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Gio-Goi: Der Tod und das T-Shirt

Heroin-Chic vom Kaufhausbügel: Gio-Goi, die coolste Modemarke Großbritanniens, holt sich als Designer den bekanntesten Junkie des Landes: Sänger Pete Doherty.

Von Viola Keeve

Plötzlich taucht er auf. Niemand wusste, wo er war und ob er überhaupt kommen würde. Mit deutlicher Verspätung irrt Pete Doherty, eine blaue Plastiktüte in der Hand, an den Fans vorbei, die ihn erst gar nicht bemerken, so müde sind sie vom Ausharren in der Parkgarage des Traditionskaufhauses Selfridges in London. Der Auftritt ist weitgehend geheim gehalten worden, vor nur 50 Gästen sollen die Babyshambles bei der Präsentation von Dohertys erster Kollektion für das Label Gio-Goi spielen.

MTV und die BBC sind da, ebenso wie Freunde und Groupies. Doherty trägt einen grauen Mantel und Mütze, sucht taumelnd seine Band; er kann kaum noch gerade gehen. "Pete!", schreit ein Mädchen, er stoppt kurz, streichelt ihr über den Kopf. Dann ist er von Kameras umringt, schwingt die Gitarre, raucht, schwitzt, spielt wie ein Berserker, was Fans ihm zurufen, fünf Songs - danach ist er weg, mal wieder. Das Licht geht an. Was bleibt, sind ein paar T-Shirts, Jeans und Trainingsjacken. Seit Januar hängt seine Mode nicht nur in London, sondern in ganz England: Heroin-Chic von der Stange. Eine Promotion-Frau im Leopardenmini reißt ständig beide Daumen hoch, umarmt alle, weil alles geklappt hat; vielleicht ist sie auch nur ziemlich high. Viele aufgeregte, blonde Kate-Moss-Kopien posieren vor ihren Fotohandys.

Lieblingsjunkie der Nation

Natürlich war das Topmodel, das Doherty nun doch nicht heiraten will, nicht anwesend, und auch er hat es nicht lange ausgehalten im Parkhaus. Er überlässt die Arbeit seinem Kumpel Anthony Donnelly von Gio-Goi, einem kleinen Mann von 41 Jahren. Donnelly, mit Baseballkappe und Jeans, läuft in der Lobby des Sanderson-Hotels auf und ab, muss Journalisten beruhigen. "Es gibt Probleme mit Pete", sagt er und lacht heiser. Schon Anfang 2006 sollte die Kollektion gezeigt werden, doch damals ließ das Label den Freund fallen, wegen "unvorhersehbaren Verhaltens", sein Drogenentzug lief nicht gut.

Doherty ist eben keine Heidi Klum. Er fährt mit Autos Schlangenlinien, malt mit Blut und Erbrochenem, wirft in Bars mit Gläsern nach Gästen. Der 27-Jährige ist der verlorenste aller Rockstars, crack- und heroinsüchtig, in einem guten Alter, um zu sterben, wenn er so weitermacht, wie vor ihm Jimi Hendrix, Jim Morrison und Kurt Cobain. Hochbegabt ist er und hochverletzlich, charismatisch, wortgewandt, wenn er einen lichten Moment hat, ein großes, kindliches Genie mit Mondaugen und dünnen Beinen. Sein Selbstmord auf Raten gehört zur Show. Den Schalter zum Aufhören gibt es nicht. Weder die vielen Trennungsdrohungen von Kate Moss noch die Abkehr seines Vaters, die öffentliche Beichte seiner Mutter (ihr aktuelles Buch "Mein verlorener Sohn"), weder Geldbußen noch Gefängnis können ihn bremsen. Seine Kunst gedeiht am Abgrund, dort, wohin sich andere nicht trauen. Der Reiz für viele ist: zugucken, wie einer draufgeht, von der Bühne kippt.

Doherty ist nicht der erste harte Junge, den Gio-Goi einkleidet. Schon die Rolling Stones, Oasis, Blur, New Order, Happy Mondays und Robbie Williams haben die Kleider der britischen Marke getragen. 350 Läden gibt es allein in Großbritannien; Gio-Goi verkauft auch in Griechenland, Italien, Belgien, den Niederlanden und in Skandinavien. "Gio-Goi auf der Brust zu haben", hat Robbies Freund, der Schauspieler Max Beesley, einmal gesagt, "gibt dir Selbstvertrauen, besonders draußen auf der Straße."

Abkömmlinge einer britischen Dealer-Dynastie

Das liegt an der Geschichte der Marke - und an ihren Gründern. Chris und Anthony Donnelly kommen aus einer britischen Dealer-Dynastie. Ihr Vater Arthur, ein Schrotthändler, musste 1994 für acht Jahre ins Gefängnis, weil er einem Undercover-Polizisten für 10.000 Pfund türkisches Heroin verkauft hatte. Außerdem sind sie die Neffen von Jimmy the Weed (zu Deutsch: "das Unkraut"), Chef der berüchtigten Quality Street Gang in Manchester, die bis in die frühen 80er Jahre Pubs und Clubs kontrollierte, ebenso den Drogenhandel. Und die immer Kontakt zu Fußballern und Musikern hielt, etwa zu der Band Thin Lizzy. "Männer, unter die man sich besser nicht mischte", schrieb der Journalist Pete Walsh 2003 in seinem Bestseller "Gang War - The Inside Story of The Manchester Gangs". Wer Anthony Donnelly auf das Buch anspricht, hört zuerst nur: "Fuck!" Und dann: "Glaub kein Wort, wir sind kein kriminell organisiertes Unternehmen."

