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Meinung

Ressourcenknappheit: Millionen für Notre Dame - aber fast nichts gegen den Klimawandel: Warum mir die Zukunft Angst macht

Unsere Ressourcen für dieses Jahr sind heute aufgebraucht und diese Konsequenz des Klimawandels scheint die Welt nicht großartig zu interessieren. Der NEON-Praktikantin Flavia macht das hingegen Angst.

Von Flavia Klingenhäger

Auf Demo gegen den Klimawandel hält ein Mann ein Schild mit der Aufschrift "Act now before it's too late".

Der Klimawandel führt zu Ressourcenknappheit.

Unsplash

Es ist der dritte Mai und es ist der deutsche Overshoot Day. Das bedeutet, dass wir nach gerade einmal vier Monaten unser Jahreskontingent an natürlichen, regenerierbaren Ressourcen aufgebraucht haben. Interessiert aber irgendwie niemanden so besonders. Unsere Erde leidet enorm, trotzdem sieht man keine herzergreifenden Instagram-Stories und Facebook Posts. Es werden nicht wie nach dem Brand einer gewissen alten Kirche innerhalb von 48 Stunden von einem privaten Milliardär zwei Millionen Dollar gespendet.

Kaum drei Wochen ist es her, dass die Notre-Dame in Paris gebrannt hat. Man hätte meinen können, die Welt ginge wortwörtlich unter: es gab mehrere Live-Ticker zum Brand, den Hashtag #prayfornotredame und einen Haufen wehleidige Posts auf Twitter und Co., in denen Menschen anrührend verkündeten, wie sehr ihnen die Zerstörung der Kathedrale das Herz bricht.

Ich verstehe vollkommen, dass bestimmte Gebäude für eine Nation eine große emotionale Bedeutung haben. Ich verstehe auch, dass Menschen Orte, an denen sie für sie wertvolle Dinge erlebt haben, für ganz besonders wichtig halten. Aber was ist denn bitte wichtiger als unsere Erde? Der Ort, an dem wir alle unsere schönsten Erinnerungen kreiert haben?

Die Tatsache, dass eine brennende Kirche so viel mehr Aufmerksamkeit generiert und so viel mehr Handlungsdrang in vielen Menschen erzeugt - vor allem in den einflussreichen - als die Zerstörung unserer Erde, macht mich sprachlos.

Was ist der Overshoot Day?

Die Erde ist überlastet und gerade wir in den Industrienationen haben Schuld daran. Ab jetzt lebt Deutschland auf Pump. Auf Kosten der Umwelt, der Gesundheit und Sicherheit aller Menschen und vor allem auf Kosten zukünftiger Generationen. Würde jeder Erdbewohner den gleichen Lebensstil haben wie wir Bundesbürger, bräuchte die Menschheit drei Erden, um ihren Bedarf zu decken.

Der "Earth Overshoot Day" ist eine Kampagne der Organisation "Global Footprint Network". Die 2003 von Umweltaktivisten in Oklahoma gegründete Organisation will damit auf die dringende Notwendigkeit einer ökologischen, globalen Entwicklung hinweisen.

Wir Deutschen liegen im weltweiten Ranking auf Platz acht. Vor allem der große Flächenbedarf für den Anbau von Futtermitteln und die hohen Kohlendioxid-Emissionen durch Energieerzeugung und Verkehr, aber auch in der industriellen Landwirtschaft sind dafür verantwortlich. Das macht unseren ökologischen Fußabdruck so groß - und daher tritt der deutsche Overshoot Day im weltweiten Vergleich auch noch besonders früh ein: ein Vierteljahr vor dem Earth Overshoot Day. Dieser ist dieses Jahr Anfang August.

Und trotzdem. Trotzdem sehe ich weder den Hashtag #earthovershootday viral gehen, noch sehe ich eine plötzliche Spendenflut im Rahmen der Klimakrise. Wie Greta Thunberg neulich in einer ihrer Reden sehr treffend gesagt hat: "Our house is on fire." Treffender kann man es nicht ausdrücken. Unsere Erde, unser Haus, das einzige Zuhause, das wir haben, steht lichterloh in Flammen. Und der Schaden, den wir schon angerichtet haben und derzeit anrichten ist größer  als sich viele Menschen bewusst sind. Wenn sich unsere Gewohnheiten und die Herangehensweise der Regierungen nicht massiv in Richtung Nachhaltigkeit bewegen, steht die Menschheit einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge in ziemlich genau elf Jahren an einem Punkt, an dem der Klimawandel nicht mehr reversibel ist.

