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Gewerkschaft for Future? : Jasmin, 22 : "Wir hätten aktiver mit dem Thema Klimaschutz umgehen können"

Unter dem Hashtag #Fairwandel ruft Deutschlands größte Gewerkschaft, die IG Metall, zur Demo in Berlin auf. Die 22-jährige Jasmin Gebhardt vertritt Auszubildende und erzählt bei NEON, warum Gewerkschaften immer noch cool sind und was sie mit "Fridays for Future" teilen.

Frau mit Plakat

Viele junge Menschen wollen mehr Kohle im Portemonnaie – und weniger Kohle als Energieträger. Dafür gehen junge Gewerkschaftler wie Jasmin Gebhardt am Samstag in Berlin auf die Straße.

Heute ist Jasmin Gebhardt in Berlin die Stimme der Jugend bei der IG Metall. Die 22-Jährige arbeitet als Industriemechanikerin beim Automobilzulieferer Schaeffler – und ist seit fast sieben Jahren Gewerkschaftlerin. Heute wird sie in Berlin sprechen. Mit Sprechblasen, Hashtags und Schildern wollen die unter 35-Jährigen in der Gewerkschaft auf ihren Standpunkt aufmerksam machen: Es geht um Klimawandel, Digitalisierung und Mobilität – dafür will Deutschlands größte Gewerkschaft an diesem Samstag zehntausende Menschen mobilisieren. Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen aus der Metall- und Elektro-, der Stahl-, der Textil- , Holz- und Kunststoffindustrie und auch aus der Informations- und Kommunikationstechnologiebranche, wollen die Regierung und Unternehmen auffordern, aktiv zu werden und Themen wie den Klimawandel anzugehen. Mit NEON spricht die Vertreterin der Auszubildenden in der Automobilbranche darüber, warum es nie zu spät ist, etwas zu unternehmen.

Jasmin, nur etwa 10 Prozent der IG Metall Mitglieder sind unter 27 Jahre und gehören damit in die IG Metall Jugend. Sind Gewerkschaften für junge Menschen nicht mehr interessant?

Doch, ich denke schon. Allein, wenn es um die Vernetzung unter den Auszubildenden und den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern geht, ist es ein großer Vorteil, in der Gewerkschaft zu sein. Man kann sich austauschen und erfahren, was in anderen Betrieben so abgeht. Doch es gibt immer noch Vorurteile gegen Gewerkschaften, die man erst einmal abbauen muss. Denn da es der Wirtschaft aktuell noch gut geht, merken viele junge Arbeitnehmer vielleicht erst einmal keinen Unterschied, ob man in der IG Metall ist oder nicht. Man bekommt Boni, Urlaubsgeld oder 30 Tage Urlaub im Jahr, und macht sich darüber keine Gedanken.  Aber es geht ja vielmehr darum, eine starke Gemeinschaft mit Einfluss zu sein – und dafür braucht man Mitglieder.

Warum sollte ich denn deiner Meinung nach in eine Gewerkschaft gehen?

Bei mir im Betrieb überzeugt oft vor allem die Tarifpolitik. Aktiv mehr Geld einzufordern, das man auch für die Miete braucht, ist plötzlich ganz nah am eigenen Leben. Oder auch die Frage, ob man nach der Ausbildung übernommen wird und welche Rechte man in solchen Fällen hat. Aber es geht auch darum, gemeinsam zu handeln und im eigenen Betrieb etwas bewirken zu können. Ich habe das zum Beispiel konkret in meiner Ausbildungszeit gemerkt: Unser Jahrgang hatte Probleme mit dem Ausbilder – und durch meine Erfahrungen in der IG Metall kannte ich meine Rechte als Arbeitnehmerin und konnte sie viel sicherer einfordern.

Viele junge Leute fordern gerade: raus aus der Kohle, weniger Autos, weniger Massenindustrie. Und greifen damit die Kern-Industrien der IG Metall an. Müssen sich nicht auch die Gewerkschaften verändern?

Ja und nein. Unsere Ziele bleiben ja die gleichen – aber die Umstände verändern sich. Denn die Digitalisierung und Klimawandel werden Unternehmen verändern. Doch nur, weil ein Roboter jetzt bestimmte Sachen übernehmen kann, ist der Mensch, der diesen Job vorher gemacht hat, ja nicht überflüssig. Das Unternehmen muss ihn weiterqualifizieren, damit er einen Job machen kann, der vielleicht gerade neu entsteht. In meinem Betrieb in der Automobilindustrie spürt man zum Beispiel gerade starke Veränderungen durch das Aufkommen der Elektromobilität. Standorte werden geschlossen, umstrukturiert oder verkauft, weil gewisse Komponenten nicht mehr so gebraucht werden. Aber ich blicke trotzdem sehr positiv in die Zukunft, denn ich denke, man kann viel verändern, wenn man sich einsetzt.

