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Ikea: Zu Hause bei Billy

Selbstbedienung und Fleischbällchen: Vor 50 Jahren eröffnete in der schwedischen Pampa die erste Ikea-Filiale. Ein Besuch dort lehrt eine Menge über die Art, wie wir noch heute Möbel kaufen.

Von David Pfeifer

Älmhult ist ein sehr kleiner Ort in Schweden, vier Stunden Autofahrt von Stockholm, zwei Stunden von Kopenhagen entfernt. Schweden sieht in dieser Gegend aus, wie man sich Schweden vorstellt - die Landschaft und die Menschen wirken derart gesund, dass man sich nach rauchenden Fabrikschloten sehnt.

Wer nach Älmhult kommt, kommt nicht an Ikea vorbei. Straßenschilder verweisen auf die einzelnen Abteilungen des Konzerns. Aus Steuergründen ist Ikea offiziell als Stiftung in den Niederlanden sesshaft. Doch die gesamte Produktentwicklung wird weiter in Älmhult gemacht, das riesige Fotostudio steht hier, in dem jedes Jahr die Wohnungen aufgebaut werden, die dann den Ikea-Katalog schmücken, der allein in Deutschland in einer Auflage von 32 Millionen Exemplaren verteilt wird. Sogar ein Ikea-Hotel gibt es, erstaunlich lieblos eingerichtet.

Dem Hotel gegenüber steht die älteste Ikea-Filiale der Welt. Eröffnet wurde sie 1958, 15 Jahre nachdem Ingvar Kamprad das Unternehmen Ikea gegründet und zunächst als Versandhandel betrieben hatte. Bis heute ist der Ikea-Laden das Interessanteste, was man sich in Älmhult anschauen kann. Man lernt eine Menge über die Art, wie wir Möbel kaufen.

"Eigentlich ein furchtbarer Laden"

Schweden hat eine viel größere Grundfläche als Deutschland, und darauf leben etwas mehr als neun Millionen Menschen. Die Schweden verteilen sich also großzügig in ihrem geografisch lang gestreckten Land. Jeder Einkauf, der über die Güter des täglichen Bedarfs hinausgeht, bedeutet Aufwand. So wurde 1959 das erste Restaurant im Möbelhaus eröffnet, damit die Kunden, die manchmal den ganzen Tag mit ihrem Einkauf beschäftigt waren, sich zwischendurch stärken konnten.

Noch heute ist das Prinzip von Ikea genau dieses: Die Filialen stehen in Randlage, dafür verfügen sie über Kinderbetreuung, ausreichend Parkplätze und ein Restaurant, um die Inneneinrichtung ohne Schwächeanfall möglichst komplett zusammenzubekommen. Fast jeder hat den Geschmack von Köttbullar auf der Zunge, wenn er an Ikea denkt. Die Schweden essen die kleinen Fleischbällchen übrigens tatsächlich auch selber, sogar in Älmhult. Dort dient das Ikea-Restaurant zudem als Kantine für die 3400 Mitarbeiter, die in den umliegenden Flachbauten für den Konzern arbeiten.

Ansonsten ist der ältesten Filiale kaum anzumerken, dass sie etwas Besonderes ist. Von außen sieht sie aus, wie Ikea-Läden immer aussehen. Drinnen wirkt sie klein und verbaut im Vergleich zu den modernen Filialen, die man aus Deutschland kennt. "Eigentlich ein furchtbarer Laden, der den heutigen Anforderungen nicht mehr genügt", wie Hugo Sahlin erklärt, der schon sein halbes Leben bei Ikea arbeitet. Früher hat Sahlin Ikea-Filialen aufgebaut, unter anderem in Asien, heute kümmert er sich um die "Heritage"-Abteilung, also das Erbe der Firma, gemeinsam mit seiner Kollegin Eva Hagberg.

278 Shops in 36 Ländern

Das Ikea-Imperium wuchs bis in die 70er Jahre hinein stetig. Danach explodierte es. 1974 machte die erste Filiale in Deutschland auf, in Eching bei München. Die ersten Shop-Eröffnungen in den USA wurden mit einer Liveübertragung nach Älmhult gefeiert. Inzwischen wird lediglich am Empfang eine kleine Fahne aufgestellt, und Süßigkeiten werden ausgegeben, wenn eine neue Filiale eröffnet wird - es passiert einfach zu häufig. 278 Shops in 36 Ländern sind es mittlerweile.

Eva Hagberg und Hugo Sahlin kümmern sich erst seit etwa sechs Jahren um die Vergangenheit von Ikea. Zuvor war der Blick immer streng in die Zukunft gerichtet. Hagberg und Sahlin arbeiten in einem Lagerraum unter dem Ikea-Hotel, nebenan füllen sie das Ikea-Museum mit Exponaten. Die Wände im Lagerraum sind bis oben hin mit alten und steinalten Möbeln vollgeräumt. Manches erinnert Besucher sofort an ihre eigene Kindheit, eine Lampe, ein Sessel, eine Kombination aus Schreibtisch und Regal, aus dem hellen Birkenholz, das sich immer verzogen hat, nachdem es aufgebaut war. Nebenan, im Museum, sind Musterzimmer aus verschiedenen Jahrzehnten eingerichtet, wie für einen Katalog aus vergangenen Zeiten. Die Möbel bekommen Hagberg und Sahlin größtenteils aus Wohnungsauflösungen: 20 Prozent Marktanteil hat Ikea in seiner Heimat. Die Schweden leben zum Teil in kompletten Ikea-Dekors, wie sie nun im Ikea-Museum zu finden sind.

