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Portrait

Vom Geheimtipp zum Headliner: Von Wegen Lisbeth: Auf diese Band hat die deutsche Popmusik lange gewartet

Früher waren sie ein Geheimtipp, heute füllen Von Wegen Lisbeth große Musikclubs in Deutschland. Eine Begegnung mit einer Band, die zeigt, dass deutsche Popmusik mehr sein kann als nur beliebig klingende Melodien mit leeren Worthülsen.

Von wegen Lisbeth Sänger

Von-wegen-Lisbeth-Frontmann Matthias Rohde auf dem Lollapalooza-Festival 

DPA

Ein Samstagnachmittag Ende September. In der Simon-von-Utrecht-Straße, einer Parallelstraße der Hamburger Reeperbahn, stellt ein Lieferando-Kurier gerade eine Bestellung mit seinem Fahrrad zu.

Wenig später steht die Berliner Pop-Band Von Wegen Lisbeth nur einige Meter weiter auf der Bühne der Großen Freiheit 36, einem Musikclub, in dem bereits Stars wie Robbie Williams, R.E.M. oder Coldplay aufgetreten sind. Das Konzert ist ausverkauft. Die Stimmung ist ausgelassen. Die Leute singen lauthals mit, als Frontsänger Matthias Rohde den Song "Lieferandomann" anstimmt. Ironie des Schicksals? Zumindest: ein witziger Zufall. 

Ich bin der Lieferandomann / Für das kranke Tier in mir /Das sich nur ernähren kann / Weil ich ihm die Brote schmier' / Alles wächst, wenn man es gießt / Sag Bescheid, wenn du sie siehst

Dazu tönt dieser unverwechselbare Sound mit dem herausstechenden Syntheziser durch die Boxen. Selten war unterschwellige Kapitalismuskritik so tanzbar wie in diesem Moment. Aber: Wer ist diese Band, die es schafft, mit ihrer Chronik des Gewöhnlichen tausende Menschen in Bewegung zu versetzen?

Klassenfahrtatmosphäre im Backstage-Bereich

Ein paar Stunden zuvor, kurz nach 16 Uhr. Während vor der Großen Freiheit 36 schon ein paar dutzend Fans auf den Einlass warten, herrscht im Backstage-Bereich des Musikclubs Klassenfahrtatmosphäre. Sänger Matthias Rohde, genannt Matze, Robert Tischer (Synthesizer), Dominik "Doz" Zschäbitz (Gitarre) und sein Bruder Julian Zschäbitz (Schlagzeug) sitzen auf einer schwarzen gepolsterten Bank. Vor ihnen steht ein Laptop. In Schlabberlook mit Jogginghose gucken sie sich darauf alte Fotos an. Es wird gelacht. Ab und zu fällt ein "Ach ja" oder ein "Boah krass".

Nur eines der Bandmitglieder fehlt. Julian, "also der andere", sagt Robert. Er meint Julian Hölting, den E-Bassisten der Band. "Wo ist der eigentlich?", fragt er in die Runde. Schulterzucken. Keiner der drei anderen Jungs hat mitbekommen, dass Julian noch einmal ins Hotel gegangen ist, ein Nickerchen machen.

Dann verschwindet auch Robert mit einer selbstgedrehten Zigarette, die er sich hinters Ohr geklemmt hat. "Ja gut, ich bin dann ma' kurz eine rauchen", kündigt er an. Als er wiederkommt, sitzen die anderen drei Jungs noch immer auf ihren Plätzen. Es wirkt alles ein wenig chaotisch. Aber: Das sei normal, versichern die Jungs. "Am Anfang einer Tour läuft nicht immer alles perfekt", sagt Schlagzeuger Julian. "Es gibt noch keine Automatismen. Nicht nur bei uns. Auch bei der Crew, die ja auch für andere Künstler und Bands arbeitet. Das braucht alles immer so eine Woche."

Es ist erst der dritte Tag ihrer Tour, ihrer bislang größten. In fast jeder Stadt, in der sie spielen, gibt es ein Zusatzkonzert, weil der Andrang auf die Tickets so groß ist. Allein in Hamburg spielt Von Wegen Lisbeth dreimal. Jedes der Konzerte ist ausverkauft. Drei Tage hintereinander. Zirka 1600 Leute. "Es ist schon krass, wenn man es damit vergleicht, wo wir vor zehn Jahren gespielt haben", sagt Matze. Teilweise hätten damals mehr Menschen auf der Bühne als im Publikum gestanden. "Wir haben in unserer Anfangszeit jeden Jugendclub von Berlin angeschrieben – und in fast jedem gespielt. Doch es blieben konstant wenige Zuschauer. Irgendwann waren es vielleicht mal so 30 Fans. Das war aber auch das Höchste der Gefühle."

Früher Jugendclubs, heute Headliner 

Mittlerweile sind es Tausende. Doch der Weg dahin war lang und steinig – und begann bei ihrer Gründung 2004 mit einem Zufall. Die Jungs (Doz, Matze, Julian und Julian) gehen in die siebte Klasse des Beethoven-Gymnasiums in Berlin-Lankwitz. Der Sportunterricht bei Herrn Marquardt fällt aus. Aus Langeweile vertreiben sie sich die Zeit mit Musik. Sie spielen auf alten Instrumenten von zwei Onkeln der Zschäbitz-Brüder. Es bringt Spaß. Sie fangen an, sich regelmäßig zu treffen. Auf einmal sind sie eine Band. Am Anfang nennen sie sich noch Harry Hurtig, zwischendurch Fluchtweg, erst 2012 heißen sie dann Von Wegen Lisbeth. Eine Bedeutung hat der Name nicht. "Wir hatten einfach nur Lust auf einen Namen, der möglichst überhaupt nichts aussagt", sagt Matze. "Deswegen haben wir die unsinnigsten Wörter einfach aneinandergereiht, die uns eingefallen sind."