Alles um Gio-Goi hat in Manchester mit dem Boom von Acid House begonnen. Ende der Achtziger wurde aus der Stadt mit der hohen Arbeitslosigkeit die Partymetropole "Madchester" - aber auch "Gunchester", Großbritanniens Hauptstadt des Verbrechens, die Einflugschneise für harte Drogen, der Schauplatz blutiger Bandenkriege. Damals organisierten die Donnelly-Brüder illegale Raves in alten Lagerhäusern und entwarfen von 1989 an T-Shirts für ihre Partyfreunde. Auf dem ersten Modell stand: "Dedicated To Those Dodgin' The Rain And The Bullets" - denen gewidmet, die dem Regen und den Kugeln ausweichen.

Auch kugelsichere Westen im Sortiment

Gio-Goi verkaufte kugelsichere Westen, spielte mit seinem Gangster-Image. Berühmte DJs, Fußballer und Musiker trugen die Mode. Der Hype begann. Das Geld, das Gio-Goi einbrachte, floss in Donnellys Club "Parliament". Doch die Brüder waren einen Schritt zu nah an Manchesters Unterwelt. Zwölf Monate lang wurden sie beobachtet, dann tappten sie in eine Falle: Nach einer Razzia wurden sie angeklagt wegen Drogenhandels. Sechs Monate saß Anthony Donnelly im Gefängnis, wegen Ecstasy-Dealerei. Alle Konten wurden eingefroren, Gio-Goi schien so gut wie tot.

Doch Musiker wie Liam Gallagher von Oasis und Damon Albarn von Blur, aber auch Alex Ferguson, der Trainer von Manchester United, trugen die Marke weiterhin. Im Jahr 2000 starteten die Donnellys den Verkauf im Internet, stellten auf ihre Homepage Sirenen, Blaulicht, Fotos von Gang-Kids und ein neues T-Shirt: "It's A Crime Not To Be Organised" - es ist ein Verbrechen, nicht organisiert zu sein. Auch eine Klage von Giorgio Armani, der wütend gegen den ähnlich klingenden Namen vorging, schmetterten die Donnellys erfolgreich ab. Inzwischen sieht man ihre Shirts wieder auf Raves in Ibiza.

"Die alten Manchesterzeiten wollen wir nicht aufleben lassen", erklärt Anthony Donnelly. "Heute heißt das Zentrum der Dance-Szene London. Doch Leute suchen immer noch nach Dingen, die echt sind." Viele Marken arbeiten an guten Geschichten. "Unsere ist wenigstens echt", erklärt er. Auch Bruder Chris, 38, der mit seinen Kindern auf dem Land lebt, ist immer noch stolz darauf, das "ungezogenste Label des Landes" zu haben, wie er Gio-Goi nennt. Wer würde zu diesem Image besser passen als ein Designer auf Droge, Pete Doherty?

"Das ist schmeichelhaft, oder?", fragt Doherty später am Telefon. Er wirkt vernebelt, seufzt, stöhnt und murmelt, ist kaum zu verstehen. Ein freundliches, bemühtes Wrack, das nur noch funktioniert in einem Korsett aus Freunden und Helfern, die von ihm profitieren. Auf die Frage, ob er den grauen Mantel entworfen hat, den er zum Konzert getragen hat, sagt er: "Ich bin nicht sicher. Ja, ich glaube, den habe ich entworfen." Ihm zuzuhören ist mal qualvoll, mal verwirrend, weil er entrücktes Zeug erzählt, von "Old Oscar" (Oscar Wilde) spricht oder der Grauheit des Lebens, der man nicht entkommt. Auf seinen schwarzen T-Shirts für Gio-Goi steht ironisch "drugfree" ("drogenfrei") und "Too much Rock 'n' Roll". Eigentlich wären die schlichten Hemden der Rede nicht wert, handelte es sich nicht um Doherty, der sie zu Markte trägt.

Für Mode, gibt er offen zu, interessiere er sich kaum, er trage gern Sachen der Sechziger, Siebziger, enge Jeans, alte Sakkos, Hüte. "Wenn das andere auch tragen wollen, würde ich das unterstützen, im Grunde ist mein Geschmack sehr altmodisch", sagt er. Am Telefon wirkt der Skandalrocker sanft, fast schüchtern, ein Mensch ohne Arglist und Schutzschild. "Wenn dann nichts mehr ist, breche ich jetzt auf ins Krankenhaus", verabschiedet er sich leise. Dann ist er weg, mal wieder.