Zwischen den Jahrzehnten werden besondere Produkte herausgestellt, wie jener Tisch, der 1956 entwickelt und als erster im "Flatpack" ausgeliefert wurde - also mit Beinen, die man selbst anschrauben musste, damit der Tisch beim Transport nicht so viel Platz einnahm. "Das Erfolgsgeheimnis von Ikea war ja nicht das Design", erklärt Sahlin, "es ist die Verbindung aus günstigem Preis und praktischen Lösungen." Und der "Flatpack" war so eine Lösung. Heute hat man sich daran gewöhnt, dass viele Möbel flach geliefert und erst in der Wohnung dreidimensional werden.

Ein Parcours der Kundenverführung

Bei Hugo Sahlin kann man auch in jenem Buch blättern, das jeder neue Filialchef bekommt, wenn er seinen Laden aufbaut. Ein Buch, in dem genau festgelegt wird, in welcher Größe und Aufteilung der Laden gestaltet werden muss. Auch jener Irrgarten ist in dem Buch aufgezeichnet, der die Besucher an den Rand eines Nervenzusammenbruchs führt, wenn sie nur eine bestimmte Sache ganz schnell besorgen wollen. Die innere Ordnung der Shops wurde immer weiter verfeinert.

Über die Jahre ist ein Parcours entstanden, der die Kunden dazu verführt, die Zeit zu vergessen, viel mehr zu kaufen, als sie eigentlich wollten, und den Wagen am Ende noch willenlos mit Nützlichem ("Schatz, einen Beutel Teelichter können wir doch bestimmt brauchen") vollzuräumen. Der Einkauf wird auf diese Weise deutlich teurer als geplant. Es gibt nicht wenige Paare, die erst bei der gemeinsamen Einrichtungstour bei Ikea festgestellt haben, dass sie nicht zueinander passen. Wer aber einmal den Großeinkauf bei Ikea überlebt hat, stellt im Laufe der nächsten Jahre fest, dass es zu Hause aussieht wie in einer ARD-Vorabendserie. Und spätestens wenn die ersten Gäste sagen: "Ah, ‚Malm‘ - das war auch unser erstes Bett!", geht es los, da fliegen die Ikea- Möbel raus und werden durch etwas Individuelleres ersetzt.

Lea Kumpulainen und Halina Sawicka kennen diese Phase. Sie arbeiten beide im "Range Strategy Department" von Ikea, sind also zuständig für die gesamte Produktpalette. Wären sie eitler, würden sie sagen, sie seien Produktdesigner, aber Ikea ist das Gegenteil von eitel. Alle Mitarbeiter, egal, ob Designer, Verkäufer oder Filialchef, werden als "Kollegen" bezeichnet und sofort geduzt. Auch in der Designabteilung sieht die Einrichtung eher profan aus: Im Besprechungsraum stehen drei schwarze "Klippan"-Sofas um einen Couchtisch. "Viele Menschen kaufen sich fast alles bei Ikea, wenn sie ihre erste eigene Wohnung haben" sagt Kumpulainen, "später tauschen sie dann aus, weil sie etwas Besonderes haben wollen."

Warum funktionieren die Produkte auf der ganzen Welt?

Auch Kumpulainen und ihre Kollegin Sawicka erklären, dass der entscheidende Punkt bei Ikea die Organisation sei. Die Idee für ein Produkt kann von einem neu entwickelten Werkstoff genauso ausgehen wie von einer guten Konstruktion, die man besonders effektiv stapeln kann. Die birkenhölzerne Freundlichkeit, die Ikea-Möbel ausstrahlen, hat zwar viel mit skandinavischem Design zu tun, "aber niemand kauft etwas bei uns, nur weil es hübsch ist", sagt Kumpulainen. Dass alles, was Ikea macht, immer noch in Älmhult erdacht und geplant wird, wo das Unterhaltungsprogramm aus einer Kinovorführung im Gemeindehaus besteht, halten die Mitarbeiter für einen Vorteil. "In Älmhult zu arbeiten hält einen auf dem Boden", sagt Halina Sawicka, die auch schon als Designerin in London und New York gearbeitet hat. "Man bleibt bescheiden", ergänzt Lea Kumpulainen. Die Mitarbeiter sind einander mehr oder minder ausgeliefert, die Wege sind kurz, es gibt ein firmeneigenes Fitnesscenter und sogar einen Klub für Ikea-Pensionäre, der gemeinsame Reisen organisiert.

Aber warum funktionieren die Produkte, die aus einem kleinen Ort in Schweden kommen, auf der ganzen Welt? Warum kaufen die Japaner, die Russen und die Amerikaner alle etwas bei Ikea, wo sie sich doch sonst sehr unterschiedlich einrichten? "Gerade weil wir uns den Bedürfnissen der Menschen anpassen und nicht dem regionalen Markt, funktioniert es", sagt Sawicka. Und es funktioniert überall anders: In Japan ist Ikea besonders günstig, in Russland gilt es als modern, in den USA als ausgesprochen schick. Doch die weltweit gleichen Probleme der Ikea-Kunden fasst Lea Kumpulainen so zusammen: "Wenig Platz, wenig Zeit, wenig Geld."

Momentan arbeiten die beiden an der Produktpalette für 2011. Nebenan, im größten Fotostudio Europas, wird der Katalog für 2009 produziert. Und gerade waren die Händler aus allen Teilen der Welt da, um sich die neuen Möbel anzusehen. Sie haben alle im Ikea-Hotel übernachtet.

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