Beste Schule Deutschlands Der Präsident kam in der großen Pause


Wenn der Präsident die beste Grundschule Deutschlands besucht, darf man ruhig mal aufgeregt sein. Vor allem als Zehnjähriger. Schulsprecher Ian nahm in Dortmund das Staatsoberhaupt in Empfang und durfte sich über lobende Worte freuen.
Von Catrin Boldebuck, Dortmund

Kaum vier Wochen im Amt und schon ein Staatsempfang: Ian, 10, Schulsprecher der Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund empfing heute den Bundespräsidenten Horst Köhler. Der wollte persönlich die beste Schule Deutschlands kennen lernen. Vor einem Jahr hatte Köhler der Grundschule den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises überreicht. Die Auszeichnung wurde im Dezember 2006 erstmals von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung in Kooperation mit dem stern und dem ZDF vergeben.

Pünktlich zur großen Pause rollte die Eskorte mit schwarzen Limousinen auf den Schulhof. Ian zupfte nervös an seinem weißen T-Shirt-Ärmel. Er war in Sorge, ob er alles richtig machen würde. Auch die Schulministerin von Nordrhein-Westfalen Barbara Sommer (CDU) und der Oberbürgermeister von Dortmund Gerhard Langemeyer (SPD) wollten seine Schule sehen.

"Ihr seid noch viel besser als ich dachte!"

Nach einem zweistündigen Rundgang, bei dem Bundespräsident Köhler mit Schülern, Lehrern und Eltern sprach, zeigte dieser sich tief beeindruckt: "Ich hatte vorher schon viel gelesen, aber der Besuch bei Euch hat mir gezeigt: Ihr seid noch viel besser als ich dachte!" sagte er den versammelten 376 Schülern und ihren 29 Lehrern. "Diese Schule hat wirklich den Preis ,Beste Schule' verdient!"

"Den Deutsche Schulpreis halte ich für wichtig, weil er helfen kann, solche guten Beispiele bekannter zu machen", sagte Köhler in Dortmund. Aber das sei keine Entlassung für die Schulpolitik. Sie müsse die richtigen Schlussfolgerungen ziehen und die Möglichkeiten schaffen, um Schulen wie die Kleine Kielstraße zu unterstützen - durch "genügend Lehrern und auch Geld", so Köhler.

83 Prozent der Schüler kommen aus Migrantenfamilien

Die Grundschule Kleine Kielstraße hat von beidem nicht mehr als andere Schulen. Und trotzdem leistet sie hervorragende Arbeit. Sie steht mitten in einem sozialen Brennpunkt: der Nordstadt von Dortmund. Jeder Dritte der 55.000 Bewohner ist arbeitslos, fast die Hälfte ist ausländischer Herkunft. Hier leben die meisten Kinder von Dortmund.

83 Prozent der Schüler an der Kleinen Kielstraße kommen aus Migrantenfamilien, oft mit schwieriger sozialer Situation und Deutsch als Fremdsprache. "Diese Kinder haben nur eine Chance: Bildung", sagt die Schulleiterin Gisela Schultebraucks-Burgkart, 55. Als die Schule 1994 gegründet wurde, diskutierte sie mit ihren Kollegen nicht: "Welche Bücher schaffen wir an?", sondern: "Was für eine Schule wollen wir? Was brauchen unsere Kinder?" Lange bevor die meisten Schulen daran dachten, entwickelten sie ein Leitbild. Ihre Ziele: zukunftsorientiertes Lernen, professionelle Zusammenarbeit im Kollegium, Elternarbeit, ganztägige Betreuung und Öffnung zum Stadtteil.

Die Eltern sind zur Mitarbeit verpflichtet

Sie schafften den Frontalunterricht ab, stattdessen lernt jedes Kind selbständig in seinem Tempo. Die Lehrer sind keine Einzelkämpfer wie an anderen Schulen, sondern bereiten ihren Unterricht gemeinsam im Team vor. Bundespräsident Köhler: "Lehrer sind für mich die Helden des Alltags. Ich habe hier ein Kollegium kennen gelernt, das dermaßen motiviert ist, das sprüht vor Ideen." An der Kleinen Kielstraße stehen die Türen während des Unterrichts immer offen.

Die Schule verpflichtet die Eltern zur Mitarbeit. Eltern und Lehrer unterschreiben einen Erziehungsvertrag. Im Elterncafé bekommen die Mütter nicht nur Kaffee, sondern Computer- und Sprachkurse und sogar eine Schuldnerberatung. "Hier zeigt sich, dass Integration möglich ist", sagte Bundespräsident Köhler. "Eltern wollen gern Deutsch sprechen, weil sie merken, es hilft ihnen und vor allem ihren Kindern."

Besuch vom Pisa-Sieger

Seit der Preisverleihung im Dezember hat sich für die Schule viel verändert: immer noch kommen Briefe und Anfragen, einmal im Monat ist Besuchertag. Neulich war sogar eine Lehrergruppe aus Finnland da. "Jetzt geht es anders rum: Nicht wir fahren zum Pisa-Sieger, sondern die kommen zu uns", freut sich Jan von der Gathen, der einzige Mann im Kollegium.

Die 50.000 Euro Preisgeld investieren die Lehrer zum Beispiel in ihre Fortbildung. "Wir dürfen nicht stehen bleiben", sagt von der Gathen. "Es geht uns um die innere Schulentwicklung, nicht um die Außenfassade - auch wenn das Gebäude mal einen neuen Anstrich vertragen könnte." Und einen Wunsch der Kinder haben die Lehrer bereits erfüllt: Sie haben mit der ganzen Schule einen Ausflug in den Wald gemacht.

Mit seinem heutigen Besuch an der Kleinen Kielstraße will Bundespräsident Horst Köhler dazu beitragen, dass "diese gute Schule buchstäblich Schule macht." Schulsprecher Ian hat seine Schule souverän und ohne Patzer vertreten. Den Bundespräsidenten fand er "sehr nett". Für ihn hätte der hohe Besuch ruhig noch länger bleiben können.


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