Der Klimawandel macht mir große Sorgen

Diese Tatsache macht mir Angst. Klingt übertrieben, ist es aber nicht. Mal angenommen, es geht so weiter wie bisher. Dann werden meine eventuellen Kinder in eine Welt hineingeboren, in der ich ihnen keine sichere Zukunft garantieren kann. In der ich ihnen vielleicht meine Lieblingsorte nicht einmal mehr werde zeigen können - weil es diese nicht mehr gibt. Haben sich meine Eltern und ihre Generation solche Gedanken gemacht, als ich vor 20 Jahren auf die Welt gekommen bin? Nein. Haben sie nicht, hätten sie aber mal besser machen sollen. Vor 20 Jahren nämlich lag der deutsche Overshoot Day Anfang November. Mir vorzustellen, wie viel besser unsere klimatische Situation sein könnte, wenn die Generationen vor meiner nicht so geschlafen hätten, kann ich mir gar nicht vorstellen. Die Devise scheint immer gewesen zu sein: konsumiere als gäb's kein Morgen mehr. Essen, Kleidung, Reisen, you name it. Immer weiter und immer mehr.

Konsum und Prestige wurden und werden meiner Meinung nach immer noch viel zu groß geschrieben. Obwohl ich mein engeres Umfeld als relativ "bewusst" beschreiben würde, erlebe ich trotzdem noch viel zu oft einen dermaßen ignoranten Umgang mit diesem Thema, dass sich mir der Magen umdreht. Die Welt wie wir sie kennen, stürzt vor unseren Augen zusammen und trotzdem muss täglich ein neues #ootd her, man erzählt ständig von den neuesten #beautyfavoriten und grinst fröhlich an überlaufenen Stränden überall auf der Welt in die Kamera. Wie verschmutzt diese Strände sind, wird in solch einem süßen #urlaubsselfie natürlich nicht gezeigt.

Unsere Prioritäten sind völlig verschoben. Wenn wir so weitermachen, dann gibt es tatsächlich irgendwann kein Morgen mehr.

Mut statt endloser Negativität ist gefragt

Trotzdem soll dieser Tag nicht demotivieren, sondern genau das Gegenteil bewirken. Er soll uns daran erinnern, dass die Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, begrenzt sind. Es ist ja nicht so, dass wir alle keine Ahnung von Nachhaltigkeit haben. Jeder und jede von uns weiß, dass wir regional und saisonal einkaufen und mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren sollten. Es geht aber darum, aufzuhören, so zu tun, als hätten wir unbegrenzt Zeit, unsere Gewohnheiten zu ändern. Natürlich wäre es schön, wenn wir uns ganz langsam und gemütlich einem neuen, nachhaltigeren Lebensstil annähern könnten. Für Gemütlichkeit ist es aber zu spät, I’m sorry to break it to you. Wir brauchen radikale Veränderung, und zwar jetzt. Wir brauchen eine Regierung, die Klima vor Profite stellt. Ohne schnelle und zum Teil unvermeidbar schmerzhafte Maßnahmen wird es nicht gehen. Wir brauchen Mut, bei uns selbst anzufangen. Und vielleicht mal nicht nach Bali, sondern nach Rügen zu fahren, egal wie sehr es von den Kollegen und Kolleginnen belächelt wird.

Ich wünsche mir, nicht Hashtags wie #prayfornotredame, sondern den Hashtag #movethedate viral gehen zu sehen. Dieser ist ebenfalls Teil der Kampagne vom Global Footprint Network. Er ruft dazu auf, gewisse Schritte zu befolgen oder sogar eigene zu kreieren, die dabei helfen, den Overshoot Day wieder nach hinten zu schieben. Was anderes bleibt uns nämlich gar nicht übrig. Sonst enden unsere Silvesterfeiern in der Zukunft bald nicht mehr in Vorfreude auf das kommende Jahr, sondern in Sorge um das, was uns da wohl alles so erwartet.

Greta Thunberg in Hamburg