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Fridays for Future Hört uns zu! Wie junge Menschen weltweit vor der Klimakrise warnen und Protest-Verboten trotzen

Sehen Sie im Video: Klimaschutz für unsere Kinder und Enkel? Das wünscht sich die nächste Generation wirklich.
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Auf allen Kontinenten der Welt warnen junge Menschen vor der Klimakrise. Wir stellen ein paar von ihnen vor – die trotz Protest-Verboten mit Mut und Ideen glänzen.
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Von "A" wie Afghanistan bis "Z" wie Zypern: Menschen aus mehr als 100 Staaten haben sich innerhalb kurzer Zeit dem Protest von Fridays for Future angeschlossen. In manchen Ländern sind es sogar nur einzelne Personen – denn in der Öffentlichkeit seine Meinung sagen zu dürfen ist ein Privileg, das nicht überall gilt. Schon gar nicht, wenn man noch jung ist.

Als hierzulande immer mehr Schü­lerinnen und Schüler freitags die Schule schwänzten, haben viele Ältere sie dafür belächelt: Ist ja ganz schön, dass Jugendliche sich für die Umwelt engagieren. Aber kri­tisieren sie nicht in Wahrheit einen Lebensstil, von dem sie täglich profitieren? In anderen Teilen der Welt, wo schon jetzt Dürre, Überflutungen oder Giftstoffe das alltägliche Leben bedrohen, wurden die Demonstrationen anders wahrgenommen: als Solidarität – und Ausdruck einer globalen Gemeinschaft. Oder, wie Iqbal Badruddin aus Pakistan sagt: "Die Jugend sitzt im selben Boot. Überall auf der Welt."

Elf Jahre sind vergangen, seit Mohamed Nasheed, der damalige Präsident der Malediven, eine Konferenz unter Wasser abhielt, um darauf hinzuweisen, dass der steigende Meeresspiegel sein Land bedroht. Greta Thunberg hat den Klima­protest nicht erfunden. Aber sie hat mit all ihren zornigen Greta-­Momenten deutlich gemacht, dass die Zeit davonläuft. Über die Plattform von Fridays for Future ar­beiten Jugendliche zusammen, sie lernen voneinander, gemeinsam werden sie immer stärker. Hier erzählen ­einige von ihnen, was ­ihnen die ­Bewegung bedeutet und warum sie selbst aktiv geworden sind – obwohl das in ihren Heimatländern gar nicht so einfach ist.

Howey Ou
Ou "Howey" Hongyi aus China
© AFP
Meine eigene Sicherheit zählt nicht viel. Ich kann nicht nur zuschauen.

Ou "Howey" Hongyi, 17, aus Guilin (China)

"Ich habe mich schon als Kind sehr für Umweltschutz interessiert. Vor drei Jahren wurde ich Vegetarierin, auch weil Fleischkonsum die Umwelt belastet. Vor zwei Jahren hörte ich dann zum ersten Mal von Greta. Wir sind im selben Alter, und ich verstand sofort, was sie antreibt. Ich bewundere ihren Mut und ihre Entschlossenheit. Ich wusste nur nicht, wie ich mich der Bewegung anschließen kann. In China gibt es so etwas wie eine Umwelt­bewegung nicht. Das größte Problem hier ist, dass wir kein Netzwerk aufbauen können. Überhaupt will die Regierung keine Proteste. Es gibt nicht mal Informationen über die ­Fridays-for-Future-Bewegung und den Klimaschutz. Wikipedia und ähn­liche Websites sind gesperrt. Das ist frus­trierend. Am 15. März 2019 aber bekam ich einen Newsletter, der zum Streik aufrief. Ich wusste – das ist ein historischer Moment, und in 40 Jahren würde ich mir vorwerfen, nichts getan zu haben.

Ich fragte Freunde und Bekannte, ob sie mitmachen wollten. Aber die meisten hatten zu viel Angst. Sie warnten mich, ich würde ins Gefängnis kommen oder sogar erschossen werden. Auch meine Eltern baten mich, nichts zu tun. Aber sie wussten auch, dass sie mich nicht abhalten können. Ich konnte nicht nur zuschauen. Als ich auf Twitter sah, wie viele Menschen auf der ganzen Welt sich am Streik beteiligten, machte mir das Mut. Also bastelte ich mir ein Schild, auf dem ich die Regierung aufforderte, das Pariser Klimaabkommen umzusetzen, und platzierte mich ­damit vor dem Regierungssitz der Stadt Guilin. Das war der erste Klimastreik Chinas. Am siebten Tag kam die Polizei und nahm mich mit. Ich wurde verhört, und sie verlangten von mir und meinen Eltern, nicht mit der internationalen Presse zu sprechen.

