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Gründerin Ciani-Sophia Hoeder "Meine Wut als Schwarze Frau wird ganz anders bewertet als die einer weißen Frau"

Ciani-Sophia Hoeder gründete RosaMag, das erste Onlinemagazin für Schwarze deutschsprachige Frauen
Ciani-Sophia Hoeder gründete RosaMag, das erste Onlinemagazin für Schwarze deutschsprachige Frauen
© Marzena Skubatz
Als Schwarze deutsche Frau stieß Ciani-Sophia Hoeder in den Medien nur auf Stereotype. Sie beschloss, das zu ändern – und gründete ihr eigenes Online-Magazin. Hier schreibt sie, warum ihr dabei die Wut geholfen hat.
Von Ciani-Sophia Hoeder

Wut. Sie bahnte sich durch den gesamten Laden. Meine Mutter stand mit meiner kleinen Schwester und mir in einem Supermarkt. Ich war damals 13 Jahre alt, meine Mutter alleinerziehend und das Geld immer zu knapp. Sie versuchte darum, zu sparen, wo es ging, und überprüfte alle Rechnungen. An dem Tag entdeckte meine Mutter einen Unterschied auf einem Beleg. Es wurde zu viel Geld abgezogen. Sie fragte nach. Die Kassiererin ignorierte meine Mutter mit dem Satz, sie solle warten. Wir warteten. 20 Minuten später auch noch. Als der nächste Kunde seine Ware auf das summende Band legen wollte, sagte meine Mutter: E-s r-e-i-c-h-t! Jedes Wort stieß sie knapp, atemlos heraus.

Sie war wütend. Als der Chef kam, war es zu spät. Sie erklärte ihre Situation, in den Händen einen Säugling und den Einkauf, daneben einen entnervten Teenager, dem das alles unangenehm war. Und das Gesicht ihres Gegenübers veränderte sich. Es wurde hart, kalt und distanziert. Der Chef hörte ihr nicht mehr zu. Meine Mutter schrie. Die Menschen in dem Geschäft taten sie als irrational, anstrengend und kompliziert ab. Verfielen in eine Abwehrhaltung. Sie war im Recht – aber sie war die laute, hysterische Frau, die sich wegen ein wenig Geld ärgerte.

Das war nur einer von vielen Momenten, in denen ich lernte: Frauen dürfen nicht wütend sein. Es ist eine unausgesprochene und trotzdem allgegenwärtige Grenze. Und das, obwohl diese Emotion ein wirkungsvolles Instrument ist, um Grenzen nicht nur zu erkennen, sondern sie zu verschieben. Ohne Wut keine Veränderung.

 Auch wenn wir sie nicht immer sehen oder unmittelbar spüren: Grenzen prägen unsere Welt. Sie sorgen für Ordnung und Unruhe, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, sie vereinfachen, sie grenzen ein und aus. Sie definieren unseren Alltag, unsere Perspektive. Im alltagspolitischen Geplänkel werden sie auch gern überschritten. Vom Anfassen von Afrohaaren bis hin zum Aufzeigen ihrer Existenz mit der Frage: Woher kommst du? Grenzen sind geografisch, treten in Form von Gesetzen auf, Rechtsprechung, sozialen Verhältnissen, aber auch durch kulturelle Konventionen, Bräuche und Wahrnehmungen.

Das Umfeld erklärt ständig die Grenzen

Mich limitierten sie – nicht nur als Frau, sondern auch als Schwarze Deutsche. Ich sehnte mich nach Grenzenlosigkeit. Nach mehr Raum zur Entfaltung. Als junges Mädchen sah ich Menschen wie mich lediglich im Privatfernsehen. In Formaten wie "Popstars", auf MTV oder in sonstigen Unterhaltungsmedien. Darüber hinaus? Fehlanzeige. Das beeinflusste nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld. Als ich Journalismus studierte, erwähnte ich meinem Professor gegenüber, dass ich doch "Tagesschau"-Sprecherin werden könnte. Er wies mich darauf hin, dass mein Typ eher zu MTV passe. Da war sie, die Grenze.

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Er war nicht der Einzige. Immer wieder erklärte meine Umgebung, was möglich war und vor allem: was nicht. Sie spazierten auf diesen Grenzen auf und ab, ohne einmal innezuhalten und darüber hinaus zu blicken. Sie sahen, was sie sahen. Nicht, was es braucht.

Der Rosenthal-Effekt beschreibt die Auswirkungen einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Der gleichnamige Psychologe testete in den Sechzigern zum Schuljahresbeginn die Intelligenz von Schüler:innen. Daraufhin wählte er willkürlich einige Kinder aus, die er als besonders intelligent bezeichnete – obwohl sie die gleichen Ergebnisse wie ihre Mitschüler:innen erzielten. Rosenthal teilte den Lehrer:innen mit, dass von diesen Kindern hervorragende Leistungen zu erwarten seien. Zum Schuljahresende berechnete er erneut die Intelligenz. Das Ergebnis zeigte, dass die (angeblich) leistungsstarken Schüler:innen sich stärker verbesserten als die anderen.

