterwerke, robust wie Tresore, oft XXLFormate von mehr als 50 Millimeter Gehäusedurchmesser, mit großen, griffigen Kronen und so langen Lederbändern, dass sie über dem Ärmel der gefütterten Pilotenkombination getragen werden konnten, manche sogar so gewaltig und mit so langen Bändern, dass man sie auch um den Oberschenkel binden konnte. Für diese Uhren, die den tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten beim Überlebenskampf halfen, zahlen Liebhaber heute Spitzenpreise.

Männer der Gegenwart erleben heftige Turbulenzen eher im Büro ihres Chefs als im Cockpit eines Dreideckers, und die härteste Beschleunigung in ihrem Leben ist meistens die im Express-Lift zur Bar im obersten Stockwerk ihres Hotels. Dennoch haben für die meisten Fliegeruhren nichts von ihrer Faszination verloren.

Es gibt Uhren, die sind angenehm im Umgang, treu, anhänglich, verlässlich, hübsch, ohne kokett zu sein. Man trägt sie gern und macht mit ihnen überall einen guten Eindruck. Aber wenn man sich durch den Dschungel von Borneo kämpfen muss, möchte man sie vielleicht nicht am Handgelenk haben. Schon gar nicht eine jener Uhren, die kapriziös und goldbeladen oder mit tausend feinmechanischen Subtilitäten und Komplikationen in ihrem Inneren punkten möchten. Für den Dschungel, für die Wüste, für den Raumflug oder die Atlantiküberquerung braucht der Mann eine andere Uhr. Eine Fliegeruhr. Sie ist ein Kumpel. Der gute Kamerad an seiner Seite, mit dem er durch dick und dünn gehen kann. Ein Jeep am Handgelenk.

Der Reiz des Unnützen

Nicht, dass man ihn wirklich braucht. Man will ja gar nicht offroad fahren. Man will auch nichts ins All, in den Dschungel oder 30 Meter tief tauchen. Schon gar nicht möchte man sich der dreifachen Schallgeschwindigkeit aussetzen oder Temperaturen unter minus 50 Grad erleben. Aber man könnte! Die Uhr würde alles mitmachen. Und einem immer noch zuverlässig sagen, wann es fünf vor zwölf ist. Das schafft Sicherheit. Am Handgelenk wie im Leben. Und erklärt den anhaltenden Erfolg des alten Mythos und die Tatsache, dass immer neue Fliegeruhren auf den Markt kommen, auch wenn es gar keine Flieger mehr gibt. Kein Mensch braucht sie, aber sie üben eine Art positiver Placebo-Wirkung aus: So wie der feste Glaube an eine eingebildete Heilkraft tatsächlich heilt, suggeriert uns die Fliegeruhr, dass wir gewappnet sind für jede noch so harte Herausforderung des Lebens. Und manchmal, vielleicht, verführt die Uhr so zu einem Abenteuer, auf das man sich sonst nicht eingelassen hätte.

Es war ein besonderes Wagnis, das Irén Dornier 2004 eingegangen war, der Enkel des legendären Flugzeugbauers Claude Dornier, als er beschloss, in einem 60 Jahre alten, noch vom Großvater gebauten Flugboot die Erde zu umrunden. Zwei Jahre dauerte die Verwirklichung dieses Traumes, mehr als einmal drohte er ein jähes Ende zu nehmen; mal gab es eine Beinahekollision, mal rastete das Fahrwerk vor einer Landung nicht ein, mal vereisten die Tragflächen und zogen das Gerät in die Tiefe, aber immer ging alles irgendwie gut - und immer hatte der Pilot seine Fliegeruhr am Handgelenk: einen DO X-1929 Chronograph, dessen Name an das größte Flugboot aus dem Haus Dornier erinnert, das je gebaut wurde.

Das Fluggerät hat der Opa entwickelt, die Uhr der Enkel. Das Zifferblatt des Zeitmessers mit Schweizer Automatikwerk und Stopp-Funktion erinnert an ein Cockpitfenster; schmückende Besonderheit ist ein auf den Drücker eingelassener schwarzer Edelstein. Ansonsten will die Uhr vor allem eins sein: funktional. "Leidenschaft für feine Mechanik kann ich gut verstehen", sagt Dornier, "aber wenn Tausende von Teilen jahrelang zusammenarbeiten sollen, um ewige Kalender, Weltzeitzonen und so weiter abzubilden, habe ich immer die Zwangsvorstellung: Ich sitze im Cockpit, und meine Uhr bleibt stehen - ein Albtraum."

Diverse Geschäftszweige

Der umtriebige 48-Jährige, der auch Teilhaber einer kleinen Airline und eines Tourismus-Projektes auf den Philippinen ist und der parallel dazu am Bodensee ein zweisitziges Wasserflugzeug entwickelte und zur Serienreife brachte, hat inzwischen zwei weitere Uhrenmodelle kreiert. Noch in diesem Jahr sollen sie auf den Markt kommen: "Wal" und "Libelle", beide ebenfalls nach erfolgreichen Dornier-Flugzeugen benannt. Beides Zwei-Zeitzonen-Uhren, "Wal" mit 42 Millimeter Durchmesser und Großdatum ganz im Format klassischer Fliegeruhren, "Libelle" mit 39 Millimeter Durchmesser und rotem Zifferblatt, "eher eine Damenuhr mit leicht aggressivem Design". Gebaut werden alle Uhren unter eigener Regie in Stuttgart und verkauft vorerst nur im Direktvertrieb über die eigene Homepage (www.dorniertimepieces.com). Die Preise liegen zwischen 4000 und knapp 9000 Euro.

