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Romance-Scamming : Sie verliebt sich in ihren Traummann im Internet - das kostet sie ein Vermögen

Auf dem Profilbild sieht der Mann nett aus. Sie verliebt sich in den angeblichen US-Soldaten, den sie im Internet kennengelernt hat. Über Monate schreiben sich die beiden und planen ihre Zukunft. Doch in Wahrheit ist er ein Betrüger. Es geht um nicht um Liebe, sondern Geld.

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An einem Tag im Juli beschloss Sabrina Hansen, ihren Tod vorzutäuschen. Sie tippte eine letzte E-Mail an den Mann, dem sie ihr Herz geschenkt hatte. Erzählte ihm, dass sie Schmerzen habe und der Notarzt unterwegs sei. Dann klappte sie den Laptop zu. Wenige Tage darauf erklärte ihr Sohn sie für tot. Er schrieb dem Liebhaber von der Beerdigung seiner Mutter.

Vier Monate später sitzt Sabrina Hansen in ihrer Wohnung in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen und schildert am Telefon, warum sie die drastische Maßnahme ergriffen hatte. Sie hatte Anfang des Jahres im Internet einen Mann kennengelernt und sich in ihn verliebt. In vielen Nachrichten hatte er seine Liebe beteuert - und sie dazu gebracht, ihm Geld zu überweisen. Insgesamt mehr als 10.000 Euro. "Heute frage ich mich, wie ich so bescheuert sein konnte", sagt sie. Ihr angeblicher Tod schien ihr der einzige Ausweg, damit der Mann sie nicht weiter bedrängt. Deshalb ist ihr Name in diesem Text geändert.

Romance-Scamming gilt als Betrugsdelikt

Sabrina Hansen ist längst nicht das einzige Opfer. Als Love- oder Romance-Scamming (Liebesbetrug) bezeichnet die Polizei die Masche. Wie viele Fälle es gibt, lässt sich nicht genau beziffern. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden weist darauf hin, dass diese Straftaten in der Kriminalstatistik zu den Betrugsdelikten gezählt werden. Das Landeskriminalamt (LKA) in Stuttgart liefert zumindest eine Orientierung. Für die vergangenen zwölf Monate, Stand Ende Oktober, wurden dort 131 solcher Fälle erfasst. Bei einem Großteil, 78 Prozent, waren Frauen betroffen. Ein LKA-Sprecher weist aber darauf hin, dass diese Zahlen nicht allzu aussagekräftig sind. Denn sie spiegeln nur Fälle wider, die explizit als Romance-Scamming gekennzeichnet wurden.

Die Opfer werden über soziale Netzwerke, Dating-Portale oder E-Mail kontaktiert und in einen Nachrichtenaustausch verwickelt. Sabrina Hansen erhielt eine Freundschaftsanfrage auf Facebook. Der Mann gab sich als US-Offizier mit deutschen Wurzeln aus. Sie, Rentnerin und verwitwet, fühlte sich geschmeichelt. Er schrieb: "Ich liebe dich meine Königin" oder "Ich kann es nicht mehr erwarten, bei dir in Deutschland zu sein". So verliebte sich Sabrina Hansen in einen Betrüger. "Ich bekam eine richtige Gehirnwäsche." Selbst als der Facebook-Account ihres Romeos gesperrt wurde, kam kein Zweifel.

Das ganze Ersparte ging drauf

"Im Internet ist es leichter zu blenden", sagt Polizeipsychologe Adolf Gallwitz von der Hochschule für Polizei in Baden-Württemberg. Schnell entstünde der Eindruck, man würde sein Gegenüber sehr gut kennen. "Menschen suchen nach einem vertrauensvollen Bezug, da schlägt die Hoffnung das Sicherheitsbedenken", sagt Gallwitz.

Sabrina Hansen hat ihre Bekanntschaft nie getroffen. Trotzdem glaubte sie dem Mann, als er versprach, für sie beide ein Haus in Deutschland zu kaufen. Er versicherte, das nötige Geld zu besitzen, nur komme er da momentan nicht ran. Was folgte, war ein wochenlanges Verwirrspiel, das nach Agententhriller klingt. Er spielte in Afghanistan und China, als Statisten traten eine angebliche Ex-Frau und ein UN-Diplomat auf. In dem Glauben, helfen zu müssen und ihr Geld zurück zu bekommen, reizte Sabrina Hansen den Dispokredit ihrer Konten aus. Ihr ganzes Erspartes ging drauf.

Wie in ihrem Fall täuschen Täter oft über Monate eine Liebesbeziehung vor, bevor sie Geld fordern, meist mit einer plausibel klingenden Begründung. Erst soll etwa ein Visum bezahlt werden, dann der Flug nach Deutschland, dann ist plötzlich die Tochter schwer krank. Heike Seitzer hört solche Geschichten oft. Sie leitet in Waiblingen im Rems-Murr-Kreis die Kriminalinspektion 3 für Wirtschaftsdelikte und Korruption und hat sich bei Romance-Scamming einen Namen gemacht.

Viele Anzeigen gegen Liebesbetrüger landen auf ihrem Tisch - und es werden immer mehr. Dabei geht sie von einem großen Dunkelfeld aus. "Gerade Frauen im fortgeschrittenen Alter schweigen aus Angst davor, was ihre Kinder zu der Internet-Beziehung sagen könnten." Manche Opfer werden auch schlicht erpresst - mit verfänglichen Bildern und Videos, die sie den Chatpartnern meist selbst zugespielt haben.

Lügengeschichten lohnen sich

Die höchste Summe, die Seitzer bisher unterkam, waren 330.000 Euro. "Mache Opfer beleihen ihr Haus für einen Kredit, lösen ihre Lebensversicherung auf oder verkaufen ihr Aktienpaket." Geschnappt werden die Täter selten, wie auch das LKA bestätigt. Meist sitzen sie in Westafrika, Osteuropa oder in Großbritannien. 

Sabrina Hansen hätte leicht noch mehr Geld verlieren können. Sie hatte bereits einen Kredit von mehr als 40.000 Euro beantragt, als ein Mitarbeiter des Geldinstituts misstrauisch wurde. Er vermittelte ihr dann den Kontakt zu einem anderen Betrugsopfer.

In der Zeit danach half ihr Uschi Tschorn. Sie betreut von Wolfsburg aus die Facebook-Gruppe "SOS - Selbsthilfe - Liebesbetrug". Tschorn war vor zwei Jahren Opfer eines Betrügers geworden. Ihr Traummann stellte sich als Goldhändler aus Berlin vor, der beruflich in Ghana unterwegs war. Seine Fotos, fand sie später heraus, hatte er von der Seite eines mexikanischen Prominenten geklaut. In den vergangenen Wochen hat sie mit mehr als 100 betrogenen Menschen gesprochen. Frauen würden emotional abhängig gemacht, erklärt sie. "Sie treffen keine Freunde mehr und distanzieren sich von ihren Familien."

Besonders jetzt vor Weihnachten würden die Internet-Romeos und -Julias auf Hochtouren arbeiten. Tschorn glaubt: "Die hoffen auf gute Geschäfte, um ihren wirklichen Lieben was Hübsches zu kaufen." Auch Sabrina Hansens Facebook-Freund hat die Hoffnung trotz vorgetäuschter Beerdigung noch nicht aufgegeben. Vor kurzem traf wieder eine E-Mail von ihm ein. 


tib/DPA