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Arabische Großfamilien in Berlin: Malayka* kommt aus einem Clan, Falko Liecke will ihnen den Garaus machen – ein Streitgespräch

Er hat arabischen Großfamilien in Neukölln öffentlich den Kampf angesagt, sie kämpft seit Jahren mit der Stigmatisierung, die ein Clan-Nachname mit sich bringt. Mit NEON sprachen sie über Kriminalität, Integration und die Angst, in eine Schublade gesteckt zu werden.

Falko Liecke und Malayka

Falko Liecke ist stellvertretender Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Jugendstadtrat und besonders bekannt für seine scharfen Aussagen über arabische Großfamilien

Getty Images

"Mit großem Interesse hat Neuköllns stellvertretender Bezirksbürgermeister Falko Liecke die Geschichte über Malayka auf neon.de gelesen", heißt es in der Mail, die uns nur wenige Stunden nach Veröffentlichung des Artikels erreicht. Wir haben die Geschichte von Malayka* veröffentlicht, die sich immer wieder mit Misstrauen und Diskriminierung konfrontiert sieht, weil sie aus einer arabischen Großfamilie, einem Clan, stammt. 

Sie hat NEON erzählt, dass sie, obwohl sie selbst keinen Kontakt zu den kriminellen Teilen der Familie habe, wegen ihres Nachnamens immer wieder Probleme habe. Einmal habe sie beispielsweise ein Konto eröffnen wollen, was ihr wegen ihres Nachnamens verweigert worden sei. Aber auch bei der Wohnungs- oder Jobsuche sei ihre Familie immer wieder Thema: "Wir werden in Sippenhaft genommen. Alle, die diesen Nachnamen tragen, werden über einen Kamm geschert", so Malayka.

Einer, der die Clans besonders intensiv beobachtet und bei seinem Kampf gegen die Kriminalität sehr drastische Maßnahmen fordert, ist Falko Liecke. Der stellvertretende Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln gelangte in der Vergangenheit besonders mit Schlagzeilen wie "Nehmt den Clans die Kinder weg!" zu lokaler Berühmtheit. Eine Aussage, die nicht nur Malayka auf dem falschen Fuß erwischte. 

Grund genug, die beiden zu einem Gespräch zusammenzubringen.

Malayka kommt aus einem Clan, Falko Liecke will ihnen den Garaus machen – ein Streitgespräch

Falko Liecke: Mir war es wichtig, mit Ihnen sprechen zu können. Ich hatte den Eindruck in dem Artikel, dass ich missverstanden wurde. Das würde ich gerne erklären.

Malayka: Bitte.

Falko Liecke: Die ganze Diskussion um die arabischen Großfamilien, oder Clans, wird ja in Berlin sehr intensiv geführt. Es werden viele Maßnahmen getroffen, um gegen organisierte Kriminalität vorzugehen. Und darum geht es – Kriminalitätsbekämpfung. Und als Neuköllner Jugendstadtrat habe ich natürliche eine Verantwortung für Kinder und Jugendliche – und zwar unabhängig von ihrer Herkunft.

Malayka: Das kommt aber nicht so rüber. Für mich ist bereits der Begriff Clan diskriminierend. Er wird ständig mit den Begriffen Kriminalität und Migration in Verbindung gebracht.

Falko Liecke: Dieser Begriff scheint sich medial so eingeprägt zu haben. Das ist aber auch gar nicht mein Thema. Meine Frage ist: Was kann ich tun, als verantwortlicher Jugendpolitiker in dieser Stadt, um Kinder und Jugendliche davon abzuhalten, kriminell zu werden? Das hat auf den ersten Blick erst mal gar nicht so viel mit Großfamilien zu tun. Wir haben in Neukölln um die 50 Intensiv- und Schwellentäter. Das sind Kinder und Jugendliche, die im Jahr fünf und mehr Straftaten begehen. Mir ist dann in der Analyse aufgefallen, dass einige dieser Kinder aus diesen Großfamilien kommen. Da sticht eine Familie besonders ins Auge.

