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Alltag in Afghanistan: Fatmas Hoffnung und Abduls Zorn

Nach den jüngsten Anschlägen auf deutsche Soldaten in Afghanistan ist die Debatte neu entbrannt: Soll die Bundeswehr sich zurückziehen oder muss das Engagement ausgeweitet werden? Die Fotografin Ursula Meissner beobachtet den Alltag der Afghanen seit 1986. Sie sagt, ein Rückzug hätte verheerende Folgen für die Menschen.

Von Manuela Pfohl

Wer im Jahr 2001 in das Islamische Emirat Afghanistan will, braucht ein Visum. Das bekommt man im pakistanischen Peschawar, wo die Taliban ein Konsulat unterhalten. In der kleinen Schreibstube sitzen Ursula Meissner zwei bärtige Männer mit Turban gegenüber, während sie mit ihrem Pass in der Hand darauf wartet, einen Einreisestempel zu bekommen. Als die Deutsche von den Grenzbeauftragten gefragt wird, was sie in Afghanistan machen will, sagt sie: "Ich möchte als Fotografin über die Probleme berichten, die Ihre Bauern aufgrund der mehrjährigen Dürre haben, und was das jüngste Erdbeben für Ihr Land bedeutet." Die beiden Afghanen tuscheln miteinander. Dann bekommt Ursula Meissner für 50 US-Dollar ihr Visum.

Es ist der 11. September 2001. Die Fotografin ahnt nicht, dass sich am anderen Ende der Welt an diesem Tag eine Katastrophe ereignet. Dass zwei Flugzeuge in die Türme des New Yorker World Trade Centers rasen und mehr als 3000 Menschen im Namen Allahs den Tod finden.

Danach ist nichts mehr, wie es war. Für die westliche Welt nicht und auch nicht für die Afghanen, die in Kollektivhaft für Osama bin Laden, die al Kaida und den Kampf gegen den Terror genommen werden. Kurz nach den Anschlägen von New York hat Ursula Meissner die Menschen nach Osama bin Laden gefragt und auch danach, was sie von dem Anschlag auf das World Trade Center halten. "Keiner kannte Bin Laden, niemand hatte etwas von New York gehört. Die wussten gar nicht, weshalb wieder Krieg gegen sie geführt wurde und warum Bomben auf ihre Felder fielen." Ein Wunder war das aus Sicht der Fotografin nicht. "Die meisten Bauern sind nie aus ihren Dörfern gekommen. Und unter der Herrschaft der Taliban war das Fernsehen verboten. In vielen Gegenden ist Kommunikation mit anderen außerhalb der Dörfer bis heute nur per Brieftaube möglich, weil es weder Telefone noch Strom gibt. Oft sind die umliegenden Ortschaften nur nach tagelangen Fußmärschen zu erreichen, weil keine befahrbaren Straßen vorhanden sind."

Betteln mit Miriam und shoppen mit Fatma

Ursula Meissner hat in den vergangenen Jahren mit der Kamera festgehalten, wie sich das Leben in Afghanistan nach den Anschlägen veränderte. Ihre Eindrücke hat sie in dem Buch: "Rosen, Mohn, 30 Jahre Krieg" festgehalten, das jetzt im Bucher-Verlag erschienen ist. Sie hat bei insgesamt 18 Besuchen des Landes seit 1986 die Fortschritte beobachtet und die Rückschläge. Dass die Taliban in jüngster Zeit wieder an Stärke und Einfluss gewinnen und die Zahl der Anschläge auf ausländische Soldaten und Hilfsorganisationen zunehmen, sieht sie mit Sorge. Und dennoch ist sie überzeugt: "Wenn die internationale Hilfe für das Land jetzt zurückgefahren würde, wenn das Engagement der Deutschen nachließe, wäre das für die Afghanen verheerend." Ein Drama für Frauen, wie Miriam, die zu den 50.000 Afghaninnen gehört, die von ihren Familien verlassen in den Ruinen Kabuls hausen und nur dank der Hilfe internationaler Organisationen überleben, die Lebensmittel, Decken und auch Kleider verteilen. Oder für Fatma aus Kabul und ihre sechs Töchter, die langsam beginnen, einen halbwegs normalen Alltag zu leben. Die Witwe darf nach 2001 endlich wieder ohne männliche Begleitung aus dem Haus gehen und einkaufen - was sie leidenschaftlich gern tut. Sie kann Musik hören und sich Videos ansehen. Vor 2001 hätte das den Tod bedeuten können.

