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Trendfarben: Was blüht uns denn da?

Dass in diesem Frühjahr alles in Gelb leuchtet, ist kein Zufall. Ein Besuch bei Pantone, dem Weltmarktführer der Farbsysteme, erklärt, warum Trendfarben kommen - und irgendwann wieder verschwinden.

Von Dirk van Versendaal

Heute schon Gelb gesehen? Vermutlich. Gelb strahlen uns zurzeit ja nicht nur die ersten Frühlingsblumen entgegen, sondern auch die Kleider und Blusen in den Kaufhäusern. Von der Geldbörse bis zur Salatschüsse, vom Sitzmöbel bis zum Arbeitsgerät - den Designern scheint in diesem Jahr ein Licht aufgegangen zu sein. Und: Gelb ist nicht nur die wichtigste Trendfarbe des Jahres, sie wird uns nach einem Sommer in fröhlichen Freesienblüten-Tönen und einem eher in erdigen Ockertönen gehaltenen Herbst sogar noch bis ins nächste Frühjahr hinein begleiten.

Dies ist keine ins Blaue hinein gewagte Prognose, sondern das Ergebnis der Analysen, die Helmut Eifert und sein Team schon vor zwei Jahren an die Bekleidungsindustrie weitergegeben haben. Eifert ist Europa-Chef des amerikanischen Unternehmens Pantone, des Weltmarktführers auf dem Gebiet der Farbsysteme. Pantone hilft herauszufinden, welche Farben wir in Zukunft sehen wollen. Das ist wichtig für die Druck- und Autoindustrie, aber auch für den Tapetenhandel, Wandfarbenhersteller und eben die Textilbranche.

Gelb steht nicht jedem

Dass Gelb die Lieblingsfarbe der Designer für die diesjährige Frühjahr/Sommer-Saison wurde, dass es von Balenciaga bis hin zu Versace auf den Laufstegen leuchtete wie schon lange nicht mehr, kam für viele überraschend. Schließlich steht Gelb nicht jedem, den Hellhäutern unter uns schon mal gar nicht. Und dennoch machten die Großen der Modebranche die Farbe des Lichts zu ihrem Hauptthema (Valentino) oder ließen es zumindest im Detail eines Badeanzuges (Gucci), in einem Strumpfpaar (Wunderkind) oder einer Handtasche (Marc Jacobs) aufblitzen.

Wie konnte es dazu kommen? "Wir können zwar nicht in die Kugel schauen", sagt Eifert, aber für die Prognosen über den Wandel unserer Vorlieben sorgt bei Pantone ein Team von rund 15 Experten - "Leute, deren Hauptberuf es ist, sich die Welt durch die Farbbrille anzuschauen." Einige von ihnen sind auf Medien oder neue Technologien spezialisiert, andere beschäftigen sich ausschließlich mit Kunst und Kultur; sie besuchen Modemessen, analysieren Videoclips, beobachten, was heute am Set gedreht wird, um überübermorgen im Kino anzulaufen. Sie analysieren gesellschaftliche Entwicklungen, deuten globale Krisen, die Wege der internationalen Politik. Am Ende ihrer Recherche schaufeln die Farbsucher ihr Material zusammen und küren die Favoriten aus den 1925 Farben des firmeneigenen Textilsystems.

Und wie war das mit dem Freesiengelb damals? Wer kam auf die sonderbare Idee mit der Nummer 14-0852? Gelb, das sei für ihn schon wieder Schnee von gestern, antwortet Eifert, aber immerhin so viel könne er nach einem Blick in die "Colour Forecasts" der vergangenen Saisons, die Bücher mit den Vorhersagen, rekonstruieren: Gelb steht für die überwundene Wirtschaftskrise und günstige Prognosen, zweitens für die Öffnung und den Wandel Chinas - eines Landes, in dem die Farbe bei der Jugend als Signal des Aufbruchs erblüht. Und drittens ist Gelb die einzig konsequente Antwort auf die laschen Töne des Jahres 2006: Creme, Nude, Beige.

Auf die regelmäßigen Veröffentlichungen Pantones wartet besonders die Textilindustrie mit Ungeduld. Die Stoffmusterkarten und diversen Farbbücher werden von Designern zum Zwecke der Inspiration studiert, von den Garn- und Stoffherstellern in die Produktion eingearbeitet. Nach der Farbvorschau des Frühjahrs 2006 blitzten die ersten Signale in Gelb bereits im folgenden September auf den Laufstegen auf - im knallbunten Look Christopher Kanes in London zum Beispiel, auch bei Jil Sander in Mailand. Von hier aus breitete sich die Farbbotschaft dann in die weite, am Ende aber doch kleine Welt der Mode aus. Auch wenn es zuweilen nach geheimen Absprachen und Planungskartellen aussieht, es gibt sie nicht. Es gibt Pantone.

