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Führerschein für Motorsägen: Ein Männlein sägt im Walde

Holz als Brennstoff ist in - aber teuer. Die Lösung: selber sägen. Aber kein Anfänger sollte ohne Motorsägenkurs im Wald herumfuhrwerken. stern-Redakteur Kester Schlenz nahm Privatstunden.

Von Kester Schlenz

Man spricht ja immer so locker von "blutigen Anfängern". Schon möglich, dass diese Wendung einst von sägenden Waldarbeitern erfunden wurde. Es gibt kaum etwas Gefährlicheres als Kettensägen. Einmal abgerutscht, und man blamiert sich bis auf die Knochen. Aber trotz aller Gefahr: Gesägt wird immer mehr in deutschen Landen. Und das beileibe nicht nur von Profis. Deutschland ist auf dem Holzweg. Weil Kaminöfen immer beliebter, aber das Brennholz vom Händler teuer ist, sägt der Privatmann von Welt zunehmend selbst. Gern auch mal in den eigenen Körper. Deshalb wird mittlerweile in den meisten Bundesländern kein privater "Brennholzselbstwerber" mehr in den Forst gelassen, ohne dass der vorher eine Art Führerschein für Motorsägen gemacht hat. Seriöse Kursanbieter sind unter anderem Forstämter. Dort habe ich vorgesprochen. Denn auch bei uns zu Hause steht ein Kaminofen, und deshalb hatte ich spontan und holzhungrig eingewilligt, das richtige Sägen zu lernen.

Herr Hoffmann vom Forstamt Farchau, nahe Ratzeburg, ist gern bereit, mir zu helfen. Er habe da den Herrn Günter Rieken zur Hand, einen sägekundigen Forstwirtschaftsmeister, der könne mir Privatstunden geben. In einem regulären Kurs würden wir mit unserem Fotografen zu sehr stören. Und dann wird er fordernd: "Sie wissen schon, dass Sie bei uns nicht in Jogginganzug und Windjacke auflaufen dürfen, oder?"

Ich lerne, dass jeder vernünftige Sägekurs von den Teilnehmern Schutzkleidung verlangt: Helm mit Gehör- und Gesichtsschutz, schnittfeste Hose, schnittfeste Schuhe und Handschuhe. Gemeint ist hier definitiv nicht die Schnittfestigkeit, die bei Tomaten so willkommen ist, sondern die Wirkung spezieller textiler Materialen, die die rotieren de Kette der Säge durch eine Art "Verhedderungsprozess" umgehend zum Stillstand bringen. Rund 250 Euro kann man für die Komplettausstattung schon ausgeben, wenn's … nun ja … schnittig aussehen soll.

Der Sägemeister

An einem sonnigen Aprilmorgen treffe ich dann - schnittfest gekleidet - Günter Rieken. Ein kräftiger Mann mit offenbar angeborener Autorität. Ein erfahrener Lehrer. Er hat allein in den letzten anderthalb Jahren rund 1700 Leute in Sägekursen unterrichtet. Rieken reicht mir die Hand und meine Säge - ein Riesending mit Auspuffabschirmung, Krallenanschlag, Kettenfangbolzen und Vibrationsdämpfung. Cooles Teil. Vom Feinsten. Aber vorerst nur zum Angucken.

Denn bevor ich Ästen und gar Bäumen an die Rinde gehen darf, kommt erst mal graue Theorie. Ich erfahre Nützliches über Baumbeurteilung, Sicherheitsabstände, Bruchleisten, Entastung, Trenn-, Fällschnitt und Umkeilung. Beim Thema "Verletzungsgefahr im Wald" wird mir etwas mulmig. Gut, dass ich Jacke wie Hose habe.

Rieken aber macht unmissverständlich klar: Hose hin, Jacke her - man muss verdammt aufpassen. Zum Beweis zieht er sein rechtes Hosenbein hoch und zeigt eine Prothese, vom Oberschenkel abwärts. "Baum drauf gefallen. Pech gehabt. Klar, was ich meine?"

Verdammt klar.

Scheiße, warum habe ich diesen Auftrag angenommen?

An die Arbeit

Dann geht es in den Wald. Ich blamiere mich umgehend, weil ich es vor lauter Aufregung nicht schaffe, die Säge anzureißen. "Ein Mann wie ein Baum - sie nannten ihn Bonsai", denke ich und reiße mit hochroter Birne weiter am Seil. Schließlich bringe ich das Ding doch noch zum Laufen. Ganz schön laut. Und wie das Sägeblatt da so aggressiv rotiert. Angst essen Seele auf. "Nie über Schulterhöhe und nie mit der Schienenspitze sägen", erinnert mich Günter Rieken und lässt mich erst einmal vorsichtig einen Baum entasten und dann zerteilen. Geht durchs Holz wie Butter, mein Sägeblatt. Nach zehn Minuten habe ich mich etwas an mein Gerät gewöhnt und verstehe jetzt auch, dass man zuerst in die Druckseite des Holzstücks und nicht in die Zugseite sägen muss, damit einem nichts um die Ohren fliegt. Anschließend darf ich schon mal Scheiben aus einem großen Baumstumpf heraussägen. Läuft gut, strengt aber ganz schön an.

Und dann geht's richtig los. Mein erster Baum soll fallen. Ein Ahorn, etwa zehn Meter hoch und so dick wie der Rumpf eines Mannes. Mein Lehrer fragt noch mal die Essentials ab. Wir bestimmen den Gefahrenbereich, verjagen Schaulustige und legen die Fallrichtung fest. Dann säge ich einen sogenannten Fallkerb mit zwei Schnitten in den Baum, etwa 30 Zentimeter über dem Boden. Das ist ein Keil, der bis zu einem Drittel in den Baum hineinreicht und die Fallrichtung festlegt. Auf der anderen Seite des Ahorns säge ich danach mit etwas zittrigen Händen oberhalb des Fallkerbs eine waagerechte Linie, den Fällschnitt. Fünf Zentimeter bleiben stehen, damit der Baum kontrolliert umfällt. Noch steht der Ahorn. Aber er knirscht schon. Ächzt! Kämpft! "Fall um, du Sau", denke ich radikalisiert durch die Erschöpfung. Doch der Ahorn ist ein Steher. "Den müssen wir umkeilen", sagt Günter Rieken. Kaum hat er den Satz beendet, da gibt der Ahorn auf. "Aaaaachtung!", brüllt Rieken vorschriftsmäßig. Und jetzt fällt der Baum und donnert mit einem gewaltigen Rums auf die Erde, genau dahin, wo er sollte. Geil!

Aber dann liegt er so da, mein Ahorn. Tot, vom Stamm getrennt. Und ich muss auf einmal an die Sängerin Alexandra denken. Die sang einst: "Mein Freund, der Baum, ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot."

Nachdenklich fahre ich nach Hause. Meine Frau begrüßt mich und fragt entsetzt: "Meine Güte, wie siehst du denn aus? Was ist los?"

"Schatz", sage ich. "Ich habe einen umgelegt."

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