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Nach Aviciis Tod: "Du brauchst Drogen, um zu funktionieren": Einblicke in das Leben einer DJane

Lange Nächte, viele Drogen, keine Atempause: Eine DJane erzählt aus ihrem Arbeitsalltag, warum der Tod von Avicii kaum einen ihrer Kollegen überrascht und warum sie sich dem verstorbenen DJ und Produzenten plötzlich näher fühlt als irgendeinem anderen Künstler.

DJane

DJane bei der Arbeit: "Gerade am Anfang, wenn die Leute noch krampfig in der Ecke stehen, musst du alles geben: Springen, johlen, klatschen, eben Party machen"

"Ich habe gesehen wie andere DJs, die schon seit zehn Jahren im Business sind, bei jeder Show gesoffen haben und es bis heute tun. Es hilft Druck abzubauen. Ich dachte nicht daran, kürzer zu treten. Ich schaute auf die Szene und alle machten es genauso." (Tim Bergling aka )

Der schwedische Avicii hat mich nie sonderlich interessiert, weil ich seine Musik nervig finde. Als diese Woche jedoch seine Todesmeldung durch die Presse ging und ich mir daraufhin die Netflix-Doku "True Stories" angesehen habe, fühlte ich mich ihm plötzlich näher als irgendeinem anderen Künstler.

Ich kam gerade von einem ziemlich heftigen Wochenende nach Hause. Als DJane hatte ich sowohl Freitag- als auch Samstagnacht in zwei deutschen Großstädten aufgelegt. Ich war hart verkatert, weil ich mal wieder alles gegeben hatte. Zum Glück bin ich nie allein, sondern Teil eines DJ-Teams. Wir touren mit einer bekannten Partyreihe durch Europa und können uns im Laufe des Abends ständig abwechseln.

Avicii hat gegen die Nervosität angesoffen

Avicii war ganz allein. Außerdem legte er nicht so wie wir ein paar Mal im Monat aus purem Vergnügen aus – sondern brachte es mitunter auf 300 Auftritte in nur einem einzigen Jahr! Gegen die Nervosität hat er angesoffen. "Zu Beginn habe ich nichts getrunken, weil ich Angst hatte, etwas falsch zu machen. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich besser aus mir herausgehen kann, wenn ich ein paar Drinks hatte", erzählt er in der -Doku, die das erschreckende Bild eines kranken, ausgelaugten, unglücklichen jungen Mannes zeichnet.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir nicht anders ergehen würde, wenn ich 300 Mal im Jahr hinterm DJ-Pult stehen müsste.

Punkt 1: Der Lifestyle.

Am ersten Tag ist noch alles cool. Man fährt gut gelaunt zum Veranstaltungsort. Unterwegs stopft man sich mit ungesunden Fraß von der Autobahnraststätte voll. Die Fahrt dauert bis zu fünfzehn Stunden. Vor Ort wird dann sofort die aufwendige Bühnendekoration aufgebaut, was nochmal bis zu fünf Stunden dauert. Ein anständiges Abendessen gibt es nur selten. Oft bestellen die Veranstalter einfach Pizza. Meist viel zu spät – so, dass du bereits viel zu aufgeregt bist, um noch etwas runterzukriegen. Stattdessen ziehst du dein Kostüm an, schminkst dich, kippst währenddessen in Rekordzeit die ersten Mischen runter und rauchst gegen die Nervosität wie ein Schlot. Beim Auflegen ab 20 Uhr geht es in ähnlichem Tempo weiter.

Natürlich zwingt dich keiner zum Trinken. Aber oft willst du selbst ja auch etwas vom Abend haben und Party mit deinen Leuten machen.

Das "Problem" ist: Du kannst nicht einfach nur hinterm Pult stehen und Knöpfe drücken. Gerade am Anfang, wenn die Leute noch krampfig in der Ecke stehen, musst du alles geben: Springen, johlen, klatschen, eben Party machen. Die Meute "hochkochen". Es versteht sich von selbst, dass du dabei auch noch cool und sexy aussehen musst.

Kein Alkohol, kein Auftritt

Am Anfang bist du nervös. Deine Hände zittern. Du musst dich konzentrieren, um die Übergänge nicht zu versauen. Du willst, dass die Leute ausrasten. Möglichst schnell und heftig. Wenn dir das nicht gelingt, fühlst du dich wie ein Versager. Du probierst alle möglichen Stilrichtungen aus: Gehen die Leute in Stadt XY eher auf pumpende Goa-Beats oder Trash ab? Wollen sie harten Techno oder was zum Mitgrölen?

Wenn sich die Party allmählich dem Siedepunkt nähert, kochst du mit. Wenn du klug bist, wechselst du jetzt zu Mineralwasser! Aber das ist manchmal gar nicht so einfach …

Im Backstagebereich stehen (neben frischem Obst, Mineralwasser und gesunden Snacks) immer Unmengen an Alkohol parat. Dazu gibt es den "Wachmacher" Redbull. Das ist sogar Teil unseres Vertrags: kein Alkohol, kein Auftritt.

Punkt 2: Die .

Im Durchschnitt dauert unser DJ-Set bis 6 Uhr. Bis keiner mehr kann. Das ist bei Techno-Partys normal und liegt wohl vor allem daran, dass viele Partyjünger (auch schon die ganz jungen) Speed oder andere aufputschende Drogen eingeschmissen haben.