Keine Worte für so viele Farben

Das Unternehmen hat mittlerweile nach eigenen Angaben mehr als 10.000 Töne definiert. Gehören die Farben Pantone? "Nein, nein, natürlich nicht", sagt Eifert. "Aber Pantone hilft, über Farben zu sprechen." Denn anders als der Igel, für den es in der Welt offenbar nur eine einzige Farbe gibt, vermögen Menschen 250 reine Farbtöne und etwa 17.000 Mischfarben zu unterscheiden. Das ist ein Segen, aber leider fehlen uns die Worte, sie objektiv zu beschreiben. Deshalb schuf der Pantone-Inhaber Lawrence Herbert Anfang der 60er Jahre ein System, mit dem sich Farben exakt beschreiben und reproduzieren ließen. Seither ist das Farbspektrum in Codes zerlegt, und es gibt keine zwei Ansichten darüber, wie gelb das Logo-Gelb der Lufthansa auszusehen hat - nämlich exakt wie das Gelb mit der Nummer 1235 C. Und nicht wie das 116-C-Gelb der FDP.

Der taiwanische Spielzeughersteller weiß, dass nur 820 C ein sattes Pink der Barbie von Mattel hergibt, und wenn Hennes & Mauritz 10.000 T-Shirts in Schnorchelblau nachlegen will, dann hilft die Pantone-Bibliothek mit der Nummer 19-4049 weiter. "Unser System gewährleistet, dass auch ein indischer Färber genau weiß, was er mischen soll. Wir liefern ihm die Färbemittel, die Rezeptur, ein Kochrezept." Dafür zahlen die Kunden gern, denn die Kosten für Fehlfärbungen sind so hoch wie ärgerlich.

Weil er sich tagaus, tagein mit Farben beschäftigt, weil auch die Panoramascheiben seines Stuttgarter Hochhausbüros eine formidable Aussicht bieten, hat Helmut Eifert sich beim Innendekor auf eine wandgroße Farbtafel beschränkt: das Rot 032 C. Ein Rot ohne wärmendes Gelb, wie er erklärt, "ein kühles Rot mit starkem Blauteil, passend zum Geschäftsbereich". Was sich so schön nach Tusche und Malkastenspaß anhört, ist schließlich auch ein Business. Pantone macht mit 1063 Mitarbeitern geschätzte 300 Millionen Dollar Umsatz im Jahr. Es gibt Konkurrenten wie die deutsche HKS - stark im Grafikbereich, jedoch nicht weltweit tätig -, und im vergangenen Jahr wurde man für 180 Millionen Dollar von der X-Rite Corp. gekauft, einem schweizerisch-amerikanischen Unternehmen, das auf Farbmessung spezialisiert ist. Farben sind bares Geld wert.

Riesenthema Corporate Identity

Die Tatsache, dass sie Stimmungen in uns auslösen, wird von immer mehr Konzernen entdeckt. "Die Corporate Identity" und der Einsatz von Farben, sagt Eifert voraus, "werden in Zukunft ein Riesenthema werden." Der Wert einer weltweit einheitlichen Unternehmensfarbe ist gar nicht zu überschätzen: Etwa wenn das Grün 3425 C in Tokio ebenso schnell als das Grün der Kaffeekette Starbucks erkannt wird wie in Ulm. Und als Puma nicht länger Sportartikelhersteller sein wollte, sondern Lifestyle-Unternehmen, half Pantone mit einem dynamischen 486-C-Rot für die Logofarbe nach.

Im März hat Pantone seine neue Farbvorschau veröffentlicht. Mit welchen Prognosen wartet der "View Colour Planner Herbst/Winter 2009" auf? "Wenn wir alle Erkenntnisse auf einen Haupttrend zusammendampfen, wird unsere Welt gegen Ende des Jahres 2009 wohl in Grün getaucht werden." Keine anderen Themen seien global von derartiger Wichtigkeit wie Umweltbewusstsein und die grüne Bewegung, vermutet Eifert. In Deutschland ist das zwar keine Neuigkeit, wohl aber in anderen Teilen der Welt. "Vor allem die Amerikaner sind extrem, wenn die erst einmal auf ein Thema angesprungen sind, wird es von morgens bis abends durchdekliniert, in jedem Lebensbereich."

Grün also - mit Limelight und Applegreen, Woodbine und Lily Green, wie seine Ableger genannt werden, ruhigen Tönen, die für Natur, Feld und Wald stehen. Keine Spur mehr vom fröhlichen Gelb dieser Tage, es wird in die Grünfamilie einheiraten und an Strahlkraft verlieren. Soll man sich darauf freuen? "Mal abwarten", sagt Eifert. "Was uns jetzt missfällt, wird uns in zwei Jahren vielleicht gefallen."

Und wenn nicht, dann sei das auch kein Grund zu verzweifeln. Denn letztlich bleibe ohnehin immer alles beim Alten: "Die unbestrittene Nummer eins bei den Färbemitteln und in der Mode ist und bleibt Schwarz."

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