Malayka: Wahrscheinlich die, die medial zur Zeit am meisten in Erscheinung tritt. Aber ich glaube, dass mediale Negativ-Schlagzeilen der falsche Weg sind, um Jugendliche zu integrieren. Denn wenn ich Menschen so an einen Pranger stelle, erreiche ich, dass diese Leute ausgegrenzt werden. Das kann ja nicht Ihr Ziel sein. Ich möchte die Aktionen der Jugendlichen überhaupt nicht rechtfertigen, kriminelle Handlung gehört bestraft, aber indem ich sie an den Pranger stelle, nehme ich ihnen die Möglichkeit auf Ausbildung und Integration und schiebe sie an den Rand der Gesellschaft. Das finde ich gefährlich und sehe die Politik und gerade Sie als Jugendstadtrat, in der Pflicht, das zu unterbinden. Stattdessen schüren sie das Feuer aber weiter, indem sie bei "Frontal 21" zu einem Haus fahren und allein vom Nachnamen darauf schließen, dass das Kriminelle sind.

Falko Liecke: Aber ich weiß, dass das so ist. Das ist ein Haus, was beschlagnahmt wurde. Ich weiß, dass das Geld dafür aus zahlreichen Straftaten stammt – das ist eine Tatsache. Und die braucht man sich jetzt auch nicht schönreden.

Malayka: Aber das ist ein Ermittlungsverfahren. Und solange es kein Urteil gibt, finde ich es gefährlich, mit dem Finger auf Menschen zu zeigen. Denn genau das führt zu so einer Medienhetze, wie wir sie jetzt sehen.

Falko Liecke: Ich weiß nicht, ob ich das als Hetze beschreiben würde. Das ist in vielen Teilen eine Tatsachendarstellung. Natürlich gibt es da noch einige Ermittlungsverfahren, ich kann ihnen aber sagen, dass ich beispielsweise nur aus dieser einen Familie 18 Jungen und Männer habe, die, einige ausermittelt, einige nicht, weit über 200 Straftaten begangen haben. Die sind im Alter zwischen 15 und 27 Jahren und alle in meiner Jugendgerichtshilfe. Das kann ich mir nicht schönreden. Aber der Kernpunkt, auf den ich gerne noch einmal zurückkommen würde, ist die Aussage "Nehmt den Clans die Kinder weg", an der Sie sich ja gestört haben.

Malayka: Ja, das finde ich ganz furchtbar. Ich glaube, man muss bei der Integration der Eltern anfangen und ihnen nicht die Kinder wegnehmen.

Falko Liecke: Das ist natürlich auch ein Stück der Berichterstattung. Ich habe das so nie gesagt, das ist aber daraus gemacht worden. Aber: Ich habe immer gesagt, dass das eine Maßnahme ultima ratio und juristisch sehr schwer umsetzbar ist. Wir nehmen häufig Kinder und Jugendliche aus Familien, wenn eine Kindeswohlgefährdung vorliegt. Es geht dabei um den Schutz des Kindes und nicht um eine Bestrafungsaktion – und schon gar nicht um eine Bestrafungsaktion für Familien mit einem bestimmten Nachnamen. Es geht darum, dass ich am allerletzten Punkt, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt, diese Möglichkeit in Betracht ziehen muss.

Malayka: Natürlich. Wenn eine Familie ein Kind schlecht behandelt und das Kindeswohl in Gefahr ist, dann bin ich da ganz bei Ihnen. Aber das ist doch keine Maßnahme, die man "im Kampf gegen die Clans" fordern sollte. Das sind die falschen Signale, die Sie da senden.

Falko Liecke: Das Signal ist: Wenn Teile, und dass es nur Teile sind, darüber bin ich mir auch bewusst, einer Familie kriminell sind und das Kind oder der Jugendliche da mit reingezogen wird und selbst auch kriminelle Handlungen vornimmt, dann ist das ein Tatbestand, bei dem wir über das Jugendamt pädagogisch intervenieren. Wir versuchen, die Eltern und Familien davon zu überzeugen, mit uns zusammenzuarbeiten. Dafür wurde sogar extra eine Arbeitsgruppe gegründet.

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NEON: Malayka hat vorhin die "Frontal 21"-Reportage angesprochen und betont, dass es sich meist nur um kleine Teile der Familien handelt, die kriminell agieren. Warum haben Sie denn vor der Kamera plakativ auf den Namen am Briefkasten gezeigt, anstatt zu sagen, dass es sich bei dem Gebäude um Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens handelt? Die Sorge von Malayka scheint zu sein, dass auch in Fällen wie der Kindeswohlgefährdung nicht mehr so differenziert entschieden wird, wie man sich das wünschen würde.

Falko Liecke: Sehe ich ehrlich gesagt nicht so. Da stand ein Firmenname am Briefkasten.

NEON: Das konnte man nicht sehen, das war geschwärzt. Und Sie haben spezifisch gesagt, dass Sie es anhand des Nachnamens wissen.