Am nächsten Tag bist du oft komplett im Eimer. Egal, ob du nüchtern geblieben bist oder Drogen genommen hast. Genug Schlaf bekommst du an solchen Wochenenden nie. Entweder, weil du Drogen genommen hast, die dir den Schlaf rauben, oder weil du so früh aus dem Hotel raus musst.

Problematisch wird es, wenn eine längere Weiter- oder Heimfahrt ansteht und ein Fahrer mit "sauberem Blut" benötigt wird. Vor allem, wenn du durch Bayern fährst, wo man ständig von der Polizei angehalten und zum "Pissen" gezwungen wird.

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Fakt ist, dass keiner von uns als DJ arbeiten "muss". Wir werden zwar gut bezahlt, aber gleichzeitig ist es für uns auch jedes Mal "Feiern mit Freunden". Damit das auch so bleibt, gehen wir maximal alle zwei Wochen auf Tour.

Das Elend mit ein bisschen Speed beenden

Der zweite Tag ist hart. Manchmal sind wir vom Vorabend noch so erschöpft, dass zu Beginn gar keiner Lust hat, aufzulegen. Dann ist es eine einzige Quälerei und man muss (wieder) überlegen, ob man das "Elend" mit ein bisschen Speed beenden will.

Für einige Clubbetreiber ist es eine Ehrensache, seinen Künstlern gratis gängige Partydrogen (MDMA, Ketamin, XTC usw.) zur Verfügung zu stellen. Neulich kam sogar einer mit Notizblock zu uns: "Schreibt einfach eure Wünsche auf, ich geh gleich zu meinem Dealer!"

Eine neue Studie hat gerade ergeben, dass jeder zweite Clubbesucher in Berlin MDMA oder Amphetamine nimmt. Etwa jeder dritte Kokain oder Ketamin. 12 Prozent haben schonmal LSD-Trip ausprobiert und 9,4 Prozent konsumierten GHB/GBL. Auffällig finde ich vor allem, wie unbekümmert und routiniert auch schon Teenager heute mit Drogen herumhantieren. In dieser Hinsicht bin ich ein Spätzünder. Ich habe erst angefangen mit Speed und Co. zu experimentieren, seitdem ich als DJane bis in die frühen Morgenstunden "durchhalten" muss, also aus purer Verzweiflung, wenn man so will.

Punkt 3: Die Folgen.

Deshalb hat sich unser DJ-Team auch dazu entschieden, höchstens alle zwei Wochen auf Tour zu gehen. Wir alle brauchen das freie Wochenende dazwischen, um unsere Energiereserven wieder aufzutanken und vor allem auch wieder richtig Bock auf das nächste Mal zu kriegen.

Diese Ruhephasen hat sich Avicii nicht gegönnt. Zwar dauerten seine Auftritte immer "nur" zwei Stunden. Aber danach ging es für ihn oft direkt weiter – zwar mit dem Privatjet, aber dafür nicht selten auf einen völlig anderen Kontinent. Vor kurzem hatte sich der 28-Jährige zwar von Großauftritten zurückgezogen und nur noch im Studio gearbeitet, aber diese Entscheidung kam offenbar zu spät.

Nach zwei DJ-Tagen fühlt man sich um fünf Jahre gealtert

Bei einem Auftritt soll Avicii sogar mal auf die Bühne gekrochen sein, weil er so betrunken war. Sein zügelloses Trinkverhalten führte außerdem dazu, dass ihm seine Gallenblase entfernt werden musste und sich später auch noch seine Bauchspeicheldrüse entzündete, weshalb er ständig starke Schmerzmittel einnehmen musste – um weiter zu funktionieren.

Nach zwei Tagen DJ-Lifestyle fühlt man sich nicht selten um fünf Jahre gealtert. Alles tut einem weh, man ist verkatert, hat Kopf- und Bauchschmerzen vom Alkohol und sorgt sich um die Folgen für Teint, Gehirn, Ohren und Magen … ABER: Gleichzeitig explodiert dein Herz förmlich vor Glücksgefühlen! Du bist beseelt, fühlst dich allen langweiligen "Normalos" überlegen und empfindest eine tiefe Befriedigung, weil ihr es mal wieder geschafft habt, die Massen zur Eskalation zu bringen. Du hast die positive Energie im Club gefühlt und wurdest von allen für deine "krasse Show" gelobt. Und plötzlich weißt du wieder, warum es heißt: God is a DJ. Aber selbst der hat am siebten Tag geruht.


Die Autorin möchte in diesem Fall lieber anonym bleiben. Sie steht seit vier Jahren an jedem zweiten Wochenende in den angesagtesten Technoclubs Deutschlands, Österreichs und der Schweiz hinterm DJ-Pult. Zusammen mit ihrem DJ-Team hat sie eine bekannte Partyreihe erfunden, die regelmäßig bis in die frühen Morgenstunden andauert.

Sehen Sie im Video: "So rührend erinnern sich schwedische Fans an Avicii" 

Gedenken in Stockholmer Innenstadt: Avicii: So rührend erinnern sich schwedische Fans an den weltbekannten DJ