Nachdem die Taliban 1996 Kabul erobert und eine strikt islamische Regierung ausgerufen hatten, durften Frauen nicht mehr arbeiten gehen, Mädchen durften keine Schule mehr besuchen. Die Burka zu tragen, wurde Pflicht. Weiße Schuhe waren ebenso verboten, wie solche, die Geräusche machen. Frauen durften nie ohne Socken laufen, sich keine Nägel lackieren oder unter der Burka bunte Kleider tragen. Wer diese Regeln missachtete, wurde verprügelt. Im Dezember 1996 berichtete der von den Taliban kontrollierte Radiosender "Stimme der Sharia", dass 225 Frauen in Kabul öffentlich bestraft wurden. Einer wurde der lackierte Daumen abgeschnitten.

100 Ampeln und eine offene Stromrechnung

Über das Ende der Talibanherrschaft waren die meisten Afghanen erleichtert. Denn endlich wurden die unzähligen Verbote und das starre religiöse Regiment aufgehoben, die das Leben so schwer gemacht hatten. Zumindest in der Hauptstadt Kabul sind die Veränderungen überall sichtbar. Unzählige alte und weniger alte Autos drängeln sich inzwischen auf den Straßen. An der Universität tummeln sich die Studenten. Überall wird gebaut. Geschäfte, Internetcafés, Krankenhäuser und Schulen entstehen. Die Stadtentwicklung findet in einem rasanten Tempo statt. Nicht immer laufe es dabei so, wie man es sich im gut organisierten Deutschland vorstellt, hat Ursula Meissner erfahren. "Abdul Shakor Khairkhwah, Chef der Kabuler Verkehrspolizei, hat beispielsweise für hundert Kreuzungen neue Ampeln bestellt. Ob sie funktionieren werden, ist allerdings noch nicht klar. Denn ehe es Strom für die Ampeln gibt, müsste die Stadtverwaltung erstmal 40.000 Dollar für die längst fällige Stromrechnung überweisen."

Auf den Märkten gibt es Videos zu kaufen, Schmuck und Kosmetik. Die Händler in der Chicken Street verdienen nicht schlecht mit handgeknüpften Schafwoll-Teppichen, die als Motiv den Anschlag vom 11. September haben und vor allem bei den amerikanischen Soldaten als Mitbringsel aus Afghanistan beliebt sind. Auf den Dächern sind unzählige Satellitenschüsseln zu sehen. Zahlreiche Hilfsprojekte sind entstanden. Doch noch immer sind die Lebensverhältnisse der Menschen miserabel. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 44 Jahren. Es gibt nur rund 3000 Ärzte im Land, was bedeutet, dass ein Mediziner fast 8000 Menschen versorgen muss.

Vor allem in den Dörfern hat sich infrastrukturell und politisch bislang wenig verändert, stellt Ursula Meissner bei ihren Besuchen fest. "Dort haben die Stammesfürsten noch immer die Macht und entscheiden über das Wohl und Wehe der Familien. Da spielen die neuen Gesetze keine Rolle." Die meisten Bauern kennen ihre Rechte gar nicht, denn in Afghanistan können 70 bis 80 Prozent der Menschen weder lesen noch schreiben. In den Dörfern sind es sogar 90 Prozent. "Doch selbst diejenigen, die informiert sind und ihre Rechte kennen, wagen es oft nicht, sie einzufordern. Zu groß ist die Angst vor Übergriffen und davor, dass die Taliban doch irgendwann zurückkommen könnten. Zu gering ist das Vertrauen in die neuen Gesetze", meint die Fotografin.

