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Klimawandel: Sogar im All sieht man die Folgen der Hitzewelle - und es kann noch viel schlimmer kommen

Vertrocknete Felder, Temperaturrekorde und wochenlang kaum Regen:  Deutschland erlebt einen Ausnahmesommer. Das Wetter lässt bei vielen ein mulmiges Gefühl aufkommen. Bleibt das auch die Ausnahme? Wissenschaftler warnen.

Niemand hat die Erde aus seinem Fenster so im Blick wie die Astronauten auf der Raumstation ISS. Was Alexander Gerst da sieht, bereitet ihm Sorge: "Konnte eben die ersten Bilder von Mitteleuropa und Deutschland bei Tag machen, nach mehreren Wochen von Nacht-Überflügen", schreibt er. "Schockierender Anblick. Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte."

Damit ist Gerst nicht alleine. In vielen Regionen fällt die Ernte miserabel aus. Die Waldbrandgefahr steigt. Förster fürchten um junge Pflanzen, die mit der Trockenheit nicht klarkommen. Schiffe können nicht mehr voll beladen werden, weil die Pegelstände sinken. Kraftwerke müssen wegen zu warmer Gewässer die Leistung drosseln. Stress für die Menschen, Stress für die Umwelt und eine bange Frage: Ist das die Ausnahme, oder wird das die Regel? Der rückt so klar ins Bewusstsein wie lange nicht. 

Nun hat eine neue Studie die Debatte noch einmal angeheizt.  Internationale Forscher warnen vor einem Dominoeffekt, der in eine Heißzeit führen könnte. 

Welche Belege gibt es schon für den Klimawandel?

Die Erde habe sich bereits durchschnittlich um 1,1 Grad seit dem 19. Jahrhundert erwärmt, sagt Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). "Weitere Belege für den Klimawandel sind das schmelzende Eis an den Polen, Gletschern und auf Grönland, die Erwärmung der Ozeane bis in große Tiefen und der immer rascher werdende Anstieg des Meeresspiegels." Hitzerekord-Monate seien bereits fünfmal häufiger, als bei einem stabilen Klima zu erwarten wäre. "Es gibt erdrückende Belege, dass der Mensch für nahezu die komplette globale Erwärmung verantwortlich ist", sagt Rahmstorf. Die Leuchtkraft der Sonne habe seit Mitte des 20. Jahrhunderts leicht abgenommen. Die durch die zunehmenden Treibhausgase behinderte Abstrahlung von Wärme ins All erkläre die globale Erwärmung, "die in diesem Ausmaß auch schon seit über 40 Jahren vorhergesagt wurde".

Was besagt die neue Heißzeit-Studie?

Bislang nehmen viele Forscher an, dass die Klimaerwärmung bei zwei Grad gestoppt werden kann. Nun verweist ein internationales Team darauf, dass selbst bei unter zwei Grad durch verschiedene Kippelemente eine Kaskade von Prozessen starten könnte, die langfristig zu vier bis fünf Grad Celsius Erwärmung und einem Meeresspiegel-Anstieg um 10 bis 60 Meter führen könnte. Langfristig bedeutet laut PIK ein Zeitraum "über Jahrhunderte und vielleicht Jahrtausende". Es sei jedoch noch viel Forschung nötig, um das Risiko für den Start der Kaskade abzuschätzen, betonen die Autoren im Fachjournal "PNAS". Auch Kommentatoren verweisen darauf, dass die Studie recht unkonkret sei.

Was sind Kippelemente?

Das sind Komponenten im Erdsystem, die der Klimawandel grundlegend verändern kann: So könnten etwa die Permafrostböden in Russland oder Nordamerika auftauen und dabei große Mengen Kohlendioxid und Methan freisetzen. Der Amazonas-Regenwald könnte mehr Kohlendioxid abgeben, als er aufnimmt. Das Eisschild Grönlands könnte komplett abtauen. 

Wie läuft der weltweite Kampf gegen den Klimawandel?

Im Zentrum steht das Pariser Klimaabkommen von 2015 mit dem Ziel, die Erderwärmung auf "deutlich unter zwei Grad" zu begrenzen. Allerdings sind die Nationen noch lange nicht auf Kurs, selbst wenn sie die verkündeten Ziele fürs CO2-Sparen schaffen würden. Dass US-Präsident Donald Trump aus dem Abkommen aussteigen will, hat den Ehrgeiz vieler Klimaschützer und auch Regierungen eher gesteigert. Im Dezember findet in die nächste Weltklimakonferenz statt, die ein Regelbuch für die Umsetzung des Pariser Abkommens verabschieden soll. Aber die Klimadiplomaten sind nicht im Zeitplan - es gibt deswegen ein zusätzliches Treffen im September in Bangkok.

Was passiert in Deutschland?

schlittert auf eine klimapolitische Blamage zu. Sein Ziel für 2020, den CO2-Ausstoß um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu drücken, ist ohne radikale Maßnahmen nicht mehr zu schaffen. Zudem verfehlt Deutschland wohl demnächst auch EU-Ziele und muss sich freikaufen bei Staaten, die weniger CO2 ausstoßen, als sie dürften. Über einen Zeitplan für den Kohleausstieg verhandelt eine Kommission, die bis Ende des Jahres liefern soll. Düster sieht es bisher beim Verkehr aus, in dem der CO2-Ausstoß seit 1990 nicht gesunken ist.

Und was ist mit der Landwirtschaft, die Hilfen fordert?

Die Bauern stehen in diesem Sommer im Zentrum der Debatte. Sie
fordern eine Milliarde Euro wegen der gewaltigen Ernteausfälle -
darüber wird in den kommenden Wochen entschieden. Umweltschützer und auch Umweltministerin Svenja Schulze mahnen aber, dass es kein "Weiter so" in der Landwirtschaft geben darf. Massentierhaltung und die intensive Bewirtschaftung von Feldern verschärfen die ökologische Schieflage weiter. Gerade wird etwa diskutiert, inwiefern Subventionen für die Höfe an Umweltauflagen gebunden sein sollten. Allerdings würde eine Agrarwende nicht nur für viele Bauern eine Umstellung bedeuten, sondern auch für die Konsumenten - massenhaft Fleisch zum Dumpingpreis dürfte es dann nicht mehr geben.

Teresa Dapp / Simone Hummel / DPA