Wird es bald vier, fünf, viele Dornier-Uhren geben? Darüber denkt der sympathische Vielfachtüftler noch so wenig nach wie über Stückzahlen. "Ich bin ein Eigenläufer ohne großen Konzern hinter mir, und zuallererst dreht sich bei mir alles um die Fliegerei."

Auf ein Wagnis ganz anderer Art ließ sich Leonhard Müller ein, Schwarzwälder, gerade 62 geworden, ein untersetzter Mann mit pulsierender Dynamik und Fünftagebart, nach Art der Kreativen von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, der einzige Farbklecks am Körper die rote Brille. Bis 2005 wohnte er in Pforzheim und war deutscher Repräsentant für Schweizer Uhren der Marke Revue Thommen. Vorwiegend Fliegeruhren. Alles war gut, Müller mit Aufgabe und Produkten glücklich. Dann aber gab es bei seinem Hersteller in schneller Folge Eigentümerwechsel, eine Insolvenz, neue Eigentümer, Veränderung der Produktpalette und Ärger. Folge: Alles wurde schlecht, Müller unglücklich. Irgendwann war klar: Er musste sich eine neue Perspektive suchen. Neue Produkte. Der alten Produktlinie wollte er aber treu bleiben. Unbedingt.

Müller suchte und fand: Askania, einen renommierten Berliner Traditionshersteller von Präzisionsinstrumenten, der schon für die Kaiserliche Marine Chronometer und Kompasse gebaut hatte, später auch Kameras für die Ufa und Fliegeruhren für die Luftwaffe. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber war der Name untergegangen und hatte nur noch in einem VEBWurmfortsatz der DDR weitergelebt. Leonhard Müller fand acht risikobereite Mitstreiter und beschloss mit ihnen gemeinsam, die Askania-Tradition zu neuem Leben zu erwecken. Mit einem Drittel Eigenkapital und finanzierungsbereiten Banken kamen 2,5 Millionen Euro zusammen, eine Aktiengesellschaft wurde gegründet, Berlins einzige Uhrenmanufaktur entstand.

Klassische Handarbeit

Seit Januar 2006 bauen in einer ehemaligen Remise auf einem Hof in der Friedenauer Rönnebergstraße vier Uhrmacher die Modelle der Askania-Kollektion in klassischer Handarbeit zusammen. Aus Schweizer Werken und Teilen, die zu 80 Prozent von deutschen Herstellern stammen. Getauft sind die Uhren auf große Namen Berlins und der Luftfahrt - "Alexanderplatz" und "Quadriga" sowie "Heinkel", "Bremen", "Tempelhof ", "Elly Beinhorn". Das erfolgreichste Modell heißt "Taifun", Kosename einer Legende der 1930er Jahre, der Messerschmidt ME 108. Eine Uhr mit Magnetschutz-Innengehäuse, besonders gehärtetem Edelstahl, dauergeschmierter Krone und einem schnörkellos klaren Design.

Müller sitzt in seinem Ledersofa, lacht, freut sich über die ersten Erfolge und wiegelt gleichzeitig ab. "Erfolgreichstes Modell, was heißt das schon? Die Schweizer lachen sich tot über unsere Zahlen." Breitling beispielsweise, alles andere als Massenware, verkaufe rund 80.000 Zeitmesser pro Jahr. Askania hat im vergangenen Jahr gerade mal 2000 Uhren auf den Markt gebracht, hofft dieses Jahr auf Verdoppelung und strebt bis 2010 eine Produktionszahl von 8000 an.

"Mut zum Risiko"

"Wenn Sie bei uns Aktionär werden wollen", sagt Produktionsleiter Markus Maier, "brauchen Sie noch Mut zum Risiko." Am Ende aber, glaubt er fest, wird das Risiko belohnt. Jeden Tag erlebe er es in den Hackeschen Höfen in Berlin-Mitte, dem Touristenmagneten aus verketteten Hinterhöfen voller Kneipen, Boutiquen, Cafés und Shops, wo Askania einen wunderschönen barocken Showroom hat. "Die Leute kommen, die Leute gucken, die Leute sagen: Die Uhr ist toll, die trägt nicht jeder, die will ich." Preise, die Müller "vernünftig" nennt - zwischen 699 und 3695 Euro - erleichtern spontane Kaufentscheidungen.

Und die Verführung durch das Design. Leonhard Müller sagt stolz: "Die meisten Kollektionen werden immer ähnlicher, wenige Uhren haben noch ein Gesicht. Aber unsere!" Es ist das Gesicht klassischer Fliegeruhren - immer wieder leicht variiert. Mal mit angedeuteter Kompass-Rose, mal mit Großziffern, mal mit Tachyoder Telemeter, mit denen man hohe Geschwindigkeiten oder die Entfernung eines Gewitters bestimmen kann. Aber immer einem Grundsatz folgend: "Gute Ablesbarkeit, wenig Schnörkel, das ist unsere Philosophie." Charles Lindbergh hätte keine Einwände.

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