HOME
70 Jahre stern

Wolfgang Schäuble im Interview: "Kanzler werden? Unbedingt habe ich das nicht gewollt"

Er war Helmut Kohls und Angela Merkels ziemlich bester Mann. Jetzt ist Wolfgang Schäuble Bundestagspräsident und so frei wie nie. Ein Rückblick auf sieben Jahrzehnte Bundesrepublik.

Wolfgang Schäuble

Zweiter Mann im Staat: Protokollarisch rangiert Wolfgang Schäuble als Bundestagspräsident direkt hinter dem Bundespräsidenten.

stern

Sieben Jahrzehnte? Puh!“ Wolfgang Schäuble stutzt. Das ist selbst für ihn, den Rede-Profi, ein ambitioniertes Projekt. Doch der Bundestagspräsident lässt sich in den nächsten zwei Stunden ein auf den Streifzug durch die Geschichte der Republik und seines Lebens. Seit seinen Anfängen als Politiker in Bonn sind der stern und Schäuble sich immer wieder begegnet – so auch am Tag des Attentats.

Die 50er Jahre

Herr Schäuble, Sie sind Jahrgang 1942. Den Beginn der Bundesrepublik haben Sie als Grundschüler im badischen Hornberg erlebt. Gibt es einen Geruch, ein Geräusch, das Sie mit den Anfangsjahren der Bundesrepublik verbinden?

Die Dampflokomotiven, die durch unser schmales Tal im Schwarzwald fuhren. Sie sind zwar auch später noch gefahren. Aber ihren Qualm verbinde ich ganz besonders mit den Fünfzigern.

Hat Ihr Vater vom Krieg erzählt?

Nein, jedenfalls nicht in meinen Kindheitsjahren. Mein Vater hatte Glück, seine militärische Laufbahn beschränkte sich auf den Volkssturm. Deshalb war er nach dem Krieg unversehrt und unbelastet, was wenige seiner Generation waren.

Nazilehrer gehabt?

Wir haben es in unserer Gymnasialzeit jedenfalls nicht gespürt. Und die Nazizeit selbst war im Geschichtsunterricht kein Thema, da war bei Bismarck Schluss.

Haben Sie sich viel mit Ihren Brüdern geprügelt?

Der Altersunterschied war so groß, dass die Kräfteverhältnisse eindeutig waren. Ich hatte da keine guten Karten. Der Ältere war fünf Jahre älter, der Jüngere sechs Jahre jünger – und das Gemeine war, dass mein älterer Bruder meinem jüngeren immer zu Hilfe gekommen ist.

Das "Wunder von Bern" verfolgt?

Natürlich! Die ganze Familie saß am Radio. Und ich habe mir die erste und einzige Ohrfeige meines Vaters eingefangen, weil ich keck prophezeit hatte: "Wir werden Weltmeister." Als es nach acht Minuten 0:2 stand, hat mir mein Vater eine runtergehauen: "Sie scht es, das hascht nu davon." Er hatte diesen Aberglauben, dass man etwas vorher nicht beschreien sollte. Ich hab dann gekräht und unter Tränen gesagt: "Wir gewinnen trotzdem!"

Lieber Elvis Presley oder Peter Kraus?

Conny Froboess, "Pack die Badehose ein".

Ihr Idol in dieser Zeit?

Fritz Walter.

Die 60er Jahre

Ostzone oder DDR?

Ostzone. Jedenfalls bis Mitte der Sechziger.

Ihre Empfindungen am Tag des Mauerbaus?

Die absolute Fassungslosigkeit – darüber, dass die sogar die Häuser an der Bernauer Straße zumauerten! Selbst Konrad Adenauer war damals zwei Tage lang sprachlos. Heute ginge das nicht mehr. Ich war ein paar Monate zuvor als Abiturient das erste Mal in Berlin gewesen. In unserer Familie gab es in jenen Jahren, eigentlich seit dem Koreakrieg in den Fünfzigern, immer noch eine unterschwellige Kriegsangst. Die kam an diesem Tag wieder hoch. Damals wurde auch darüber diskutiert, ob die Amerikaner wohl verlässlich bleiben.

