Erpressung Susanne Klatten Hohelied der sexuellen Befreiung


Ein Schweizer Gigolo und ein italienischer Guru, der sich für den Gesandten Gottes hält, wurden Susanne Klatten offenbar zum Verhängnis. Mit heimlich aufgenommenen Sex-Videos sollte die reichste Frau Deutschlands um Millionen erpresst werden. Spurensuche in einem abruzzischen Bergdorf.
Von Manuela Pfohl

Es ist eine dieser italienischen Erfolgsgeschichten, die sich die Männer in Pescosansonesco mit gewissem Stolz erzählen. Denn der, um den es geht, ist einer von ihnen. Einer, der ganz klein angefangen hat, und trotzdem ganz groß rausgekommen ist: Ernani B. Viele hier nennen ihn ehrfürchtig den "Prinz von Pescosansonesco".

Umgeben von Wiesen und Gärten, Wäldern und den Bergen des Majella-Massivs liegt streng abgeschirmt sein "Valle Grande". Ein opulentes Anwesen mit einer Villa und einem Gästehaus, zu dem zwölf Zimmer und Suiten gehören plus riesigem Swimmingpool und privatem Hubschrauberlandeplatz. Ein luxuriöses Refugium, das der heute 63-Jährige quasi in das Nichts des abruzzischen Bergdorfes gebaut hatte. Damals, als er zurückgekehrt war, von seinem Ausflug in die weite Welt. Was genau sich hinter den Toren des Valle Grande tut, wissen die Leute aus dem Dorf zwar nicht. Es wird aber getuschelt, dass Ernani B. sich für den Gesandten Gottes hält und bei mystischen Ritualen mit seinen Gästen das Hohelied der sexuellen Befreiung singt. Neuerdings wird auch behauptet, er sei der Auftraggeber für die millionenschwere Erpressung an Deutschlands reichster Frau, Susanne Klatten. Im Mai hatte die Polizei deswegen sein komplettes Anwesen und zwei weitere Villen durchsucht.

Eine folgenreiche Affäre

Als Nicola Zupo, Leiter des mobilen Polizeikommandos von Pescaresi am 29. Mai dieses Jahres mit 80 Beamten und einem Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschluss der Staatsanwaltschaft das edle Landhaus betrat, fand er nicht nur wertvolles antikes Mobiliar vor. Auf dem Hof standen unter anderem vier Mercedes, ein Audi Q7, ein Lamborghini Diabolo, ein Rolls-Royce Silver Shadow und ein Ferrari. Die Beamten sicherten das Anwesen und die schönen Wagen. Auch rund zwei Millionen Euro aus dem im Haus versteckten Barvermögen kassierten die Polizisten vorerst.

Seitdem gibt es im Dorf viele Gerüchte. Und der lokalen Zeitung sagen die Männer, sie hätten schon lange geahnt, dass mit Ernani B. etwas nicht stimmt. Er habe einfach zu schnell zu viel Geld gehabt. In den italienischen Medien erfahren sie, wie er dazu gekommen sein soll: Angeblich hat er in den vergangenen Jahren zusammen mit dem Schweizer Gigolo Helg S. mehrere reiche Frauen mit heimlich aufgenommenen Sex-Filmen und Fotos erpresst. Darunter vier Deutsche. Prominentestes Opfer ist Susanne Klatten, die reichste Frau der Bundesrepublik, 46, verheiratet, drei Kinder. Es heißt, Ernani B. habe Videos und Fotos gemacht, auf denen die intimen Kontakte der Münchnerin mit Helg S. festgehalten sind. Belastungsmaterial einer kurzen aber folgenreichen Affäre, die offenbar am 17. August 2007 in einer Hotelbar begann und am 8. Oktober 2007 abrupt endete.

In den Unterlagen der italienischen Polizei ist das Geschehen rund um die Erpressung laut der italienischen Zeitung "Il Giornale" wie folgt festgehalten: Am 21.8.2007 hatten sich Helg S. und Susanne Klatten im Münchner Hotel Holiday Inn getroffen. Sie bezogen Zimmer 629. Susanne Klatten ließ alle Hüllen fallen und ahnte nicht, dass Ernani B. nebenan in Zimmer 630 eine Kamera aufgebaut hatte und jedes intime Detail des Liebesaktes filmte. Schon wenig später machte Helg S. deutlich, was er wirklich von Susanne Klatten wollte: Geld. Beim ersten Mal erzählte er ihr noch eine rührselige Geschichte. Er werde von Mafiosi verfolgt und brauche dringend 7,5 Millionen Euro, um aus der Angelegenheit heil herauszukommen. In der Tiefgarage des Holiday Inn habe Klatten am 11. September tatsächlich das Geld in 200 Euro-Scheinen übergeben. Am 2. November 2007 soll S. der völlig konsternierten Susanne Klatten schließlich per Post eine DVD mit kompromittierendem Inhalt geschickt haben. 40 Millionen Euro müsse sie zahlen, habe S. gefordert. Sonst würde das Material an die Presse oder eines der Unternehmen, an denen Susanne Klatten beteiligt ist, weitergeleitet.

