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Wirbel um Nazi-Tattoo von Evgeny Nikitin: Bayreuther Festspiele beginnen mit Eklat

Kurz vor dem Start der Bayreuther Festspiele musste die Titelpartie "Der fliegende Holländer" umbesetzt werden. Dabei hatte sich in diesem Jahr eigentlich eine harmonische Festspielzeit abgezeichnet.

Große Aufregung am Grünen Hügel in Bayreuth schon vor der Premiere: Der Sänger der Titelpartie für die Eröffnungspremiere "Der Fliegende Holländer" ist abgereist. Evgeny Nikitin, früher Mitglied einer Metal-Band, ließ sich einst in jungen Jahren Tattoos mit Nazi-Symbolik stechen. Nun erklärte er nur wenige Tage vor dem Festspielstart am Mittwoch: "Mir war die Tragweite der Irritationen und Verletzungen nicht bewusst, die diese Zeichen und Symbole besonders in Bayreuth und im Kontext der Festspielgeschichte auslösen."

Immerhin: Binnen weniger Stunden präsentierten die Festspielverantwortlichen einen neuen Holländer - Samuel Youn, Bassbariton aus Südkorea. Der stand im Festspielhaus sowieso schon parat, weil er für eine kleine Rolle im "Lohengrin" und als "Holländer"-Zweitbesetzung vorgesehen war.

Am Pult wird Christian Thielemann stehen, der sich den Ruf eines Bayreuther Hausdirigenten erarbeitet hat. Er fungiert auch als musikalischer Berater der Festspiel-Chefinnen Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier. Da wird nicht viel schiefgehen.

Kartenvergabe sorgte im Vorfeld für Kritik

Regie führt der 31 Jahre alte Jan Philipp Gloger. Der "Holländer" ist erst seine dritte Operninszenierung. Eine Premiere in Bayreuth ist stets der strengen Kritik ausgesetzt. Gloger gibt sich nicht als Regie-Rabauke, aber auch nicht als bewusst zahmer Regisseur: Provokation als Selbstzweck interessiere ihn nicht, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. "Ich versuche, so persönlich und aufrichtig wie möglich meine Geschichte zu erzählen und muss mich dabei ganz frei aller künstlerischen Mittel bedienen dürfen. Das interessiert mich. Ob das nun provoziert oder nicht, das sei anderen überlassen. Theater als Regisseur in Kategorien von "provokant" oder "nicht provokant" zu denken, ist mir ganz fern.

Gezeigt wird in Bayreuth auch die Wiederaufnahme der "Tannhäuser"-Produktion von 2011. Regisseur Sebastian Baumgarten ließ eine Biogasanlage auf der Bühne installieren, die Kritik an der Inszenierung war groß. In diesem Jahr auch wieder auf dem Spielplan: Hans Neuenfels' "Lohengrin". Im Vorjahr sind Klaus Florian Vogt als Schwanenritter und Annette Dasch als Elsa zum Bayreuther Traumpaar avanciert - sie sind auch dieses Mal wieder zu sehen und zu hören.

Ein Jahr voller Turbulenzen wird hinter der Festspielleitung liegen, wenn sich am Mittwoch die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) angeführte Prominentenriege versammelt. Der Bundesrechnungshof hatte die Kartenvergabe in Bayreuth heftig gerügt, weil für ein öffentlich subventioniertes Haus zu wenig Karten in den freien Verkauf kämen. Sogar die Staatsanwaltschaft ermittelte. Das Verfahren ist inzwischen eingestellt. Das Vergabesystem für die begehrten Tickets ist überarbeitet worden.

Neue Gerüchte um Misswirtschaft im Opernhaus

Gleichwohl kursierten immer neue Gerüchte über angebliche Misswirtschaft am Grünen Hügel. Es gestaltete sich als schwieriges Unterfangen, nach den vielen Jahren unter der Führung von Wolfgang Wagner der Kulturstätte transparente Verwaltungsstrukturen zu geben. Bis zu seinem Abdanken war Wagner alleiniger Herr am Grünen Hügel. Jetzt reden über den Verwaltungsrat der Bund, der Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und die Mäzenatenvereinigung Gesellschaft der Freunde von Bayreuth mit. Wenn man so will, ist aus dem geheimnisumwitterten Opernhaus eine staatstheaterähnliche Einrichtung geworden, bei der alles unter die Lupe kommt.

Es ist das Jahr vor dem großen Jubiläum. 2013, zum 200. Geburtstag und 130. Todestag Richard Wagners, präsentieren die Bayreuther Festspiele einen neuen "Ring". Die Klassikwelt wird nach Oberfranken blicken und schauen, was die vom Komponisten einst selbst initiierten Festspiele aus dem Jubiläum machen. Der als Stückezertrümmerer bekanntgewordene Regisseur Frank Castorf - Intendant der Volksbühne in Berlin - wird die Tetralogie "Ring des Nibelungen" inszenieren.

fle/Kathrin Zeilmann, dpa / DPA