Ihr demonstriert heute in Berlin, um Politik und Unternehmen darauf aufmerksam zu machen, dass sich im Bereich Digitalisierung und Klimaschutz mehr tun muss – was muss sich denn ändern?

Ganz allgemein ist unser Ziel, sich für ein gutes Leben für alle auf einem gesunden Planeten einzusetzen. Es geht um die Transformation der Industrie, dass Klimaschutz und Beschäftigung keine Gegensätze sind, es geht um die Neugestaltung des Berufsbildungsgesetzes, das auch die duale Ausbildung regelt oder auch eine höhere Mindestausbildungsvergütung. Außerdem wollen wir auf die aktuelle Wohnungsnot aufmerksam machen, da viele Auszubildende von den steigenden Mietpreisen stark betroffen sind. Und wir wollen natürlich klare Kante zeigen gegen rechte Tendenzen: Wir dulden keinen Fremdenhass in den Unternehmen oder auf der Straße.

Digitalisierung und Klimawandel sind aber keine neuen Themen, oder? Ist es nicht ein bisschen spät, erst jetzt dafür auf die Straße zu gehen?

Wir haben uns als IG Metall Jugend bereits zu einem sozialökologischen Umbau der Industriegesellschaft positioniert. Natürlich hätten wir damit aktiver umgehen können. Aber es ist nie zu spät, etwas zu unternehmen. Vor knapp zehn Jahren hat die IG Metall Jugend zum Beispiel mit „#Übernahme" Übernahmeregelungen in Betrieben ins Gespräch gebracht - das Problem ist immer noch aktuell und man muss auch jetzt noch dafür kämpfen, dass Auszubildende übernommen werden. So ähnlich ist es mit Themen wie dem Klimawandel auch. Dort passiert gerade durch die „Fridays for Future“-Bewegung sehr viel. Das unterstützen wir und treffen uns zum Beispiel mit den Schülern und versuchen, gemeinsam etwas zu gestalten.

Was kann denn die Politik konkret tun?

Wir wollen erreichen, dass die Politiker uns einbinden und wir unsere Ideen einbringen können. Nicht nur beim Thema Klima, sondern auch, wenn es um die Überarbeitung des Berufsbildungsgesetzes geht. Aktuell ist zum Beispiel nirgendwo festgeschrieben, welche Rechte Dual-Studierende haben. Noch nicht mal, ob sie nach dem Ende der Ausbildung übernommen werden. Und auch an der Mindestausbildungsvergütung gibt es noch Veränderungsbedarf. Dafür wollen wir uns einsetzen ebenso wie für die Lehr- und Lernmittelfreiheit – denn zurzeit müssen Auszubildende und dual Studierende immer mehr Geld für Bücher aufbringen.

Was kann ich denn als junger Mensch auch außerhalb der Gewerkschaft machen, um Dinge zu verändern?

Wichtig ist einfach, sich einzusetzen. Das fängt damit an, mit Menschen im eigenen Umfeld über Politik zu sprechen und auch in Gewerkschaften oder Interessenverbände zu gehen, um dann vor Ort etwas zu erreichen. Oder sich davon inspirieren zu lassen, um etwas Eigenes zu starten. Ich habe wirklich in den letzten Monaten das Gefühl, dass sich junge Leute mehr für Politik und gesellschaftliche Fragen interessieren. In meinem Betrieb habe ich das sehr deutlich vor der Europawahl gemerkt – viele haben sich richtig in die Themen reingefuchst und angefangen, sich zu informieren und Parteiprogramme zu hinterfragen.

Was erhoffst du dir denn konkret von der Demo?

Ich erhoffe mir, dass die Menschen aufmerksam werden und wir aktiv etwas verändern können. Auch die ältere Generation soll wahrnehmen, dass in der Gewerkschaft eine Jugend ist, die etwas verändern will und die man unterstützen sollte. Es werden viele Menschen da sein, die nicht in der IG Metall sind – und die sollten merken, wie cool es ist, etwas mitzugestalten. Denn die Themen sollen auch nach der Großkundgebung in den Ohren der Menschen bleiben.

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