Ab dem Moment der Namensänderung geht es stetig bergauf. Von Wegen Lisbeth geben immer mehr Konzerte. Trotzdem bleibt die Musik zunächst nur ein Hobby. Erst ein Auftritt im Jugendclub in Berlin-Kleinmachnow ändert das. Der Talentscout eines großen Musiklabels steht im Publikum. Ein paar Tage später trifft er sich mit den Jungs – und fällt ein vernichtendes Urteil. "Er sagte uns, dass er unsere Mukke zwar cool finde", erzählt Matze. "Wir seien aber eine dermaßen schlechte Live-Band. Er gab uns den Tipp,  vor unseren Auftritten weniger zu trinken und professioneller zu werden. Ansonsten werde das nichts mit unserer Karriere."

Aus Trotz werfen sie alles in die Waagschale. Sie treffen sich von nun an zweimal wöchentlich zur Bandprobe – und nehmen jedes Angebot für Auftritte an, das sie bekommen. Ihre Unnachgiebigkeit zahlt sich aus. 2014 gehen sie als Vorband mit AnnenMayKantereit auf Tour. Fast zeitgleich veröffentlichen sie ihre zweite EP "Und plötzlich der Lachs". Kurz danach unterschreiben sie einen Vertrag bei einem Major-Label. Es folgt ihre erste eigene Tour und 2016 dann das Debütalbum "Grande". Es ist der endgültige Durchbruch. Im Mai 2019 folgt ihr zweites Album "sweetlilly93@hotmail.de". Ein paar Tage später berichtet sogar die renommierte "New York Times" über sie. Ihre Musik stehe für "guten europäischen Pop", schreibt die Zeitung.

Sänger Matze freut die Erwähnung zwar – gleichzeitig spielt er sie bescheiden herunter. "Uns hat das natürlich schon krass geschmeichelt", sagt er. "Wir dachten schon: Okay, wie geil ist das denn? Aber wenn wir mal ehrlich sind: Die haben nach Bands gesucht, die irgendwie am Start sind – und wollten da jetzt nichts zu Mainstreamiges nehmen."

Von Wegen Lisbeth: "Das ist ekelhafte Musik“

Aller Demut zum Trotz: Kritiker und Fans sehen es ähnlich wie die "New York Times". Von Wegen Lisbeth ist das, was die deutsche Popmusik gebraucht hat. Sie sind das Gegenstück zu Künstlern und Bands mit großteils weichgespülten Texten und ähnlich klingenden Melodien wie Mark Forster, Wincent Weiss, Tim Bendzko, Andreas Bourani und Revolverheld.

Matze, Doz und Julian sitzen mittlerweile im Umkleideraum des Backstage-Bereichs. Es ist noch eine Stunde bis zu ihrem Auftritt. Um sie herum sieht es aus wie im Kinderzimmer eines schwer erziehbaren Jugendlichen auf RTL 2. Überall liegen Hoodies, Jacken, iPhone-Ladekabel, Chips-Tüten, leere Cola-Flaschen. Es herrscht das blanke Chaos. Allerdings stört es keinen der drei. Was sie stört: deutsche Popmusik. "Das ist ekelhafte Musik“, sagt Matze. "Wenn man uns fragt, ob wir es scheiße finden, sagen wir halt: 'Ja, tun wir!' Das kann man auch mal so öffentlich sagen. Da scheuen wir uns auch nicht, mal so einen abfälligen, leicht ironischen Post auf Social Media zu veröffentlichen."

Bisher sei allerdings noch nichts zurückgekommen. Gitarrist Doz findet das schade. "Es wäre schon nice, wenn zum Beispiel Revolverheld uns zurückdissen würde – so wie es in der Rapszene üblich ist. Beef im Pop. Das hätte was." 

"Wir haben uns so oft verspielt"

Dann stehen Matze, Robert, Julian, Doz und Julian auf der Bühne. Bereits mit den ersten gespielten Akkorden haben sie die Konzert-Besucher auf ihrer Seite. Die Stimmung wird mit jedem gespielten Song besser. Es wird getanzt, lauthals mitgesungen und geklatscht. Aber nicht typisch Deutsch – Festzeltatmosphäre gegen den Takt –, sondern Klatschen im Takt als Ausdruck der Gefühle. Das ist genauso ungewöhnlich für das Konzert einer Deutschpop-Band wie der Moshpit im Publikum, als sie ihren Song "Wenn du tanzt" spielen.

Nach über zwei Stunden verabschieden sie sich unter tosendem Applaus. Das Publikum ist begeistert – die Jungs selbst sind es nicht. "Wir haben uns so oft verspielt", sagt Matze fast genervt und nimmt einen Zug von seiner selbstgedrehten Zigarette. "Aber die Stimmung war außergewöhnlich gut. Die hat uns gerettet."

Im Backstage-Bereich tummeln sich inzwischen Bekannte und Freunde. Es ist ein wildes Durcheinander. "Wollen wir nachher noch los?", fragt einer aus der Crew. "Mal schauen. Lass das mal spontan entscheiden“, antwortet Matze. Es ist ein völlig banales Gespräch. Aber: Wer weiß, vielleicht geht es schon im nächsten Song von Von Wegen Lisbeth genau darum. Wenn es jemand schafft, aus Banalitäten des Alltags tanzbare Musik zu machen, dann die Band, die der deutsche Pop verdient hat.