Fürstliche Gehälter für die Abgeordneten

Die Unabhängige Afghanische Menschenrechtskommission AIHCR stellt fest: Familienoberhäupter setzen ihren Willen mit blutiger Gewalt durch. Mädchen dürfen nicht zur Schule, Zwangsheiraten gehören zum Alltag, Die 'badla', eine Form der Konfliktschlichtung, bei der die Täterfamilie der Opferfamilie als Wiedergutmachung eine Tochter überlässt, ist nach wie vor weit verbreitet. Bis zu 80 Prozent der Ehen werden gegen den Willen der Frauen oder Mädchen geschlossen. Mehr als die Hälfte davon ist unter 16 Jahren alt. Noch immer ist es möglich, dass Frauen ins Gefängnis kommen, weil sie sich gegen ihre Ehemänner wehren. Die 19-jährige Kafira ist eine von ihnen. Ursula Meissner hat sie und ihr Kind im Gefängnis besucht. "Die Frau, die unter unglaublich dramatischen Bedingungen auf engstem Raum mit den anderen Gefangenen haust, hatte keine Ahnung, warum sie eigentlich eingesperrt worden ist. Ob und wann es zu einer Gerichtsverhandlung kommen wird, weiß sie ebenfalls nicht. Manche der inhaftierten Frauen warten schon seit drei Jahren darauf." Bis dahin bleiben sie ohne Anwälte, ohne ärztliche Betreuung und nur mit sporadischem Kontakt nach außen. Die einzige Hilfe bekommen sie von ausländischen Menschenrechtlern.

Ursula Meissner fürchtet: "Wenn die Demokratie nicht bei allen Afghanen ankommt, werden viele wieder in die Arme der Taliban getrieben." Die Menschen bräuchten Perspektiven, Geld zum Leben und eine Hoffnung auf Zukunft für ihre Familien. Doch viel zu selten komme die internationale Hilfe auch wirklich an. Es gibt zwar ein Hilfsprogramm für die Landbevölkerung, das die Regierung in Kabul gemeinsam mit der Weltbank verwirklicht und das bereits 13 Millionen Dorfbewohnern zugute gekommen sein soll. Doch das meiste Geld geht in das Militärbudget. Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Afghanen liegt nach Angaben der Zentralbank von Afghanistan bei 335 US-Dollar. Die Abgeordneten des Parlamentes verdienen 3000 US-Dollar im Monat. Sie verdanken die fürstliche Bezahlung einem Vorschlag von Staatspräsident Hamid Karzai, der sie damit freundlicher gegenüber der Regierung stimmen wollte.

Abdul wird vertröstet

"Die Leute sind unzufrieden mit der Regierung, weil sich ihre Lebensverhältnisse nicht spürbar verbessern. Ob Fahrer, Übersetzer, Händler im Basar oder die Bauern in den Dörfern, sie alle wollen von mir immer wissen, 'Wo sind denn die Millionen, die ihr uns angeblich schenkt?' Sie vermuten Korruption in der Regierung, weil das internationale Hilfsprogramm für sie nicht durchschaubar ist." Ursula Meissner hat mit dem Siemens-Direktor in Kabul gesprochen. Er sagte ihr: "Die internationale Gemeinschaft hat es bis heute nicht geschafft, den Wiederaufbau gemeinsam zu organisieren. Jedes Geberland will nach eigenen Vorstellungen Hilfe leisten. Die afghanischen Behörden sind mit all den Anträgen und Vorschlägen der Länder überfordert und es häufen sich die Papierberge in den Büros."

Abdul, ein Bauer aus dem Panjirtal, beklagt sich, er wisse nicht, wie er seine Frau und die sechs Kinder ernähren solle. Sein Ackerland sei zwar groß genug, aber die Bäume, die einst so viele Nüsse und Äpfel trugen, seien während des Krieges verbrannt. Mehrfach seien Haus und Hof in den vergangenen Jahren von Kämpfern zerstört worden, Teile des Feldes vermint. Seit 2002 versuche er immer wieder bei der Stadtverwaltung Minenräumung zu beantragen. Doch er werde immer nur vertröstet.