Falko Liecke: Naja, weil der Geschäftsführer mit zu dieser Familie gehört. Das ist eine von 77 Immobilien, die beschlagnahmt wurden, im Wert von über 10 Millionen Euro. Und die Verantwortlichen beziehen fast alle Hartz 4. Da kocht nicht nur mir das Blut, sondern auch der Bevölkerung und deshalb will ich dagegen vorgehen. Und dann neige ich zu klarer Sprache.

Malayka: Das ist fehlleitend und die Leute differenzieren nicht mehr. Sie lesen das in der Zeitung und sagen sich "Ah, die Familie ist kriminell." Natürlich ist es Aufgabe der Politik und der Justiz, Kriminalität zu bestrafen, aber auch in diesem Fall handelt es sich um laufende Ermittlungsverfahren – es wurde noch niemand schuldig gesprochen. Außer Sie haben das mit der Reportage getan.

Falko Liecke: Ich habe darüber berichtet, wie mein Erkenntnisstand ist – und es ist ein Ermittlungsverfahren. Aber es ist eben auch so, dass aus meiner Erkenntnis heraus dort illegal Geld verdient und gewaschen wird. Darüber informiere ich. Mich deshalb mit Stigmatisierung in Verbindung zu bringen, ist unredlich und stimmt nicht.

Malayka: Ich fühle mich durch die Art und Weise, wie berichtet wird, stigmatisiert. Haben Sie mal probiert, sich mit einem solchen Namen, der durch die Presse geht, auf eine Wohnung oder einen Job zu bewerben?

Falko Liecke: Bei der Berliner Polizei machen einige Leute mit solchen Nachnamen eine Ausbildung. Natürlich ist es schwieriger, das sehe ich auch. Das ist auch ein Punkt, an dem ich sensibel bin. Natürlich sind nicht alle kriminell. Aber es gibt ein erhöhtes öffentliches Interesse daran, was in unserer Gesellschaft passiert. Und ein Stück weit haben beispielsweise auch die ersten Generationen, die nach Deutschland gekommen sind, nicht dazu beigetragen, sich richtig zu integrieren.

Malayka: Das beste Beispiel ist mein Vater. Als wir nach Deutschland gekommen sind, hat er zehn Jahre lang keine Arbeitserlaubnis bekommen. Das ist verfehlte Integrationspolitik. Und sich jetzt hinzustellen und damit zu brüsten, dass man die Menschen bestraft, ist doch völlig falsch.

Falko Liecke: Aber es wird viel Integrationsarbeit geleistet. Wir versuchen, jungen Leuten Alternativen anzubieten und ihnen beispielsweise über Jugendberufsagenturen den Weg zu ebnen. Das kostet jede Menge Geld, ist es aber wert. Ich möchte ja nicht, dass die Kinder vor den Schulen mit Drogen dealen. Aber wir haben da einen großen Konkurrenzkampf auszufechten. Wir konkurrieren mit der S-Klasse oder der Rolex im Vergleich zu einer Ausbildung, die jetzt vielleicht nicht unbedingt im Anwalts- oder Arztbereich liegt. Und – und das kam in dem Bericht übrigens auch vor – es gibt auch noch weitere Initiativen, wie beispielsweise den Boxunterricht, den wir anbieten. Denn wenn die Jugendlichen zwei Stunden geboxt haben, dann sind die völlig durch und haben überhaupt keinen Bock mehr, irgendwas anderes zu tun.

Malayka: Ich würde mir wünschen, dass es mehr positive Beiträge gibt und die Politik dazu beiträgt, diese Menschen nicht weiterhin zu stigmatisieren. Ich möchte niemanden freisprechen und sagen "Weil du diesen Nachnamen hast und stigmatisiert wurdest, gibt es dir das das Recht, kriminell zu werden". Um Gottes Willen. Kriminalität, egal ob im Nadelstreifenanzug oder im Familienbund, gehört bestraft. Aber wird dürfen nicht vergessen, dass wir in einem Rechtsstaat leben und nicht vorverurteilen dürfen.

Falko Liecke: Ich hab meinen Eid auf die Verfassung abgelegt, ich weiß schon, was ein Rechtsstaat ist. Aber aufgrund der krassen Straftaten ist das schon auffällig. Dann muss ich genau hinschauen und mich fragen, woran das liegt. Und da gibt es ganz viele Elternhäuser, die es aus irgendwelchen Gründen nicht hinbekommen, ihre Kinder zu erziehen. Und dann muss eben der Staat einspringen, um zu retten, was zu retten ist.