Später wurden meine Eltern von den Behörden unter Druck gesetzt: Ich müsse mit meinem Aktivismus auf­hören, sonst könne ich nicht auf eine höhere Schule gehen. Aufhören aber will und kann ich nicht. Für September haben wir zum ersten Mal eine Aktion unter dem Hashtag #silencestrike geplant. Wir werden uns die Münder mit Tape zukleben und anderen nur schriftlich mitteilen, warum wir das tun. Natürlich habe ich Angst. Aber noch mehr Angst habe ich um die Zukunft der Erde. ­Jeden Tag sterben 150 Tierarten aus, und das Klima erwärmt sich immer weiter. Meine eigene Sicherheit zählt im Vergleich dazu nicht viel. Von den Politikern erwarte ich nichts mehr. Es liegt jetzt an uns, die Menschen zu informieren und zu inspirieren. Wir alle müssen erkennen, dass uns Hungersnöte und Massensterben ­drohen, wenn wir jetzt nichts ändern."

China

6,4 Tonnen *

CO2-Ausstoß pro Kopf und Jahr

22,4 Prozent

Anteil der Waldfläche am chinesischen Staatsgebiet

12,8 Prozent

Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch


*Quelle: Human ­Development Index der UN, International Energy Agency (IEA)



Hilda Flavia Nakabuye
Hilda Flavia Nakabuye aus Uganda
© Laerke Posselt/Agence VU/laif
Wir müssen einander die Hand reichen, um uns gegenseitig Hoffnung zu geben.

Hilda Flavia Nakabuye, 23, aus Kampala (Uganda)

"Ich bin ein Opfer der Klimakrise. So wie viele Familien hier. Fast jeder betreibt nebenbei Landwirtschaft, um sich versorgen zu können. Auch meine Mutter hatte bis vor einiger Zeit noch Felder und ein paar Tiere. Aber wir konnten immer weniger ernten. Während einer schlimmen Dürreperiode ist der Großteil unserer Felder verdorrt. Auch unser Vieh ist gestorben, weil die Bäche und Flüsse ausgetrocknet sind. Meine Großmutter hat zu mir ­gesagt: 'Wenn die Götter das so wollen, kann man nichts tun.' Viele der ­Älteren glauben das. Ich habe mich ­informiert und gelernt, dass das nicht stimmt. Ich wollte etwas tun.

Seit 2017 arbeite ich bei der NGO 'Green Climate Campaign Africa'. Wir gehen in die Schulen, wir pflanzen Bäume – vor allem aber er­klären wir, welche Ursachen hinter dem stecken, was bei uns als 'extremes ­Wetter' ankommt. Wir müssen wirklich viel erklären! Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich die ersten Bilder von Greta Thunberg gesehen habe. Sie saß da ganz allein mit ihrem Plakat – das hat mir sehr viel bedeutet. Sie war so mutig. Und sie hat mir Hoffnung ­gegeben, weil sie gezeigt hat, dass man die Leute dazu bringen kann zuzuhören. Für die Regierung spielt Klimaschutz keine große Rolle. Unser Präsident ist seit 34 Jahren an der Macht. Ich ­befürchte, dass ihm die Probleme des 21. Jahrhunderts nicht bewusst sind. Darum hilft es uns sehr, wenn überall auf der Welt Jugendliche auf die ­Straße gehen und wir sagen können: 'Seht ihr! Das ist ein wichtiges Thema!'

2019 habe ich gemeinsam mit anderen Aktivisten die ersten Fridays-for-Future-­Streiks in Uganda gestartet. Seither kommen ständig neue Leute hinzu. Streiks sind an unseren Schulen eigentlich verboten. Wir müssen ­immer zuerst mit den Direktoren sprechen. Einige erlauben es. Aber oft ist es schwer. Die Erwachsenen verstehen nicht, worum es geht, und streiten ab, dass es den Klimawandel gibt. Am dem 25. September werden wir Müll sammeln und Versammlungen abhalten – natürlich wegen Corona kleiner als sonst. Unseren Streik ­widmen wir der Rettung des Bugoma-Tropenwaldes. Er steht offiziell unter Schutz, aber nun sollen große Gebiete abgeholzt werden für einen Zuckerkonzern. Wenn wir diesen wichtigen Wald verlieren, werden die Folgen nicht nur Uganda betreffen, sondern die ganze Welt.

