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Vorlesegeschichte: "Elektra und das Zahlen-All" von Bernadette La Hengst

Eine Vorlesegeschichte von Bernadette La Hengst | Vorlesezeit: 7 Minuten | für Kinder ab 6 Jahren

Luna schmiss ihr Fahrrad vor der Schule an den Zaun und gab die Nummern in das Zahlenschloss ein. Eins, zwei, drei, vier. Einfacher ging es nicht. Das konnte sogar sie sich merken.

Dann hastete sie über den Schulhof zum Haupteingang und rannte die Treppen so schnell hoch, dass sie sich fast überschlug. Im vierten Stock war ihre Klasse, die 4b. Ganz oben. Als sie vor dem Klassenraum stand, war sie total außer Atem, also stand sie einen Moment lang still, um Luft zu holen. Was sollte sie nur sagen? Sie war die letzten zwei Wochen wegen einer Grippe nicht in der Schule gewesen und jetzt, am ersten Tag danach, war sie schon wieder zu spät. Ausgerechnet heute, wo sie in der dritten Stunde die Mathearbeit schreiben würden. Dieses Mal würde die Lehrerin ihre Geschichte nicht glauben, es war einfach zu irre. Aber was sollte sie tun? Eine erfundene Geschichte würde sie ihr auch nicht glauben, also lieber bei der Wahrheit bleiben.

Sie holte tief Luft und öffnete die Tür.

25 Augenpaare starrten sie an, Frau Obendick, die tatsächlich oben etwas dicker war als unten, erklärte gerade die Weltkarte am Smartboard.

"Entschuldigung, ich habe mich ein bisschen verspätet heute morgen."

Frau Obendick sah auf ihre Uhr: "Oh, ein bisschen ist etwas untertrieben, du bist genau 30 Minuten zu spät, aber wir sind alle sehr gespannt, was du dir diesmal einfallen lässt, liebe Luna. Erzähl es uns, aber bitte halt dich kurz, wir sind mitten im Erdkundeunterricht."

"Ok, wenn Sie unbedingt wollen. Ich bin vom Wecker aufgewacht, wie jeden Morgen um Viertel vor sieben. Dann hab ich mir einen Tee gemacht und die Zähne geputzt. Also, ich war eigentlich gut in der Zeit, ich hab ein bisschen Musik gehört und noch mal die Arbeitsblätter angesehen, die wir für die Klassenarbeit lernen sollten.
Als ich den Tee ausgetrunken hatte, stand meine Mutter auf, um mich zu verabschieden. Wir hatten heute ausgemacht, dass ich alles alleine mache und sie nur zum Tschüss-Sagen zur Tür kommt."

Die ganze Klasse hörte ihr aufmerksam zu, die Jungs in der letzten Reihe tuschelten.

Frau Obendick tippte ungeduldig mit ihrem Stift auf den Tisch. Tap, tap, tap. "Und dann? Was ist dann passiert? Kam ein Ufo angeflogen? Luna, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit für deine Geschichte."

Luna wunderte sich: Woher wusste sie das? Dann fuhr sie fort: "Als ich draußen im Hof mein Fahrrad holte, hörte ich ein seltsames Geräusch. Ein Sirren oder eher ein Flattern, aber so ganz hoch. Ich dachte, es sei ein Hubschrauber auf dem Weg zum Krankenhaus, aber ich konnte nichts erkennen, also fuhr ich einfach los. Im Park wurde das Geräusch plötzlich lauter. Die Hunde, die dort jeden Morgen von einer Hundesitterin ausgeführt werden, bellten wie verrückt, die Leute im Park hörten anscheinend nichts. Ich fuhr zum Trampolinspielplatz, um nachzusehen, ob es von dort kam. Es war noch etwas dämmrig, nur ganz am Ende des Parks konnte man den Fernsehturm erahnen.

Plötzlich sah ich mitten auf dem Spielplatz ein komisches Auto. Aber nein, es war gar kein Auto, es war – ein Raumschiff! Ich rieb mir die Augen, und konnte es nicht glauben.

Ein riesiges Gefährt, so groß wie der Schulbus, mit dem wir auf Klassenfahrt waren, nur in Silbergrau mit Flügeln dran. Wahnsinn! Wo kam das plötzlich her?

Da öffnete sich schon die Seitentür, und eine merkwürdige Gestalt kam auf mich zu. Sie hatte mindestens vier Arme, und ihr Kopf leuchtete in Grün und Pink. ‚Hallo!‘, sagte sie sehr freundlich. ‚Ich heiße Elektra, willst du mitkommen? Schule braucht doch heutzutage kein Mensch mehr. Komm, ich zeig dir das Universum!‘

Sie nahm meine Hand und zog mich in das Raumschiff hinein. Ich schüttelte mich kurz und zwickte mir in den Arm, um herauszufinden, ob ich schlief oder wach war. Aber anscheinend war ich hellwach.

Luna hörte ein paar ihrer Freundinnen kichern. Ihre Lehrerin blickte sie mit erstaunten Augen an, sagte aber nichts, denn ihr schien die Geschichte zu gefallen.