NEON: Es kann gut sein, dass ihre Aussagen wie "Nehmt den Clans die Kinder weg" medial überspitzt wurden. Aber wenn sie doch all diese Initiativen haben, wäre es dann nicht sinnvoll, das in den Vordergrund zu stellen, anstatt mit so provokanten Aussagen an die Öffentlichkeit zu gehen?

Falko Liecke: Ob Kriminalität innerhalb der Familie eine Kindeswohlgefährdung darstellt, ist eine bislang ungeklärte Frage, die ich sowohl juristisch als auch mit einem Kinderpsychiater aufarbeite.

NEON: Aber ist es nicht polemisch, damit an die Presse zu gehen, bevor man die Ergebnisse hat?

Falko Liecke: Ich bin Berufspolitiker und kümmere mich um Forderungen, die aus meiner Sicht nötig sind, um das Phänomen zu bekämpfen. Und diese Forderung kam übrigens auch schon mal aus der SPD. Nur hat sich nie jemand um die Rechtsfrage gekümmert, weshalb wir jetzt damit anfangen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass wir damit immer vors Familiengericht müssten. Wir fahren da ja nicht zu Leuten nach Hause und sagen "Schönen guten Tag, Jugendamt, Kinder her!" Das ist ein gerichtliches Verfahren, welches im Ergebnis die Herausnahme haben kann. Ich weiß aber natürlich, dass sich das medial zuspitzt.

NEON: Was würden Sie Menschen wie Malayka raten? Was könnte sie beispielsweise tun, um sich vor Stigmatisierung und Diskriminierung in Sachen Wohnungs- oder Jobsuche zu schützen?

Falko Liecke: Wenn wir junge Menschen in unserer Beratung haben, dann unterstützen wir sie natürlich dabei, Schulabschlüsse nachzuholen oder Ausbildungsplätze zu bekommen.

NEON: Malayka hat einen Universitätsabschluss und einen Job und mit Kriminalität nichts am Hut – sie wird trotzdem in den gleichen Topf geworfen. Was kann sie konkret während der Wohnungssuche machen?

Falko Liecke: Um in Berlin keine Wohnung zu bekommen, braucht man keinen bestimmten Nachnamen.

NEON: Es gibt Studien, die belegen, dass Menschen mit arabisch klingenden Nachnamen bei der Wohnungssuche in etwa einem Viertel der Fälle benachteiligt werden.

Falko Liecke: So einen konkreten Fall hatte ich noch nicht in meinem Büro. Es hat noch niemand zu mir gesagt "Bitte helfen Sie mir bei der Wohnungssuche!" Ich würd's natürlich tun.

Malayka: Dann schicke ich Ihnen gerne demnächst meine Schwester vorbei. Die hat ihr Studium absolviert und findet keinen Job. Und da wurde ihr in Vieraugengesprächen bereits geraten, ihren Nachnamen zu ändern. Mir übrigens auch. Aber das ist mein Familienname. So hießen meine Großeltern. Wieso soll ich meinen Namen ändern, weil die Gesellschaft nicht differenzieren kann?

Falko Liecke: Ist sie in Berlin? Dann sehr gerne. Ich habe übrigens bereits viele Mütter bei mir gehabt, die mich konkret um Hilfe gebeten haben, weil der Papa im Gefängnis saß und es Stress mit den Familien gab.

Malayka: Ich rede aber von einem Fall wie meinem, in dem mein Vater nicht kriminell ist, meine Mutter auch nicht, meine Geschwister auch nicht. Wir haben alle studiert und trotzdem ist es schwierig, ein ganz normales Leben zu führen. Ich werde ständig darauf angesprochen. Ob bei der Bank, bei der Wohnungsbaugesellschaft oder bei der Arbeit. Und ich habe die Schnauze voll.

Falko Liecke: Ja, das verstehe ich.

Malayka: Ich möchte eigentlich nur darauf hinweisen, dass wir alle ein bisschen mehr Acht aufeinander geben sollten und darauf achten, Menschen zu integrieren und nicht auszuschließen. Sie wissen selber, dass Dinge in den Medien zugespitzt und aus dem Kontext gerissen werden und das ist eine gefährliche Entwicklung. Wir dürfen nicht die falschen Signale senden. Es entstehen zwei gespaltene Lager, in denen jeder übereinander und niemand miteinander spricht.

*Name von der Redaktion geändert.

NEON