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200. Geburtstag des Eisernen Kanzlers: Was ist an Bismarck aktuell?

Für viele ist er kaum mehr als eine Figur auf einem Denkmal: Otto von Bismarck. Heute vor 200 Jahren wurde der Eiserne Kanzler geboren. Was ist an ihm aktuell? Fragen an den Historiker Christoph Nonn.

Von Stephan Maus

Heute vor 200 Jahren geboren: Otto von Bismarck, Porträt aus dem Denkmal im Berliner Tiergarten

Heute vor 200 Jahren geboren: Otto von Bismarck, Porträt aus dem Denkmal im Berliner Tiergarten

Otto von Bismarck - einer der bedeutendsten deutschen Politiker überhaupt - war ein Machtpolitiker par excellence. Er erfand die Sozialgesetze, wenn auch nicht ohne Eigennutz. Manche sehen in ihm auch den Wegbereiter für Adolf Hitler. Zum 200. Geburtstag des Eisernen Kanzlers sprach stern-Autor Stephan Maus mit dem Düsseldorfer Historiker Christoph Nonn, 50, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Düsseldorf.

Professor Christoph Nonn, Autor des Buches "Bismarck: Ein Preuße und sein Jahrhundert"

Professor Christoph Nonn, Autor des Buches "Bismarck: Ein Preuße und sein Jahrhundert"

Was ist an Bismarck aktuell?

Besonders aktuell ist die Parallele zwischen 1871 und 1990, den beiden Einigungen Deutschlands. Beide Male lautete die Frage: Wie geht ein Deutschland, das zum wirtschaftlichen und auch politischen Koloss in Europa geworden ist, mit seiner neuen Position um?

Was hat man 1990 von Bismarck lernen können?

Bismarck sagte: Deutschland ist saturiert. Wir sind auf keine weiteren Gebietserweiterungen aus. Genau das wurde auch mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und den Zwei-plus-vier-Gesprächen signalisiert. Wie Bismarck nach 1871 war man auch nach 1990 bereit, sich in Europa zu integrieren. So wurde den Nachbarn die Angst vor dem neuen Deutschland genommen.

Der Reichsgründung sind drei blutige Kriege vorausgegangen. Bismarck gilt seitdem als Verkörperung des preußischen Militarismus.

Dieses Bild von Bismarck in Pickelhaube und Uniform ist irreführend. Er war kein Militarist. Als junger Mann hätte er sich um den Wehrdienst am liebsten gedrückt.

Sind Sie ein Bismarck-Kenner?

    Zum Start werden wir grundsätzlich: Wer war Otto von Bismarck?

    Man kann sich vor dem Wehrdienst drücken und trotzdem ein Kriegstreiber sein. Immerhin heißt es, er habe die Kriege provoziert, um die deutsche Einigung zu ermöglichen.

    Das sehe ich nicht so. Bismarck hat nach 1871 behauptet, er habe diese Kriege herbeigeführt, um die deutsche Einigung zu erreichen. Damit hat er aber nur an seinem Mythos vom „Reichsgründer“ mitgestrickt. Studiert man die zeitgenössischen Quellen, sieht man all das nicht. Richtig ist, dass er zwar nach außen gern den starken Mann markiert hat. Wenn es aber wirklich darauf ankam, gehörte er eher zur vorsichtigen Sorte. 1864 hat er lange abgewartet, bis sich die Ereignisse so zuspitzten, dass der Deutsche Bund und Österreich wegen Schleswig-Holstein gegen Dänemark vorgehen wollten. Dann erst hat er sich mit Preußen angeschlossen. Danach versuchte er lange, eine gütliche Einigung mit Österreich zustande zu bringen. Die Österreicher wollten das aber nicht. 1866 sah er zum ersten Mal ein Schlachtfeld. Da stellte er sich vor, dass einer seiner Söhne unter den Toten hätte sein können. Danach sagte er immer wieder: ,Wenn man einen Krieg mit Ehre vermeiden kann, sollte man ihn vermeiden.‘

    1870 hat er ihn dann allerdings nicht vermieden.

    1870 meinte er, die Franzosen hätten die preußische Ehre so weit beleidigt, dass man nicht mehr von diesem Feld der Ehre zurück könnte, ohne das Gesicht zu verlieren. Das wurde übrigens damals in den anderen europäischen Hauptstädten genauso gesehen. Das sind Ehrvorstellungen des 19. Jahrhunderts, die für uns schwer nachvollziehbar sind.

    Drei Kriege brauchte es, um Deutschland zu einigen. Wäre es auch unblutiger gegangen?

    Vielleicht. Es gibt allerdings nur zwei Nationalstaaten in Europa, die auf ganz und gar friedlichem Weg entstanden sind, Island und Norwegen. In allen anderen Fällen war die Entstehung des Nationalstaats von blutigen Revolutionen, Bürgerkriegen oder äußeren Kriegen begleitet.

    Wäre es anders gelaufen, wenn ein liberaler Ministerpräsident die Einigung betrieben hätte?

    Das wohl kaum. Die Politiker der liberalen Fortschrittspartei, die Gegner Bismarcks im preußischen Verfassungskonflikt, schrieben Anfang der 1860er Jahre in ihr Programm: „Für die deutsche Einheit wird uns kein Opfer zu groß sein.“ Die Liberalen hetzten bereits zu einem Krieg mit Frankreich, als Bismarck den noch zu vermeiden hoffte.

    Trotz allem wird Bismarck immer noch als der Dämon der Deutschen gesehen. Welche Verantwortung trägt er für das Dritte Reich?

    Viele glauben, dass Bismarck geradezu im Alleingang Deutschland auf die schiefe Bahn gesetzt habe, auf der es dann in den Nationalsozialismus rutschte. Das ist aber ebenso falsch wie die Vorstellung, er allein habe das Deutsche Reich gegründet. Bismarck war nicht derjenige, der allein die Parlamentarisierung und Demokratisierung des Deutschen Reiches verhindert hätte.

    Also trägt er gar keine Langzeitverantwortung?

    Doch. Für die Ausbildung einer Mentalität der Verantwortungslosigkeit unter Parteien und Wählern. Denn er hat wesentlich die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871 bestimmt. Die hat die Parteien nur im Vorhof der Macht gelassen. Es gab den Reichstag, der demokratisch gewählt war. Das hat ihn zu einem Forum der ganzen Nation gemacht, hat die Deutschen politisch mobilisiert wie nie zuvor. Nur hatten die Abgeordneten kaum Einfluss auf die Regierung. Wenn aber Parlamentarier keine wirkliche Macht übernehmen, sondern nur die Regierung kritisieren können, dann führt das bei ihnen und ihren Wählern zu einer Mentalität der Verantwortungslosigkeit. Letztlich geht dann das Demagogische in Fleisch und Blut über. Dem wurden die Deutschen fast ein halbes Jahrhundert ausgesetzt. 1918 änderte sich das ganz plötzlich: Jetzt war das Parlament das Machtzentrum des Landes. Aber daran waren weder die Parteien noch ihre Wähler gewöhnt. Bismarck hat deshalb mit der von ihm bestimmten Verfassung von 1871 letztlich eine Hypothek für die Weimarer Republik geschaffen – keine unüberwindliche, aber doch eine schwere.

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