"Also, dann flogen wir los in diesem nicht allzu großen Raumschiff, das ich mir in meinen Träumen immer ganz anders vorgestellt hatte. Es war vollgestellt mit rosa Plüschsesseln, eine Discokugel hing an der Decke, überall blinkte und blitzte es, ein grüner Riesenhund mit drei Köpfen lag verschlafen auf dem knallpinken Kuschelteppich und kaute an einem lila Knochen. Elektra drückte ein paar Knöpfe, und schon flogen wir knapp am Fernsehturm vorbei. Ich konnte unsere Schule von oben erkennen, aber wahrscheinlich hat uns niemand bemerkt, weil es noch ganz dämmrig war. Außerdem erklärte mir Elektra, dass dies ein Solar-Raumschiff sei und deshalb so leise, dass nur Kinder, Hunde und Katzen das Fluggeräusch überhaupt wahrnehmen könnten.

‚Wo fliegen wir hin?‘ fragte ich Elektra. ‚Ich muss doch in die Schule, wir schreiben heute eine Mathearbeit, und ich habe extra gelernt.‘ Mir war ein bisschen unheimlich, weil ich eigentlich Flugangst habe.

Elektra sagte: ‚Ich will dir das Weltall zeigen, denn wenn du das gesehen hast, dann hast du nie wieder Angst vor Zahlen. Multiplikation und das ganze Zeug gehen dann wie von selbst.‘

Ich sah, wie wir an einem Stern vorbeisausten, in einer irren Geschwindigkeit, die schneller war als das Licht. ‚Schau mal, Luna‘, sagte Elektra, ‚da draußen ist die Milchstraße, in der bin ich zu Haus. Ich kenne jeden einzelnen Stern, so wie du jedes Haus in deiner Straße kennst. Jeder Stern hat eine Nummer. Wenn man die ganzen Nummern zusammenzählt, kommt man auf eine Zahl, die ist so groß wie die Unendlichkeit. Und in jeder Zahl steckt mindestens eine Geschichte. Dieser Planet da, siehst du den? Der so blinkt auf der linken Seite.‘ Sie zeigte auf ein Licht, an dem wir vorbeiflogen. ‚Das ist die Nummer 5378, da wohnt mein Onkel Decimal, der ist lustig, er zählt den ganzen Tag die Sterne und schreibt die Zahlen mit einem Leuchtstift ins All. Und da auf der rechten Seite, der Planet 16 322 mit den Zacken, da wohnt meine Tante Subtrah, die ist etwas seltsam, sie denkt immer in Minus, bei ihr bleibt nie etwas übrig, sie zieht immer die Sternschnuppen von den anderen Sternen ab. Yeah, schau mal, da ist eine Sternschnuppe – und schon ist sie wieder weg! Und da vorne fliegen wir gleich an meinem Lieblingsstern vorbei, der Planet 67 123, da wohnt meine Freundin Solaris. Wir haben Jahre damit verbracht, auszurechnen, wie viel Zeit wir brauchen, um die Sonne zu umkreisen, und wie viel Zeit die Menschen auf der Erde damit verbringen, sich zu ärgern, wie wenig Zeit sie haben.‘

‚Oh, apropos Zeit‘, sagte ich, ‚Elektra, ich finde es ja wahnsinnig aufregend, mit dir hier durchs Weltall zu fliegen, aber ich muss jetzt zurück, denn ich war zwei Wochen nicht in der Schule und wenn ich jetzt die Mathearbeit verkacke, dann ist meine Mutter echt sauer auf mich.‘

Elektra sah mich verdattert an. ‚Ich dachte, du freust dich darüber, dass ich dich aus deinem langweiligen Schulalltag heraushole?‘ ‚Ja, das ist auch lieb gemeint, aber ehrlich gesagt würde ich jetzt trotzdem gerne wieder zurück.‘ Und ein paar Minuten später landeten wir auch schon wieder auf dem Trampolinspielplatz. Ich stieg aus und bedankte mich für die Reise. Elektra sah etwas traurig aus, denn sie dachte, wir wären jetzt ABFIA (AllerBeste Freundinnen Im All), aber ich sagte ihr: ‚Tut mir leid, ich muss jetzt gehen.‘ Der grüne riesige Hund schleckte zum Abschied mit seinen drei Zungen meine Hand ab, und Elektra winkte mir mit ihren vier schlackernden Armen hinterher. Und jetzt bin ich hier."

Frau Obendick lächelte Luna an und schickte sie auf ihren Platz. "Jetzt komm erst mal richtig an, Luna. Du warst ja seit zwei Wochen nicht in der Schule, aber wir haben dich alle vermisst, und die Mathearbeit wird bestimmt nicht so schwer, wie du denkst."

Luna setzte sich neben ihre Freundin Elena, schlug ihren Weltatlas auf und sah aus dem Augenwinkel, wie ein großes silbergraues Etwas am Fenster vorbeiflog. Sie dachte an die unendlichen Zahlen mit den vielen aufregenden Geschichten, da erklang auch schon der Gong zum Ende der Stunde.

Bernadette La Hengst, 49, Mitbegründerin der Beatband Die Braut haut ins Auge, arbeitet seit deren Auflösung im Jahr 2000 als Theaterregisseurin und Solo-Musikerin. Gemeinsam mit ihrer 13-jährigen Tochter lebt sie in Berlin.