Airline-Verband warnt vor Flugausfällen wegen Kerosinmangels ab Ende Mai in Europa

Silhouette eines Flugzeugs
Silhouette eines Flugzeugs
© AFP
Der internationale Airline-Verband Iata warnt wegen des Kerosinmangels infolge des Iran-Kriegs vor ersten Flugausfällen Ende Mai in Europa. Die Einschätzung der Internationalen Energieagentur mit Blick auf mögliche Engpässe bei Flugbenzin "gibt Anlass zur Besorgnis", erklärte die Iata am Freitag. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) forderte "sofortige, vorzugsweise auf EU-Ebene koordinierte Maßnahmen".   

Iata-Chef Willie Walsh verwies auf die Lage in Asien: Dort komme es bereits zu Flugausfällen wegen Kerosinmangels. Asien ist sehr viel stärker als Europa von Kerosin-Lieferungen aus den Golfstaaten angewiesen. 

Der BDL in Berlin erklärte, Kerosinmangel werde "in einem ersten Schritt" dazu führen, dass weniger ausgelastete Kurzstrecken temporär ausgesetzt werden und älteres Fluggerät mit höherem Kerosinverbrauch schneller außer Betrieb genommen wird. Eingeschränkte Fluganbindungen würden der deutschen und europäischen Wirtschaft "erheblichen Schaden" zufügen, betonte der Verband. "Die Sommerreisesaison steht unmittelbar bevor, das Ökosystem Tourismus ist in der Hauptreise- und Geschäftszeit bei ein- und ausreisenden Touristen auf den Luftverkehr angewiesen." 

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte noch am Donnerstag versichert, in Deutschland "haben wir keinen Mangel an Kerosin". Kerosin werde auch in deutschen Raffinerien produziert, Deutschland sei also nicht nur von Importen abhängig. Sie verwies zudem auf eine mögliche Freigabe staatlicher Kerosinreserven. 

Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie erklärte am selben Tag, aktuell "für Deutschland keine Versorgungsengpässe bei Benzin, Diesel, Heizöl und Flugkraftstoff" zu sehen. "Allerdings stellt die Versorgung mit Rohöl und Mineralölprodukten infolge der Nahostkrise eine anhaltende Herausforderung für unsere Branche dar, so dass wir die Situation permanent neu bewerten müssen."

Der BDL, der Flughäfen und Fluggesellschaften vertritt, sieht die Lage offenbar ernster. Er erklärte am Freitag, es sei in einem ersten Schritt "dringend erforderlich, dass die Mineralölwirtschaft beziehungsweise die Tanklagerbetreiber die zur Verfügung stehenden Kerosinmengen melden". Die Bundesregierung müsse "umgehend" die Bestände abfragen. 

"Dringlich" müsse die Regierung sich in Brüssel für eine stabile Versorgung mit Flugbenzin einsetzen. Der Verband schlug dafür mehrere "Kurzfristmaßnahmen" vor, darunter die Freigabe nationaler und europäischer Kerosinreserven. 

Folgen der Krise wie kurzfristige Flugstreichungen oder Verspätungen durch Umwege aufgrund von Flugraumsperrungen oder bedingt durch Tankstopps sollten laut BDL in der EU-Passagierrechtsverordnung als "außergewöhnlicher Umstand" anerkannt werden. In diesem Fall hätten gestrandete Fluggäste keinen Entschädigungsanspruch.

Der Verband schlug außerdem eine kurzfristige Zuteilung von Durchleitungsrechten für das Nato-Pipeline-System beziehungsweise das Central Europe Pipeline System, um die Flughäfen Frankfurt, Köln/Bonn, München und Zürich besser mit Kerosin versorgen zu können. Außerdem wolle der BDL eine kurzfristige Zulassung der Kerosinkategorie Jet-A zusätzlich zum EU-Standard Jet-A1. Jet A ist vor allem in den USA gebräuchlich, die Airlines erhoffen sich von der erweiterten Zulassung mehr Importmöglichkeiten aus Übersee. 

"Zielführend" wäre laut Verband auch, die Kosten des Emissionshandels den EU-Luftverkehr "temporär" deutlich zu senken oder sogar auszusetzen. Die Bundesregierung könne "als ultima ratio" zudem die Luftverkehrsteuer aussetzen, so der BDL. 

Der Iran-Krieg hat einen sprunghaften Anstieg des Kerosinpreises ausgelöst, noch stärker als beim Rohöl. Auf allen Kontinenten haben zahlreiche Fluggesellschaften ihre Tarife erhöht und Flüge aus Sicherheits- oder Rentabilitätsgründen ausgesetzt. 

Der BDL sieht auch die Gefahr eines globalen Bieterwettkampfs um Kerosin: Europa und damit auch Deutschland konkurrieren vor allem mit schnell wachsenden Märkten in Asien sowie mit großen Luftfahrt-Drehkreuzen um Kerosin aus den Golfstaaten, erläuterte der Verband. China und Indien versuchten sich Kapazitäten zu sichern. Wenn das Angebot knapp sei, könnten diese Regionen durch höhere Zahlungsbereitschaft oder langfristige Verträge Lieferungen "wegkaufen". Ersatzlieferungen aus den USA und Afrika reichen demnach nur begrenzt aus. Die Folge seien steigende Preise, Engpässe und ein globaler Wettbewerb um verfügbare Energie.

Zu berücksichtigen sei zudem, dass die Golfstaaten selbst wieder mehr Kerosin brauchen und verbrauchen werden, wenn der Luftverkehr dort wieder voll aufgenommen wird. Dann würden auch dort sicherlich mehr Mengen an Kerosin zurückgehalten, die eigentlich für den Export bestimmt waren, was das Angebot nochmals reduzieren wird.

ilo/oer

AFP

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