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Asia-Cup: Der Irak flippt aus - vor Freude

Schiiten liegen Sunniten in den Armen, die Menschen schwenken Fahnen, Soldaten feuern Gewehrsalven in die Luft. Im Freudentaumel über ihre Fußball-Helden, die den Asia-Cup gewonnen haben, vereint sich die irakische Bevölkerung - ein kleines Wunder in dem geschundenen Land.

Von Christoph Reuter

Dass Fußball so etwas wie die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln ist, war bekannt. Die Völker können ihre Kräfte messen, nach fairen Regeln und ohne Waffen.

Dass Fußball aber auch vermag, über Krieg und Dummheit zu siegen, wenigstens für einen Moment, das ist das gestrige Wunder von Bagdad: Augenblicklich, nachdem Kapitän Younis Mahmoud die "Löwen des Zweistromlandes" beim Finale des Asien-Cup in Führung geköpft hatte, brach das gesamte Land in Jubel aus. Nach dem 1:0 Siege gegen den dreimaligen Titelgewinner Saudi-Arabien gerieten Millionen Iraker in einen Freudentaumel, den man in anderen Ländern als "explosionsartig" bezeichnen würde. Der Hass zwischen Sunniten und Schiiten, Arabern und Kurden, die tagtägliche Angst, alles vergessen.

Gewehrsalven und Bonbons

"La Schiiya, la Sunniya, Irakiya Wuataniya", riefen die Feiernden aus den Autos, die eigentlich gar nicht fahren durften, "Keine Schiiten, keine Sunniten, der Irak ist unsere Heimat!" Junge Frauen ohne Kopftuch, die Nationalfarben auf Wange und Stirn gepinselt, trillerten, sangen. Wildfremde fielen sich weinend in die Arme, rannten in der Gluthitze mit nacktem Oberkörper durch die Straßen. Vom Reporter des größten Fernsehsender Iraqiya ragte nur noch der Kopf aus der Flagge, seine Stimme überschlug sich und verstummte nur kurz, als er von den Schultern der Enthusiasten rutschte. Überall waren Schüsse zu hören, aber die gingen gen Himmel, nicht auf die Nachbarn. In Sadr City, der Hochburg der gefürchteten "Messias-Armee", feuerten die Milizionäre Magazin um Magazin in die Luft und verteilten dann Bonbons an die Umstehenden. Alte Freunde sahen sich in Bagdad zum ersten Mal seit Jahren wieder, weil der eine (Sunnit) sich die drei Straßen ins Viertel des anderen (Schiit) nicht mehr trauen konnte. Gestern abend war das alles egal.

"Bagdad, du Siegreiche!"

Überall geschah das Unfassbare: In Falludscha, Inbegriff des freudlosen sunnitischen Radikalglaubens, wo schon 2003 die CD-Läden brannten und niemand mehr laut Musik zu hören wagte, ignorierten tausende ein vor zwei Monaten verhängtes Fahrverbot zum Schutz gegen Autobomber, kurvten johlend durch die Stadt. Djs und Schlagzeuger kramten Platten aus ihren Verstecken, improvisierten mit Stangen und Ölfässern sponante Nachbarschaftspartys, die Falludscha so noch nie erlebt hat.

In den heiligen schiitischen Städten Najaf und Kerbala im Süden, in Sichtweite der Schreine, wurden die irakischen Siege genauso euphorisch gefeiert wie in den kurdischen Städten Erbil und Sulimaniye im Norden. Dort, wo Arabisch ebenso verpönt ist wie die Flagge des Irak, skandierten tausende auf arabisch "Bagdad, du Siegreiche!", schwenkten irakische und kurdische Flaggen. "Dieses Team hat für uns alle gesiegt!", rief Awas Chalid Reportern in Sulimaniye zu, "dieser Sieg gehört allen Irakern!"

Schon mehrfach in den vergangenen Jahren gab es ähnliche Momente: 2004, als das Team bei den Olympischen Spielen das Halbfinale erreichte, 2006, als es bei den Asian Games in Qatar erst im Finale ausschied. Auch damals jubelten die Iraker selbst nach den Niederlagen. Aber so außer Rand und Band wie gestern, hat das Land noch nie gefeiert, auch nicht nach Saddams Festnahme.