Stattdessen hat Ursula Meissner beobachtet, dass mit internationaler Finanzierung Prestigeobjekte gebaut werden, wie etwa der Staudamm am Khyberpass. "Aber die Leute brauchen Brunnen, Elektrizität und Saatgut." Hilfe, die besser organisiert und koordiniert werden müsste, sei dringend notwendig. Denn Afghanistan kann nur zehn Prozent der Staatsausgaben selbst aufbringen. Der Rest stammt aus ausländischen Quellen. Das Land ist pleite, die Bevölkerung bettelarm. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 40 Prozent. "Macht und Geld sitzen bei den Drogenbaronen, von denen jeder Einzelne mehr Einfluss hat als der Präsident", ist Ursula Meissner überzeugt. Ein Großteil der Bauern lebe nach wie vor vom Mohnanbau. Einerseits, weil sie sich gegen die Gewalt der Drogenkartelle nicht wehren können, andererseits, weil sie keine Alternative haben, um ihre Familien zu ernähren."

Eine Munitionsfabrik im Niemandsland

Die wachsende Unzufriedenheit der Menschen nützt vor allem den Taliban, die den Armen mitunter Geld und Saatgut geben und im Gegenzug dafür von ihnen verlangen, dass sie sich in ihren Dienst stellen. Kaum einer sei mit dem Herzen auf Seiten der Taliban. Fast alle fürchten sich vor der Macht der radikalen Islamisten. Ein Bauer im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet erzählt, dass die Taliban von den Bewohnern eine Art Kriegssteuer verlangen. Schutzgelderpressung, um ihre Kämpfe zu finanzieren. Der Bauer hat Ursula Meissner das Grab einer Familie gezeigt, die sich geweigert hatte, zu bezahlen. Alle Familienmitglieder wurden deshalb von den Taliban umgebracht.

Immer häufiger glauben die Bauern keinen anderen Ausweg zu haben, als sich mit den Gotteskriegern zu arrangieren. Denn weder die internationalen Truppen noch die einheimische Polizei sind bislang in der Lage, die Strukturen der schwer bewaffneten Gruppen zu zerschlagen. Stattdessen schießen im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet Koranschulen wie Pilze aus dem Boden und unzählige Gotteskrieger aus aller Welt versorgen sich an der Grenze zu Pakistan mit Waffen für den Heiligen Krieg. In Derra, im Grenzgebiet am Khyberpass hat Ursula Meissner als Mann verkleidet die Waffengeschäfte beobachtet - und fotografiert. Sie sagt: "Das Gebiet am Khyberpass ist eine Art politisches Niemandsland, für das es kein UN-Mandat gibt. Hier kann man alles kaufen. Von Hightechwaffen über Drogen bis hin zu Panzern. Der ganze Ort ist eine Waffen- und Munitionsfabrik."

Dass die Polizei nichts gegen die Waffenhändler unternehmen kann, liege nicht nur an der schlechten Ausbildung der Polizisten, glaubt Ursula Meissner. "In Kabul macht das Wort eines amerikanischen Generals die Runde, der gesagt haben soll, 'da haben wir Zehntausende ausgebildet. Wo sind die denn geblieben?' Man geht davon aus, dass von den neuen Polizisten etwa ein Drittel gleich nach der Ausbildung lukrativere Stellenangebote von Drogenbaronen, Warlords oder den Taliban annehmen." Einer der Gründe dafür ist, dass der Staat oftmals monatelang keine Gehälter an die Polizisten zahlen kann.

Aus Opiumhändlern werden Minister

Mit Überredungskunst versucht die Regierung für eine Befriedung des Landes zu sorgen. So kündigte sie in der Provinz Takhar im Norden an, "sieben Dörfer, 170 Geschäfte, die Verwaltung, die Polizei, ein Krankenhaus und zwei Schulen mit Strom aus einem neuen Kraftwerk am Fluss zu versorgen". Bedingung war, dass sich die illegalen Gruppen des Distrikts auflösen und ihre Waffen abgeben.

Manchmal haben Polizisten und Soldaten aber auch mit ganz unorthodoxen Methoden der Friedenssicherung Erfolg. Da sie bei Auseinandersetzungen mit den Warlords meist ohnehin den Kürzeren ziehen würden, versuchen sie, ehemalige Gegner zu Verbündeten zu machen. So werden aus Opiumhändlern Minister, aus Warlords Provinzgouverneure und Abgeordnete im Parlament. Ein Warlord aus Kundus ist inzwischen General und stellvertretender Verteidigungsminister. Seine Panzer und Milizen hat er in die afghanische Armee eingebracht.