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Offener Brief Aufruf von jugendlichen Klimaaktivisten aus dem Globalen Süden

Schwarze Kinder toben in Badehosen in einem Gebäude, dem Dach und Fenster fehlen
Kinder spielen im Dezember 2019 in einem vom Wirbelsturm "Pam" schwer beschädigten Schulgebäude auf Vanuatu 
© Mario Tama / Getty Images
Klimaaktivist*innen aus dem Globalen Süden wenden sich mit einem offenen Brief an die Weltöffentlichkeit. Sie fordern, dass dem Applaus für die Klimabewegung nun auch endlich Taten folgen.

Vor einem Jahr gingen Millionen Menschen weltweit auf die Straßen, um Taten gegen die Klimakrise zu fordern. Politiker*innen und die Medien gratulierten der Jugend und stellten sie als Hoffnungsschimmer dar. Doch aufgrund der Untätigkeit ebenjener Politiker*innen gab es nie einen Grund zum Feiern. Für junge Menschen aus den Regionen, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind, war das letzte Jahr kein Jahr der Festlichkeiten: Es war ein Kampf. Es war eines der heißesten je dokumentierten Jahre, mit immer häufigerem Extremwetter, welches am stärksten den globalen Süden traf. Millionen von Menschen sahen ihre Lebensgrundlage verschwinden, mussten ihre Wohnorte verlassen. Viele verloren ihr Leben. Junge Aktivist*innen dieser Nationen führen den Kampf gegen die Klimakrise nicht nur an vorderster Front, sie müssen auch oft gegen die Verfolgung und Kriminalisierung ihres Aktivismus in ihrer Heimat kämpfen. Hinzu kommt, dass sie meist von den internationalen Medien ignoriert werden. Heute, am Globalen Aktionstag fordern wir daher weiterhin Taten gegen die Klimakrise, für Klimagerechtigkeit für die am stärksten betroffenen Menschen und Gebiete! 

Kampf für unsere Gegenwart, nicht nur für unsere Zukunft!

Die Klimakrise ist bereits da. Die Personen in Machtpositionen haben uns unzählige Male dazu gratuliert, dass wir die Zukunft ändern werden. Sie entscheiden sich dafür zu ignorieren, dass wir der Klimakrise jetzt gegenüberstehen! Die jüngsten Unwetterkatstrophen wie die Zyklone in Südasien, der Karibik und dem Pazifik sowie die Überflutungen in Ostafrika haben Menschen dazu gezwungen, sich in geschützten Räumen zusammenzudrängen – mit keiner Möglichkeit, Abstandsregeln einzuhalten. Eine grausame Wahl zwischen der Gefahr eines tödlichen Virus und dem Sterben in den Überflutungen. Milliarden Menschen sind sowohl an den Frontlinien der Coronakrise als auch der Klimakrise. Wir stehen gigantischen Bränden und Wasserkrisen in Lateinamerika und Afrika gegenüber, sowie versinkenden Inseln im Pazifik und verheerenden Überflutungen in Südostasien, die Millionen Menschen zur Flucht zwingen.

Das ist unsere Realität: Immer in Angst vor dem nächsten Unglück zu leben und dabei zu versuchen, unsere Heimat vor den häufiger werdenden Extremwetter zu schützen. Und das, obwohl unsere Länder so wenig zu den weltweiten Treibhausgasemissionen beitragen! Was tun die Leute, die für die Klimakrise verantwortlich sind? USA, EU, China, ihr seid die größten Emittenten! Die USA, die EU, ihr habt historisch die größten CO2 Emissionen, und China, ihr folgt nun leichtfertig diesen umweltverschmutzenden Wirtschafts-und Entwicklungsmodellen, wodurch ihr heute die meisten Emissionen verursacht! Chevron, Exxon, BP und Shell, ihr seid die Unternehmen, die die meiste Verschmutzung verursachen. Ihr habt eine Verantwortung der ganzen Welt, besonders aber uns gegenüber, den am stärksten von der Klimakrise betroffenen Menschen und Gebieten!  Eure Untätigkeit führt uns zu noch mehr Ungleichheit und Tod. Jetzt ist der Moment, alle Krisen zu bekämpfen, und dieses Jahr zu dem zu machen, in dem wir den Anstieg der Treibhausgasemissionen stoppen! Fossile Brennstoffe sind ein Relikt des vergangenen Jahrhunderts. Wir werden weiterkämpfen und das Hand in Hand mit denen, die am verletzlichsten sind! 

