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Kolumne

Vollkatastrophe: "Lass mich in Ruhe, Baby": Beziehungszweifel in der Schwangerschaft

In ihrer Kolumne "Vollkatastrophe" schreibt Mucki Bommeltwist über Söhne, Ehemänner und Identitätskrisen. Diesmal geht es um die Kunst, voll gepumpt mit Schwangerschaftshormonen die Beziehung zu erhalten, während das andere Kind noch klein ist und Zeit und Schlaf Mangelware sind.

Von Mucki Bommeltwist

Beziehungszweifel in der Schwangerschaft: "Lass mich in Ruhe, Baby"

In ihrer Kolumne "Vollkatastrophe" schreibt Mucki Bommeltwist über Söhne, Ehemänner und Identitätskrisen. Diesmal geht es um Beziehungszweifel während der Schwangerschaft.

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20. Schwangerschaftswoche, Schwangeren-Yoga, Schlussübung Savasana. Zehn Frauen liegen seitlich auf dem Boden, den Kopf auf einem Kissen, die Augen geschlossen, die Hand streichelt den Bauch. Und bei mir setzt statt Tiefenentspannung das große Zweifeln ein.

Mutter und Kind

Über die Autorin:

Mucki Bommeltwist wurde Ende der 80er an der tschechischen Grenze geboren und hat ihre Jugend sitzend auf einem Skateboard und rauchend im Keller verbracht. 2012 brachte sie als jüngste Verlegerin Deutschlands das beste Abenteuermagazin der Welt raus. 2014 traf sie Uschi Obermaier in LA und entschied sich danach, dem Büro Adieu zu sagen und ihrer Liebe nach London zu folgen. 2019 – zwei Söhne, einen Ehering, ein Haus in einem deutschen Dorf und einen kompletten Identitätswechsel später, lässt sie mit brutal ehrlichen Worten alles über den Wahnsinn als Mutter raus.

Mehr von ihr gibt's hier!

Wie ernüchternd diese zweite Schwangerschaft im Vergleich zur ersten verläuft. Statt meinen Partner wie vor zwei Jahren mit einem lauten Quieken anzuspringen, um ihn freudestrahlend den positiven Schwangerschaftstest unter die Nase zu halten, gab es diesmal fünf Tage nach der Befruchtung eine SMS ins Büro ("By the way, I am pregnant"). Statt wochenlang auf den ersten Ultraschall hinzufiebern und die Tage bis dahin rückwärts zu zählen, sind wir auf dem Weg in den Winterurlaub kurz ins Krankenhaus, um uns das Bild abzuholen. Statt nach zwölf Wochen leichter Übelkeit, kotze ich mir dieses Mal über fünf Monate lang die Seele aus dem Leib und das während ich mit meinem Anderthalbjährigen unterwegs bin, abwechselnd im Park oder beim Einkaufen oder im Bus. Und wenn wir dann nach einem langen Tage fix und fertig zu Hause ankommen, wird der Kleine ("Mein Kind wird niemals fernsehen schauen!") eine Stunde vor "Peppa Pig" geparkt, damit ich auf dem Sofa erschöpft und pupsend zusammenbrechen kann, meinem neuen Schwangerschafts-Kumpel Verstopfung sei Dank. Ich dachte wirklich, der Körper würde einen verschonen, wenn man den Abstand der Schwangerschaften so knapp wählt wie wir. Tadaa! Selbst meine Dehnungsstreifen machen mir diesmal nichts vor und reisen von Beginn an munter und fröhlich auf einem Bauch vor sich her, der diesmal irgendwie schief hängt statt sich stolz und prall nach vorn zu richten – Schwangerschaftsglow, wo bist du?

Beziehungszweifel während der Schwangerschaft 

Die erste Schwangerschaft war körperlich auch kein Zuckerschlecken, aber ich habe die Befindlichkeiten besser ausgehalten, denn was waren wir verknallt! Unsere Beziehung gab es seit knapp einem Jahr und sie bestand aus aufregenden Dates und viel Geschlechtsverkehr. Und heute – die Honeymoon-Phase längst vorüber – läuft die ganze Nummer weitaus realer ab. Viel zu real! Mit Brechanfällen, Hämorrhoiden und einem Kleinkind, das meine Aufmerksamkeit 24/7 braucht, ohne Schlaf und Nerven und Zeit für sich selbst oder sonst irgendwen.