Wo waren Sie, als John F. Kennedy erschossen wurde?

In Freiburg – und ein paar Stunden nach der Todesnachricht auf dem Münsterplatz, zur Trauerkundgebung. Warum wir ausgerechnet dahin gerannt sind, weiß ich nicht mehr. Man hatte aber das Bedürfnis, mit anderen zusammen zu sein.

Mal einen Joint geraucht?

Ich habe in meinem Leben viel zu viel geraucht – einen Joint nie.

Haben Sie wenigstens mal von Brigitte Bardot geträumt?

Na klar. Ich finde die französischen und italienischen Filme der 50er und 60er Jahre noch heute große Klasse. Nur, was hat die Bardot mit 'nem Joint zu tun? Ich bin aber ziemlich stolz darauf, dass mich bei der Bambi-Verleihung 1991 Audrey Hepburn geküsst hat.

Fan der Großen Koalition gewesen?

Nein, ich war nie ein Fan der Großen Koalition. Dafür denke ich zu ordnungsbezogen. Wer parlamentarische Demokratie institutionell denkt, kann kein Anhänger einer Großen Koalition sein.

Wo waren Sie, als Benno Ohnesorg erschossen wurde?

Das ist für mich keiner der Augenblicke, von denen man später weiß, wo man war.

Ihr Idol der Sechziger?

Ich habe 1969 geheiratet! Damit ist die Frage hoffentlich beantwortet.

Die 70er Jahre

1971. Der stern erscheint mit dem Cover: "Wir haben abgetrieben" . War das für Sie eine Provokation?

Was denn sonst? Es war schließlich die Erklärung, dass man sich einer strafbaren Handlung bezichtigt. Das war schon ein Ereignis. Es gehörte aber zu dem Modernisierungsprozess unserer Gesellschaft, der mit 68 begann. Damals hat man da vieles noch ganz anders gesehen.

Damals gab es den Spruch: "Lieber ein Kalter Krieger als ein warmer Bruder."

Ja, den kenn ich. Der ist von Franz Josef Strauß. Aber Strauß-Zitate sind nie meine Mao-Bibel gewesen. So groß war unsere Sympathie für Strauß sowieso nicht. Bedenken Sie, dass damals ein Großteil der Jungen in der Union die CDU nicht gewählt haben – wegen der Ostpolitik.

Brandts Kniefall in Warschau ...

... war richtig. Keine Frage.

1972 wurden Sie in den Bundestag gewählt – vor Ihrem ersten Mal im Parlament noch mal zum Friseur gegangen?

Puh, das weiß ich nun wirklich nicht mehr. Ich gehe so alle vier, sechs Wochen zum Friseur. Aber wenn Sie damit nach der Bedeutung des Moments gefragt haben sollten: Ja, da war schon ein leichtes Kribbeln. Das Kribbeln verliert sich allerdings im Lauf der Legislaturperioden.

Die 70er Jahre waren die Hochzeit der RAF. Wie fanden Sie den Vorschlag von Strauß, für jede Geisel einen RAF-Gefangenen zu erschießen?

Der Vorschlag wurde ja nicht in der Fraktion gemacht, sondern im Krisenstab. Ich war promovierter Jurist mit der Befähigung zum Richteramt. Allein deshalb habe ich das nicht ernst nehmen können. Es zeigt aber, welche Anspannung herrschte. Manche Menschen wollten sich nicht mehr zu Helmut Kohl ins Auto setzen, aus Angst vor einem Anschlag auf den Oppositionsführer. Ein Fraktionskollege wollte sogar alle Abgeordneten mit Handfeuerwaffen ausstatten. Daran erkennen Sie die Verunsicherung damals.

Haben Sie in den 70er Jahren zu Hause schon den Müll getrennt?

Nein, mein Anteil an der Erledigung häuslicher Arbeiten war immer ein ziemlich geringer. Aber meine Frau ist immer schon relativ umweltbewusst gewesen.

Hat man sich bei den Schäubles zu Hause die "Holocaust"-Serie angesehen?

Ich glaube eher nicht. Bedenken Sie, gerade junge Abgeordnete sind praktisch jeden Abend unterwegs. Ich brauchte auch keine Nachhilfe im Geschichtsunterricht.