Ungehört, aber nicht stumm. Die Menschen in den am stärksten betroffenen Gebieten erleben die schlimmsten Folgen der Klimakrise. Dennoch wurden unsere Stimmen viel zu oft an den Rand gedrängt. Wir Klimaaktivist*innen aus diesen Gebieten werden kaum in der internationalen Berichterstattung erwähnt, während die Welt die Hoffnung, die durch die Jugendbewegung inspiriert wurde, feiert. Nur, wenn das Unterdrücken unserer Stimmen im globalen Diskurs so offen gezeigt wurde, dass es nicht ignoriert werden konnte, wurde manchen von uns eine Plattform, eine Stimme gegeben. Wir werden permanent auf Statistiken und traurige Geschichten reduziert, aber unsere Stimmen sind wichtig, um das Gesamtbild der Krise sehen zu können. Wir sind Wächter*innen der Gegenwart, denn wir sind Zeugen davon, wie die stärker werdende ökologische Krise nur die bereits existierende sozio-ökonomische Krise befeuert, mit der wir tagtäglich konfrontiert sind. 

Wir werden keine Gefangenen der Ungerechtigkeit bleiben. Es ist nicht nur die Ungerechtigkeit des durch den Klimawandel verursachten Extremwetters, dem wir gegenüberstehen; wir leiden ebenso unter einem deutlich höheren Risiko für unseren Widerstand und Aktivismus bestraft oder getötet zu werden. 2019 wurden 212 Umweltschützer*innen getötet. Die Dunkelziffer ist deutlich höher. Über die Hälfte der Morde fanden in Kolumbien und auf den Philippinen statt. Es war das tödlichste Jahr für die, die für den Schutz der Umwelt und ihrer Lebensräume kämpfen. In einer planetaren Krise sollte gesunder Menschenverstand eigentlich erkennen, dass Menschen, die die Umwelt schützen, geschützt werden müssen. Tagtäglich verschwinden ohne Aufzeichnung oder Begründung indigene Menschen in Indien, Kongo und anderen Teilen von Asien und Afrika, aufgrund von repressiven Regierungen. Anstelle von einer effizienten und effektiven Klimapolitik, anstelle von Gesetzen wie dem Escazú-Abkommen, die uns Aktivist*innen schützen, erleben wir nur Rückschritte und Repressionen. Wir erleben eine Politik und Gesetze, die in Indien und Kolumbien zu Morden an Anführer*innen der Umweltbewegung geführt und den bewaffneten Konflikt geschürt haben, Anti-Terror-Gesetze auf den Philippinen, die dazu genutzt werden um Klimaaktivist*innen zum Schweigen zu bringen. 

Der Jubel, der die Jugendklimabewegung 2019 begleitet hat, hat sich für uns nie richtig angefühlt. Wir sehen bereits schlimme Folgen der Klimakrise, aber wir kämpfen weiter gegen systematische Ungerechtigkeiten, die diese Probleme noch weiter verstärken, und daher werden wir zum Schweigen gebracht. Es darf kein “back to normal” Szenario geben. Wir müssen mit der systematischen Unterdrückung von BIPoC und anderen marginalisierten Gruppen, die Armut und Ungleichheit fördert, und diese Menschen an die Frontlinie der Klimakrise zwingt, brechen. Es ist Zeit für einen Systemwandel. Dieses Jahr kann der Wendepunkt sein. Unsere Antwort auf die Pandemie darf nicht “back to normal“ sein – sondern der Start in eine nachhaltige und gerechte Welt. Der Schuldenerlass für die ärmsten Länder, der sofortige Stopp der Investitionen in fossile Brennstoffe wären mögliche erste Schritte von vielen. 

Wir werden so lange kämpfen, bis das momentane ausbeuterische und Ressourcen verschlingende System nicht mehr vorherrscht. Wir werden für Klimagerechtigkeit kämpfen, für unsere Leben, und für die, deren Leben in diesem Kampf genommen wurden! Die Verantwortlichen für die Klimakrise sollten sich vorbereiten. Denn wir haben die Menschen auf unserer Seite. Und auch, wenn unser Protest momentan durch die Pandemie eingeschränkt ist, werden wir so gut es uns möglich ist, auf die Straße gehen. Wir streiken heute für Gerechtigkeit, für die Gegenwart, die zukünftigen Generationen, und unseren Planeten! 

#FightClimateInjustice

Autor*innen: Mitzi Jonelle Tan - Youth Advocates for Climate Action Philippines, Disha Ravi - Fridays For Future India, Eyal Weintraub - Jóvenes Por El Clima Argentina, Nicki Becker - Jóvenes Por El Clima Argentina, Laura Muñoz - Fridays for Future Colombia, Sofia Gutierrez - Fridays for Future Colombia, Sofia Hernandez- Fridays For Future Costa Rica, Hyally Carvalho - Engajamundo, Adriana Calderón- Fridays for Future, Kevin Mtai - Africa Continental Co-ordinator Earth Uprising Übersetzung von: Asuka Kähler – Fridays For Future DE/Frankfurt

tkr

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