Bekommt man sonst eine SMS von einem unbekannten Absender im Irak, wird der Empfänger meist bleich, denn per SMS werden Todesdrohungen verschickt. Nach dem Halbfinalssieg über Südkorea hatten die Telefongesellschaften stattdessen millionenfach Durchalteparolen verschickt: "Gemeinsam zum Gold!"

Wie eine Gruppe flüchtiger Bankräuber

Fußball ist simpel und vernünftig. Und bei allem Wahnsinn im Irak: Die simple Frage, wer besser Tore schießen oder halten kann, ist im irakischen Fußball bis heute wichtiger geblieben als die Frage nach Glauben und Herkunft. Torschütze Younis Mahmoud, Sunni, verwandelte einen Pass des kurdischen Spielers Mullah Mohammed, die meisten Spieler sind Schiiten, und gemeinsam siegten sie gegen die Hüter des Glaubens, Saudi-Arabien. Schon in den Tagen zuvor waren die Iraker zwiemal gleichermaßen geeint im Jubel gewesen: erst nach dem Viertelfinalssieg gegen Vietnam, dann nach dem dramatischen 4:3 gegen Südkorea im Halbfinale.

Nun hat ausgerechnet die Mannschaft eines Landes, das jeden Tag mehr im Grauen versinkt, wo alle verlieren, gegen alle gesiegt. Dabei gleich das Bewegungsprofil des irakischen Nationalteams seit Jahren eher einer Gruppe von flüchtigen Bankräubern als einer Fußballmannschaft: Fast dauernd im Ausland, abhängig von Spenden und Gastfreundschaft ausländischer Fußballverbände, sind die Spieler im eigenen Land nur klandestin oder unter schwerem Polizeischutz unterwegs. Große Spiele in den alten Stadien wären undenkbar, viel zu gefährlich.

Stattdessen verfolgen die Iraker ihre Idole, die für diverse Mannschaften vor allem im Golf spielen, im Fernsehen. Es hat etwas rührendes, in den vergangenen Jahren immer wieder die durch nichts zu erschütternde Begeisterung zu erleben: Wenn der schiitische Milizionär in Basra eigentlich alle ungläubigen Briten umbringen wollte, aber für David Beckham schwärmte; wenn die angstschlotternden Polizisten einer Wache in Sadr City sich besorgt nach dem Zustand von Michael Ballack erkundigten und die Mannschaftsaufstellung von Bayern München besser kannten als der deutsche Reporter. Schon vor dem Krieg, im Februar 2003, fanden kurdische Fußballfans in Erbil nichts dabei, dass ausgerechnet die Mannschaft der irakischen Luftwaffe, Saddams Luftwaffe, die die kurdische Stadt Halabja mit Giftgas bombardiert hatte, zu einem Freundschaftsspiel nach Erbil kam. "Fußball ist Fußball", sagten sie wenige Wochen, bevor sie aufeinander schossen.

"Würde mich nie raus trauen"

Iraks verlogene politische Klasse, die immer gern vom Frieden spricht und den Bürgerkrieg schürt, versuchte gestern abend vergeblich, aus dem Sieg Kapital zu schlagen. Premier Nuri al Maliki, so meldete das Staatsfernsehen, telefoniere bereits mit den Spielern. Die aber rannten zur selben Zeit noch mit ihrem gewonnen Pokal von einem Ende des Feldes zum nächsten. "Die Politiker wollen uns auseinanderbringen", sagte der 24jährige Schiit Tariq Yassin in einer kurzen Verschnaufpause vom Tanz auf der Straße im Bagdader Viertel Amin: "Aber der Fußball vereint uns! Normalerweise würde ich mich nie so auf die Straße trauen. Heute ja! Heute denke ich nur an den Irak!"

Anders als nach dem Sieg gegen Südkorea, als vier Dutzend Feiernde bei zwei Selbstmordattentaten starben, gab es gestern entgegen aller Warnungen nicht einmal einen Anschlag. Fußball kann den Krieg im Irak nicht beenden. Aber für ein paar Stunden, Tage zumindest hat der Fußball das zerrissene Land geeint, hat die Vernunft über die Gangster des Glaubens siegen lassen.