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Afghanistan: Kampf im Nest der Taliban

Die Provinz Uruzgun im Süden Afghanistans ist Talibanland. 50 holländische Soldaten haben es sich zur Aufgabe gemacht die Gegend von den Islamisten zu befreien. Die Herzen und Köpfe der Menschen wollen sie gewinnen. Angreifern begegnen sie allerdings mit Härte.

Von Carsten Stormer, Uruzgun

Chora liegt in einem grünen Tal, umgeben von kahlen Bergen, in der Provinz Uruzgun. Ein Ort, so lieblich wie die vielen Schlaglöcher auf dem Weg dorthin. Chora besteht aus einer Ansammlung halb verfallener Qalas, von hohen Lehmmauern umgebenen Höfen. 60.000 Menschen leben im gesamten Distrikt. Es gibt weder Strom noch fließend Wasser. Ein Markt, eine Schule, ein paar Orangen- und Mandelbäume. Das war's. Ach ja, und viele Männer mit schwarzen Turbanen, die so finster dreinschauen, als würden sie am liebsten jedem Fremden am liebsten gleich die Kehle aufschlitzen. Talibanland. Das soll sich ändern.

Schwierige Eroberung des Talibangebiets

Die holländische Armee hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Taliban, die radikalen Islamisten und "Gotteskrieger" im Süden Afghanistans, unschädlich zu machen. Deshalb hat sie einen Außenposten in Chora errichtet, eine kleine Festung aus Stacheldraht und Sandsäcken. Hier leben fünfzig Soldaten, ebenfalls ohne Strom und fließend Wasser. Ohne Duschen. Sie ernähren sich von Dosenwurst und Kartoffelchips.

Lange Zeit vernachlässigten die internationalen Schutztruppen die Provinz Uruzgun. Sie hatten Besseres zu tun und sowieso zu wenig Soldaten. Das verstanden auch die Taliban und machten die Provinz zum Rückzugs- und Nachschubgebiet. Seit einigen Monaten versuchen die Regierungstruppen, unterstützt von den internationalen Truppen, das Gebiet wieder unter Kontrolle zu bekommen; nun gibt es fast täglich Kämpfe. Im März 2006 übernahm die niederländische Armee die Verantwortung für die Provinz. Schnell musste sie feststellen, wie gefährlich diese Ecke ist. In den vergangenen vier Monaten starben fünf holländische Soldaten, der letzte vergangene Woche bei einem Selbstmordanschlag in Tarin Kowt, der Provinzhauptstadt Uruzguns.

Strategie: Zurückhaltung und Respekt

"Die Leute sehen in uns in erster Linie Ungläubige und Ausländer, noch dazu bewaffnet. Damit haben sie bisher keine guten Erfahrungen gemacht", sagt Leutnant Michael Joost, Marineinfanterist in Chora. Fremde kennt man hier vor allem als Eroberer und Feinde. Im 19. Jahrhundert kamen die Briten, in den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Russen, die Afghanistan besetzten. Zuletzt die Amerikaner, mit ihrem Krieg gegen den Terror.

Die Niederländer dagegen wollen aus der Vergangenheit lernen, und sich radikal von der aggressiven Taktik ihrer Vorgänger unterscheiden. Statt Türen einzutreten und auf alles zu schießen, was sich bewegt, setzen die Holländer auf die Kraft des Arguments. Weil man die Taliban nicht besiegen könne, ganz einfach. "Man muss sie irrelevant machen", sagt Presseoffizier Eric Junkers. Also das Vertrauen der Einheimischen gewinnen, zeigen, dass es eine Alternative zu den Taliban gibt, die Fortschritt und Frieden heißt. Ihre Strategie: "Zurückhaltung und Respekt zeigen", zunächst in weniger feindlichen Gebieten, bis man sich in die Höhle des Löwen vorwagen kann.

Die Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen

Das gelinge nur, wenn man die "Herzen und Köpfe" der Menschen gewinnt. Eine gern gebrauchte Phrase für eine Strategie, die bisher in diesem Teil Afghanistan gescheitert ist, weil beispielsweise die Amerikaner lieber erst schossen und dann fragten. Leider war dann manchmal keiner mehr am Leben, der sie beantworten konnte. Die Niederländer meinen, dass ihr Ansatz Zeit brauche, sehr viel Zeit. Besonders in einer Gegend, die als eine der ärmsten und korruptesten Afghanistans gilt. Wo kilometerweit die Mohnfelder blühen. Und Verrat das Überleben sichert. Wer heute dein Freund ist, ist morgen dein Feind. Oder umgekehrt. So war es schon immer und so wird es erst mal bleiben.

Um dies zu ändern, bauen die Europäer nun in Tarin Kowt oder Chora Brunnen, Straßen, Krankenhäuser und sogar Moscheen. Vor allem mit afghanischen Subunternehmern, satt mit hochbezahlten westlichen Experten.

18 Tage Schlacht um Chora

Die Gutmütigkeit hat allerdings ihre Grenzen. "Mit Leuten, die einen töten wollen, verhandelt man nicht. Das hätte keinen Sinn", sagt Presseoffizier Junkers. Aber geschossen wird nur, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, sagt Junkers. So vermeidet man "Kollateralschäden" in der Bevölkerung und gleichzeitig hohe eigene Verluste.

Erst vor zwei Wochen kämpften Holländer, gemeinsam mit Soldaten der afghanischen Armee, gegen Taliban, nachdem diese einen Posten der afghanischen Polizei überrannten. Die Schlacht um Chora dauerte18 Tage. Kampfflugzeuge warfen Bomben auf Verstecke und Stellungen der Islamisten ab. Bodentruppen vertrieben die Gotteskrieger aus den Qalas, den von hohen Lehmmauern umgeben Höfen der Paschtunen, wo diese sich versteckt hielten. Seitdem ist es im Dorf relativ ruhig, nicht zuletzt dank der Stellung, die die Holländer dort aufbauten. Das kann sich aber ganz schnell ändern. Täglich fangen die Soldaten Funksprüche der Extremisten ab. Man weiß, dass ihre Stellungen nur wenige Kilometer außerhalb von Chora liegen. "Wenn sie meinen, dass sie uns angreifen müssen, dann bekommen sie wieder eins auf die Mütze", sagt der holländische Leutnant Joost.

Wie lange wird es dauern, bis nicht nur die Stellungen der Taliban, sondern die Herzen und Köpfe der Afghanen gewonnen sind? "Hmm. Zehn, vielleicht zwanzig Jahre", sagt Leutnant Joost. "Mal sehen, ob die Politiker zu Hause, den Willen zeigen, durchzuhalten."