Ich hoffe, dass sich noch viel mehr Erwachsene der ­Jugend anschließen. Es geht um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel. Wir können diesen Kampf nicht allein führen. Wir müssen ­einander die Hand reichen, um uns gegenseitig Hoffnung zu geben. Noch haben wir die Chance, etwas zu ändern. Wir dürfen sie nicht verpassen."

Uganda

0,14 Tonnen

CO2-Ausstoß pro Kopf und Jahr

9,7 Prozent

Anteil der Waldfläche am ugandischen Staatsgebiet

89,1 Prozent

Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch

Iqbal Badruddin
Iqbal Badruddin aus Pakistan
© privat
Wir können nicht einfach Schulkinder zum Streik aufrufen.

Iqbal Badruddin, 28, aus Islamabad (Pakistan)

"In Pakistan gibt es einen großen Widerspruch: Obwohl wir zu den Ländern gehören, die am stärksten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind, wissen die meisten Menschen überhaupt nicht, was das ist. Darum war es für uns extrem wichtig, dass Fridays for Future eine internationale Bewegung ausgelöst hat. Lokale Gruppen können hier schnell unterdrückt werden – aber als plötzlich überall auf der Welt Jugendliche auf die Straße gingen, hat das Thema eine Aufmerksamkeit bekommen, die wir allein nicht hätten generieren können.

Es ist hier anders als im Westen. Wir können nicht einfach Schulkinder zum Streik auf­rufen. Das hätten die Eltern und die Institutionen nicht zugelassen. Es wäre aber auch gegenüber den Schülern nicht richtig gewesen, weil ihnen das Thema aufgrund der schlechten Bildung noch gar nicht bewusst ist. Wir wollen ihnen nichts auf­drücken. Statt von 'Streik' reden wir lieber von 'Protest'. Die allerersten Demonstratio­nen haben wir mit ­Studenten in Islama­bad organisiert, sie wurden immer größer und haben sich im gesamten Land verbreitet.

Bei uns geht es nicht so sehr darum, möglichst viele Leute auf die Straße zu bringen – es geht um Bildung. Die Menschen müssen verstehen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen unserem Umgang mit der Natur und beispielsweise den Wassermassen, die gerade im Norden die Städte verwüstet haben. Pakistan ist ein ­armes Land. Mit Geld werden wir uns vor den schon jetzt lebensbedrohlichen Auswirkungen des Klimawandels nicht schützen können. Darum ist es so wichtig, dass jedes Kind versteht, warum wir unsere Trinkwasserreserven besser erhalten müssen und nicht ­weiterhin gedankenlos Wälder abholzen dürfen. Wir geben viele Workshops zu diesen Themen. Die meisten Menschen sind wissbegierig.

Aber manchmal bin ich enttäuscht über die große Zahl jener, die selbst angesichts der Katastrophen sagen: 'Das müssen wir Gott regeln lassen, er hat den besten Plan.' Ich denke, man sollte die Religion nicht benutzen, um gegen wissenschaftliche Fakten zu argumentieren. Aber viele wissen es einfach nicht ­besser. Dabei steht auch im Koran, dass der Mensch Respekt gegenüber der Natur bewahren soll. Ich sehe aber auch viel Positives. Die aktuelle Regierung hat sich das Thema wirklich auf die Agenda gesetzt. Dazu ­gehört auch, dass seit einigen Jahren im ganzen Land Millionen Bäume ­gepflanzt ­werden – es ist ein günstiger Weg, den Problemen zu begegnen. Das Dilemma der Entwicklungsländer ist, dass sie sich kaum Kompromisse zugunsten der Umwelt leisten können. Aber es bewegt sich etwas.