Ihr Idol in den Siebzigern?

Jetzt kommen wir langsam in die Phase des Lebens, in der die Idole rar werden.

Die 80er Jahre

Wie lange haben Sie die Grünen für Spinner gehalten?

Nicht so lange. Am Anfang waren schon viele Spinner dabei. Aber auch Leute von uns – wie der Herbert Gruhl, dessen Wechsel ich sehr bedauert habe. Und als die Grünen in den Bundestag gewählt wurden, gab es einen gewissen Fischer als Fraktionsgeschäftsführer und einen Fraktionsvorsitzenden namens Schily. Ich werde nie vergessen, wie Fischer zur ersten Sitzung der Geschäftsführer von seinem Fraktionschef begleitet wurde – wie ein Kind bei der Einschulung. Schily sagte dann mit der ganzen Arroganz, zu der er fähig war, als ersten Satz: Wir seien ja nicht seine Ebene, aber er wolle den jungen Kollegen bei uns einführen.

Damals eher für Björn Borg oder für John McEnroe?

McEnroe natürlich, der hatte den attraktiveren Stil.

Dann kam der 28. April 1983: Der stern wartet mit den Hitler-Tagebüchern auf. Haben Sie die damals für echt gehalten?

Nee.

Ach.

Na, ich war auch deshalb nicht so überrascht, weil mein Vertrauen in den stern nie so ganz groß war.

Das nehmen wir mal als robusten Glückwunsch zu unserem Siebzigsten!

Es hat mich davor bewahrt, alles zu glauben, was irgendwo gedruckt wird.

Haben Sie damals daran geglaubt, die Wiedervereinigung noch zu erleben?

Ich war mir nicht sicher. Als Vernon Walters Anfang 1989 als US-Botschafter nach Bonn kam, hat er gleich prophezeit, die Wiedervereinigung komme noch in seiner Amtszeit. Da hab ich ihn gefragt: "Wie lange sind Sie denn hier?" Da sagte er: "Drei Jahre." Ich habe erklärt, dass es bestimmt noch zehn Jahre dauern würde und war damit eher bei den Optimisten. Viele glaubten immer noch nicht daran.

Einem Ihrer vier Kinder mal den Umgang mit einem Freund oder einer Freundin verboten?

Nein. Das mag für stern-Journalisten schwer vorstellbar sein, aber: Ich bin nicht autoritär erzogen worden. So etwas färbt ab.

War die Weizsäcker-Rede am 8. Mai 1985 zum Ende des Zweiten Weltkriegs die wichtigste, die jemals im Deutschen Bundestag gehalten wurde?

In der Wirkung schon. Ich finde aber solche Verabsolutierungen schwierig. Helmut Kohls Zehn-Punkte-Plan im November 89 kommt sicher auch in diese Nähe.

Beim Mauerfall geweint?

Ich bin niemand, dem in einem solchen Fall die Tränen kommen, aber die Rührung um mich rum war schon unglaublich. Wir hatten uns ja im Bundestag zu einer spontanen Sitzung versammelt, die Fraktionsvorsitzenden haben kurze Reden gehalten, und dann hat sich ein Teil – unter Protest von anderen – als Gesangsgruppe konstituiert und die Nationalhymne gesungen. Ich hatte aber in mir schon die Sorge: Geht es nach den gescheiterten Aufständen 1953, 1956 und 1968 diesmal gut?

Die 90er Jahre

Stimmt es, dass Lothar de Maizière die beiden deutschen Hymnen verquicken wollte, Sie das aber verhindert haben?

Nicht verhindert, abgelehnt. Er ist zur Eröffnungssitzung der Verhandlungen für den Einigungsvertrag mit diesem Vorschlag gekommen. Ich habe in meiner Erwiderung gesagt – so freundlich wie ich, wenn ich mich bemühe, sein kann –, wir hätten so viele Sorgen, wir sollten die Dinge nicht noch komplizierter machen.

Erinnern Sie sich noch an Ihr letztes Tennismatch?

Nein. Ich wusste ja nicht, dass es mein letztes sein würde. Im Sommer 1990 habe ich schon ein paar Mal gespielt, hatte aber wegen der Verhandlungen zum Einigungsvertrag nicht viel Zeit.