Ich liege auf dem Boden und denke an letztes Wochenende, als wir uns mal wieder gestritten haben. Beziehungsweise ich rumgeschrien und er beleidigt geschwiegen hat. Das Thema: unsere winzige Zweiraumwohnung, die schon für ein Kind zu klein ist. Aber mit viel Vorstellungskraft und Elan – trotzdem auch für zwei Gurken passend gemacht werden kann. Nun: Den motivierenden Part übernehme normalweise ich in unserer Beziehung. Ich, mit meiner schlechten Laune, weil niemand meine Füße massiert, werde aber allein ganz sicher keine Renovierung planen. Als wir zu Beginn der Schwangerschaft beschlossen haben, dass wir noch sechs Monate Zeit haben, um umzuziehen, hat er verständnisvoll genickt. Jetzt bin ich in der 20. Woche und wir sind immer noch am selben Fleck.

Bedrückt mache ich die Wohnungstür auf und marschiere Richtung Badezimmer. Das Bedürfnis, ihn zur Begrüßung auf den Mund zu küssen, habe ich schon einige Wochen nicht mehr. Ich lasse mir ein Bad ein, er kommt rein, sagt kurz hallo, geht wieder raus. Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen, aber es scheint keiner von uns beiden das Bedürfnis nach Austausch zu haben. Ich kann gar nicht sagen, wie beschissen sich das anfühlt. Ich sinke tief ins Wasser und meine Gedanken überschlagen sich. Warum fällt es mir so schwer, die Wohnungssuche anzugehen, ich war doch immer die Aktive von uns. Glaube ich nicht mehr an uns? Bin ich schon im Abnabelungsprozess? Wir waren verknallt, dann schwanger, jetzt sind wir Eltern. Soll das alles sein? Ist es so – das Leben als Familie? Ich fühle mich so leer so oft und so ernüchtert. So vieles, was mich andauernd stört. In mir wächst ein zweiter Junge heran und ich weiß nicht mehr, ob ich den Vater dazu liebe. Stürze ich mich gerade ins Glück oder ins Unglück?

"Nehmt euch Zeit zu zweit!"

Mein schwangeres Hirn macht das Denken ganz schwer. Ich steige aus der Badewanne und gehe zu ihm ins Wohnzimmer. Er fragt ohne aufzublicken, das Handy in der Hand, ob ich mich zu ihm setze, während die Kiste weiterhin im Hintergrund läuft. Ich will nicht. Ich könnte mich mit einem Lächeln daneben setzen und ihn fragen, wie sein Tag war. Ich will einfach nicht. Ich will Trommelschlag und Trompeten, wenn ich den Raum betrete. Statt ihm sortiert und in Ruhe meine Zweifel mitzuteilen, zettel ich im Türrahmen stehend einen Streit über seine Handynutzung an und gehe danach frustriert ins Bett.

Zwei Wochen später. Ein Auto düst über die Landstraße von Windsor Richtung London. Am Steuer ein stolz strahlender Mann, neben ihm eine schwangere, unheimlich glücklich aussehende Frau. Wir hatten die schönsten 24 Stunden der Welt und sind verliebt wie am ersten Tag. Und mussten dafür nur am Wochenende unseren Sohn bei seiner Oma abgeben und einen Spa-Tag im Hotel buchen.

Eine Stunde, bevor es los ging, hätte ich noch Wetten abgeschlossen, dass wir uns nur gegenseitig auf die Nerven gehen. Und dann war es ab der ersten Sekunde, als wir losfuhren, entspannt. Hand in Hand am Schloss entlang spazieren. Nachmittags zum Kuscheln im Hotel einchecken. Gefolgt von Spa und Dinner. Was so ein Ortswechsel auslösen kann. Er streichelt mir über den Rücken und sucht meine Nähe. Wir sagen uns, dass wir uns lieben. Ich wäre mit niemanden lieber dort gewesen als mit ihm.

"Ihr müsst über eure Probleme reden." "Nehmt euch Zeit zu zweit!" Wie oft hat man diese Ratschläge gehört. Und erst, wenn es fast zu spät ist, weiß man, warum einem die Leute, die meistens schon ältere Kinder oder eine Scheidung hinter sich haben, genau das empfehlen. Man könnte sich viel Ärger ersparen, würde man mit kleinen Erlebnissen zu zweit ab und an vorbeugen.

Auf dem Rückweg reden wir. Wir werden in der kleinen Wohnung bleiben und sie uns schön machen, 20 Wochen haben wir ja noch. Hochschwanger umziehen wie beim letzten Mal muss ja nun wirklich nicht sein. Man muss ja nicht jeden Mist nochmal machen, den man nur macht, wenn man verknallt ist."

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