Was ich mir wünsche: dass die Menschen im Westen wahrnehmen, wie sehr sich auch hier die Kids für Fridays for Future engagieren. Motivation brauchen wir mehr als alles andere. Wegen Corona werden wir uns am 25. September wohl nur mit wenigen Leuten ver­sammeln dürfen. Wir haben einen großen virtuellen Protest geplant, in den wir Menschen aus allen Teilen des Landes einbe­ziehen wollen – vor ­allem dort, wo der Klimawandel schon sichtbar ist. Es bewirkt für uns sehr viel, wenn das international aner­kannt und beachtet wird. Die Jugend sitzt im selben Boot. Überall auf der Welt."

Pakistan

0,8 Tonnen

CO2-Ausstoß pro Kopf und Jahr

1,9 Prozent

Anteil der Waldfläche am pakistanischen Staatsgebiet

41,4 Prozent

Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch

Elise Sørensen
Elise Sørensen aus Norwegen
© Thor Due/Natur og Ungdom
Wenn Erwachsene mich nicht respektieren, dann sind sie das ­Problem, nicht ich.

Elise Sørensen, 17, aus Alta (Nordnorwegen)

"Wenn Jugendliche und Kinder sich für den Umweltschutz starkmachen, werden sie meist nicht ernst genommen. Das habe ich schon oft selbst erlebt. Zum Beispiel als ich diesen Sommer online mit der norwegischen Premierministerin diskutiert habe. Die Politiker loben uns zwar für unser Engagement. Aber dann treffen sie weiter Entscheidungen, die die Klimakrise verschärfen. Trotzdem kann ich gar nicht anders, als mich einzumischen. Tatenlos zuzusehen, wie sich alles verschlimmert, würde mich fertigmachen.

Wenn die Erwachsenen mich nicht respektieren, weil ich zu jung bin, dann sind sie das Problem, nicht ich. Warum sollte jemand, der 70 Jahre alt ist, mehr zu sagen haben als ich mit 17? Ich werde ja viel länger auf dieser Erde leben. Die Wissenschaft sagt ganz klar, dass wir uns nicht noch mehr Erderwärmung leisten können. Aber die norwegische Regierung lässt immer weiter nördlich nach Öl suchen und vergibt immer neue Bohrlizenzen. Die Folgen sind den Verantwortlichen egal. Vielleicht weil sie wissen, dass sie die schlimmsten Folgen der Klimakrise nicht mehr selbst erleben werden. Meine Familie gehört zum Volk der Samen, der ursprünglichen Bevölkerung hier im hohen Norden Skandinaviens. Die Folgen der Klimakrise sehe ich vor meiner Haustür.

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Dieses Frühjahr mussten die Rentierhirten mit Helikoptern Futter zu ihren Herden fliegen lassen, weil viel mehr Schnee gefallen war als normal und die Tiere bis in den späten Mai keine Äsung hatten. Darum werden dieses Jahr auch weniger Jungtiere geboren. Vergangenes Jahr sahen wir das umgekehrte Extrem. Da taute der Schnee viel zu früh. Die Klimakrise bedroht auch unsere Identität als Volk, unsere Traditionen und unsere Kultur.

Norwegen ist berühmt für die Schönheit seiner Küste. Aber für uns sind die Fjorde kein Postkartenmotiv. Das Meer ist Teil unserer Lebensgrundlage. Ich gehe seit meiner Kindheit zum Fischen. Darum geht es mir so nahe, was Regierung und Großkonzerne am Repparfjord vorhaben. Nur eine Stunde von meiner Heimatstadt entfernt soll eine Kupfermine entstehen. Die lokale Bergbaufirma Nussir ASA kooperiert mit der Aurubis AG, einer Rohstofffirma aus Deutschland. Das Erz von hier soll in deren Schmelze in Hamburg verarbeitet werden. Doch beim Abbau fällt tonnenweise mit giftigen Schwermetallen belasteter Abraum an. Den wollen sie im Fjord verklappen. Dass es dort dann keinen Fisch mehr geben wird und die Weidegründe der Rentiere zerstört werden, ist ihnen egal, solange sie Profit machen. Aber mir nicht, ich bin an diesem Fjord aufgewachsen!

Mit meinen Mitstreitern von der norwegischen Umweltorganisation 'Natur und Jugend' habe ich eine Kampagne unter dem Motto #jeglenkermeg gestartet. Das bedeutet: 'Ich kette mich an.' Auf dem Foto dazu habe ich mir symbolisch eine Kette umgehängt und halte ein Plakat hoch. Darauf steht: 'Das Meer ist keine Müllhalde.' Wir werden gewaltfrei Widerstand leisten, damit die Mine den Betrieb nicht aufnehmen kann. Wenn es anders nicht geht, werden wir uns an die Maschinen der Bergbaufirma ketten, auch wenn das eine Straftat ist. Meine Eltern unterstützen mich. Sie haben gesagt: Wenn es so weit ist, machen wir mit."