Heute gibt es viele weitere Studien, die zeigen, dass bereits Vornamen wie Kevin oder Mohammed Grenzen ziehen können, weil diese Schüler:innen genau ihretwegen schlechtere Noten erhalten. Genauer genommen ist Rassismus und Diskriminierung der Grund, hervorgerufen durch ein stereotypes Urteil anhand eines Namens. Schubladendenken grenzt nicht nur ein und aus, sondern beeinflusst aktiv den Umgang mit unseren Mitmenschen.

Rassismus kreiert Grenzen. Genau wie Diskriminierung, Sexismus, Trans-Feindlichkeit oder Ableismus – also die Reduktion von Menschen mit Behinderung auf genau diese Beeinträchtigung. Bei alldem spielen Medien eine signifikante Rolle. Sie dienen als Spiegel unserer Gesellschaft. Zwar verzerrt und eindimensional, aber trotzdem sind sie Teil unserer Sozialisierung und beeinflussen somit auch unsere kognitiven Einstellungen. Hier lernen wir, aha, da ist eine Grenze. Wir sehen, fühlen und spüren sie. Teilweise werden sie genau in diesen Räumen geschaffen. Für meinen Professor war klar: Schwarze Menschen gehören in die Unterhaltung. Das war das Einzige, was er sah.

Ich eine lange Zeit auch.

Es ist ein Privileg, keine Grenzen zu spüren

Für die Erforschung von Medienwirkungen wird gern "Die Bill Cosby Show" aus den 80er Jahren genutzt. Sie war eines der wenigen Formate, in denen Schwarze Menschen ohne rassistische Stereotype dargestellt wurden. Die Serie porträtierte eine Schwarze Familie der oberen Mittelschicht. Subtil transportierte die Show, wie wichtig ein Universitätsabschluss ist. Die Ökonomin Kirsten Cornelson verglich später das Bildungsniveau mit den Cosby-Einschaltquoten und stellte fest, dass sich durch das Format die Bildungsjahre in der Schwarzen Bevölkerungsgruppe um bis zu fünf Prozent erhöhten – sie gingen länger zur Schule. Auf die weißen Zuschauer:innen hatte die Show keine Auswirkung.

Bilder, Geschichten und Informationen schaffen Möglichkeiten. Sie eröffnen Welten. Das beeinflusst Leben. Soziale Grenzen sind komplex, weil sie nicht greifbar und trotzdem existent sind. Menschen, die nicht ausgegrenzt werden, spüren sie nicht. Das ist ein Privileg: sich nicht mit ihnen herumschlagen zu müssen. Doch Grenzen sind eben auch Grenzen. Für viele und eigentlich für alle. Wir sind intensiver miteinander verbunden, als wir uns weismachen wollen. Wenn eine Person einen Nachteil hat, hat jemand anderes einen Vorteil. Wenn ich eine billige Jeans kaufe, muss jemand anderes auf der anderen Seite des Erdballs dafür zahlen. Geografische Grenzen hin oder her. Sie sind ein von Menschen kreiertes Konstrukt. An sich sind sie nichts Schlechtes. Die Frage ist: Für wen werden sie geschaffen? Wer ist drinnen – und vor allem: Wer soll draußen bleiben? Die Antworten auf diese Fragen zeigen, wie gerecht unsere Gesellschaft ist.

In Deutschland gibt es zwei Magazine für Weihnachtsbäume, eines für Ufos und gleich mehrere für Menschen, die Fleisch lieben. Für Schwarze Menschen aber gab es keines. Natürlich ist Schwarzsein kein Hobby, wie unbekannte Flugobjekte zu jagen oder die neuste Deko für den Christbaum zu shoppen. Trotzdem braucht es eine journalistische Perspektive und einen Raum zur Verhandlung aus Schwarzer Perspektive. Das fand im Mainstream nicht statt. Darüber war ich wütend. Diese Emotion kann ich erst heute benennen. Damals, vor etwa vier Jahren, fühlte ich Bauchschmerzen, ein innerliches Brodeln, das einsetzte, sobald ich gegen eine Grenze stieß. Ich fühlte, dass es mehr geben müsste. Mehr Raum, mehr Perspektiven. Geschichten, die ohne die traditionell rassistisch-kolonialistischen Bilder erzählt werden.

Die Wut einer Frau ist hysterisch. Die eines Mannes stark

Statt zu warten, machte ich es selbst. Ich gründete das RosaMag. Das erste und bisher einzige deutschsprachige Online-Lifestylemagazin für Schwarze FLINTAs (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, non-binäre und transgeschlechtliche Menschen). Ich visionierte einen digitalen Ort, der Raum zum Träumen, Austausch sowie für Grenzüberschreitungen bietet. Das ist ermächtigend und kräfteraubend zugleich. Eine Emotion half mir dabei: Wut.

