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Familiendrama in Baden-Württemberg "Der gehört totgeschlagen"


Ein 82-jähriger Bauer erschießt seinen Sohn, mit vier Schüssen aus dem Repetiergewehr. Vor Gericht zeigen sich die Abgründe einer tief zerrütteten Familie.
Von Ingrid Eißele

Als es dann geschehen war, Pfingstmontag voriges Jahr, kurz nach 23 Uhr, rief Erna H. die Polizei im schwäbischen Bietigheim an. Sie sagte nur: "Dieses Mal hat es einen Toten gegeben." Dann legte sie auf. Sechs Minuten später standen die Polizisten auf dem Weißenhof bei Löchgau. Ein Toter lag vor der Hauswand, vis-à-vis vom Schweinestall. Das Ehepaar Erna und Alfred H. saß am Esstisch. Alfred H. zeigte keine Regung, als man ihm Papierhüllen über die Hände stülpte. Zur Sicherung der Schmauchspuren.

Er trägt im Schwurgericht von Heilbronn einen grauen Pullover überm Hemd. 83 Jahre alt, weißes Haar, leicht gerötete Wangen und ein freundliches Gesicht. Erna H., zwei Jahre jünger, dunkel gefärbtes Haar, stützt sich auf ihren Rollator. Nachdem ihr Mann in jener Nacht viermal gefeuert hatte, laut Anklage "wortlos und aus kurzer Distanz", rief sie: "Jetzt hörsch uff! Es reicht!" Doch da war das Opfer bereits tot. Der vierte Schuss hatte ihn ins Gesicht getroffen. Der Tote war ihr Sohn. Er bedaure die Tat nicht, hatte der Vater noch in der Pfingstnacht in der Vernehmung erklärt, denn er habe keine Wahl gehabt.

Helmut schon als Kind "arg verschlossen"

Alfred H. spricht ein bäuerlich-derbes Schwäbisch. Er wackelt häufig mit dem Kopf, und wenn er sich aufregt, wird das Wackeln stärker. Er hat sich oft aufgeregt in den vergangenen Jahren, über Helmut, seinen Ältesten, 1960 geboren. Schon als Kind sei der Helmut "arg verschlossen" gewesen, anders als die beiden jüngeren Geschwister Frank und Sigrid. Nach der Schule machte er eine Lehre zum Kfz-Mechaniker, er arbeitete bei der Bundeswehr, aber nirgendwo hielt es ihn länger. Er hatte ein Problem mit Autoritäten, sagt eine Bekannte.

Alfred und Erna hatten ihren Hof seit den 50er Jahren aufgebaut. Knochenarbeit, anfangs besaßen sie nur einen alten Leiterwagen und ein Pferd. Der Betrieb blühte auf, als H. mit der Schweinemast begann. Bald standen drei Traktoren im Schuppen, drei Anhänger, ein Mähdrescher, "insgesamt 30 Maschinen", wie er dem Richter stolz erzählt. In den besten Zeiten verkaufte er bis zu 1000 Schweine pro Jahr. Ein einziges Mal leistete sich der Bauer eine Woche Urlaub, Kanada.

Es kriselte zwischen dem Alten und dem Jungen

1993 wollte Alfred H. sich aufs Altenteil zurückziehen und überschrieb den Hof Helmut. Ausgeguckt hatte er dafür eigentlich Frank, den jüngeren Sohn, denn der hatte Ahnung von Technik, und der Helmut war doch ein bisschen ein "Dalger", ein talgiger, lahmer Mensch. Doch Frank lebte in Berlin und dachte nicht daran, in die schwäbische Einsiedelei zurückzukehren. Der Vater baute ein Wohnhaus für Helmut, und der zog mit seiner Frau Rita und zwei Söhnen ein. "Ich dachte, wenn er mit mir zusammen schafft, wird es schon gehen." Doch bald kriselte es zwischen dem Alten und dem Jungen. Helmut sei morgens nicht aufgestanden, er und Erna hätten bald wieder "älles alloi gschafft".

Der Sohn verbunkerte sich, erst recht nachdem ihn 2005 Ehefrau Rita verließ. Eine Zeugin sagt vor Gericht, er habe seine Eltern für die Trennung verantwortlich gemacht. Dabei, empört sich der Altbauer, "sind wir ihm doch überall beigestanden". Er überwies die Rechnungen des Sohns, nahm die Enkel zu sich, wenn sie Probleme mit dem Vater hatten. Der Sohn hauste hinter heruntergelassenen Rollläden, reagierte nicht auf Anrufe, öffnete jahrelang keine Briefe. Als der Vater im Stall verendete Schweine fand, versteckte er die Kadaver unter dem Misthaufen, damit keiner die Schande bemerkte, die Schande des faulen Jungbauern.