Norwegen

6,8 Tonnen

CO2-Ausstoß pro Kopf und Jahr

33,2 Prozent

Anteil der Waldfläche am norwegischen Staatsgebiet

61,2 Prozent

Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch


Arschak Makichjan
Arschak Makichjan aus Russland
© privat
Viele bei uns denken, Klimaveränderungen hätten nichts mit dem Menschen zu tun.

Arschak Makichjan, 26, aus Moskau (Russland)

"Heute Vormittag war ich als Angeklagter vor Gericht. Ich wurde zu einer Strafzahlung von 15.000 Rubel verurteilt, umgerechnet etwa 170 Euro, weil ich Mitte Juli an einem Freitag allein auf dem Puschkin-Platz in Moskau gestanden und ein Plakat mit der Aufschrift 'Streik für das Klima' hochgehalten habe. Eigentlich sind diese Einzelaktionen die einzige legale Protestform in Russland. Seit dem Ausbruch der Pandemie gibt es aber sogar damit Probleme. Mitte Juli war der Lockdown bereits vorbei, in Moskau hatte sogar eine Parade stattgefunden. Aber ich durfte nicht allein mit meinem Plakat auf dem Platz stehen, angeblich wegen der Pandemie.

In Russland war es auch davor undenkbar, dass Schüler einfach die Schule verlassen, um freitags an einem Streik teilzunehmen. Ich vermute, die Polizei würde die Kinder festnehmen, die Eltern einbestellen und vielleicht sogar damit drohen, ihnen das Sorgerecht zu entziehen. Auch deshalb ist die Bewegung bei uns in Russland nicht groß. Im vergangenen Jahr haben wir versucht, eine Genehmigung für größere Demonstrationen zu bekommen. Doch unsere Anträge wurden abgelehnt. Im Dezember musste ich wegen eines Protests sechs Tage in Haft. Bei dieser Aktion waren wir zu dritt, ich galt als Organisator. Das Bewusstsein für die Klimakrise entwickelt sich im Land erst sehr langsam.

Während der letzten 20 Jahre wurde das Thema bei uns völlig ignoriert. In der Schule wird darüber nicht gesprochen, in den Medien kommt es kaum vor. Viele denken, dass Klimaveränderungen naturgegeben sind, vom Menschen gar nicht abhängen. Die Regierung in Russland tut nichts, um den Klimakollaps aufzuhalten. Erneuerbare Energien spielen bei uns kaum eine Rolle. Nur in China, den USA und Indien werden mehr Treibhausgase ausgestoßen als in unserem Land. Diesen Sommer gab es eine entsetzliche Umweltkatastrophe in der Arktis, 20.000 Tonnen Öl liefen aus. Die Wirtschaft hängt von den großen Energieunternehmen ab, die Öl und Gas exportieren.

Russland hat an einem Wandel also gar kein Interesse. Es setzt auch für die Zukunft auf Gas und Öl. Unserem Land droht langfristig eine schwere Wirtschaftskrise, wenn Europa weniger Energie aus Russland brauchen wird. Dabei leidet unser Land auch unter der Klimakrise, und ich glaube, dass viele Russen das spüren. Es gibt furchtbare Waldbrände in Sibirien, viele Überschwemmungen. Der Permafrost in der Arktis taut schneller als berechnet, deshalb gehen viele Gebäude, Straßen und Pipelines kaputt.

Um die Menschen auf das Thema aufmerksam zu machen, habe ich viel aufgegeben. Ich bin Musiker, habe Geige am Moskauer Konservatorium studiert. Eigentlich wollte ich mein Studium in Deutschland fortsetzen. Ich habe mich dann aber dagegen entschieden. Viele Menschen verlassen Russland, weil sie im Land keine Perspektiven für sich sehen. Aber Russland braucht Aktivisten. Deshalb bin ich geblieben."

Russland

9,9 Tonnen

CO2-Ausstoß pro Kopf und Jahr

49,8 Prozent

Anteil der Waldfläche am russischen Staatsgebiet

3,3 Prozent

Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch

Erschienen im stern 40/2020

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