Ein Callboy in Diensten des Gurus

Die Millionenerbin der Unternehmerfamilie Quandt und Großaktionärin bei BMW, ging zum Schein auf die Erpressung ein und informierte die Polizei in München. Die bat ihre österreichischen Kollegen um Amtshilfe. Die wiederum nahmen Helg S. und Ernani B. angeblich am 14. Januar bei Innsbruck in Tirol fest. Einen Monat später begann offenbar die Telefonüberwachung seiner Familie auf dem italienischen Landsitz. 10.000 Seiten sollen die Protokolle umfassen, die die Beamten bis Ende Mai fertigten. Dann nahmen sie B.s Ehefrau, seinen Sohn und seine Tochter sowie die Frau von Helg S. fest. Inzwischen haben die Polizisten einen ungefähren Überblick, wer in welchem Umfang an den Erpressungen beteiligt war. Glaubt man den angeblichen Erkenntnissen, die inzwischen an die Öffentlichkeit gelangt sind, war Helg S. eine Art "Callboy", der es geschickt verstand, seine Opfer um den Finger zu wickeln. Strategischer Kopf der Erpressungen aber war offensichtlich Ernani B.

Der Automechaniker, der zunächst wenig erfolgreich in Deutschland, Argentinien, Spanien und einem Dutzend anderer Länder gelebt hatte, soll in den Neunzigern in Zürich gelandet sein. Als selbsternannter Heiler habe er dort eine Gruppe von Jüngern um sich geschart, mit denen er sich zu spirituellen Sitzungen traf, bei denen er sich als Gesandter Gottes ausgab und behauptete, Kranke heilen zu können. Regelmäßig sollen die Jünger ihm einen Teil ihrer Finanzen überwiesen haben. Für wohltätige Zwecke oder als Gegenleistungen für seine Heilkünste. 1994 habe es deswegen Ermittlungen der Züricher Bezirksanwaltschaft gegeben. Im Jahr 2000 sei das Verfahren jedoch in Italien eingestellt worden.

Einer der Getreuen, die sich ganz in den Dienst ihres Meisters stellen, ist, laut Schweizer "Tagesanzeiger" Helg S., ein ehemaliger Angestellter der Credit Suisse und Ex-Offizier der Schweizer Armee. Der hochgewachsene Blondschopf, der angeblich acht Sprachen spricht, zeigte offenbar schnell sein Talent als seelischer Beistand für die Herzensangelegenheiten unglücklicher Frauen.

Glocken für die Kirche

In Auslikon bei Pfäffikon, der Schweizer Basis der Gruppe um Ernani B., suchten vor allem Frauen ihr Glück. Der "Tagesanzeiger" schreibt, dass nicht wenige von ihnen ihre Pensionskassen auflösten und dem Guru ihr Geld überließen, nachdem sie lange genug in die blauen Augen von Helg S. geschaut hatten. Als Gegenleistung bekamen sie in Italien freie Kost und Logis. Andere mussten für ihre Erleuchtung hart in Hotels und Restaurants arbeiten, die B. inzwischen gehören. Die Männer wiederum hätten auf dem Bau schuften müssen, wenn sie nicht, wie Helg S. für amouröse Geschäfte geeignet waren.

Bevor der charmante Schweizer sich um Susanne Klattens emotionale Betreuung kümmerte, soll er ein Dutzend andere Geschäftsbeziehungen gehabt haben. Vor allem ältere Damen seien gern bereit gewesen, Sex und Zuwendung mit Millionen zu honorieren. Nur einmal hat der Gigolo offenbar Pech. 2002 zeigte ihn angeblich eine Deutsche wegen "Nötigung und Verletzung des Geheim- oder Privatbereichs durch Aufnahmegeräte" an. Laut "Tagesanzeiger" verurteilte ihn das Bezirksgericht Bülach zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe. Susanne Klatten ahnte nicht, dass sie nur eine von vielen war, als ihr der Mann im August 2007 in der Hotelbar tief in die Augen schaute. Sie wusste nicht, dass es kein Zufall war, dass er gerade ihr seufzend von seinen Sorgen berichtete. Sie glaubte ihm einfach.

Auch in Pescosansonesco glauben die Männer. Daran, dass die Unruhe, die mit den Ermittlungen in das Bergdorf gebracht wurde, bald wieder vorbei sein wird. Und daran, dass die Kirche Maria Königin der Völker endlich neue Glocken vom großen Wohltäter der Gemeinde bekommt. Denn, so heißt es, trotz der Vorwürfe gegen Ernani B. habe es im Valle Grande keine einzige Stornierung der üppigen Bankette gegeben. Der Prinz kann weiterhin gute Geschäfte machen.


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