Am 12. Oktober 1990, neun Tage nach der Deutschen Einheit, schoss Sie ein psychisch kranker Mann in der „Brauerei Bruder“ in Oppenau nieder, seitdem sind Sie querschnittsgelähmt. Haben Sie die Bilder von damals manchmal noch vor Augen?

Die Szenerie unmittelbar nach dem Schuss? Die nicht. Die Bilder kenne ich nur aus dem stern. Es waren ja Ihr damaliger Kollege Hans Peter Schütz und der Fotograf Cornelius Meffert dabei. Es war eigentlich eine gute Veranstaltung, ein Freitagabend, CDU-freundliches Publikum. Sogar meine Tochter war da.

Knapp sieben Jahre später sind Sie, im Rollstuhl sitzend, auf dem stern-Cover mit der Zeile: "Ein Krüppel als Kanzler? Ja, die Frage muss man stellen" . Ihre Antwort heute?

Die gleiche wie damals: Ob jemand für das wichtigste politische Amt eines Landes taugt, sollte besser offen besprochen werden. Und zu dieser Tauglichkeit gehört selbstverständlich auch die körperliche Verfassung – und deshalb muss man diese Frage stellen. Ich glaube, ich habe sie zu einem Teil auch beantwortet.

Wann haben Sie gespürt, dass es mit Schwarz-Gelb unter Kohl "over isch"?

Kurz nach der Wahl 94.

So früh?

Na sicher. Die Wahl 94 war schon lausig knapp. Wir hatten bei der Kanzlerwahl nur eine Stimme Mehrheit, und das auch nur deshalb, weil wir einen von uns in letzter Sekunde herbeigekarrt haben – der hatte am Abend zuvor einen zu viel genommen und lag noch mit dickem Kopf im Bett. Danach wurde es ja auch nicht besser. 1998 war nur die Frage: Gibt es eine Große Koalition unter SPD-Führung? Oder gibt es Rot-Grün? Gerhard Schröder hat damals bis spät in die Wahlnacht gehofft, dass es für Rot-Grün nicht langt. Es war aber die bessere Lösung, siehe meine Antwort aus den Sechzigern.

Hätten Sie es als Kanzlerkandidat gepackt, wenn Kohl Sie gelassen hätte?

Ich hätte es auch nicht geschafft. Aber Kohl wollte nicht, und ich habe akzeptiert, dass er nicht freiwillig aufhören kann. Das hätte seinem Naturell zu sehr widersprochen. Es wollten so viele in der Partei, dass Kohl aufhört – und so viele sind damals zu mir gekommen. Denen hab ich immer gesagt: „Sagt’s ihm doch ins Gesicht.“ Bis meine Frau irgendwann gesagt hat: „Du machst es ja auch nicht, du bist ein Feigling.“ Dann bin ich zu ihm hin. Ich wusste aber, dass es unser Verhältnis dauerhaft beschädigen wird. Hat es dann ja auch. Die Niederlage am Wahltag hat er aber großartig akzeptiert. Das war ein Lehrstück in Demokratie.

Wäre Bonn, ohne Ihre Intervention, heute noch Regierungssitz?

Das weiß ich nicht. Wahr ist aber, dass mein Beitrag in der Debatte zumindest stimmungsmäßig eine gewisse Wirkung hatte. Ich bin unter anderem dafür Ehrenbürger der Stadt Berlin geworden und gebe zu: Das befriedigt meine Eitelkeit schon ein Stück weit. Das wird haften bleiben.

Trauern Sie dem 20. Jahrhundert nach?

Es war schön. Meine Generation hatte so viel Glück, wie ich mir nur wünschen kann, dass es meine Enkel auch haben werden. Ich versuche aber, nicht der Vergangenheit nachzutrauern. Wir sollten der Versuchung widerstehen, zu glauben, es sei früher besser gewesen. Nostalgie hilft nicht weiter.

Die 00er Jahre

Ha, die fingen an, wie es der Ausdruck "00" nahelegen könnte... ?: Weil Sie während der Schwarzgeldaffäre als CDU-Vorsitzender in den Abgrund geschaut haben?