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Sie ist ziemlich unbeliebt und wird gern als irrational abgetan. Gerade bei Frauen. Vor allem bei Schwarzen Frauen. Doch Wut ist essenziell, wenn es darum geht, Grenzen offenzulegen. Im Prinzip ist Wut ein Alarmsignal, das kommuniziert: Hier stimmt etwas nicht. Darauf folgt eine Energie, die Aufwind gibt, für sich selbst einzustehen. Wut gibt Kraft. Zumindest, wenn sie umarmt statt unterdrückt wird.

Wir alle empfinden sie. Trotzdem wird sie unterschiedlich bewertet. Die Wut einer Frau ist hysterisch. Die eines Mannes stark. Bei Frauen wird sie ihrem Charakter zugeschrieben. Bei Männern äußeren Umständen. Die Angry Black Woman ist ein Bild, das die Wut von Schwarzen Frauen als per se irrational abtut. Wie aber kann ich eine individuelle Form von Wut äußern, wenn es eine gesellschaftliche Erwartung gibt, wie mein Ärger aussehen soll? Einseitige Geschichten und Darstellungen grenzen ein. Auch die Wut. Dadurch ist sie eine als cis-männlich, heterosexuell angesehene Emotion. Sie wird nicht nur aufgrund des Geschlechts oder der Sexualität unterschieden, sondern auch aufgrund des Phänotyps einer Person, ihrer äußeren Merkmale wie Größe, Proportionen und Hautfarbe – all das determiniert die Wut-Dimension. Die Portion, die dir gewährt wird. Meine Wut als Schwarze Frau wird ganz anders bewertet als die einer weißen Frau. Die einer dicken Frau, behinderten Frau, queeren, non-binären ebenso.

Wut kann viel erreichen

Die Eingrenzung von Emotionen ist klug. Denn wenn die Wut einer Gruppe durch die Gesellschaft als inhärent unglaubwürdig deklariert wird, kann diese sich nicht wehren. Dabei ist Wut eine Kraft, die sozialen Wandel hervorrufen kann. Eine aus biologischer, psychologischer und philosophischer Perspektive essenzielle Emotion, die, wenn sie nicht ausgelebt wird, in ernsthaften psychischen und gesundheitlichen Problemen endet.

Eine Person, die keine Wut empfindet, wird auch nicht zur Gefahr. Sie kann nichts an der eigenen, ungerechten Realität ändern. Wenn sie nie wütend ist, akzeptiert sie den Status quo. Sie unterstützt existierende Grenzen. Sie legitimiert, dass tief verwurzelte Vorurteile über Race, Geschlecht, Körpernormen, Sexualität, Geschlechtsidentität und vieles weitere überdauern. Grenzen werden nicht durch ein freundliches Lächeln niedergerissen. Ohne Wut könnten wir heute nicht wählen, Frauen hätten kein eigenes Bankkonto, und Queerness wäre weiterhin von der Weltgesundheitsbehörde als eine psychische Krankheit eingestuft. Wut ist ein Werkzeug, das bei der Überschreitung von Grenzen hilft.

Wut ist unangenehm. Mir war sie peinlich. Sobald sie wellenartig in mir aufstieg, drückte ich sie jahrelang mit inbrünstiger Kraft herunter. Das machte mich müde. So sehr, dass ich die gesellschaftlichen Probleme gar nicht sah. Zu lange lebte ich in meinen von Fremden gesetzten Grenzen. Obwohl ich mich immer wieder an ihnen stieß, war ich viel mehr damit beschäftigt, meine heile Welt zu erschaffen, auf meiner kleinen Insel der Happiness-Isolation zu stranden, statt gemeinsam mit anderen Menschen auf die Straße zu gehen und gegen Ungerechtigkeit und die Grenzen unserer Gesellschaft vorzugehen. Das sorgte dafür, dass ich bei meinen Problemchen blieb, obwohl diese nicht immer individualistisch, sondern ein kollektives Erleben waren.

Hätte ich auf meine Wut gehört, hätte ich das RosaMag schon viel früher gegründet. Viel früher erkannt, dass es andere Bilder braucht als alte Stereotype. Ich hätte meine Energie nicht dafür genutzt, immer wieder gegen Grenzen zu laufen, sondern sie zu verschieben. Das Schöne an Konstrukten aber ist: Sie sind veränderbar. Dafür braucht es vor allem eines: Grenzgänger:innen. Wir müssen ihre Geschichten erzählen. So eröffnen wir Möglichkeiten.

Ciani-Sophia Hoeder

Die Journalistin und Autorin schreibt über den alltäglichen Rassismus und Sexismus genauso wie über Popkultur oder das Dasein als Millennial. Das RosaMag hat sie 2019 gegründet – und war damit gleich im Jahr darauf für den Grimme Online Award nominiert. Ihr erstes Buch, "Wut und Böse", erscheint im September bei Hanser.

Erschienen in stern 23/2021

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