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Berlin-Mitte Polizei räumt linksautonomes Wagencamp "Köpi" – 53 Bewohner festgenommen

Berlin: Ein Räumfahrzeug der Polizei steht zu Beginn der Räumung am Eingang der Bauwagensiedlung
Berlin: Ein Räumfahrzeug der Polizei steht zu Beginn der Räumung am Eingang der Bauwagensiedlung
© Fabian Sommer / DPA
Hunderte Polizisten haben ein bekanntes linksautonomes Bauwagen-Camp in Berlin geräumt. Die Bewohner der "Köpi" wehrten sich mit Steinen und Flaschen – mehr als 50 wurden festgenommen.

Mit einem Großaufgebot hat die Polizei in Berlin am Freitag ein bekanntes linksautonomes Bauwagen-Camp geräumt. Hunderte Beamte waren nach Angaben der Polizei an dem stundenlangen Einsatz auf dem "Köpi"-Platz beteiligt, deren Bewohner sich einer von Gerichten bestätigten Räumungsforderung des Grundeigentümers widersetzt hatten.

Bewohner und Unterstützer hatten sich nach Angaben von Polizei und linken Aktivisten hinter einem hohen selbstgebauten Zaun und weiteren Barrikaden verschanzt. Die Beamten durchbrachen diese mit Kettensägen, Trennschleifern und Räumpanzern, bevor sie auf den Platz vordrangen. Dort zogen sich den Angaben zufolge einige Menschen auf Bäume zurück, was die Räumung ebenfalls verzögerte.

Letztes Symbolprojekt der linken Szene in Berlin

Während des Einsatzes wurden die Beamten nach eigenen Angaben mit Flaschen und Steinen beworfen sowie mit Feuerlöschern besprüht. Auch bei Protesten von Unterstützern der Bewohner im näheren Umfeld des abgeriegelten Geländes an der Köpenicker Straße im Bezirk Berlin-Mitte kam es zu Auseinandersetzungen.

Bis zum frühen Nachmittag wurden nach einer ersten Bilanz der Polizei an und um den Platz 53 Menschen wegen des Verdachts auf Straftaten vorübergehend festgenommen. 38 Menschen geleiteten die Beamten nach Angaben einer Sprecherin von dem Platz, dessen Räumung im Laufe des Nachmittags beendet wurde. Das Arreal wurde anschließend den Gerichtsvollziehern sowie Vertretern des Eigentümers übergeben, die Polizei blieb allerdings präsent. 

Auch mehrere kleinere Demonstrationen von Unterstützern in der Umgebung lösten sich auf. Für Freitagabend war in der Hauptstadt jedoch noch eine weitere Demonstration von Sympathisanten des Bauwagenplatzes angekündigt. Laut Polizeisprecherin waren im Tagesverlauf stadtweit rund 2000 Beamte wegen der Räumung im Einsatz. Ein großer Teil befand sich dabei aber nicht am Platz, sondern sollte mögliche Straftaten an anderer Stelle verhindern.

Das Wagencamp auf einem Gelände an der Köpenicker Straße gilt als eines der letzten Symbolprojekte der linken Szene in Berlin. Auf dem rund 2600 Quadratmeter großen Grundstück neben einem 1990 besetzten Haus am ehemaligen Mauerstreifen wohnen etwa 30 Menschen in Bauwagen. Der Grundstückseigentümer hatte mit Hinweis auf eine Baugenehmigung im Juni erfolgreich auf Räumung geklagt. Einen Eilantrag der Bewohner zum Stopp der Zwangsvollstreckung wies das Berliner Kammergericht am Mittwoch ab.

Bis zuletzt gab es Bemühungen, die Räumung abzuwenden. Die Linksfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus teilte mit, der Eigentümer habe das Grundstück über Makler zum Verkauf angeboten und sich in Verhandlungen bereit gezeigt, es an die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft zu verkaufen. Kaufpreis, Kaufvertrag und Notartermin hätten bereits festgestanden. "Dann ließ der Eigentümer die Verhandlungen platzen", hieß es in einer Mitteilung der Linken vom Donnerstag.

Reaktionen kaum vorhersehbar

Schon am vergangenen Wochenende hatten Hunderte Unterstützer des "Köpi" in Mitte und Friedrichshain gegen die Räumung protestiert. In den vergangenen Nächten wurden in der Umgebung mehrfach Mülltonnen und Reifen in Brand gesteckt. Am Mittwochmorgen beschädigten Unbekannte am Bürgeramt in Berlin-Mitte die Verglasung der Eingangstüren und sprühten "Köpi bleibt" ans Gebäude.

Zu "Köpi" gehört ein großes Hinterhaus, das aber nicht geräumt werden soll. Das Gebäude am Mauerstreifen von Ost-Berlin wurde 1990, im Jahr nach dem Mauerfall, besetzt. Neben Wohnungen in den oberen Stockwerken gibt es im Keller und den unteren Geschossen einen Konzertraum, eine Kletterwand, eine kleine Sporthalle und ein Kino.

Die linke Szene Berlins hat sich gegen Räumungen immer wieder heftig gewehrt. Am besetzten Haus "Liebig 34" in Friedrichshain im Oktober 2020 fiel die Gegenwehr kleiner aus als bei ähnlichen Anlässen zuvor. Bei einer Brandschutzprüfung im teilbesetzten Haus "Rigaer 94" im Juni gab es jedoch einen heftigen Angriff auf die Polizei.

yks dpa

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