Ich war am Ende, ja. Aber mit Abstand betrachtet: nicht so tragisch. Hätte man geahnt, dass die Regierungszeit Kohls ein solches Nachspiel haben würde, wäre ich nie als sein Nachfolger infrage gekommen, weil es mich als seinen engsten Mitstreiter mit zerstören musste. Ich habe trotzdem überlebt. Spricht dann doch für die 00er Jahre.

Ihr letztes Treffen mit Helmut Kohl, wie war's?

Darüber will ich gar nicht mehr sprechen. Ich habe mich immer bemüht, nicht schlecht über ihn zu reden. Er hatte in seiner furchtbaren Verzweiflung meine persönliche Integrität in Misskredit gebracht; es hatte keinen Sinn, darüber mit ihm zu streiten, ich weiß nicht, ob es ihm überhaupt bewusst war. Kardinal Lehmann hat mal zu mir gesagt, wir müssten uns doch versöhnen. Ich habe geantwortet: "Herr Kardinal, wenn ich Helmut Kohl sagen würde, ich verzeihe dir, hätten wir sofort Streit, weil er sagen würde: Du hast mir nix zu verzeihen."

Bei den Bildern von 9/11 geweint?

9/11 hat mich ähnlich fassungslos gemacht wie der Bau der Mauer. Ein fassungsloses Entsetzen. Ich habe an dem Morgen ein Buch über Bevölkerungsentwicklung vorgestellt und kam zurück in mein Büro. Meine Sekretärin hatte den Fernseher an und sagte: "Gucken Sie mal, was in New York passiert ist." Da krachte das zweite Flugzeug in den Tower. Da denkt man natürlich: Was ist jetzt? Krieg?

Haben Sie an diese Bilder gedacht, als Sie 2005 Innenminister wurden?

Na klar. Michael Chertoff, der US-Heimatschutzminister, hat mir mal gesagt: "Weißt du, wir würden auch ein zweites 9/11 überleben, 5000 Tote, furchtbar, ja, aber stell dir vor, wir kriegen ein 9/11 mit Massenvernichtungswaffen und 500 000 Toten – was das mit uns machen würde, weiß ich nicht." Das war immer unser Albtraum. Als ich 2009 meine Entlassungsurkunde als Innenminister bekam, habe ich zum Bundespräsidenten gesagt: "Jetzt kann ich das Telefon auch mal wieder weglegen." Wenn es nachts um drei klingelt, denken Sie nur: Uhhh.

Wann daran geglaubt, dass Angela Merkel mal Kanzlerin wird?

Als sie Generalsekretärin war und ich CDU-Chef. Ich habe das früh erkannt.

Wann zum ersten Mal gedacht: Uff, gut, dass es mit dem Kanzleramt nichts geworden ist?

Gerhard Schröder hat mal gesagt: Das Wichtigste ist, man muss es unbedingt wollen. Damit hat er recht. Unbedingt habe ich es nie gewollt. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich ohne das Attentat jemals in die Rolle gekommen wäre, die ich in der Öffentlichkeit spielen durfte. Also, ich sage nicht: "Uff", aber man muss nicht unglücklich sein, wenn man nicht Kanzler geworden ist.

Wussten Sie damals schon, was ein Bitcoin ist?

In den 00er Jahren sicher nicht. Aber ich war später acht Jahre Finanzminister. Sie müssen schon unterstellen, dass ich mir in diesen Jahren Grundkenntnisse der Finanz- und Geldpolitik erworben habe.

Die 10er Jahre

Wie war es mit Merkel im Kino bei "Ziemlich beste Freunde"?

Frau Merkel hatte mich gefragt, ob ich den Film schon gesehen habe und ob wir ihn uns gemeinsam angucken wollen. "Oder ist es blöd, wenn wir miteinander ins Kino gehen?" "Müssen Sie Ihren Mann fragen", habe ich geantwortet. Wir sind dann am Alexanderplatz ins Kino. Toller Film. Danach sind wir noch in die Kneipe, die zweite Hälfte eines Europapokalspiels vom FC Bayern gucken.