Er drohte seinen Eltern mit einer Axt

2009 forderte der Vater vom Sohn seinen Hof zurück. "Es wäre sonst zur Zwangsversteigerung gekommen." Er bekam ihn zugesprochen. Helmut aber führte sich weiterhin als Eigentümer auf. Zeigte er sich auf dem Hof, eskalierte der Streit schnell. 2011 entschied ein Gericht, dass der Sohn das Gelände des Vaters nicht mehr betreten dürfe. Doch Helmut ignorierte das Verbot, lachte den Vater aus, schlug nach der Mutter. Im Juli 2013 drohte er seinen Eltern mit einer Axt und schrie, er werde ihnen "das Hirn raushauen". Die Polizei hatte Mühe, ihn zu entwaffnen. Ein Betreuer, der dem Sohn zur Seite stehen sollte, drängte die Gemeinde, Helmut H. ausquartieren zu lassen. Die Situation sei "hochexplosiv, Sie müssen handeln". Doch der Beamte vom Ordnungsamt habe erklärt, er könne "nicht alle Verrückten von Löchgau" einsperren lassen.

Keiner konnte den Jungbauern im Sommer 2013 noch erreichen. Auch nicht seine Mutter Erna. Die erst recht nicht. Die Altbäuerin habe ihre drei Kinder "streng" erzogen, erzählt Alfred H. dem Richter. Die Tochter sei "brav gewesen und hat gemacht, was man ihr sagt". Helmut und Frank dagegen hätten "nicht pariert". Die Kinder mussten funktionieren - wie auf vielen Bauernhöfen, wo das "Sach" wichtiger schien als die Menschen.

"Man konnte nichts recht machen"

Frank, der jüngere Bruder, ein drahtiger, dunkelhaariger Mann, hätte als Angehöriger vor Gericht schweigen können, so wie seine Mutter. Doch er spricht. Mit seinem Vater sitze die falsche Person auf der Anklagebank. "Das müssen Sie uns erklären", sagt der Richter. Da bricht es förmlich aus dem Sohn heraus. Wie die Mutter den Helmut verdrosch, immer wieder, auch noch, als der schon 16 war. Einmal habe er den Vater gebeten, einzugreifen, "weil ich dachte, die bringt meinen Bruder um. Der Vater aber sagte: Lass sie machen." Die Mutter habe ihre Söhne vor Nachbarn und Verwandten beschimpft. "Man wurde erniedrigt, beleidigt, gedemütigt", sagt Frank H. Die Altbäuerin und ihre drakonische Härte als Ursache für Helmuts Hass auf die Welt - es ist eine von vielen gegenseitigen Schuldzuweisungen in dieser Familie. Eine der plausibleren.

Auch Frank H. erfasste eine Lähmung, wenn er nach Hause kam, selbst noch als Erwachsener. "Man konnte nichts recht machen. Es hieß immer, du machst unser Sach kaputt, du kannst nichts, du bist nichts. Nachts konnte ich nicht einschlafen, mit der Zeit wirst du antriebslos und kommst morgens nicht aus dem Bett."

Oben im Haus war das Repetiergewehr versteckt

Die Vorwürfe regen die Mutter sichtlich auf. Mit verzerrtem Lächeln folgt sie den Klagen des Sohns vor Gericht. Der Vater schweigt. Den Gedanken, dem Problem ein Ende zu setzen, habe er schon lange gehabt, sagt Alfred H. "Meine Frau hat gesagt, der tut uns was, der macht uns mal he." Oben im Haus hatte Alfred H. das Repetiergewehr versteckt, im Bett, unter einer Decke. Geladen. Für den Fall, dass sich Helmut eines Nachts ins Haus schleicht. "Meine Frau sagte, du musst das geladen haben, wenn der nachts reinkommt, dann musst du dich wehren können." Er habe selbst nicht geglaubt, dass er das fertigbringe.

Dann kommt der Pfingstmontag 2014. Am Morgen haben Vater und Sohn noch gestritten, dieses Mal um eine Öffnung in einer Mauer, die der Vater zugemauert und der Sohn wieder aufgerissen hatte. Schikane, glaubt der Vater. Er zeigte ihn an. Es laufen mehrere Ermittlungsverfahren gegen den Sohn wegen Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Diebstahl und anderem. "Der Helmut", sagte Alfred H. einmal zu Frank, "ist von Grund auf bös."

"Sind wir nicht alle schuld an der Tat?"

Abends will er noch rüberschauen, "weil es mich umgetrieben hat, was er macht". Er stößt auf den Sohn im Gemüsegarten, Helmut schneidet Schnittlauch. Sie streiten wieder über das Loch in der Wand. Die Mutter kommt hinzu, sie wird so laut, dass es sogar die Nachbarn hören. Helmut beschimpft Erna. Alfred H. geht ins Haus, ins Obergeschoss. Er zögert, geht wieder die Treppen hinunter. Er sieht, wie Helmut ein Rohr hebt. Da holt der Alte das Gewehr. "Ich dachte, jetzt mach ich’s. Sonst kriegen wir nie Ruhe."

Nach dem Tod seines Vaters habe einer der Söhne zu seinem Onkel Frank gesagt: "Sind wir nicht alle ein bisschen schuld an der Tat? Wir sagten ja auch schon mal, der gehört totgeschlagen." Ja, sagte Frank darauf, "gesagt haben wir das alle". Als die Polizisten die Leiche von Helmut H. fanden, trug er eine Kochschürze und in der Hand ein Büschel Schnittlauch. Die Mutter wies die Polizisten darauf hin, sie mögen doch noch in das Haus des Sohns gehen und den Herd abschalten.

Diese Reportage ...

... ist dem aktuellen stern entnommen - jetzt als E-Mag und am Kiosk.

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