Nach dem Film mit Merkel über Ihr Rollstuhl-Dasein gesprochen?

Ach nein. Der Rollstuhl ist seit 1990 Normalität. Frau Merkel kennt mich praktisch nicht ohne. Natürlich sind die Leute im Umgang mit einem Rollstuhlfahrer erst einmal unbeholfen, so wie ich es auch war. Lernt sich.

Würden Sie gern mal mit Donald Trump unter vier Augen reden?

Nicht meine Sache, ich bin nicht Staatspräsident, ich bin nicht Kanzler. Ich wüsste auch nicht, was dabei rauskommen soll.

Mitleid mit den Flüchtlingen gehabt, die am Septemberwochenende 2015 in Budapest losmarschierten?

Ich versuche jedenfalls, dass mir alle Menschen leidtun, denen es viel schlechter geht als mir. Irdische Ordnungen sind furchtbar unvollkommen. Die Menschen, die Anfang September zu uns gekommen sind, haben es besser als die, die heute in Italien darauf warten müssen, ob sie an Land dürfen oder nicht. Trotzdem: Wir dürfen nicht die Illusion schüren, dass jeder, wenn er nur genügend Geld an eine Schleuserorganisation zahlt, ein Eintrittsticket nach Europa kauft. Die Vermittlung der Entscheidungen im September 2015 ist nicht gut gelungen. Andererseits, was hätten wir denn machen sollen? Ich habe zu Victor Orbán, den ich ganz gut kenne, gesagt: "Was klagst du? Man musste dir ja helfen." Wir konnten auch Österreich nicht allein lassen. Aber was daraus entstanden ist, ist trotzdem schlecht. Wir müssen viel mehr Menschen helfen, aber wir können das Leid der Welt nicht dadurch lösen, dass sie alle zu uns kommen.

... was bleiben wird

Ihr bestes Jahrzehnt?

Das waren schon die 70er Jahre. Ich war junger Abgeordneter, unsere Kinder sind geboren worden.

Bestes Jahrzehnt der Bundesrepublik?

Liegt vor uns. Europa bewegt sich nur unter Druck. Die Krisen werden uns dazu bringen, voranzukommen. Wir werden uns schneller bewegen, als wir uns das heute vorstellen können. Ich bin nicht für Nostalgie. Wenn man älter ist, weiß man, dass alles sehr vergänglich ist. Aber die Nächsten kommen schon. Ich habe gerade meine jüngste Enkeltochter kennengelernt. Leben geht weiter.

Wird es Zeit für einen Kanzler mit Migrationshintergrund?

Nein. Die Frage – so gestellt – macht Menschen mit Migrationshintergrund zu einer besonderen Spezies.

Könnte man die Frage "Ein Krüppel als Kanzler?" in Zeiten der political correctness heute noch so stellen?

Behinderte sind da viel unbefangener. Eigentlich sind ja alle Menschen behindert, unser Vorteil ist: Wir wissen es.

Summa summarum: Wie viel Lebenszeit haben Sie in Gremiensitzungen vergeudet, weil zwar schon alles gesagt wurde – aber noch nicht von jedem?

Dass es so ist, muss man wissen, wenn man in die Politik geht. Es ist mühsam, aber Demokratie heißt Kommunikation. Im Scherz: Eigentlich reicht es in jeder Diskussion, wenn ich rede …

Bei wem müssen Sie sich unbedingt noch entschuldigen?

Bereiten Sie meine Beerdigung vor? In der Politik bin ich sehr mit mir im Reinen. Und bei meiner Frau entschuldige ich mich so oft, dass es wahrscheinlich nichts mehr nutzt.

Die Top Ten der bedeutendsten Politiker der Nachkriegszeit: Adenauer. Erhard. Strauß. Brandt. Schmidt. Genscher. Kohl. Schäuble. Schröder. Fischer. Merkel. Einverstanden?

Puhh. Schwierig. Ich bin da Betroffener. Aber ich fühle mich geehrt. Richard von Weizsäcker würde sich vermissen.

Pardon, da ist ohnehin schon einer zu viel. Wer muss runter?

Nehmen Sie Fischer raus, so wie er es ja selbst gefordert hat.

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(